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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 24

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verursacht, in dessen Gebisse die Schneidezähne klein, die Eckzähne aber groß und spitz sind, so daß man an der gebissenen Stelle gewöhnlich vier Löcher bemerkt, welche von den Eckzähnen herrühren. Bei den von einem Raubtiergebisse verursachten Wunden ist in der Regel kein Stoffverlust vorhanden, und eine Blutung findet nur statt, wenn die Eckzähne tief eingedrungen sind und größere Gefäße verletzt haben. Nach dem Bisse kleiner Raubtiere, des Wiesels z. B., quillt auch nur eine sehr unbedeutende Menge Blut hervor, und die Wundränder schließen sich bald. „Das Gebiß der meisten Blattnasen gleicht durch die Kleinheit der Schneidezähne und die Größe der Eckzähne vollkommen dem der Raubtiere, und die von ihnen herrührenden Wunden haben ganz das eben beschriebene Gepräge, wie man dies sehr leicht bei dem Fange dieser Tiere, welche sehr bissig sind, beobachten kann. Die Wunden aber, welche man an den von Blutsaugern gebissenen Pferden oder Maultieren untersucht, sind von ganz anderer Beschaffenheit. Sie stellen eine kleine eiförmige Fläche vor, welche nur schwach vertieft ist und an Umfang etwa dem einer Linse gleicht. Die Schnittfläche ist nicht senkrecht gegen die Oberfläche der gebissenen Stelle gerichtet, wie dies bei Wunden durch Eckzähne der Fall sein würde, sondern geht ihr im ganzen parallel. Man könnte eine ähnliche Wunde hervorbringen, wenn man die Haut mit einer Greifzange etwas in die Höhe ziehen und nun, mit einem Messer wie beim Rasieren über die Haut fahrend, die hervorgehobene Stelle wegschneiden würde. Durch einen solchen Schnitt oder Biß, mit welchem immer ein Stoffverlust verbunden ist, wird eine große Anzahl feiner Hautgefäße durchschnitten, und es tritt sofort eine reichliche und lange dauernde Blutung ein. Wenn auch die Pferde am Abend oder in der Nacht von Blutsaugern gebissen wurden, so fließt nicht selten noch am nächsten Morgen das Blut in einem schmalen Streifen vom Halse der gebissenen Tiere zur Erde oder über die Schulter und an den Vorderbeinen hinunter. Solche Wunden können nur durch große, eigentümlich schaufelförmig gebaute und dabei scharfe Schneidezähne hervorgebracht werden. Ein solches Gebiß aber findet sich bloß bei den miteinander nahe verwandten Gattungen der Schneidflatterer (Desmodus) und Kammzahnflatterer (Diphylla). Ich habe daher die bestimmte Überzeugung, daß einzig und allein diese beiden Sippen unter allen Fledermäusen Blutsauger sind, und daß alle Erzählungen von anderen blutsaugenden Flattertieren auf Irrtum oder Mißverständnissen beruhen.“

Wie aus dem Nachfolgenden mit gar nicht anzuzweifelnder Sicherheit hervorgeht, ist die Folgerung Hensels irrtümlich, und er würde es jedenfalls vermieden haben, sich so bestimmt auszusprechen, hätte er sich daran erinnert, daß auch unsere europäischen, ja selbst deutsche Arten der Blattnasenfamilie erwiesenermaßen Blutsauger sind. Doch nimmt dieser Irrtum den Angaben Hensels meiner Ansicht nach nicht das geringste von ihrem Werte. „Zugleich mit dem Schneidflatterer“, fährt Hensel fort, „kommen noch andere Blattnasen vor; allein niemals zeigten die Pferde der Umgegend andere Wunden als die von jenem erhaltenen. An Rindern habe ich die Bißwunden niemals bemerkt, da diese Tiere ein zu starkes Fell haben; doch mag der Blutsauger wohl auch an sie gehen, wenn es an Pferden fehlen sollte. „Daß mehrere Blutsauger an derselben Wunde nacheinander saugen sollten, erscheint sehr unwahrscheinlich, weil alle ihre Schlupfwinkel ungefähr zu gleicher Zeit verlassen und wohl auch ein gleich großes Nahrungsbedürfnis haben. Da das Pferd in Amerika nicht einheimisch ist, so geht schon daraus hervor, daß die Blutsauger ursprünglich auf eine andere Nahrungsquelle angewiesen sind. Die größeren Tiere des Waldes, wie Rehe, Anten, Capybaras, sind gewiß durch ihre Lebensweise und den Aufenthalt in fast undurchdringlichen Dickichten oder im Wasser, und andere, wie die Affen, durch ihre Geschicklichkeit vor den Bissen der Blutsauger geschützt; es bleibt daher nur die Annahme übrig, daß diese gewöhnlich

kleinere, warmblütige Tiere, Mäuse, Vögel, fangen, um ihnen das Blut auszusaugen, und bloß in Ausnahmefällen auf Pferde oder Maultiere gehen. Daß sie nur von Blut, nicht aber auch von Kerbtieren leben, geht schon aus der fast vollständigen Verkümmerung ihrer Backenzähne hervor, welche zum Kauen ganz ungeeignet sind. Auch findet man stets ihre Eingeweide angefüllt mit einem schwarzen, pechartigen Brei, dem verdauten Blute. Der Kot ist ebenfalls schwarz und zähflüssig. Wenn es beginnt dunkel zu werden, so verlassen die im äußersten Hintergrunde der finsteren Höhle in den Spalten des Gesteins verborgenen Fledermäuse ihre Schlupfwinkel, begeben sich aber noch nicht ins Freie, sondern versammeln sich erst nahe dem Eingange der Höhle an einer geeigneten Stelle, wo sie den Eintritt vollständiger Dunkelheit abwarten und sich unterdes der flüssigen Losung entledigen. Daher findet man hier den Boden mit einer dicken Lage, einer Masse wie Pech von dem bekannten Fledermausgeruche, überdeckt, welche in einer von mir besuchten Höhle wohl einen Fuß Tiefe hatte. Ein großer Hund, welcher hineingetreten war, sah nachher aus, als habe er schwarze Stiefeln angezogen.“

Ich bin auch hinsichtlich dieser Angabe anderer Ansicht als Hensel. Die Annahme, daß verzehrtes Blut einen flüssigen Kot geben müsse, ist falsch, wie jede mit Blut genährte Katze, jeder Hund zur Genüge beweisen kann. Ich glaube deshalb vielmehr, daß der flüssige Kot von gefressenen Früchten herrührt, da es ja ausgemacht ist, daß auch die Blattnasen solche verzehren.

Außer den von Gesner erwähnten Spaniern und dem gewissenhaften Azara sind übrigens auch noch andere Reiseberichter von Blutsaugern gebissen und angezapft worden; so auch Bates, welcher 11 Jahre in Brasilien verlebte. Während seines Aufenthaltes in Caripe bewohnte er ein Zimmer, welches seit Monaten nicht gebraucht worden und an verschiedenen Stellen offen war. „In der ersten Nacht“, so erzählt er, „schlief ich fest und bemerkte nichts Ungewöhnliches; in der zweiten hingegen wurde ich etwa gegen Mitternacht durch das Rauschen erweckt, welches ein zahlreicher im Inneren des Raumes hin- und herfliegender Schwarm von Fledermäusen verursachte. Sie hatten meine Lampe ausgelöscht, und ich bemerkte, als ich sie wieder angezündet hatte, daß die Luft mit ihnen belebt war und der ganze Raum förmlich geschwärzt erschien durch die Menge, welche ununterbrochen rund umherkreiste. Nachdem ich mich einige Minuten lang mit einem Stocke gegen sie gewehrt hatte, verschwanden sie zwischen den Dachziegeln; kaum aber war alles wieder ruhig, als sie von neuem erschienen und mir nochmals das Licht verlöschten. Ich bekümmerte mich nicht mehr um sie und schlief weiter. In der folgenden Nacht fanden mehrere von ihnen in meiner Hängematte sich ein; ich griff einige von denen, welche auf mir herumkrabbelten und warf sie gegen die Mauer des Zimmers. Bei Tagesanbruch fand ich eine unzweifelhaft von Fledermäusen herrührende Wunde an meiner Hüfte. Dies war mir denn doch zu ungemütlich, und ich machte mich deshalb mit den Negern darüber her, fie zu vertreiben, schoß eine ziemliche Anzahl, welche im Gebälke hingen, ließ die Neger mit Leitern von der Außenseite das Dach besteigen und von ihnen verschiedene Hunderte Alte mitsamt ihren Jungen umbringen. Alles in allem waren vier Arten vorhanden, zwei von ihnen gehörten zu den Grämlern (Dysopes), eine zu den Vampiren (Phyllostoma) und die vierte zu den Blattzünglern (Glossophaga). Der Vampir war ein kleines Geschöpf von dunkelgrauer Färbung mit zwei weißen Streifen über dem Rücken und einem wohlentwickelten Nasenblatte. Mit Ausnahme dieses einen Males wurde ich niemals wieder von Fledermäusen angegriffen. Die Thatsache, daß sie schlafenden Leuten Blut aussaugen, ist gegenwärtig unzweifelhaft festgestellt; es gibt aber nur wenige Leute, welche wirklich von ihnen geschröpft worden sind. Nach Angabe der Neger ist der Vampir die einzige Art, welche den Menschen angreift. Diejenigen Fledermäuse, welche ich gefangen hatte, während sie auf mir herumliefen, waren Grämler, und ich bin deshalb geneigt, zu meinen, daß sehr verschiedene Fledermausarten diesen Hang haben.“ 24**

Nach Kappler kommt die Schädlichkeit der Blutsauger neben der Nützlichkeit der Fledermäuse überhaupt gar nicht in Betracht. „Über das Blutsaugen einiger Arten“, sagt Kappler, „it schon viel geschrieben und geftritten worden. Ich habe nun darin hinläng-liche Erfahrung und kann sagen, daß diese Tiere zu manchen Zeiten und an manchen Orten eine wahre Plage sind, zwar weniger für den Menschen, der sich dagegen schützen kann, als für das Vieh. Die drei Posten des Innern: Armina am Maroni, Victoria am Surinam und Saron am Saramacca, waren in dieser Beziehung sehr verrufen, und auf ersterem Posten mußten die Soldaten, um nicht von den Fledermäusen gebissen zu werden, die ganze Nacht Licht brennen. Unterließ man dies aus Sparsamkeit, so fand man am Morgen unter mancher Hängematte Blutlachen, entstanden durch die kleinen, kaum merkbaren Bisse in die Zehen der Schlafenden. Als ich eines Nachts erwachte, fühlte ich meine Brust und meinen Hals durchnäßt. Nachdem ich Licht gemacht, sah ich, daß Hand und Hängematte von Blut trieften. Ich fühlte nicht den mindesten Schmerz, begriff aber die Ursache dieses Blutverlustes sogleich und fand, daß es aus der Nasenspitze rann, wo ein kaum 2 mm langes und halb so breites Stückchen Haut abgerissen war. Später wurde ich nie mehr in die Nase gebissen, sondern bloß in die Zehen, wie es denn auch höchst selten vorkommt, daß die Fledermäuse den Menschen irgendwo anders beißen als in die Zehen. Ich gebrauchte, wenn ich auf meinen Reisen im Freien schlief, stets Strümpfe und wurde dann nie wieder gebissen. Als ich im Juni 1853 mit meinen württembergischen Landsleuten auf Albina ankam, wo früher nie ein Fall vorgekommen war, daß Fledermäuse Menschen gebissen hätten, stellte sich plötzlich diese Plageein. Etwa 2 Monate lang dauerte sie, dann verlor sie sich nach und nach. Die Fledermäuse stellten sich aber wieder ein, als ich mir Vieh anschaffte, das bis auf die letzte Zeit viel von ihnen zu leiden hatte. Rindvieh, Pferde, Esel und auch Schweine werden besonders in die Ohren und den Rücken gebissen. Diese Wunden sind viel größer als beim Menschen, und das Tier leidet sowohl durch den Blutverlust als dadurch, daß Fliegen Eier in die Wunden legen, woraus wieder Maden entstehen und sich Geschwüre bilden, an denen das Tier nach und nach zu Grunde geht. Auch Hühner werden in den Kamm oder in die Füße gebissen, magernab und sterben. Nie aber haben zahm gemachte Tiere von ihnen zu leiden, wie Tapire, Nabelschweine, Hirsche, Affen, die wie Waldvögel, Hokkos, Agamies oder Marais im Freien auf meinem Hofraume schliefen. Wird Vieh gebissen, so soll ein recht stinkender Bock in demselben Stalle die Fledermäuse vertreiben. Auch eine Liane, die stark nach Knoblauch riecht, soll ihnen zuwider sein.“ Unser Gewährsmann hat 45 Jahre im tropischen Amerika (Surinam) gelebt; er hat sich viel bemüht, das Treiben der Blutsauger zu beobachten: dennoch ist es ihm wie allen anderen nicht gelungen, bestimmte Arten als die Thäter zu entdecken oder auch nur ihr Vorgehen festzustellen. | Aus Afrika und Indien fehlen derartig eingehende Berichte. Einige Forscher erwähnen wohl beiläufig und ganz kurz, daß erbeuteten kleinen Tieren das Blut ausgesaugt werde, bevor sie aufgefressen würden, doch treffen diese naturgemäß unsicheren Angaben das Wesen der Sache nicht. Jedenfalls scheinen in diesen Gebieten weder Menschen noch größere Tiere durch Blutsauger belästigt zu werden.

Die Gruppe der Blattnasen wird neuerdings in so viele Familien und Gattungen zerfällt, daß wir uns auf einige der wichtigsten Mitteilungen beschränken wollen, um so mehr, als die Lebensverhältnisse der verschiedenen Arten von Blattnasen im großen Ganzen wesentlich dieselben zu fein scheinen. Koch teilt die bis jetzt bekannten 80 —85 Blattnasenarten in solche mit verkümmertem Nasenblatte (Pseudophyllata), solche mit einfachem Nasenblatte (Monophyllata), solche mit doppeltem Nasenblatte (Dyphyllata) und solche endlich mit

vollkommenem oder dreifachem Nasenblatte (Triphyllata) ein; andere Forscher bilden mehrere auf Verschiedenheiten des Zahnbaues begründete Familien.

Zu den Blattnasen mit verkümmertem Nasenaufsatz gehört die Gattung der Schneidflatterer (Desmodus) mit V-förmig ausgeschnittenem Nasenblatte, großen, weit voneinander getrennten Ohren und langem, spitzem, außen gezacktem Deckel, ausgezeichnet noch außerdem dadurch, daß der Schwanz fehlt und die Schenkelflughaut nur aus einem Saume besteht. Das Gebiß wird zusammengesetzt aus 2 bleibenden, 6 ausfallenden Vorderzähnen im oberen, 4 im unteren Kiefer, 1 Eckzahn jederseits oben und unten und 2 oberen, 3 unteren, mit ihren Kronen eine Längsschneide bildenden Backenzähnen jederseits.

Der Bündelzähnler, wie Prinz Max von Wied, sein Entdecker, den bereits mehrfach erwähnten Vertreter dieser Gattung genannt hat (Desmodus rufus), sieht oben rußbraun aus, weil die am Grunde und an der äußersten Spitze weißlichen Haare gegen das Ende hin diese Färbung zeigen, während die Haare der Unterseite viel heller glänzend silbergrau sind. Alle äußeren Körperteile, Nasenblatt, Ohrmuschel, Arme und Beine, scheinen fleischrot durch und werden von dem spärlichen Haarkleide nur leicht bedeckt. Die Flughaut hat fast dieselbe Färbung wie der Rücken. Die Leibeslänge beträgt 6,5, die Flugweite 37 em.

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