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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Der Flug der Zwergfledermaus zeichnet sich durch große Gewandtheit aus, erscheint jedoch der geringen Größe des Tieres entsprechend, wie Altum passend sich ausdrückt, kleinlich behende. Die Höhe ihres Fluges ist nach Angabe dieses Beobachters sehr verschieden. Sie jagt vorübergehend niedrig über dem Wasserspiegel kleiner Teiche umher, huscht häufiger zwischen den Stämmen von Baumgruppen hindurch und flattert, namentlich an heiteren Abenden, in einer Höhe von 15—20 m. In der Stadt, wo sie sehr zahlreich auftritt, hält sie meist die Höhe des zweiten Stockwerkes inne. Auf den Straßen fliegt sie nicht eine größere Strecke in der Mitte derselben, sondern vorzugsweise nahe bei den Gebäuden auf und nieder, schwirrt aber nicht über die höheren Dächer hinweg. Auf dem Lande ist sie bei jedem Gehöfte oder doch nicht weit von demselben entfernt anzutreffen. Auf den Hofräumen der Landgüter treibt sie sich stets umher, die Winkel und Ecken der Gebäude, Innenräume der offenen Böden und Stallungen planmäßig absuchend. Gern auch fliegt sie in offene, erleuchtete Zimmer, und unter Umständen können binnen wenigen Minuten hier 20— 30 Stück sich sammeln. „Vielleicht“, sagt Altum, „ist es Zufall, daß fie diesen Zimmern Besuche in Masse, zuweilen an denselben Abenden an verschiedenen Stellen macht. Eines Tages wurde mir von drei Stellen mitgeteilt, daß am vorhergehenden Abende eine große Menge Zwergfledermäuse plötzlich das erleuchtete Zimmer belebt hätten.“ Niemals aber begibt sie sich in niedrige und kleine Stuben, sondern stets nur in größere Säle und dergleichen. Dagegen vermeidet sie baumlose, freie Plätze oder zieht doch nur vorübergehend über diese weg. Die Begattung, welche Koch an Gefangenen beobachtete, geschieht in der oben geschilderten Weise unter merklicher Teilnahmlosigkeit der sonst gegenwärtigen Männchen. Im Mai bringen sie zwei, seltener nur ein einziges Junges zur Welt; Ende Juni oder im Juli sieht man die schon wohl entwickelten Kinderchen vereint mit ihren Müttern fliegen und kann sie, auch abgesehen von der Größe, noch sehr wohl von den Alten unterscheiden. Während diese sich in den mannigfaltigsten, gewandtesten Wendungen regen, flattern die Jungen, laut Altum, mit schnurrendem, rauschendem, aber wenig förderndem Flügelschlage in mehr oder weniger gerader Richtung fort, so daß ihr Flug eine auffallende Ahnlichkeit mit dem eines Tagschmetterlings erhält.

Zwergfledermäuse lassen sich bis zu einem gewissen Grade zähmen, halten wenigstens in der Gefangenschaft ziemlich gut aus, nehmen Milch an, fangen die ihnen vorgeworfenen

lebenden Kerbtiere und finden sich nach und nach darein, auch getötete, und selbst rohes und gekochtes Fleisch zu genießen. „Wir haben“, erzählt Koch, „einmal eine große Anzahl ziemlich am Ende des Winterschlafes in einen besonders dazu hergerichteten Behälter gesetzt und auf die angegebene Weise gefüttert. Im Anfange war die Sterblichkeit unter ihnen sehr groß; diejenigen aber, welche die erste Zeit überlebt hatten, hielten später lange und gut aus, bis wir unseren Zweck erreicht hatten und sie wieder in Freiheit setzen konnten. In diesem Behälter hatten wir eine Zwischenwand von engem Drahtgeflechte angebracht, um die Geschlechter getrennt zu halten. Diese wurde zur Zeit, in welcher wir die Tiere durch einen hellen Glasdeckel beobachteten, gehoben, danach wieder niedergelassen und die Geschlechter von neuem getrennt. Es währte über 3 Wochen, ehe es uns gelang, eine Begattung wahrzunehmen. Endlich beobachteten wir sie bei zwei verschiedenen Paaren an zwei aufeinander folgenden Abenden. Die begatteten Weibchen trennten wir von der übrigen Gesellschaft, um den weiteren Verlauf der Tragzeit zu beobachten; beide aber starben leider schon nach wenigen Tagen.“

Mehr als andere Flattertiere wird die Zwergfledermaus von allerlei Feinden bedroht. Man findet ihre Schädelreste in den Gewöllen verschiedener Tag- und Raubvögel, und nach Koch ist es namentlich der Turmfalke, welcher ihr nachstellt und sie jeder anderen Nahrung vorzuziehen scheint. Auch Marder, Iltis und beide Wiesel nehmen gar manche weg, und selbst die Mäuse arbeiten sich im Winter zu den Aufenthaltsorten unserer Flattertiere durch, überfallen sie und fressen sie auf. Der „schrecklichste der Schrecken“ für das in hohem Grade nützliche Tier, welches in unmittelbarer Nähe unserer Wohnungen unter den so schädlichen Motten, den Stechfliegen und anderen lästigen Kerfen aufräumt, ist leider „der Mensch in seinem Wahn“, der ungebildete, rohe, teilnahmlose Nichtkenner seiner besten Freunde, welcher aus Unverstand und Mutwillen die niedlichen, harmlosen und wohlthätigen Geschöpfe oft zu Hunderten freventlich umbringt.

Von den Buschseglern unterscheidet sich die Untergattung der Waldfledermäuse oder Waldsegler (Panugo) nur durch untergeordnete Merkmale. Das Gebiß beider stimmt vollkommen überein; der Ohrdeckel der Waldfledermäuse aber ist nach oben erweitert und erreicht seine größte Breite über der Mitte. Die Flughäute sind unterseits längs des ganzen Armes und um die Wurzel des fünften Fingers dicht behaart, während bei den Zwergfledermäusen nur in der Nähe des Rumpfes eine schwache Behaarung sich zeigt.

Als Vertreter dieser Gruppe gilt der Abendsegler oder die früh fliegende Fledermaus (Vesperugo [Panugo] noctula, Vespertilio noctula, proterus, lasiopterus, ferrugineus, macuanus), eine der größten europäischen Arten von 11 em Leibeslänge, wovon fast 4 cm auf den Schwanz zu rechnen find, und 37 em Flugweite, oben und unten mit einfarbigen, gleichmäßig rötlichbraunen, in der Jugend trüben Haaren bekleidet, auf den dickhäutigen Ohren und Flughäuten dunkelschwärzlichbraun gefärbt.

Der Abendsegler kommt von Norddeutschland und England an in ganz Europa vor, findet sich selbst im nordöstlichen, ja sogar im südlichen Asien, verbreitet sich also über einen großen Teil der Alten Welt, liebt aber mehr das Flachland und weite Thäler als bergige, hochgelegene Gegenden und tritt deshalb innerhalb seines Verbreitungsgebietes nur stellenweise in größerer Häufigkeit auf. Zur vorübergehenden Tagesruhe verbirgt er sich, laut Koch, am liebsten in Baumritzen, Spechtlöchern, Ställen, nicht betretenen Waldhäuschen und kleinen Schlupfwinkeln, welche man, wenn sie im Innern hohler Bäume liegen, daran erkennt, daß der Eingang glatt und fettig ist und einen eigentümlich unangenehmen Geruch bemerkbar werden läßt. Ahnliche Aufenthaltsorte wählen unsere Fledermäuse auch zu ihrem Winterschlafe, ziehen sich jedoch zu dieser Zeit ebenso nach Gebäuden, namentlich

Kirchenböden, alten, unbewohnten Schlössern und dergleichen Orten, zurück, wo sie dann, oft zu Hunderten in dicken Klumpen, dachziegelartig aufeinander hängen, falls sie nicht eine wirkliche Wanderschaft antreten. Kolenati beobachtete, daß die Abendsegler an der Donau zu Tausenden westwärts zogen, und Koch fügt dem hinzu, daß in den gebirgigen Teilen Süddeutschlands sie im Herbste zu verschwinden und erst gegen die Mitte des Sommers dahin zurückzukommen pflegen. „Im Winter haben wir den Abendsegler niemals beobachtet, obgleich wir seit Jahren uns genau mit Hilfe der Köhler und Holzsteller nach ihnen umgesehen haben, während im Juli und August diese an ihrem Fluge leicht kenntliche Fleder—

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Abendsegler (Vesperugo noctula). Natürl. Größe.

maus in den gleichen Gegenden eine seltene Erscheinung ist.“ An anderen Orten Deutschlands aber und selbst im Norden hat man sie während des Winters gefunden. Sie schart sich um diese Zeit mehr oder weniger massenhaft zusammen, vereinigt sich auch mit verwandten Arten, obwohl gerade sie keineswegs verträglich ist. Der Winterschlaf beginnt ziemlich früh und dauert ununterbrochen fort bis spät in das Frühjahr, welche Erscheinung mit ihrem gegen Kälte und rauhe Witterung sonst so unempfindlichen Wesen in einem gewissen Widerspruche steht. Auch die Fortpflanzung fällt in die späteren Frühlingsmonate; die beiden Jungen, welche das Weibchen wirft, lassen daher auch noch bei Beginn des Winterschlafes leicht von den Alten sich unterscheiden.

Unter allen einheimischen Fledermäusen ist die Abendfledermaus die kräftigste; sie fliegt am höchsten und kommt abends am ersten zum Vorschein. Nicht selten sieht man sie schon einige Stunden vor Sonnenuntergang und, falls man so sagen darf, oft genug im Kampfe mit Raubvögeln. Durch ihre schnellen Wendungen weiß sie aber fast allen Angriffen sehr

Abendſegler (Vesperugo noctula). Natürl. Größe.

geschickt zu entgehen; nicht einmal der behende Baumfalke (Falco subbuteo), welcher doch sogar die Schwalben fängt, vermag ihr beizukommen. Man darf unter allen Fledermäusen sie die gewandteste nennen. „Mit raschen, fast zitternden Flügelschlägen“, sagt Altum, „umschwirrt sie fast unheimlich schnell die höchsten Baumwipfel, bald hierhin, bald dorthin sich schwenkend, bald in größeren Zickzacklinien ein Kerbtier verfolgend, bald ohne Flügelschlag mehrere Fuß weit fortschießend, bald wie im Gaukelspiele gleichfalls um einige Fuß sich herabstürzend, um sofort wieder mit dem augenblicklich unterbrochenen Fluge fortzufahren.“ Ihre Nahrung besteht in den verschiedensten Kerbtieren aller Art, und auch sie zählt zu den nützlichsten unserer Säugetiere. Von Feinden wird sie weniger heimgesucht als ihre Verwandten; doch fand man im Gewölle der Schleiereule auch ihren Schädel vor. Verderblicher als lebendes Getier wird ihr der Winter: Altum versichert, daß er sie häufiger als alle anderen Arten erfroren gefunden habe.

Gewissermaßen ein Übergangsglied von den Glatt- zu den Blattnasen bildet die Gattung der Breitohren (Synotus), kaum weniger absonderlich aussehende Geschöpfe, als die Blattnasen es sind. Die über dem Scheitel miteinander verwachsenen Ohren verleihen dem Gesichte einen eigentümlichen Ausdruck. Ihre Außenränder erstrecken sich über den ganzen Mundwinkel hinaus nach vorne vor und enden zwischen Auge und Oberlippe; der Innenrand ist ziemlich gleichmäßig gerundet und von der Mitte an etwas stärker nach außen gebogen, der Außenrand tief ausgebaucht, der fast gerade Ohrdeckel von der Wurzel an stark verschmälert und im Grunde des Außenrandes mit deutlich vorspringenden Zähnen versehen. Die Flügel kennzeichnen sich durch ihre Schlankheit und Länge; das Sporenbein an der Ferse des Hinterfußes trägt einen abgerundeten, nach außen vorspringenden Hautlappen. Der Schwanz ist etwas länger als der Leib. Im Gebiß finden sich 34 Zähne und zwar in jedem Kieferaste des Oberkiefers 2 durch eine Lücke getrennte Vorderzähne, im Unterkiefer 6 geschlossene Schneidezähne, außerdem in jedem einzelnen Kiefer hinter den starken Eckzähnen 2 einspitzige und 3 vielspitzige Backenzähne oder 1 Lückzahn und 4 Backenzähne.

Die Mopsfledermaus (Synotus barbastellus, Vespertilio barbastellus, Barbastellus communis, daubentonii) ist 9 cm, ihr Schwanz 5 cm lang und klaftert 26 cm. Die Oberseite des Pelzes hat dunkelschwarzbraune, die Unterseite etwas heller graubraune, das einzelne Haar an der Wurzel schwarze, an der Spitze fahlbraune Färbung, die dickhäutigen Flughäute und Ohren sehen schwarzbraun aus.

Man kennt die Mopsfledermaus, laut Blasius, aus England, Frankreich, Italien, Deutschland, Schweden und der Krim. „Auch habe ich sie“, sagt unser Gewährsmann, „in Ungarn und im mittleren Rußland beobachtet und an den Alpen an verschiedenen Punkten bis zu den letzten Sennhütten hinauf angetroffen. So kommt sie am St. Gotthard, im Otz⸗ und Fassathale, in den Tauern und Julischen Alpen vor; auch im Harz ist sie bis zu den höchsten bewohnten Punkten nicht selten.“ Nach Koch liebt fie besonders Gebirgsgegenden und sehr waldreiche Orte, tritt aber niemals gesellig auf und hängt sich auch während des Winterschlafes nur ausnahmsweise zu zweien oder dreien zusammen, obgleich sie sehr verträglich ist und weder mit ihresgleichen hadert, noch andere Fledermausarten stört oder durch diese sich stören läßt. Zur vorübergehenden Tagesruhe verbirgt sie sich am liebsten in Mauerritzen, seltener hängt sie sich frei an dunkeln Stellen von Felswänden oder in Gewölben und dergleichen Orten an. Nach Kolenati ist es wahrscheinlich, daß auch sie wandert, da sie in einzelnen Wintern an Orten, welche sie während des Sommers in ziemlicher Anzahl bewohnt, nur selten gefunden wird. Der Winterschlaf der Mopsfledermaus beginnt, laut Koch, erst bei vorgerückter, winterlicher Jahreszeit, mitunter tief

im November, ist ein sehr leichter und unterbrochener und endet schon sehr früh, bei Beginn der ersten warmen Tage im Monat März oder schon Ende Februar. Bei anhaltendem Froste hält sie sich allerdings länger in ihrem Verstecke, ohne aber in der eigentlichen Bewußtlosigkeit des Winterschlafes zu verharren. Am liebsten bezieht sie alte Gewölbe, Keller, Kasematten, Burgverließe, Bergwerke und Felsenhöhlen, wogegen sie zu Kalkhöhlen keine besondere Neigung zu haben scheint und diese nur aufsucht, wenn keine andere, bessere Gelegenheit in der Nähe ist. Während des Winterschlafes hängen sie meist an den Hinterbeinen mit dem Kopfe nach unten; jedoch mehr an den Seitenwänden als an der Decke,

dort mit den Vorderbeinen eine Stütze bildend, die Männchen meist ganz frei, die Weibchen zurückgezogen in Spalten. Weder in Gewölben noch in Bergwerken oder Höhlen geht die Mopsfledermaus weit in die Tiefe, wird vielmehr gewöhnlich gleich am Eingange, mitunter so nahe zu Tage gefunden, daß sie sowohl der Frost wie das Tageslicht erreicht. Koch hat sie wiederholt an solchen Orten angetroffen, wo sie, eingeschlossen von tropfsteinartigen Eiszapfen, in flachen Vertiefungen der Mauern hing. Bei gelindem Wetter unternimmt sie in ihren Herbergen kürzere Ausflüge und jagt dann namentlich auf Schmetterlinge, welche hier ebenfalls überwintern.

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