Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Zu derselben Gruppe zählt auch der kleinste aller Affen, das Zwergseidenäffchen (Hapale pygmaea, Jacchus pygmaeus), ein Tierchen von höchstens 32 em Länge, wovon ungefähr die Hälfte auf den Schwanz kommt. Der Pelz ist oben und außen lehmgelb und schwarz gemischt, auf den Pfoten rotgelb. Dunkle Querbänder verlaufen vom Rücken aus über die Seiten und Schenkel. Der Schwanz hat undeutliche Ringe. Jeder einzelne zeigt an der Wurzel eine schwarze, in der Mitte rotgelbe, gegen die Spitze hin wieder schwarz und weiße Färbung. Spix entdeckte dieses niedliche Geschöpf bei Tabatinga am Ufer des Amazonas in Brasilien; Bates erhielt es in der Nähe von San Paulo, teilt aber nichts über die Lebensweise mit und bemerkt nur, daß er bei seiner Rückkehr nach Europa überrascht gewesen sei, im britischen Museum gerade dieses Affchen auch als einen Bewohner Mexikos kennen zu lernen.
Zweite Erdnung.
Die Halbaffen oder Affer (Prosimii).
Die meisten Naturforscher früherer Zeit sahen in den Tieren, zu denen uns nunmehr unsere Rundschau führt, echte Affen und stellten sie demgemäß mit diesen in eine Ordnung; wir dagegen trennen die Halbaffen vollkommen von den eigentlichen Affen und erheben ihre Gesamtheit zu einer eigenen Ordnung. In Wirklichkeit haben die Halbaffen oder Affer wenig Ahnlichkeit mit den Affen. Ihr Leibesbau ist ein verschiedener; ihr Gebiß stimmt mit dem der Affen kaum in einem Punkte überein. Wenn man den Namen Vierhänder aufrecht erhalten will, gebührt er ihnen eher als den Affen, da der Gegensatz zwischen Hand und Fuß bei ihnen weit weniger deutlich ausgedrückt ist als bei diesen. Man mag unsere Tiere als ein Bindeglied zwischen den Affen und Beuteltieren, als Nachfolger unbekannter, den Beutelratten verwandter Tiere auffassen: Affen aber sind sie nicht.
Ein allgemeines Bild der Halbaffen läßt sich nicht leicht entwerfen. Größe, Leibesbau und Gliederung, Gebiß und Gerippe sind sehr verschieden. Die Größe schwankt zwischen der einer starken Katze und der einer Schlafmaus. Bei den meisten Arten ist der Leib schmächtig, bei einzelnen sogar klapperdürr; bei jenen erinnert der Kopf durch die Länge der Schnauze entfernt an den eines Hundes oder Fuchses, bei diesen hat er etwas eigentümlich Nächtiges, Bilch- oder Flatterhörnchen-, Nachtaffen- oder Eulenartiges. Die hinteren Gliedmaßen übertreffen die vorderen meist merklich, oft bedeutend an Länge, unterscheiden sich aber innerhalb unserer Tiergruppe dadurch, daß die Fußwurzel bei einer Abteilung verhältnismäßig kurz, bei einer anderen dagegen ziemlich lang ist. Der Bau der Hände und Füße stimmt keineswegs vollkommen überein. Die meisten Halbaffen haben Füße, welche den Händen ähneln, da die Gliederung der Finger oder Zehen verhältnis mäßig wenig sich unterscheidet, der Daumen den übrigen Fingern gegenübergestellt werden kann und Finger wie Zehen, die zweite der letzteren ausgenommen, platte Nägel tragen; aber auch diese Bildung ist nicht allen Halbaffen gemeinsam: es machen sich vielmehr in der Länge, Stärke und Behaarung, dem Verhältnis des Daumens und der Daumenzehe zu den anderen Fingern und Zehen erhebliche Unterschiede bemerkbar. Der Schwanz spielt in verschiedener Länge, übertrifft bei vielen hierin den Leib und verkümmert bei anderen zu einem äußerlich kaum oder nicht sichtbaren Stummel, ist bei diesen buschig, bei jenen teilweise fast unbehaart. Große Nachtaugen und durchgehends wohlentwickelte Ohren mit bald häutiger, bald behaarter Muschel und ein weiches, dichtes, wolliges, ausnahmsweise nur strafferes Haarkleid lassen die Halbaffen äußerlich als Dämmerungs- oder Nachttiere erkennen. Das Gebiß zeigt hinsichtlich der Anordnung, Form und Anzahl der Zähne größere Abwechselung als bei den Affen. Der Schädel zeichnet sich aus durch starke Rundung des
hinteren Teiles, die schmale, kurze Schnauze und die großen, vorn einander sehr genäherten, hochumrandeten, aber nicht vollständig von einer Knochenwand eingeschlossenen, sondern mit den Schläfengruben verbundenen Augenhöhlen. In der Wirbelsäule zählt man außer den Halswirbeln 9 Rücken-, 9 oder mehr Lenden-, 2—5 Kreuzbein- und 8—30 Schwanzwirbel. Im Gegensatze zu den Affen tragen die Halbaffen neben den Brustzitzen meist noch Zitzen am Bauche. Afrika, vor allem aber Madagaskar und seine Nachbareilande, sowie Indien und die großen Inseln Südasiens bilden das Wohngebiet unserer Tiere, dichte, an Früchten reiche
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Gerippe des Totenköpfchens (1) zur Vergleichung mit den Gerippen des Mongoz (2) und des e (3). (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
Waldungen ihre Aufenthaltsorte. Alle Arten sind Baumtiere, mehrere von ihnen auf dem Boden so gut als fremd. Außerordentliche Behendigkeit und Gewandtheit im Gezweige zeichnet die einen, langsame, sichere, bedächtige, geisterhaft leise und unmerkliche Bewegungen die anderen aus. Einzelne sind auch bei Tage zuweilen in Thätigkeit; die meisten aber beginnen ihr Leben erst nach Einbruch der Nacht und liegen vor Beginn des Tages bereits wieder in festem Schlafe. Früchte verschiedenster Art, Knospen und junge Blätter bilden die Nah: rung der einen, Kerb- und kleine Wirbeltiere neben einigen Pflanzenstoffen die Speise der anderen. In der Gefangenschaft gewöhnen sich diese wie jene an allerlei Kost. Merklichen Schaden bringen sie nicht, erheblichen Nutzen ebensowenig. Demungeachtet betrachtet sie der Eingeborene nirgends mit Gleichgültigkeit, sieht vielmehr in den einen heilige und unverletzliche, in den anderen unheildrohende, gefährliche Geschöpfe und warnt oder verhindert daher nicht selten den wißbegierigen Forscher, Halbaffen zu jagen, sucht ihn sogar von deren Beobachtung zurückzuhalten. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb wir auch
die in größeren Trupps lebenden und häufigen Arten der Ordnung verhältnismäßig selten in unsere Käfige bekommen. Ihr Fang verursacht keineswegs besondere Schwierigkeiten, und ihre Pflege ist leicht und einfach; die meisten Arten halten auch ungleich besser als die Affen die Gefangenschaft aus und pflanzen bei einigermaßen entsprechender Behandlung ohne Umstände im Käfig sich fort. Entsprechend ihren geistigen Fähigkeiten gewöhnen sich diejenigen Arten, welche überhaupt durch muntere Regsamkeit sich auszeichnen, leicht an ihre Pfleger, lassen sogar teilweise zum Dienste des Menschen sich abrichten, während die vollkommensten Nachttiere unter ihnen ebenso grämlich als schläfrig find und in den felten-sten Fällen Erkenntlichkeit auch für die sorgsamste Pflege bekunden.
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Unter Lemuren dachten sich die Römer abgeschiedene Seelen der Verstorbenen, von denen die guten als Laren Haus und Familie schützten, die bösen als umherirrende tückische Gespenster den armen Sterblichen beunruhigten und deshalb durch besondere Feste in mitternächtlicher Stunde nach Möglichkeit besänftigt werden sollten. Die Wissenschaft, welche bekanntlich nur auf helle Geister der Lebenden etwas gibt, bei Benennung der unendlich mannigfaltigen Naturerzeugnisse aber oft um einen Namen verlegen ist, versteht unter Lemuren zwar ebenfalls nächtliche Umherschwärmer und Polterer, aber keineswegs unfaßbare Wesen, sondern solche, welche Fleisch und Blut, mehr oder minder ansprechende Gestalt und hübsches Aussehen haben: den Kern der Ordnung, mit welcher wir uns beschäftigen, eine Gemeinschaft oder Familie der Halbaffen, welche weitaus die meisten, in den mannigfaltigsten Formen auftretenden Arten umfaßt und in viele Gattungen zerfällt.
Für die Lemuren (Lemuridae) gelten im allgemeinen die bereits mitgeteilten Ordnungsmerkmale, da die beiden übrigen Familien der Halbaffen wesentlich nur durch Gebiß und beziehentlich Hand- und Fußbau sowie Behaarung sich unterscheiden. Jene haben ein Gebiß, welches sich kennzeichnet durch kleine, durch eine Lücke in Paare geteilte, senkrecht stehende Schneidezähne des oberen und größere, aneinander stehende und etwas vorwärts geneigte des unteren Kiefers. Im übrigen weicht es innerhalb der Familie außerordentlich ab, und gerade hierauf begründen sich die verschiedenen Gattungen, weshalb ich die Unterschiede auch erst bei Betrachtung der letzteren anzudeuten haben werde.
Das Hauptwohngebiet der Lemuren umfaßt die Insel Madagaskar und ihre Nachbareilande; außerdem treten sie in Afrika auf, über die ganze Mitte des Erdteiles von der Ostbis zur Westküste sich verbreitend, und finden sich einzeln in Indien und auf den südasiatischen Inseln. Alle ohne Ausnahme bewohnen Waldungen, die undurchdringlichen fruchtund kerbtierreichen Urwaldungen den übrigen vorziehend und die Nähe des Menschen wenn auch nicht gerade meidend, so doch nicht aufsuchend. Im größeren oder geringeren Grade Nachttiere, wie alle Mitglieder der Ordnung, ziehen sie in die dunkelsten Stellen des Waldes oder in Baumhöhlen sich zurück, kauern oder rollen sich zusammen und schlafen. Ihre Stellungen dabei sind höchst eigentümlich. Entweder sitzen sie auf dem Hinterteile, klammern sich mit den Händen fest, senken den Kopf tief herab zwischen die angezogenen Vorderglieder und umwickeln ihn und die Schultern auch noch besonders mit dem Schwanze, oder aber, sie rollen sich dicht nebeneinander, ja sogar zu zwei und zwei ineinander zu je einer Kugel zusammen und umwickeln sich gegenseitig mit ihren Schwänzen: stört man solch einen Haarball, so kommen plötzlich zwei Köpfe aus demselben heraus und schauen großen Auges auf die unangenehmen Wecker.
Der Schlaf der Lemuren ist sehr leise. Schon das Summen einer vorübersche den Fliege oder das Krabbeln eines Käfers weckt viele von ihnen auf: die Ohren spitzen sich, und die großen Augen spähen wie träumerisch umher, aber nur einen Augenblick lang.
Denn ihre Lichtscheu ist außerordentlich groß, und ihre Augen scheinen gegen das Licht empfindlicher zu sein als die aller übrigen Säugetiere. Sie sind tot für den Tag; die in der Freiheit lebenden Lemuren erwachen erst mit der Dunkelheit, was indessen für die gefangenen nur zum Teile gilt.
Die ersteren ermuntern sich, wenn die Dämmerung hereinbricht, putzen und glätten ihr Fell, lassen ihre gewöhnlich ziemlich laute und unangenehme Stimme vernehmen und begeben sich dann auf die Wanderung durch ihr luftiges Jagdgebiet. Nunmehr beginnt ein je nach Wesen und Eigenheit der Lemuren sehr verschiedenes Treiben. Die Mehrzahl der Arten beeifert sich zunächst, ihrem Namen Ehre zu machen, indem sie gemeinschaftlich ein Geschrei ausstößt, welches den Neuling mit Grausen erfüllen kann, weil es entweder einen unbeschreiblichen Höllenlärm verursacht oder aber an das Gebrüll gefährlicher Raubtiere, beispielsweise des Löwen, erinnert. Dieses gemeinsame, grunzende Gebrüll scheint wie bei so manchen anderen Tieren den Beginn der Werkthätigkeit der Lemuren andeuten zu sollen; denn von jetzt an durchstreifen fie ihr Jagd- oder richtiger Weidegebiet mit einer Bewegungsfreudigkeit, Gewandtheit und Behendigkeit, welche man ihnen bei Erinnerung an ihre Schlafsucht während des Tages niemals zugetraut haben würde. Alle Kletter- und Springkünste, alle Gaukeleien, welche Affen auszuführen vermögen, werden von ihnen vielleicht noch überboten. Es scheinen ihnen Flügel gewachsen zu sein: so gewaltige Sätze von einem Zweige zum anderen führen sie aus, so rasch laufen sie an den Stämmen empor oder über stärkere Aste dahin, so ununterbrochen bewegen sie sich in der verschiedensten Weise. Endlich erreicht die gewöhnlich aus einer bedeutenden Anzahl bestehende Bande einen Fruchtbaum und bekundet jetzt bei Plünderung desselben eine ebenso große Thatkraft wie früher beim Laufen, Klettern und Springen. Sie fressen viel und verwüsten noch weit mehr, würden also, fielen sie nach Affenart in die Pflanzungen ein, dem Menschen erheblichen Schaden zufügen. Doch ihre heimischen Waldungen sind so reich an Früchten verschiedenster Art, daß sie zu unberechtigten Eingriffen in das Eigentum des Menschen keine Veranlassung haben.
Ganz als das Gegenteil der eben geschilderten Gattungen und Arten der Familie zeigen sich andere Lemuren in ihrem Auftreten, ihrem Wesen und ihren Bewegungen. Verstohlen und mit unhörbaren Schritten schleichen sie langsam von Ast zu Ast. Ihre großen, runden Augen leuchten im Dämmerlichte wie feurige Kugeln, und sie allein sind es, welche von ihrem Dasein Kunde geben; denn die düstere Färbung ihres Felles verschwindet auch einem scharfen Blicke gar bald im Dunkel der Nacht, und die weiße Unterseite wird hinlänglich durch die Aste verdeckt, auf denen sie dahingleiten, oder läßt höchstens an einen gebrochenen Lichtstrahl des Mondes denken. Alle ihre Bewegungen geschehen so bedachtsam und leise, daß auch nicht ein einziger Laut dem lauschenden Ohre das Vorhandensein eines lebenden Tieres vernehmbar macht.
Wehe nun dem sorglos schlafenden Vogel, auf welchen ein Blick dieser feurigen Augen fällt! Kein Indianer schleicht leiser auf seinem Kriegspfade dahin; kein blutdürstiger Wilder naht sich in furchtbarerer Absicht als der Lori jetzt seiner schlafenden Beute. Ohne jedes Geräusch, fast ohne sichtbare Bewegung setzt er einen Fuß nach dem anderen fürder und nähert sich mehr und mehr, bis er sein Opfer erreicht hat. Dann erhebt er die eine Hand mit gleicher Lautlosigkeit und Bedachtsamkeit und streckt sie leise vor, bis sie den Schläfer beinahe berührt. Jetzt geschieht eine Bewegung, schneller, als das Auge ihr folgen kann, und ehe der schlummernde Vogel noch eine Ahnung von seinem furchtbaren Feinde erlangt hat, ist er erwürgt, erdrosselt. Und nichts gleicht der Gier, mit welcher der so harmlos erscheinende Vierhänder nach vollbrachtem Morde seine Beute verzehrt. Wie der schlafende Vogel ist auch seine Brut, das Ei in seinem Neste verloren, sobald der Lori dies entdeckt. Das nächtige Wesen des Tieres zeigt sich in seiner Raubgier; es Da daß