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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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einer solchen Stelle, dann flogen sie von ihrem Ruheorte von selbst weg oder wurden durch die Indianer dazu genötigt, welche sie mittels der Ruder mit Wasser bespritzen. Nun strichen sie einige Male an den Ufern auf und ab und setzten sich darauf an ihrem alten Platze wieder an.“ Daß die Fledermäuse bedeutende Hitzegrade aushalten können, beweisen uns schon diejenigen unter ihnen, welche auf Dachböden, unter Kirchendächern und an ähnlichen Orten den Tag verbringen, unbekümmert um die drückende Wärme, welche hier zu herrschen pflegt, noch mehr aber die südländischen Arten. Ein Grämler (Nyetinomus brasiliensis), die häufigste Fledermaus Südbrasiliens, lebt, laut Hensel, „oft in großer Menge unter den Schindeldächern alter Häuser und kann einen unglaublichen Hitzegrad aushalten, da namentlich im Sommer die Schindeln durch den Sonnenschein so erhitzt werden, daß man sie mit bloßen Füßen, ohne Schaden an diesen zu erleiden, nicht betreten könnte“. Auch das dichte Zusammendrängen der Fledermäuse, durch welches ein bedeutender Wärmegrad entwickelt werden muß, gibt anderweitige Belege für diese Thatsachen. Die meisten Arten werden durch rauhe Witterung, Regen oder Wind in ihren Schlupfwinkeln zurückgehalten; andere fliegen zwar an kalten Abenden, immer aber nur kurze Zeit, und kehren so schnell wie möglich wieder nach ihren Schlafplätzen zurück. Hierbei spricht allerdings der Umstand mit, daß an rauhen Abenden ihr Umherfliegen mehr oder weniger nutzlos ist, weil dann auch die Kerbtiere sich verborgen halten und ebenso der einigermaßen heftige Wind ihren Flug ungemein erschwert, da bekanntlich bloß die schmalflügeligen Arten einem einigermaßen heftigen Luftzuge Trotz bieten können. Haacke beobachtete in Südaustralien monatelang eine Fledermaus, welche regelmäßig an einem bestimmten Platze hinter einem Fensterladen den Tag zubrachte. Erhob sich aber während der Nacht ein Sturm, so blieb ebenso = mäßig am folgenden Tage ihr Schlafplatz leer.

Mit Eintritt der Kälte fallen alle Fledermäuse, welche in höheren Breiten leben, in einen mehr oder weniger tiefen Winterschlaf von längerer oder kürzerer Dauer, entsprechend dem strengeren oder milderen Klima ihrer Heimat. Mit Beginn der rauhen Jahreszeit sucht jede Art einen vor den Einflüssen der Witterung möglichst geschützten Schlupfwinkel auf: Höhlen, Kellergewölbe, warme Dächer, Dachsparren in der Nähe von Essen und der gleichen. Diejenigen Arten, welche noch am wenigsten empfindlich gegen Kälte sind, unterbrechen den Winterschlaf bisweilen, erwachen und fliegen in ihren geschützten Schlupfwinkeln hin und her, anscheinend weniger um Beute als um sich Bewegung zu machen. Einzelne kommen wohl auch ins Freie und flattern eine Zeitlang über der schneebedeckten Erde umher; die Mehrzahl aber schläft ununterbrochen. „Die Orte“, sagt Koch, „welche die Fledermäuse zu ihrem Winterschlafe wählen, sind nach den Arten verschieden und stimmen zwar manchmal, doch bei weitem nicht immer mit denen überein, an welchen sie sich zur täglichen Ruhe im Sommer niederlassen. So sind z. B. die Blattnasen an Sommertagen in denselben Höhlen anzutreffen, in denen sie auch ihren Winterschlaf halten, so rasten die Buschsegler (Nanugo) gewöhnlich in Ritzen derselben Gebäude, in denen sie im Winter | sich tief zurückziehen, und dergleichen Beispiele mehr; während die Mäuseohren oder Nachtschwirrer (Myotus murinus), welche im Sommer in zahlreichen Gesellschaften auf Kirchen- | speichern hausen, ihren Winterschlaf vereinzelt in Höhlen und Gruben halten, oder die | Gleichohren (Isotus), welche während des Sommers in Bäumen rasten, im Winter in ||Gruben und Höhlen teils frei hängen, teils in Ritzen sich einklemmen. Dasselbe ist bei vielen anderen einheimischen Arten der Fall. Aber auch bei den Fledermäusen südlicher f Breiten finden wir, daß der Aufenthalt während ihrer Zurückgezogenheit in der Regenzeit oder dem kurzen gelinden Winter vielfach anders gewählt wird als während der trockenen Zeit: so bewohnt keine Fledermaus das Blätterdach der Bäume während der Regenzeit; so ziehen sich die Blutsauger von den offenen Viehställen in geschlossene Gebäude und Höhlen

zurück; so wandern die Grämler nach unterirdischen Bauten und Höhlungen, wie die Stummelschwänze in Baumlöcher sich verkriechen. Entschieden die meisten Fledermäuse bewohnen während des Winterschlafes Höhlen und alte unterirdische Räume, diejenigen Arten, welche auch im Sommer an diesen Aufenthaltsorten sich befinden, beziehen aber, für den Winter wenigstens, andere Stellen oder, wo sie die Auswahl haben, sogar andere Höhlen und Gruben. Im Sommer halten sie sich mehr in kleinen Räumen in der Nähe der Eingänge auf, hier in Spalten, Ritzen und engen Domen sich versteckend, gerade wie da, wo sie in offenen Felsspalten sitzen; im Winter dagegen findet man sie mehr in größeren und tieferen Räumen, worin sie sich in die hinteren Teile, in welche der Frost nicht eindringen kann, zurückziehen. Nur wenige Arten sitzen auch während des Winterschlafes in ihren gewohnten Ritzen. „Die Stellung, in welcher die Fledermäuse ihren Winterschlaf halten, ist eine sehr verschiedene und für einzelne Gruppen und Sippen bezeichnende; die einfachste und regelmäßigste Haltung während des Winterschlafes ist die, daß sie sich an den Krallen der Hinterfüße aufhängen und die Flügel seitlich andrücken. Viele hängen dabei frei schwebend unter einer Decke oder einem Gewölbe, die meisten in ähnlicher Weise an den Wänden, ein anderer Teil benutzt auch die Vorderglieder mit als Stütze, und so lassen sich noch eine Reihe Veränderungen in der Stellung und Lage aufführen. Unter den die wärmeren Länder bewohnenden Fledermäusen gibt es einige Arten, welche in dem Zustande der Zurückgezogenheit, wie auch bei ihrer gewöhnlichen Tagesruhe, die Flügel mehr oder weniger ausbreiten und mit ihnen sich gleichsam einen Halt verschaffen. Ein großer Teil der Blattnasen nimmt eine so merkwürdige Stellung ein, daß man sie im Vorübergehen eher für Pilze als für Tiere halten möchte. Sie find ganz in ihre Flughäute eingeschlagen, hängen frei an den beiden Hinterfüßen, die Schenkelflughaut ist nach dem Rücken hin umgeschlagen, die Vorderarme bilden einen Rückenkeil und liegen dicht aneinander, Flanken- und Fingerflughäute umschließen den Leib in der Weise, daß die Fingerspitzen nach oben stehen, der Daumen dient mit zum Verschlusse, und nur die Nase tritt hervor, wird aber während des festen Winterschlafes auch zurückgezogen. Fast ebenso verschiedenartig ist die Lage der Ohrenhäute. Viele Fledermäuse strecken die Ohren möglichst aus und heben den Deckel dabei, gleichsam als ob sie bei der geringeren Nerventhätigkeit während des Winterschlafes jene Organe empfindlicher machen wollen; andere krümmen die Ohren mehr oder weniger ein; wieder andere drücken den Deckel fest auf die innere Offnung des Ohres; die Ohrenfledermaus legt die langen Ohren unter die seitlich angedrückten Flügel ꝛc.“

Was von der Geselligkeit der Fledermäuse gesagt wurde, gilt auch im allgemeinen während ihres Winterschlafes. Es gibt Gattungen, welche ausnahmslos gesellig überwintern und nicht nur nebeneinander, sondern auch in mehreren Lagen dicht aufeinander hängen, mitunter in Gruppen von verschiedenen Formen, zusammen zu mehreren Hunderten von Stücken. Andere gesellig überwinternde Gattungen bedecken ganze Wände und Flächen im Inneren hohler Bäume, wo sie getrennt nebeneinander hängen; andere überwintern vereinzelt und finden sich niemals in Gesellschaft; wiederum andere werden ebensowohl einzeln als gesellig angetroffen. „Es ist eine bemerkenswerte und physiologisch höchst auffallende Erscheinung“, fährt Koch fort, „daß ein so gefräßiges Tier, wie die Fledermaus, welches während seines Wachseins so vieler Nahrung bedarf, über ein Drittel seines Lebens ohne alle Nahrung bestehen kann, und daß bei einer auf das geringste beschränkten Thätigkeit der Ernährungswerkzeuge und des Stoffwechsels in einer warmen und feuchten Atmosphäre die Weichteile so lange kräftig bleiben und bestehen können, ohne wesentliche stoffliche Veränderungen zu erleiden. Die Blutwärme der Fledermäuse beträgt in unserem europäischen Klima während ihres

Lebens im Sommer immer über 32 Grad Celsius (25,6 Grad Réaumur); in südlichen Klimaten ist dieselbe weit höher, und selbst bei uns habe ich im Monate Juni beim Mäuseohr 36 Grad Celsius Blutwärme gemessen. Diese Blutwärme sinkt während des Winters sehr bedeutend, und der Grad des Herabsinkens ist mehr oder weniger abhängig von der Luftwärme. Bei den Bewohnern wärmerer Länder, deren Blutwärme bisweilen über 40 Grad Celsius erreicht, ist der Unterschied gegen den Winter oder die Regenzeit verhältnismäßig nicht so bedeutend wie bei unseren nordischen Arten, bei denen die niedere Luftwärme so außerordentlich beeinflußt und die Blutwärme jo weit herabsinkt, daß die Fledermäuse er-starren und nicht wieder zum Leben erwachen. Die niedrigste Blutwärme fand ich bei der Mopsfledermaus, welche überhaupt ziemlich unempfindlich gegen Witterung zu sein scheint, indem sie für den Winterschlaf immer die vorderen Teile der Höhlen, Gruben und Gebäude bezieht, wo sie kaum vor Kälte geschützt erscheint. Bei Stücken, welche in dem Gewölbe des Dillenburger Schlosses zwischen Steinen, an denen über fußlange Eiszapfen hingen, überwinterten, betrug die Blutwärme noch volle 12 Grad Celsius. Dagegen habe ich niemals an geschützteren Stellen Fledermäuse beobachtet, deren Blutwärme so tief stand; dieselbe betrug vielmehr immer zwischen 14 und 18 Grad, in vielen Fällen, namentlich zu Anfang des Winters, sogar 20 Grad und darüber, von höheren Wärmegraden gleich nach Beginn des Winterschlafes nicht zu reden. Ebenso sinkt die Blutwärme nach meiner Erfahrung ständig mit der Dauer des Winterschlafes, und die schlafende Fledermaus erwacht, wenn dies Sinken einen gewissen Grad erreicht hat, welcher nach meiner Messung, je nach der Natur einer bestimmten Art, zwischen 12 und 18 Grad Celsius schwankt. In tiefen Gruben und Höhlungen, wo die meisten Fledermäuse überwintern, kann nicht wohl nach dem Begriffe und der Erfahrung an den menschlichen Sinnen eine Ahnung der äußeren Luftwärme angenommen werden; auch ist bei den ununterbrochen winterschlafenden Fledermäusen eine Zeitrechnung, wonach sie die Dauer des Schlafes bemessen könnten, undenkbar: daher muß eine bestimmt ausgeprägte physiologische Ursache ihr endliches Erwachen bedingen, und diese scheint mir in dem für jede Art feststehenden tiefsten Punkte der Blutwärme zu liegen. Damit stimmt auch die mehrfach gemachte Beobachtung überein, daß die Fledermäuse, welche sich an wenig geschützten Orten befinden, mitten im Winterschlafe erwachen und rege werden, sobald die äußere Wärme und damit die Blutwärme früher herabsinkt. Erfrorene Fledermäuse habe ich mehrfach in Stollen gefunden, wo ein starker Wetterzug die Kälte tief eindringen ließ, oder aber an zu kurzen Stollen, wo sie vor der eindringenden Kälte keinen Schutz fanden. Diese erfrorenen Fledermäuse aber waren nicht mehr in der ihnen für den Winterschlaf eigentümlichen Stellung, sondern ihre Flügel mehr oder weniger ausgebreitet, und fie lagen teilweise in einer solchen Stellung am Boden. Auch in der für den Winterschlaf eigentümlichen Stellung habe ich im Frühjahre tote Fledermäuse gefunden; sie aber waren eingetrocknet und nicht von Kälte erstarrt. Dieselbe Erscheinung hat man ebenso, wenn man Fledermäuse während des Winterschlafes oder kurz vor demselben in Zimmer oder dergleichen Räume bringt, in denen die Wärme niedrig genug ist, daß sie in ihrem bewußtlosen Zustande verbleiben oder wieder in denselben verfallen. Diese Thatsache spricht dafür, daß die Fledermäuse beim Winterschlafe eine gewisse Wassermenge durch die Atmung in sich einführen. Bevor sie in ihren bewußtlosen Zustand verfallen, erscheinen sie sehr wohl genährt und haben viel Fett zwischen dem Muskelfleische und der Haut wie auch zwischen den Gedärmen. Bei einzelnen Arten, namentlich bei den Blattnasen, ist die Fettmasse oft so bedeutend, daß sie die Fleischteile anAusdehnung und Gewicht übertrifft. Im Anfange des Winters ist das Fett sehr flüssig und rein weiß; gegen Anfang Januars bemerkt man schon eine Abnahme der Fettschichten und ebenso eine stoffliche Veränderung, indem das Fett weniger flüssig und dunkler, von durchziehenden Gefäßen bisweilen rötlich

| Blutwärme. Fortpflanzung. Trennung der Geschlechter. 333

gefärbt erscheint. Das Fett nimmt nun immer mehr und mehr an Masse ab und wird dabei immer dunkler und weniger flüssig, und gegen Ende des Winters, etwa im Anfange März, erscheint der letzte Rest dunkelbraungelb mit roten Adern unterlaufen. Durchschnittlich habe ich gefunden, daß eine Fledermaus während des Winterschlafes etwa ein Sechstel bis ein Fünftel ihres Gewichtes verliert. Diese Abnahme ist größtenteils durch den Fettverbrauch veranlaßt; doch nimmt auch die Fleischmasse dabei mehr oder weniger ab. Das Fett dient nicht zur Nahrung, sondern zum Atmen, wodurch die nötige Luftwärme erzeugt und erhalten wird; wie aber der Stoffwechsel notdürftig unterhalten bleibt, darüber schwebt noch ein gewisses Dunkel. Notwendig für die Erhaltung des winterschlafenden Tieres ift die Zuführung von Wasser; denn die Ausscheidungen der Nieren und der Haut gehen ihren Gang fort, wenn auch ungleich langsamer als bei dem belebten Tiere. Fledermäuse, welche in einer trockenen Luft sich befinden und deshalb keinen Wasserdampf einatmen können, vertrocknen im Winterschlafe, so merkwürdig und wunderbar es auch scheinen will, daß die Lunge gerade eine entgegengesetzte Thätigkeit verrichtet als bei dem lebenden Tiere, bei welchem der Hauch Wasser aus dem Blute hinwegführt. Während des Winterschlafes werden die abgängigen Teile des Körpers langsam, aber in ziemlich regelrechter Weise abgeschieden, wobei die dazu bestimmten Organe alle in Thätigkeit zu bleiben scheinen. In den Darmschlauch tritt Galle ein; die Harnblase füllt sich nach und nach mit Harn an, welcher gegen Ende des Schlafes dunkler gefärbt erscheint und erst nach dem Erwachen entleert wird; die ausscheidenden Drüsen der Haut scheinen während des bewußtlosen Zustandes ihre Wirksamkeit in besonders lebhafter Thätigkeit zu erhalten ꝛc. Aber je niedriger die Wärme des Körpers sinkt, desto langsamer kann dieser Prozeß vor sich gehen, und scheint damit das Erwachen infolge gesunkener Blutwärme zusammenzuhängen.“

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