Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Unter der Bezeichnung „Löwenäffchen“ verstehen unsere Händler eine verwandte Art, das Röteläffchen (Hapale rosalia, Simia, Callithrix, Midas, Jacchus, Marikina rosalia), welches dem vorher beschriebenen allerdings in mancher Hinsicht ähnelt, sich jedoch sehr wohl von ihm unterscheidet. Es gehört zu den größeren Arten der Gruppe, da seine Gesamtlänge 65— 75 cm beträgt, wovon 25—30 cm auf den Leib zu rechnen find und das übrige auf den Schwanz kommt. Das Gesicht ist nackt und bräunlichfleischfarben, das große Ohr längs des Randes mit schwarzbraunen Haaren besetzt, während auf den Backenseiten und der sich in einem spitzen Winkel gegen die Kopfmitte ziehenden Stirn feine, kurze, gelbbräunliche Härchen stehen; Hände und Füße sind außen und innen gelblichbraun, die Haare der letzteren stark mit Gelb gemischt. Das lange Scheitelhaar, welches durch einen längs der Kopfmitte verlaufenden, aus kürzeren, schwarzbraunen Haaren gebildeten Streifen getrennt wird, fällt zu beiden Seiten mähnenartig herab und hat dunkelbraune Färbung, während die Bekleidung des übrigen Kopfes, der Kehle, der Brust und der Arme dunkelorangebraun, der übrige Pelz rötlichgelb aussieht und in lebhaftem Goldglanze schimmert. Der Schwanz ist bei einzelnen Stücken an der Wurzel gefärbt wie der Leib, hierauf schwarz gefleckt, gegen die Spitze hin dunkler werdend und an ihr selbst gelb. Doch kann diese Fleckenzeichnung auch vollständig fehlen. Das Weibchen unterscheidet sich nicht von dem Männchen. „Dieses niedliche Tier“, sagt der Prinz von Wied, „findet sich in den großen Waldungen der Gegend von Rio de Janeiro, Cabo Frio, San Joao ꝛc., geht aber nicht weit nördlich; wenigstens habe ich es am Parahyba schon nicht mehr beobachtet. Dem Gesagten zufolge beschränkt sich sein Verbreitungsgebiet auf die Waldungen der Ostküste zwischen dem 22. und 23. Grade südlicher Breite. Der rote Sahui, wie er von den Brasiliern genannt wird, ist nirgends zahlreich; wir haben ihn auch nur einzeln oder familienweise angetroffen, besonders in der Sierra de Inua, im Walde von San Joao und in den gebirgigen
Waldungen, welche die Gegend von Ponta Negra und Gurapina umgeben. Er scheint eben: sowohl die Büsche der sandigen Ebenen wie die hohen gebirgigen Wälder zu bewohnen und gern in belaubten Baumkronen sich zu verbergen, sobald er einen fremdartigen Gegenstand bemerkt. Seine Nahrung besteht in Früchten und Kerbtieren. Er wirft wahrscheinlich ein oder ein paar Junge, welche das Weibchen auf dem Rücken oder an der Brust umherträgt, bis sie stark genug sind, demselben zu folgen. Im gezähmten Zustande sollen diese
Röteläff chen (Hapale rosalia). ¼ natürl. Größe.
Tierchen nicht so empfindlich für den Versand übers Meer sein wie die anderen Krallenaffen, mit denen ihre Lebensart übrigens vollständig übereinstimmt. Man liebt sie sehr wegen ihrer Schönheit, da sie einem kleinen Löwen gleichen. Bei jeder Erregung richten sie den das Gesicht umgebenden Haarkreis auf und nehmen sich alsdann höchst niedlich aus.“
Auf unseren Tiermarkt gelangen alljährlich einige Paare dieser ungemein zierlichen Affchen und finden stets willige Käufer, obgleich ihr Preis verhältnismäßig sehr hoch ist. Aber freilich haben die schmucken Geschöpfe in den Augen des wahren Liebhabers auch hohen Wert. Unter ihresgleichen, mindestens denjenigen Arten, welche man lebend nach Europa bringt, darf man sie wohl als die anmutigsten bezeichnen; auch halten sie in der That besser in der
Gefangenschaft aus als andere Krallenaffen, möglicherweise nur deshalb, weil man ihnen eben des Preises halber eine sorgfältige Pflege zu teil werden läßt. Schon Buffon, welcher die Röteläffchen „Marikinas“ nennt, gedenkt eines von ihnen, welches in Paris 5—6 Jahre lebte, ohne daß man besondere Umstände mit ihm gemacht hätte. Gegen Kälte zeigen sich unsere Affchen überhaupt viel weniger empfindlich als gegen schnellen Witterungswechsel und unmittelbar einwirkende Sonnenhitze. Dies wird man ganz erklärlich finden, wenn man bedenken will, daß alle Krallenaffen während der Hitze des Mittags in ihrer Heimat keineswegs den Strahlen der Sonne sich auszusetzen, im Gegenteile ängstlich vor diesen in dem dichtesten und schattigsten Gelaube zu verbergen pflegen, und daß sie an verhältnismäßig, nämlich im Vergleiche zur Tageswärme höchst empfindlich kalte Nächte von ihrem Freileben her gewöhnt sind. Reichenbach beobachtete, daß ein unmittelbar der Sonne ausgesetztes Löwenäffchen plötzlich erkrankte und unter allen Anzeichen des Sonnenstiches starb, und ich finde nach meinen Erfahrungen solches Vorkommnis durchaus begreiflich.
In seinem Wesen und Betragen unterscheidet sich das Röteläffchen wenig oder nicht von seinen Verwandten, deren Neigungen, Arten und Unarten es teilt. Wie diese ist es ängstlich und mißtrauisch, leicht erregbar und jähzornig; wie diese lernt es zwar seinen Gebieter kennen, zieht ihn auch wohl anderen Personen vor und zeigt ihm ein gewisses Vertrauen, bekundet aber doch niemals dieselbe Anhänglichkeit und Hingebung wie andere, höher entwickelte Affen, vermag überhaupt die ihm eigene Furcht und sein Mißtrauen nie gänzlich zu überwinden. Sobald ein ihm nicht wohlbekanntes Tier oder ein Fremder in seine Nähe kommt, richtet es die Mähnenhaare empor, fletscht die Zähne, als wolle es sich ein furchterregendes Ansehen geben, und zieht sich nun langsam rückwärts nach einem anderen Schlupfwinkel zurück. Doch habe ich an solchen, welche öffentlich ausgestellt waren, beobachtet, daß sie sich nach und nach an die sie umstehenden Leute gewöhnen, mindestens vor ihnen nicht mehr jene ängstliche Scheu an den Tag legen, wie sie im Anfange es zu thun pflegten. Bei gemütlicher Stimmung vernimmt man dann und wann ein leises Pfeifen von ihnen; im Zorne geben sie zwitschernde, das Ohr unangenehm berührende Laute von sich. Mit ihresgleichen leben sie in sehr guter Gemeinschaft; zwischen den Gliedern eines Pärchens wenigstens bemerkt man keinen Unfrieden. Beide Gatten pflegen sich stets zusammenzuhalten, fressen gemeinschaftlich aus einem Napfe, ohne dabei die den Affen sonst eigene Habgier und Selbstsucht an den Tag zu legen, schlafen auch friedlich in einem und demselben Lagerkästchen ꝛc. Hier und da, beispielsweise neuerdings im Tiergarten von Antwerpen, haben sie sich fortgepflanzt; doch gehören derartige Vorkommnisse immerhin zu den Seltenheiten. Man ernährt sie, wie die übrigen Arten der Familie, mit gekochtem Reis, Früchten und Milchsemmel, darf aber nicht versäumen, ihnen auch etwas Fleisch, Maikäfer, Mehlwürmer und dergleichen zu reichen, weil tierische Stoffe, wie bereits bemerkt, zu ihrer Gesundheit unumgänglich nötig sind.
Von dem Löwenäffchen im engsten Sinne unterscheiden sich die Tamarins bloß dadurch, daß die Kopf- und Schulterhaare in der Regel nicht entwickelt sind und der Schwanz gewöhnlich den Leib an Länge übertrifft. Große, häutige, nackte Ohrmuscheln gelten als anderweitige Merkmale. Alle diese Kennzeichen sowie auch leichte Abweichungen im Zahnbau, welche zur Trennung der Gruppen Veranlassung gegeben haben, dürfen als nebensächliche angesehen werden.
Als Übergangsglied von den bemähnten zu den mähnenlosen Tamarins mag die
Pinche (Hapale oedipus, Simia, Midas, Oediponeichos oedipus) erwähnt sein. Das Tier besitzt lange Kopfhaare, welche über die Stirnmitte hervortreten und vom Hinterhaupte herabhängen; die Stirnseiten dagegen sind nackt. Ausgewachsene Männchen erreichen eine
Länge von 66— 70 cm, wovon 40—42 cm auf den Schwanz kommen. Der Pelz hat eine erdbraune Färbung, da die graulichen, am Grunde einfarbigen Haare gegen die Spitze hin drei hellbraune Ringe zeigen. Unterseite, Kopfhaare, Arme, Unterschenkel und alle unteren Teile sehen mehr oder weniger rein weiß aus; der Schwanz ist am Grunde kastanienbraun, gegen die Spitze hin schwarzbraun gefärbt. Das schwarze Gesicht mit den munteren hellbraunen Augen sticht von dem weißen Kopfhaare lebhaft ab und erhält durch feine gelblich grauweiße Härchen, welche zusammengeflossene Brauen und einen als schmalen Rand um den Mund verlaufenden Bart bilden, ein absonderliches Aussehen. Die Innenseite der Hände und Füße ist mit dem Gesichte gleich gefärbt.
Wie es scheint, beschränkt sich das Verbreitungsgebiet dieser Art auf den Nordwesten Südamerikas. Über das Freileben fehlen noch ausführliche Beobachtungen, und auch über Gefangene ist bis jetzt wenig bekannt, da gerade die Pinche nur selten lebend in den Besitz
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Pinche (Hapale oedipus). ½ natürl. Größe.
der Europäer gelangt. Gefangene unterscheiden sich in ihrem Leben und Treiben wenig oder nicht von den übrigen Arten der Familie. Sie sind ebenso ängstlich und grämlich wie die meisten anderen, schließen sich schwer an eine bestimmte Persönlichkeit an, ziehen sich vor jedem Fremden scheu und ängstlich in ihre Schlupfwinkel zurück, sehen in den harmlosesten Tieren einen gefährlichen Feind und machen deshalb ihrem Besitzer wenig Freude. Wie man annimmt, dauern sie noch schwerer als andere Arten in der Gefangenschaft aus und gelten deshalb in ihrer Heimat sowohl wie bei uns zu Lande für die hinfälligsten aller Krallenaffen überhaupt. Ein Pärchen, welches einige Wochen im Berliner Tiergarten lebte, fiel mir besonders auf durch seine Stimme, welche täuschend der eines Vogels gleicht und bald in reinen, langgezogenen Flötentönen, bald in Trillern sich bewegt oder mit einem hohen „Dididi“ beginnend, nach und nach in tiefere Laute übergeht und mit „dräderädä, gak, gak, gäk“ zu endigen pflegt. Ich kenne kein Säugetier, auch keinen Krallenaffen, dessen Stimmlaute in einer so auffälligen und unter Umständen täuschenden Weise mit Vogelgezwitscher übereinstimmen wie bei diesem Affchen.
Zur Vervollständigung des eben Gesagten will ich noch des Silberäffchens (Hapale argentata, Simia und Callithrix argentata, Mico und Sagouin argentatus) Erwähnung thun. Das Tierchen, unbedingt eines der schönsten aller Affchen, erreicht nach
Bates bloß eine Länge von 42—45 em, wovon ungefähr 25 cm auf den Schwanz kommen. Das lange, seidige Haar ist silberweiß, der Schwanz matt schwarz, das fast nackte Gesicht fleischfarben. | „Der kleine Silberaffe“, jagt Bates, „einer der seltensten aller amerikanischen Affen überhaupt, scheint nur in der Nähe von Cameta vorzukommen; wenigstens habe ich nicht gehört, daß man ihn sonst noch gefunden hätte. In Cameta bemerkte ich in einer Kakaopflanzung drei Stücke, welche aussahen wie kleine weiße Kätzchen. Sie glichen in ihrem Betragen und in ihren Bewegungen vollkommen anderen Arten der Familie. Später beobachtete ich einen Gefangenen und erfuhr, daß man gerade das Silberäffchen wegen seiner Schönheit besonders schätzt. Der in Rede stehende Gefangene war ein furchtsames, empfindliches kleines Geschöpf. Seine Gebieterin trug es beständig in ihrem Busen und liebte es in so hohem Grade, daß sie es nicht um alles Geld weggegeben haben würde. Ihr Liebling nahm seine Nahrung von ihren Lippen und erlaubte ihr, ihn zu hätscheln, wie sie wollte, gestattete ader keinem Fremden die geringste Annäherung. Wollte ihn jemand berühren, so schreckte er zurück; der ganze Leib bebte vor Furcht, und die Zähne klapperten aneinander, während er zitternde Laute der Angst vernehmen ließ. Dabei hefteten sich die schwarzen Augen voll Neugier und Mißtrauen auf denjenigen, welcher auch nur versuchte, sich ihm zu nähern.“ Condamine berichtet von einem anderen Silberäffchen, welches er von dem Statthalter in Para geschenkt erhalten hatte, daß es über ein Jahr lang in der Gefangenschaft lebte, auf der Überfahrt nach Europa angesichts der französischen Küste aber starb. Ob überhaupt jemals eines dieser Tierchen lebend zu uns gelangt ist, vermag ich nicht zu sagen; in den Verzeichnissen des Londoner Tiergartens, den reichhaltigsten und genauesten, welche wir haben, finde ich es nicht angegeben.
Die Seidenäffchen unterscheiden sich von den bisher aufgeführten Arten der Gattung hauptsächlich durch einen mehr oder weniger entwickelten Haarbüschel vor und über den Ohren, deren Muscheln meist am äußeren Rande behaart sind.
Das häufigste Mitglied dieser Gruppe scheint der Saguin, Uistiti oder Marmoset (Hapale jacchus und leucotis, Simia jacchus, Jacchus vulgaris) zu fein, ein mittelgroßes Krallenäffchen von 22 —27 cm Leibes- und 30—35 em Schwanzlänge, zierlich gebaut und mit langem und weichem Pelze bekleidet. Die Färbung des letzteren besteht im allgemeinen aus Schwarz, Weiß und Rostgelb und wird durch die eigentümliche Zeichnung der Haare selbst bewirkt, welche an der Wurzel schwärzlich, dann rostgelb, hierauf wieder schwarz und endlich an der Spitze weißlich sind. Auf dem Oberrücken fällt die Färbung mehr in das Rostgelbe, auf dem Unterrücken wechseln schmale, schwarz und weiße wellenförmige Querbinden miteinander ab. Am Unterleibe und den Gliedmaßen sind alle Haare mit weißlichgrauen Spitzen versehen, weshalb an diesen Teilen die genannte Farbe vorherrschend wird. Der Schwanz ist schwarz mit etwa 20 schmalen, weißlichen Ringen und weißer Spitze. Ein weißlicher dreieckiger Stirnfleck und ein blendend weißer Ohrpinsel stechen von dem dunkelbraunen Kopfe lebhaft ab. Das Gesicht ist dunkel fleischfarben und spärlich mit weißlichen Härchen besetzt.
Fast ebenso häufig wie der Saguin ist das Pinsel- oder Weißstirnäffchen (Hapale penicillata, Jacchus penicillatus, Simia penicillata), ein jenem in der Größe annähernd gleichkommendes Tierchen von ähnlicher Färbung. Ein rundlicher Stirnfleck und die mit kurzen Haaren besetzten Gesichtsteile sind weiß, der lange Ohrbüschel, Kopf, Nacken und Ober- und Unterhals, kragenartig abgegrenzt, schwarzbraun, der übrige Pelz rötlichgrau, weil die an der Wurzel dunkelgrauen Haare in der Mitte blaßrot, an der Spitze weiß aussehen, Hände und Füße lichtgrau, manchmal dunkelbraun, die Schwanzringe abwechselnd grau und schmutzig weiß.