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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Seine Nahrung nimmt er mit den Händen, oft auch mit dem Munde auf. Verschiedene Früchte und Blattknospen bilden wohl den größten Teil seiner Mahlzeiten; doch ist er auch ein eifriger Jäger von kleinen Vögeln und Kerbtieren. Ein von Humboldt gezähmter Totenkopf unterschied sogar abgebildete Kerbtiere von anderen bildlichen Darstellungen und streckte, so oft man ihm die bezügliche Tafel vorhielt, rasch die kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder Wespe zu erhalten, während ihn Gerippe und Schädel von Säugetieren gleichgültig ließen.

Sein liebenswürdiges Wesen macht ihn allgemein beliebt. Er wird sehr gesucht und zum Vergnügen aller gehalten. Auch bei den Wilden ist er gern gesehen und deshalb oft ein Gast ihrer Hütten. Alt gefangene überleben selten den Verlust ihrer Freiheit, und selbst die, welche in der ersten Jugend dem Menschen zugesellt wurden, dauern nicht lange bei ihm aus. Kappler hielt jedoch einen 13 Jahre lang in seiner Heimat gefangen.

Die Indianer jagen am liebsten an kühlen, regnerischen Tagen nach dem Saimiri, weniger wegen des Fleisches, welches, laut Schomburgk, weit weniger schmackhaft ist als das anderer Affen und einen bockartigen Beigeschmack hat, als um ihn für die Gefangenschaft zu erbeuten. „Schießt man“, erzählt Humboldt, „mit Pfeilen, welche in verdünntes Gift getaucht sind, auf einen jener Knäuel, so fängt man viele junge Affen auf einmal

Saimiris: Totenköpfchen. Gefangenleben. 251 |

lebendig. Der junge Saimiri bleibt im Fallen an feiner Mutter hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von Schulter und Hals des toten Tieres. Die meisten, welche man in den Hütten der Indianer antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer Mütter gerissen worden. Erwachsene Tiere gehen, obgleich fie leicht von Wunden genesen, meist zu Grunde, ehe sie sich an die Gefangenschaft gewöhnt haben. Sie lassen sich deshalb von den Missionen am Orinoko schwer an die Küste bringen. Sobald man den Waldgürtel hinter sich hat und die Steppe betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der unbedeutenden Zunahme der Wärme kann man diese Veränderung nicht zuschreiben, sie scheint vielmehr vom stärkeren Lichte, von der geringeren Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an der Küste herzurühren.“ Aus diesem Grunde gehören sie auf dem europäischen Tiermarkte oder in unseren Tiergärten zu den Seltenheiten. | Kappler hat in Guayana während 26 Jahren immer drei dieser Affchen gehalten und, wenn eines starb, stets die Zahl wieder ergänzt. Nach ihm werden sie Akalimas und Kabuanamas genannt. „Die Affchen sind sehr lebhaft, immer in Bewegung, obgleich sie über Tag auch ein Schläfchen machen, und äußerst empfindlich gegen Kälte. Ich bekam sie immer ganz jung, und sie gewöhnten sich bald an Milch, Brot und reife Bananen. Die erste Zeit ließ ich sie frei im Zimmer herumlaufen, wo sie dann stundenlang wie ein kleines Kind an ihrem Daumen saugten. Das niedliche weiße Gesichtchen mit dem scharf begrenzten Kopfhaar, der schwarze Mund, die großen lebhaften Augen und ihr munteres, zutrauliches Wesen machten sie zu jedermanns Liebling. Sie haben nicht das Falsche, das sonst vielen Affen eigen ist, kommen zwar leicht in Zorn, sind aber ebenso schnell wieder gut. Ungereizt suchen sie nie zu beißen und sind bei guter Behandlung die harmlosesten, fröhlichsten Tierchen, die man sich denken kann. Liefen sie manchmal frei umher, so setzten sie sich auf die Schweine und ließen sich inden Savannen herumtragen. Jeden Abend 5 Uhr, nachdem die Läden der besseren Zimmer geschlossen waren, wurden sie losgelassen. Dann gab es ein tolles Jagen und Treiben auf dem Brotfruchtbaum und den Kokospalmen hinter dem Hause, das so lange dauerte, bis es dunkelte und sie von selbst kamen, um in ihr Häuschen eingesperrt zu werden. Obgleich sie Insekten fressen, so scheinen sie die giftigen doch nicht zu kennen; darum starben mir drei davon, weil sie die Schmetterlinge der Kokosraupe gefressen hatten. Gelehrig sind sie nicht und stehen an Intelligenz weit unter dem Kapuzineraffen. Fühlen sie sich behaglich, so schnurren sie wie die Kätzchen; erschreckt lassen sie einen kurz abgestoßenen Gaumenlaut hören, im Zorne ein Geschrei wie Elstern. Die meisten wurden mir vom Seestrande gebracht, wo fie mit Leichtigkeit auf den Awarrapalmen herumspringen, obgleich diese über und über mit 3 Zoll langen, nadelscharfen Stacheln besetzt sind. Die Indianer schießen die Mütter, wenn sie ihre Jungen noch auf dem Rücken haben, oder schütteln wohl auch die Jungen von den Bäumen, wenn sie dort von den Müttern abgesetzt sind. Selten bekommt man ein Männchen; beinahe alle, welche man erhält, sind Weibchen.“

Ich habe nur zweimal je eines dieser liebenswürdigen Geschöpfe auf dem Markte ge: funden, gekauft und längere Zeit gepflegt. Bei sehr sorgfältiger Pflege hielt das zarte Tierchen doch immerhin 7 Monate aus, und erst der böse Winter machte seinem Leben ein Ende. Haacke berichtet, daß der Frankfurter Tiergarten im Januar 1889 vier auf einmal aus London erhielt. Sie kamen zwar glücklich an, mochten sich aber zu lebhaften Bewegungen nicht verstehen und starben nach wenigen Wochen.

Azara ist der erste Naturforscher, welcher uns mit einem der merkwürdigsten aller Affen bekannt gemacht hat. Wenig später als er berichtet Humboldt über dasselbe Tier, nach ihm Rengger, Schomburgk und endlich Bates. Der Nachtaffe vertritt eine eigene Gattung (Nyetipithecus). Die Nachtaffen bilden gewissermaßen den Übergang von den eigentlichen Affen zu den wie sie nächtlich lebenden und ihnen auch sonst in vieler Hinsicht nicht unähnlichen Halbaffen oder Affern. Ihr Kopf und ihr Gesichtsausdruck unterscheiden sie augenblicklich von allen bisher genannten und kennzeichnen sie sehr gut. Der kleine rundliche Kopf hat große eulenähnliche Augen; die Schnauze ragt wenig vor und ist breit und groß; die Nasenlöcher öffnen sich ganz nach unten; die Ohren sind klein. Ihr Leib ist gestreckt, weich und locker behaart, der etwas buschige Schwanz länger als der Körper. Die Nägel sind zusammengedrückt und gebogen.

Der schmächtige Leib des Mirikinas (Nyctipithecus trivirgatus, Simia und Aotus trivirgatus, Nyctipithecus felinus und vociferus) ist 35 cm, der Schwanz 50 cm lang. Die Färbung des Pelzes sieht oben graubraun, mehr oder weniger rostfarbig aus; der Schwanz hat eine schwarze Spitze. Auf dem Scheitel finden sich drei gleich breite, schwarze, miteinander gleichlaufende Streifen; von dem Nacken bis zur Schwanzwurzel zieht sich ein breiter, hellgelblich brauner Streifen herab. Alle Haare sind fein und sehr weich anzufühlen. Zwischen den Geschlechtern findet in der Färbung kein Unterschied statt.

Der Verbreitungskreis des Mirikinas scheint sich über den Osten des wärmeren Südamerika zu erstrecken, das Vorkommen jedoch auf einzelne Teile des Landes zu beschränken. Rengger behauptet, daß er sich in Paraguay bloß am rechten Ufer des Flusses und zwar nur bis zum 25. Grade südlicher Breite finde, am linken Ufer aber nicht vorkomme. Von seinem Freileben ist nur wenig bekannt. Er bringt sein Leben auf und in Bäumen zu, geht während der Nacht seiner Nahrung nach und zieht sich am Morgen in eine Baumhöhle zurück, um hier den Tag über zu schlafen. Beim Sammeln von Brennholz fanden die Leute unseres Naturforschers einmal ein Pärchen dieser Affen, welche in einem hohlen Baume schliefen. Die aufgescheuchten Tiere suchten sogleich zu entfliehen, waren aber von dem Sonnenlichte jo geblendet, daß fie weder einen richtigen Sprung machen, noch sicher klettern konnten. Sie wurden deshalb leicht eingefangen, obwohl sie sich mit ihren scharfen Zähnen zu verteidigen suchten. Das Lager bestand aus Blättern und war mit einer Art von Baummoos ausgelegt, woraus hervorzugehen scheint, daß diese Tiere an einem bestimmten Orte leben und sich regelmäßig in dasselbe Lager zurückziehen. Rengger behauptet, daß man immer nur ein Pärchen, niemals größere Gesellschaften antreffe; Bates dagegen gibt an, daß letzteres sehr wohl der Fall sei. „Diese Affen“, sagt er, „schlafen zwar übertags, werden jedoch durch das geringste Geräusch erweckt, so daß derjenige, welcher an einem von ihnen zum Schlafplatze erwählten Baume vorübergeht, oft nicht wenig überrascht wird durch das plötzliche Erscheinen einer Gruppe von gestreiften Gesichtern, welche bis dahin in einer Höhle des Baumes zusammengedrängt waren. In dieser Weise entdeckte ein indianischer ‚Gevatter‘ von mir eine Siedelung, aus welcher ich ein Stück erhielt.“ Nach Aussage der Jäger Renggers soll das Weibchen in unseren Sommermonaten ein Junges werfen und dieses erst an der Brust, später aber auf dem Rücken mit sich herumtragen. Der junge Mirikina läßt sich leicht zähmen, der alte hingegen bleibt immer wild und bissig. Mit Sorgfalt behandelt, verträgt er die Gefangenschaft gut; durch Unreinlichkeit aber geht er zu Grunde. Man hält ihn in einem geräumigen Käfig oder im Zimmer und läßt ihn frei herumlaufen, weil er sich leicht in den Strick verwickelt, wenn man ihn anbindet. Während des ganzen Tages zieht er sich in die dunkelste Stelle seiner Behausung

Specht

Nachtaffe.

Nachtaffe

zurück und schläft. Dabei sitzt er mit eingezogenen Beinen und stark nach vorn gebogenem Rücken und versteckt das Gesicht zwischen seinen gekreuzten Armen. Weckt man ihn auf und erhält ihn nicht durch Streicheln oder andere Liebkosungen wach, so schläft er sogleich wieder ein. Bei hellen Tagen unterscheidet er keinen Gegenstand; auch ist sein Augenstern alsdann kaum noch bemerkbar. Wenn man ihn aus der Dunkelheit plötzlich ans Licht bringt, zeigen seine Gebärden und kläglichen Laute, daß ihm dasselbe einen schmerzlichen Eindruck verursacht. Sobald aber der Abend anbricht, erwacht er; sein Augenstern dehnt sich mehr und mehr aus, je mehr das Tageslicht schwindet, und wird zuletzt so groß, daß man kaum noch die Regenbogenhaut bemerkt. Das Auge leuchtet wie das der Katzen und der Nachteulen, und er fängt nun mit eintretender Dämmerung an, in seinem Käfig umherzugehen und nach Nahrung zu spähen. Dabei erscheinen seine Bewegungen leicht, wenn auch auf ebenem Boden nicht besonders gewandt, weil seine hinteren Glieder länger als die vorderen sind. Im Klettern aber zeigt er große Fertigkeit, und im Springen von einem Baume zum anderen ist er Meister. Rengger ließ seinen gefangenen Mirikina zuweilen bei hellen Stern⸗ und Mondnächten in einem mit Pomeranzenbäumen besetzten, aber ringsum eingeschlossenen Hofe frei. Da ging es dann lustig von Baum zu Baum, und es war keine Rede davon, das Tier bei Nacht wieder einzufangen. Erst am Morgen konnte man ihn ergreifen, wenn er vom Sonnenlichte geblendet ruhig zwischen den dichtesten Zweigen der Bäume saß. Bei seinen nächtlichen Wanderungen erhaschte er fast jedesmal einen auf den Bäumen schlafenden Vogel. Andere, welche Rengger beobachtete, zeigten sich außerordentlich geschickt im Fangen von Kerbtieren. Des Nachts hörte man oft einen starken dumpfen Laut vom Mirikina, und er wiederholte dann denselben immer mehrmals nacheinander. Reisende haben diesen Laut mit dem fernen Ruf eines Jaguars verglichen. Seinen Zorn drückt er durch ein wiederholtes „Grr, Grr“ aus.

Unter den Sinnen dürfte das Gehör obenan stehen. Das geringste Geräusch erregt sogleich seine Aufmerksamkeit. Sein Gesicht ist bloß während der Nacht brauchbar, das Tageslicht blendet ihn so, daß er gar nicht sehen kann. In sternhellen Nächten sieht er am besten. Die geistigen Fähigkeiten scheinen gering zu sein. Er lernt niemals seinen Herrn kennen, folgt seinem Rufe nicht und ist gegen feineLiebkosungen gleichgültig. Selbst zur Befriedigung seiner Begierden und Leidenschaften sieht man ihn keine Handlung ausführen, welche auf einigen Verstand schließen ließe. Rengger hat bloß eine große Anhänglichkeit zwischen Männchen und Weibchen bemerkt. Ein eingefangenes Paar geht stets zu Grunde, wenn eines seiner Glieder stirbt, das andere grämt sich zu Tode. Die Freiheit lieben die Tiere über alles, und sie benutzen deshalb jede Gelegenheit, um zu entweichen, auch wenn man sie jung gefangen und schon jahrelang in der Gefangenschaft gehalten hat.

Renggers Beurteilung der geistigen Fähigkeiten des Mirikinas ist mindestens nicht in jeder Hinsicht gerecht. Es mag Regel sein, daß ein Nachtaffe seinen Herrn nicht kennen lernt und sich gegen dessen Liebkosungen gleichgültig benimmt: Ausnahmen aber gibt es auch hier, zumal es wesentlich darauf ankommt, zu welcher Zeit seines Lebens ein Tier in Gefangenschaft geriet, und wie es behandelt wurde. „Ich mußte“, erzählt Bates, „meinen Nachtaffen angekettet halten, und deswegen wurde er nicht vollkommen vertraut mit mir; aber ich habe einen gesehen, welcher ergötzlich zahm war. Ebenso lebhaft und gewandt wie ein Rollaffe, aber nicht so böswillig und tückisch in seinem Wesen, freute er sich aufs äußerste, wenn er von den in das Haus kommenden Leuten geliebkost wurde. Sein eigener Herr hatte ihn mehrere Wochen lang mit der größten Zärtlichkeit behandelt, ihm erlaubt, nachts mit ihm in seiner Hängematte zu liegen und sich übertags in seinem Busen zu verbergen. Er war ein Liebling von jedermann wegen der Schmuckheit seiner Gestalt und Bewegungen, seiner Reinlichkeit und seines ansprechenden Wesens überhaupt.“

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