Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.
Verschiedene Früchte, Samen, Pflanzenblättchen und Blüten bilden einen Hauptteil der Nahrung unserer Affchen; nebenbei aber stellen sie mit dem größten Eifer allerlei Kleingetier nach: Kerbtiere, Spinnen ꝛc. kleinen Wirbeltieren unzweifelhaft vorziehend, diese aber ebenfalls nicht verschmähend. Jedenfalls sind sie mehr als alle übrigen Affen Raubtiere, d. h. fressen mehr als letztere tierische Stoffe neben den pflanzlichen.
In ihrer Heimat scheint die Fortpflanzung der Krallenaffen nicht an eine bestimmte Zeit sich zu binden, denn man sieht jahraus jahrein Alte mit ihren Jungen. Das Weibchen bringt in der Regel ebenfalls nur ein einziges Kind zur Welt, zuweilen aber deren zwei und selbst drei. Dann befestigt sich das eine von diesen auf dem Rücken, das andere an der Brust, und eins um das andere saugt abwechselnd. Auch unterstützen sich, wie wir von Gefangenen wissen, beide Geschlechter gegenseitig in der Last der Erziehung ihrer Jungen. Das Männchen wird von dem Weibchen aufgefordert, zeitweilig eines von den Kindern zu schleppen und scheint dies auch ohne Anstand zu thun. Die Jungen sind bei ihrer Geburt nicht größer als Hausmäuse, jedoch bereits ganz behaart und wie alle jungen Affen geistig verhältnismäßig ziemlich entwickelt.
Als die schlimmsten Feinde der schmucken Geschöpfe werden die Raubvögel genannt. Den Baumkatzen entgehen fie oft, dank ihrer Schnelligkeit und Behendigkeit und ihrer vorsichtigen Auswahl der Schlafstellen; vor den Adlern und Falken dagegen gibt es keine Flucht. Unzählige fallen diesen gefährlichen Räubern zur Beute: ihr Tagleben ist eigentlich nur ein Kampf um Sein oder Nichtsein. Der Mensch stellt ihnen weniger ihres Nutzens als ihrer leichten Zähmbarkeit halber nach. Ihr Fleisch wird zwar von den Eingeborenen gegessen, aber dem anderer Affen nachgestellt; das Fell findet nur ausnahmsweise Verwertung, indem man es zu Mützen verarbeitet oder sonstwie zu Verbrämungen benutzt. Um so häufiger sieht man Krallenaffen als Gefangene in den Hütten der Indianer und den Wohnungen der Südamerikaner europäischer Abkunft. Man bemächtigt sich der Sun: gen wie der Alten, ersterer, indem man sie den getöteten Müttern abnimmt, letzterer, indem man sie mit schwach vergifteten Pfeilen schießt und dann in der bereits angegebenen Weise wieder zu heilen sucht, oder aber, indem man eine Fischreuse mit Bananen oder anderen ihrer Lieblingsfrüchte ködert und auf den Bäumen anbringt, welche regelmäßig von ihnen befucht werden. Sie kriechen durch die enge Offnung in das Innere und fallen rettungslos in die Gewalt des Fängers, da sie wegen der nach einwärts gerichteten, trichterförmig angeordneten, spitzigen Stöcke einen Ausweg sich nicht zu bahnen wissen. Nach der Versicherung des Prinzen von Wied fängt man in dieser Weise oft mehrere in einer und derselben Reuse. Es spricht gegen den Verstand der Krallenaffen, daß fie in einer jo plumpen Falle sich fangen lassen.
Im Anfange ihrer Gefangenschaft sind alle Krallenaffen geradezu unleidliche Geschöpfe. Ihr grenzenloses Mißtrauen bekundet sich gegen jedermann, und es währt sehr lange, bevor sie sich daran gewöhnen können, den sie pflegenden Menschen anders als ihren Feinden gegenüber sich zu betragen. Als hervorragende Züge des Wesens treten zunächst nur überaus große Angstlichkeit und machtloser Jähzorn hervor, beide fast in ununterbrochenem Wechsel. Später mildert sich der letztere einigermaßen, und stille Traurigkeit tritt an seine Stelle. Der Eingeborene läßt sich hierdurch nicht im geringsten beirren; er behandelt auch dieses wenig versprechende Geschöpf von Anfang an mit der ihm eigenen Geschicklichkeit und beharrlichen Freundlichkeit und gewinnt ihm nach und nach wirklich Vertrauen ab. Junge Krallenaffen werden von den Indianerinnen gewöhnlich im Haare getragen, wahrscheinlich in der Absicht, ihnen die fehlende Mutter zu ersetzen; ältere erhalten ihre Stätte im Busen der sorgsamen Frauen. Auch gibt man fie größeren Affen, Klammer, Woll- und Rollschwanzaffen in die Pflege. Wie diese in den Affenhäusern unserer Tiergärten ohne
Widerstreben der Bemutterungssucht eines liebedürftigen Pavianweibchens sich fügen, lassen sich Krallenaffen gern von größeren Verwandten tragen, überwachen und beherrschen. Auch unaufgefordert klammern sie sich an dem Rücken der stärkeren Familiengenossen fest, deren Gutmütigkeit solcher Hingebung nicht zu widerstehen vermag, und nach geraumer Zeit sind beide ein Herz und eine Seele. Der mißtrauische Krallenaffe erkennt in dem größeren seinen Pfleger und Beschützer, dieser in jenem einen Schützling, welcher der Leitung durch einen erhabenen Geist dringend bedarf. Anfänglich versucht er vielleicht die ungewohnte Last von sich abzuschütteln, später ruft er den Pflegling sehnsüchtig herbei, wenn dieser zeitweilig sich entfernte. Daß ein Krallenaffe unter solcher Leitung sehr bald einen guten Teil seines Mißtrauens verliert, läßt sich begreifen: so viel Verstand besitzt er doch, um einen Wohlthäter von anderen Wesen zu unterscheiden. Dies macht schließlich auch dann sich bemerklich, wenn ein Krallenaffe ausschließlich in menschlicher Gesellschaft lebt und von bestimmten Leuten gut, noch besser, wenn er zärtlich behandelt wird. Bates versichert, eines unserer Affchen gesehen zu haben, welches ebenso spiellustig wie ein Kätzchen war, mit den Kindern im Hause und außerhalb desselben umherlief und sehr wohl wußte, daß es in ihnen seine besten Freunde hatte, da es sich gegen Fremde anders benahm, beispielsweise es nicht leiden wollte, wenn sich jemand in die Hängematte setzte. Ahnliche Beobachtungen werden von allen gemacht, welche Krallenaffen mild und zärtlich behandeln. Auch Kappler berichtet, daß sie sehr zahm werden können; er ließ die seinigen immer frei im Zimmer herumlaufen. Sie hielten mit Totenköpfchen und braunen Rollaffen gute Freundschaft, und alle drei sollen auch im Walde einträchtig miteinander leben.
Das gewöhnliche Futter, welches man den frisch Gefangenen reicht, sind süße Früchte, namentlich Bananen. Daran, daß alle Krallenaffen mindestens ebenso viele tierische als Pflanzenstoffe fressen, denken weder die Europäer noch die Indianer; letztere aber gestatten, wie bemerkt, ihren Gefangenen eine größere Freiheit und ermöglichen es ihnen daher, mit den ihnen fehlenden Stoffen sich zu versorgen, während erstere sie in engem Gewahrsam zu halten pflegen. Hierin sehe ich den hauptsächlichsten Grund der sonst unbegreiflichen Hinfälligkeit und Sterblichkeit dieser Tiere auch in ihrer Heimat und noch mehr während der Seereise. Von den zahllosen Krallenaffen, welche man längs der ganzen Ostküste Brasiliens den Fremden anbietet, gelangt nur ein sehr geringer Bruchteil lebend nach Europa. Die meisten der hierher zurückreisenden Europäer kaufen sich solche Affchen, füttern sie unterwegs aber, laut Hensel, nur mit süßem Gebäck und Zucker oder sperren sie haufenweise in so kleine Käfige, daß sie sich kaum rühren können. „Berücksichtigt man“, sagt dieser Forscher, „nun noch die wahrhaft nervöse Angstlichkeit der dummen Tierchen, welche deswegen unter allen Affen die langweiligsten sind und außer ihrer Niedlichkeit nichts Empfehlendes besitzen, so wird man sich wohl nicht wundern dürfen, daß sie die Gefangenschaft so schlecht ertragen.“ In Brasilien und auch bei uns zu Lande hält man alle Krallenaffen für besonders hinfällig, namentlich in hohem Grade empfindlich gegen die Kälte. Weder das eine noch das andere aber ist thatsächlich begründet. Bei geeigneter Pflege, also wenn man ihnen Kerbtiere nicht vorenthält, ihnen wenigstens Fleisch oder Eier zum Ersatze derselben reicht, halten sie sich sehr gut, wie ja schon daraus hervorgeht, daß sie bei uns durchaus nicht selten 6—8 Jahre ausdauern und sich fortpflanzen. Auffallenderweise versichern alle Reisenden, daß letzteres in Brasilien selbst nicht geschehe, und bestätigen damit nur, daß man die Affchen drüben nicht gebührend zu pflegen weiß. Wäre mangelnde Wärme ihnen wirklich in so hohem Grade verderblich, als man anzunehmen pflegt, so würde hierzulande kein einziger Krallenaffe längere Zeit ausdauern, und müßte er sich im Gegenteile in Brasilien vortrefflich halten: sie sterben aber unter der Pflege von Europäern in ihren Heimatsländern verhältnismäßig in viel größerer Anzahl als in Europa, 17*
selbst in den kälteren Teilen unseres heimatlichen Erdteiles, können auch, wie wir durch bestimmte Thatsachen nachzuweisen vermögen, ohne allen Schaden sogar empfindliche Kälte ertragen. Im Frankfurter Tiergarten hält man sie während des Sommers ohne Bedenken im Freien und bringt sie nur in den Wintermonaten in erwärmte Räume; in den Tierschaubuden müssen sie oft noch weit mehr aushalten. Reichenbach erzählt, daß ihm während eines sehr kalten Winters aus einer Tierschaubude ein Saguin zum Ausstopfen zugesendet wurde. „Derselbe war steif gefroren, lebte aber alsbald in der warmen Stube wieder auf, indem er zuerst mit den Füßen zuckte, dann leicht zu atmen begann und nach und nach wieder alle Bewegungen übte, so daß er nach zwei Stunden der Besitzerin als ihr wiedererwachter Liebling zurückgegeben werden konnte. Mehrere Personen find bei diesem Vorfalle Zeugen gewesen.“ Diese Erfahrung beweist, daß die Krallenaffen auch in dieser Hinsicht an die Nager erinnern, und ebenso, mehr als jede längere Auseinandersetzung, daß die Hinfälligkeit, über welche allseitig geklagt wird, nicht in der geringen Wärme zu suchen ist. Mit welcher Leidenschaft alle in der gewöhnlichen Weise gepflegten, d. h. nur mit Früchten und Süßigkeiten, besten Falls mit Milchbrot ernährten, Krallenaffen über das zu ihrer Erhaltung Fehlende herfallen, erfährt man, wenn man ihnen Kerbtiere, namentlich Maikäfer, reicht. Sie lassen dann augenblicklich alles übrige, auch die nach Ansicht ihrer Pfleger leckerste Speise stehen, stürzen sich mit Hast auf die ersehnte Nahrung und fressen davon, soviel sie können. Ich rate deshalb jedem Tierfreunde, welcher an diesenfür mich wenig anziehenden Geschöpfen Vergnügen findet und sie längere Zeit am Leben erhalten, womöglich zur Fortpflanzung schreiten sehen will, aus Vorstehendem sich die Nutzanwendung zu ziehen.
Neuerdings hat man auch die Familie der Krallenaffen in verschiedene Gattungen zerfällt; die Merkmale derselben beschränken sich jedoch auf Außerlichkeiten, da Zahnbau, Ge: rippe und die sonstige Anordnung innerer Teile im großen und ganzen wesentlich dieselben sind. Unserem Zwecke dürfte es vollständig genügen, wenn wir drei Gruppen, sämtlich zu einer Gattung (Hapale) gehörig, unterscheiden.
Löwenäffchen nennt man diejenigen Arten, welche nacktes Gesicht und nackte Ohren, einen körperlangen, dünnen, am Ende oft gequasteten Schwanz haben und am Kopfe allein oder am Kopfe, Halse und den Schultern nebst den Vordergliedern eine mehr oder weniger lange Mähne tragen.
Als Urbild dieser Gruppe gilt das Löwenäffchen (Hapale leonina, Simia leonina, Midas, Leontopithecus leoninus, Leontopithecus fuscus), welches Alexander von Humboldt entdeckte. Die Leibeslänge des Tierchens beträgt 20 —22 em, die Schwanzlänge ebensoviel. Ein schwer zu beschreibendes Olivenbräunlich ist die vorherrschende Färbung des Pelzes, welcher auf dem Rücken weißlichgelb gefleckt und gestrichelt erscheint. Die lange Mähne ist ockergelb, der Schwanz oberseits schwarz, unterseits leberbraun. Alle nad-ten Teile, also das Gesicht mit Ausnahme der weißlichen Mundränder und Hände und Füße, sehen ebenfalls schwarz aus. | Humboldt erhielt das Löwenäffchen in den Waldungen von Mocoa und erfuhr von den kupferfarbigen Einwohnern, daß es die milderen, kühleren Berggegenden meide und nur die heiße, aber fruchtbare Ebene bewohne, welche den östlichen Abfall der Kordilleren begrenzt und von den Flüssen Putumayo und Caqueta durchströmt wird. „Es ist“, sagt Humboldt, „eines der schönsten, feingebildetsten Tiere, welche ich je gesehen habe, lebhaft, fröhlich, spiellustig, aber, wie fast alles Kleine in der Tierschöpfung, hämisch und jähzornig. Reizt man es, so schwillt ihm der Hals ersichtlich, die lockeren Haare desselben
sträuben sich, und die Ahnlichkeit zwischen ihm und einem afrikanischen Löwen wird dann auffallend. Leider habe ich nur zwei Stück dieser Art selbst beobachten können, die ersten, welche man lebendig über den Rücken der Andeskette in die westlichen Länder gebracht hatte. Man bewahrte sie ihrer Wildheit wegen in einem großen Käfig, und hier waren sie in so ununterbrochener Bewegung, daß ich lange Zeit brauchte, bevor ich ihre bezeichnenden Merkmale auffassen konnte. Ihre bald zwitschernde, bald pfeifende Stimme gleicht der anderer Affen dieser Gruppe. Man hat mir versichert, daß in den Hütten der Indianer von Mocoa der zahme Löwenaffe sich fortpflanzt, während dies andere Affenarten in den Tropenländern ebenso selten wie in Europa thun.“ „Am oberen Amazonenstrome“, schildert Bates, Vorstehendes vervollständigend, „sah ich einst ein zahmes Löwenäffchen, welches jedermann zugethan zu sein schien und sein größtes Vergnügen darin fand, eintretenden Leuten auf den Leib zu springen und an ihnen emporzuklettern. Als ich seine Bekanntschaft machte, rannte es durch den ganzen Raum gerade auf den Stuhl zu, auf welchem ich saß, kletterte zu meiner Schulter empor, drehte sich, hier angekommen, rund herum, sah mir in das Gesicht, dabei die kleinen Zähne zeigend und zwitschernd, als wollte es mich nach meinem Befinden fragen. Gegen seinen Gebieter bekundete es größere Anhänglichkeit als gegen Fremde; wenigstens kletterte es im Laufe einer Stunde wohl ein Dutzend Mal an ihm auf und ab, auf dem Kopfe meist noch eine sorgfältige Umschau nach gewissen Tierchen haltend.“ Geoffroy bemerkt, daß auch dieses Affchen gemalte Gegenstände zu unterscheiden wisse, vor dem Bilde einer Katze sich fürchte, nach der Abbildung eines Käfers oder einer Heuschrecke aber greife, in der Absicht, sie wegzunehmen. In Europa gehört ein lebendes Löwenäffchen übrigens zu den allergrößten Seltenheiten.