All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 71 of 188

Dank den Forschungen zweier ausgezeichneter Naturforscher, des Prinzen von Wied und Humboldts, kennen wir die Lebensweise zweier Arten der Gruppe, des Sahuassus und des Witwenaffen, sehr genau. Bei dem ersteren (Callithrix personata, Simia personata) ist nach Wied der ganze Kopf von der Brust an bis auf die Mitte des Scheitels bräunlichschwarz, der Hinterkopf und Oberhals gelblichweiß, der übrige Leib fahlblaßgraubräunlich, das Haar an der Spitze heller blaßgelblich; am Vorderarme werden die Haare dunkler, und ihre Spitzen stechen mehr hervor; Hände und Füße sind schwarz, die inneren Seiten der Vorderarme und Schienbeine schwarzbraun, die Vorderseiten der Hinterschenkel fahlhellgelblichgrauweiß; das Bauchhaar hat graubraune Färbung und rötliche Spitzen; der Schwanz endlich ist rötlichgraubraun, auf der Unterseite und an der Wurzel rostrot. Bei den Weibchen erscheint die Färbung blässer; auch fehlt ihnen der weiße Hals- oder Hinterhauptfleck; die Vorderteile sind mehr weißlich, die Vorderarme und Hinterbeine etwas gelblich, die Hinterbeine innen dunkelgraubraun, die Vorderarme bis zu den Ellbogen schwarzbraun gefärbt. Die Iris ist gelbbraun, bei manchen Stücken, welche sich außerdem dadurch auszeichnen, daß die Behaarung der Zehen mit Weiß gemischt erscheint, graubraun, wie dies nach dem Prinzen von Wied bei den meisten brasilischen Affen der Fall zu sein pflegt. Übrigens ändern auch die Sahuassus in der Färbung mehr oder weniger ab und haben deshalb Veranlassung gegeben, mehrere Arten aufzustellen. Die gesamte Länge beträgt etwa 80 cm, die Schwanzlänge 45 —50 cm. „Der Sahuassu“, bemerkt der Prinz von Wied, „wurde von uns zuerst in den großen Urwäldern gefunden, welche die Ufer des Itabapuana und des Itapemirim beschatten;

wir fanden ihn ferner am Iritaba und am Espirito Santo und nördlich bis über den Rio Doge hinaus. Spir begegnete ihm außerdem in der Nähe von Rio de Janeiro. Hier in den großen ununterbrochenen Waldungen, in denen sie selten beunruhigt werden, leben diese angenehmen, harmlosen Geschöpfe in kleinen Gesellschaften von einer oder einigen wenigen Familien beisammen, nach verschiedenen reifenden Früchten umherziehend und so einen größeren Teil der Wälder durchwandernd, zu gewissen Zeiten aus einer Gegend verschwindend und plötzlich wieder nach dem gewohnten Standorte zurückkehrend. Ihre durch die stille einsame Wildnis weitschallende Stimme, welche von beiden Geschlechtern ausgestoßen und häufig vernommen wird, klingt wie ein Röcheln und kann einigermaßen nachgeahmt werden, indem man den Atem abwechselnd schnell hintereinander einzieht und wieder ausstößt. Schleicht man ihnen nach, so sieht man sie etwas gebückt auf den Zweigen sitzen, wobei der Schwanz schlaff herabhängt; sobald sie aber etwas Fremdartiges bemerken, eilen sie, dicke Hauptäste bevorzugend, schnell durch das Gezweige weg und schweigen dabei vollkommen, da sie ihre laute Stimme überhaupt nur bei vollkommener Ruhe und bei schönem, warmem Wetter morgens und abends vernehmen lassen. Sie werfen nur ein Junges, welches die Mutter so lange mit sich umherträgt, bis es stark genug ist, den Alten selbst überall folgen zu können.“ Im Monate Oktober fand der Prinz von Wied schon starke Junge; doch erlegte man zu derselben Zeit auch noch tragende Weibchen. „Schießt man“, erzählt unser Gewährsmann, „die Mutter von einem Baume herab, so erhält man gewöhnlich das Junge, welches sie auf dem Rücken oder unter dem Arme zu tragen pflegt, lebend und kann es alsdann leicht erziehen und zähmen; denn es lernt bald fressen und wird äußerst zahm und sanft. Alle Affen dieser Art sind nicht zornig und bissig, wenn man sie verwundet, sondern zeigen das sanfteste Wesen. Bei größter Behaglichkeit schnurren sie wie eine Katze.“ Sowohl die eingeborenen Brasilier wie die Neger und Indianer stellen dem Sahuassu seines Fleisches wegen nach. Hat der Indianer einen solchen Affen verwundet, und ist derselbe auf dem Baume hängen geblieben, so scheut er die Dicke und Höhe des riesigen Stammes nicht, um ihn zu ersteigen, während in anderen Fällen oft die besten Versprechungen nicht vermögen, ihn aus seiner gewohnten Ruhe zu bringen. Der Puri, welcher die Waldungen der Sahuassus beherrscht, bindet sich die Füße mit einer Schlingpflanze zusammen und klettert so in eine schwindelnde Höhe hinauf, da ihn jede noch so kleine Unebenheit der Rinde zum Stützpunkte dient.

Noch weit schöner gefärbt als der Sahuassu und eines der schönsten Glieder der Unterfamilie überhaupt ist der Witwenaffe (Callithrix lugens und torquata, Simia lugens und vidua, Cebus torquatus). Seine Länge beträgt 90 em, wovon 50 em auf den Schwanz gerechnet werden müssen. „Das kleine Tier“, sagt Alexander von Humboldt, „hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar, sein Gesicht eine weißliche, ins Blaue spielende Larve, in welcher Augen, Nase und Mund stehen, sein kleines, wohlgebildetes, fast nacktes Ohr einen umgebogenen Rand. Vorn am Halse steht ein weißer, zollbreiter Strich, welcher ein Halsband bildet; die Füße sind schwarz wie der übrige Körper, die Hände aber außen weiß und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten die Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer Witwe in Trauer. „Die Gemütsart dieses kleinen Affen, welcher sich nur beim Fressen auf den Hinterbeinen aufrichtet, verrät sich durch seine Haltung sehr wenig. Er sieht sanft und schüchtern aus, berührt auch häufig das Fressen nicht, welches man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Die Gesellschaft anderer Affen scheint er zu meiden; wenn er des kleinsten Saimiris ansichtig wird, läuft er davon. Sein Auge aber verrät große Lebhaftigkeit. Wir

sahen ihn stundenlang regungslos dasitzen, ohne daß er schlief, und auf alles, was um ihn vorging, achten. Seine Schüchternheit und Sanftmut find überhaupt nur scheinbar vor: handen. Ist der Witwenaffe allein sich selbst überlassen, so wird er wütend, sobald er einen Vogel sieht, klettert und läuft dann mit erstaunlicher Behendigkeit, macht einen Satz auf seine Beute, wie die Katze, und erwürgt, was er erhaschen kann. „Dieser sehr seltene und äußerst zärtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoko in den Granitgebirgen hinter der Mission Santa Barbara, ferner in Chaviare bei San Fernando de Atapabo. Ein gezähmter hat mit uns die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro mitgemacht und ist zweimal mit uns über die Katarakten gegangen.“

Springaffen gehören in unseren Tiergärten zu den größten Seltenheiten, obschon dann und wann einer oder der andere lebend zu uns gelangt. Ich bin niemals so glücklich gewesen, einen einzigen zu sehen, und weiß daher aus eigener Beobachtung nichts über ihn mitzuteilen.

Als Übergangsglieder zwischen den Neuweltsaffen mit greifendem und denen mit schlaffem Schwanze kann man die Saimiris ansehen. „Wenn auch ihr Schwanz nicht ein wahrer Rollschwanz ist, so kann er doch um mehr als einen halben Umgang um die Zweige gebogen werden und gibt dadurch den Tieren beim Klettern einen größeren Grad von Sicherheit.“ Die Saimiris (Öhrysothrix) find schlankgebaute Affen mit langen Gliedmaßen, sehr großem, stark länglichem, besonders nach hinten entwickeltem Kopfe, hoher Stirn, fur: zem Gesicht, großen, einander sehr genäherten Augen, einfachen, großen Ohrmuscheln und wenig reichem Pelze, welcher aus eigentümlich geringelten Haaren besteht. Die sehr langen und breiten Eckzähne sind oben dreikantig, vorn ein-, außen zweifurchig, die Schneidezähne stehen senkrecht. Von den Wirbeln tragen 14 Rippen; 6 sind rippenlos; außerdem zählt man 3 Kreuz- und 30 Schwanzwirbel. Das Gehirn entspricht dem sehr großen Schädel und ist verhältnismäßig schwerer als bei irgend einem Tiere, hat jedoch wenig Windungen. In wie viele Arten die Gruppe zerfällt, erscheint zur Zeit noch fraglich. Einzelne Naturforscher nehmen mehrere an, andere vereinigen sämtliche und sehen die sonst noch beschriebenen bloß als Spielarten der einen wohlbekannten an.

Diese, das Totenköpfchen (Chrysothrix sciurea, Pithesciurus, Cebus und Saimiris sciureus, Simia sciurea und morta, Lemur leucopsis), ist durch feine niedliche Gestalt und die schöne angenehme Färbung ebenso ausgezeichnet wie durch die Zierlichkeit der Bewegungen und durch seine Heiterkeit. Es kann einer der schönsten aller neuweltlichen Affen genannt werden. Sein etwas abschreckender deutscher Name entspricht keineswegs dem wahren Ausdrucke seines Kopfes; das Tier verdankt jenen vielmehr nur einer höchst oberflächlichen und bei genauer Vergleichung sofort verschwindenden Ahnlichkeit. Das sehr schlank gebaute Totenköpfchen hat einen sehr langen Schwanz; sein feiner Pelz ist oben rötlichschwarz, bei recht alten aber lebhaft pomeranzengelb, an den Gliedmaßen grau gesprenkelt und an der Unterseite weiß. Bisweilen herrscht die graue Farbe vor; manchmal erscheint der Kopf kohlschwarz, der Leib zeisiggelb mit schwarzer Sprenkelung, und die Gliedmaßen sehen dann goldgelb aus. Die Gesamtlänge beträgt ungefähr 80 em, die Schwanzlänge 50 em.

Hauptsächlich Guayana ist die Heimat des niedlichen Affen, und namentlich die Ufer der Flüsse dieses reichen Erdstriches werden von ihm bewohnt. Er lebt dort in großen Gesellschaften. Nach Schomburgk gehört er zu den am meisten verbreiteten Arten des Landes. Wie die dort vorkommenden Kapuzineraffen belebt er in zahlreichen Banden, zu hundert und mehr, nicht den Hochwald, sondern das Strauchwerk am Rande der Waldungen und geht

von der Küste bis zu einer Meereshöhe von 600 m. Nicht selten vereinigt er sich mit einer Herde Kapuzineraffen. Man findet ihn den Tag über in beständiger Bewegung. Die Nacht bringt er in Palmenkronen zu, welche ihm das sicherste Obdach bieten. Er ist sehr scheu und furchtsam, wagt es namentlich bei Nacht nicht, sich zu bewegen, ergreift aber auch bei Tage angesichts der leisesten Gefahr sogleich die Flucht. Dabei sieht man die Herde in langen Reihen über die Baumkronen hinwegziehen. Ein Leitaffe ordnet den ganzen Zug und bringt, dank der Beweglichkeit dieser Tiere, seine Herde gewöhnlich auch sehr bald in Sicherheit. Die Mütter, welche Junge haben, tragen diese anfänglich zwischen den Armen, später, nachdem die Kleinen etwas abgehärtet sind, auf dem Rücken. Solche Junge bemerkt

SS El NIh0 N

Totenköpfchen (Chrysothrix sciurea). ½ natürl. Größe.

man übrigens das ganze Jahr hindurch, woraus also hervorgeht, daß auch diese Affen bezüglich ihrer Fortpflanzung nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden sind.

Alle Bewegungen der Saimiris sind voll Anmut und Zierlichkeit. Sie klettern ganz vorzüglich und springen mit unglaublicher Leichtigkeit über ziemlich große Zwischenräume. In der Ruhe nehmen sie gern die Stellung eines sitzenden Hundes ein; im Schlafen ziehen sie den Kopf zwischen die Beine, so daß derselbe die Erde berührt. Der Schwanz dient ihnen nur ausnahmsweise anders denn als Steuerruder beim Springen. Sie wickeln ihn zwar zuweilen um einen Gegenstand, sind aber doch nicht im stande, sich damit festzuhalten. Ihre Stimme besteht in einem mehrmals wiederholten Pfeifen. Wenn ihnen etwas Unangenehmes widerfährt, beginnen sie zu klagen und zu winseln. Auch morgens und abends vernimmt man derartige Laute, oft von einer ganzen Gesellschaft, und selbst in der Nacht noch gellt der Schrei der leicht erregten Tiere durch den Wald, das schlummernde Leben

Totenköpfchen (Chrysothrix sciurea). ½ natürl. Größe.

desselben weckend. „Befragt man die Indianer“, sagt Humboldt, „warum die Tiere des Waldes zu gewissen Stunden einen so großen Lärm erheben, so geben sie die lustige Antwort: ‚Sie feiern den Vollmond“. Ich glaube, die Ursache rührt meist daher, daß sich im inneren Walde irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguare z. B. machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapire, welche nur Schutz finden, indem sie beisammenbleiben und, in gedrängten Rudeln dahinjagend, das ihnen in den Weg kommende Gebüsch niederreißen. Die Affen, scheu und furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab das Geschrei der größeren Tiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vögel auf, und nicht lange, so ist die ganze Gesellschaft in Aufruhr.“ |

Der Totenkopf gehört zu den Furchtsamsten der Furchtsamen, solange er sich nicht von seiner vollkommenen Sicherheit überzeugt hat, wird aber zu einem echten Affen, wenn es gilt, handelnd aufzutreten. Er ähnelt einem Kinde in seinem Wesen, und kein anderer Affe sieht auch im Gesichte diesem so ähnlich wie er: „es ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln, derselbe rasche Übergang von Freude zur Trauer“. Sein Gesicht ist der treue Spiegel der äußeren Eindrücke und inneren Empfindungen. Wenn er erschreckt wird, vergießen seine großen Augen Thränen, und auch Kummer gibt er durch Weinen zu erkennen. „Setzt man“, sagt Humboldt, „mehrere dieser kleinen Affen, welche in demselben Käfig beisammen find, dem Regen aus, und fällt die gewöhnliche Luftwärme rasch um 2—3 Grade, so schlingen fie sich den Schwanz um den Hals und verschränken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwärmen. Die indianischen Jäger erzählten uns, man finde in den Wäldern nicht selten Haufen von 10— 12 solcher Affen, welche erbärmlich schreien, weil alle auswärts stehenden in den Knäuel hineinmöchten, um Wärme und Schutz zu finden.“ Auch in der Gefangenschaft klagt und jammert der Saimiri bei der unbedeutendsten Veranlassung. Seine Empfindlichkeit und Reizbarkeit sind gleich groß; doch ist er nicht eigenwillig, und seine Gutmütigkeit bleibt sich fast immer gleich, so daß es eigentlich schwer ist, ihn zu erzürnen. Auf seinen Herrn achtet er mit großer Sorgfalt. Wenn man in seiner Gegenwart spricht, wird bald seine ganze Aufmerksamkeit rege. Er blickt dem Redenden starr und unverwandt ins Gesicht, verfolgt und beobachtet mit seinen lebhaften Augen jede Bewegung der Lippen und sucht sich dann bald zu nähern, klettert auf die Schulter und betastet Zahn und Zunge sorgfältig, als wolle er dadurch die ihm unverständlichen Laute der Rede zu enträtseln suchen.

Continue reading
Page 71 of 188