Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Während des Sommers hält sich die kleine Hufeisennase mit Vorliebe in unterirdischen Gewölben, alten, wenig betretenen Kellern, in Felsenhöhlen, alten Bergwerken, ebenso auch in unbewohnten Häusern auf. Sie lebt um diese Zeit ebenso gesellig wie im Winter, schart sich jedoch niemals so massenhaft zusammen, wie andere Fledermäuse dies thun, hängt auch nicht in Klumpen, sondern einzeln nebeneinander, so daß eine die andere nicht berührt. Im Zustande der Ruhe hängt sie sich stets frei an die Hinterfüße und schlägt die Flughäute teilweise oder ganz um den Körper. Während des Winterschlafes hüllt sie sich so fest ein, daß man sie eher für einen Pilz als für eine Fledermaus hält. Im Sommer erwacht sie ungemein leicht, so daß man sie auch am hellen Tage, wenn sie ganz ruhig zu schlafen scheint, ohne Netz nicht leicht fangen kann, weil sie bei Annäherung eines Menschen sofort munter wird und wegfliegt. Wenn sie nicht schläft, bewegt sie den Kopf außerordentlich rasch hin und her, um zu wittern, leckt und putzt sich dabei, macht Jagd auf die zahlreichen Schmarotzer, welche ihren Pelz bewohnen, gehört überhaupt zu den muntersten,
niedlichsten und anziehendsten unserer einheimischen Fledermäuse, obgleich ihr Flug nur unbeholfen und langsam ist und sie in der Regel nicht hoch über den Boden sich erhebt. Die Gefangenschaft hält sie leider nicht aus. Sie ist wie die meisten Glieder ihrer Familie sehr erregbar und bekommt, sobald man sie reizt, ja schon berührt, leicht heftiges Nasenbluten, — 99 in vielen Fällen ihren Tod herbeiführt.
Die Hauptnahrung der Hufeisennasen besteht in Kerbtieren, welche keine harten Teile haben, namentlich kleinen Nachtschmetterlingen, Fliegen ꝛc. Sie ist aber auch ein echter Blutsauger, wie aus Beobachtungen, welche Kolenati gemacht hat, deutlich hervorgeht. Dieser Forscher fand im Winter in einer Kalkhöhle in Mähren 45 Stück schlafende Fledermäuse und zwar größtenteils Ohrenfledermäuse und kleine Hufeisennasen, nahm sie mit sich nach Brünn und ließ alle zusammen in einem großen Zimmer, in welchem seine Sammlung aufgestellt war, herumfliegen und sich selbst eine Ruhestätte suchen. Er übernachtete in Gesellschaft der Fledermäuse, um fie genauer beobachten zu können. Von 7— 12 Uhr abends flatterte die Ohrenfledermaus, dann hing fie, um zu ruhen, irgendwo sich fest; von 1—3 Uhr in der Nacht flatterte die Hufeisennase, und hierauf begab fie sich zur Ruhe; von 3—5 Uhr morgens flatterten dann wieder einige Ohrenfledermäuse. Diese hielten sich, selbst wenn der Beobachter ruhig stand, in einer Entfernung von 3—5 Fuß von ihm, während die Hufeisennasen seinem Gesichte bis auf 2 Zoll Entfernung sich näherten, einige Augenblicke an einer Stelle flatternd hielten, aber auch oft zu seinen Füßen herabflogen und dort in ähnlicher Entfernung flatternd blieben. Als wenige Tage später unser Naturforscher einem seiner Freunde die Fledermäuse vorführen wollte, fand er zu seinem nicht geringen Erstaunen sechs Hufeisennasen bis auf die Flügelspitzen und Krallen aufgefressen und eine, deren Kopf auf das furchtbarste verstümmelt war. Zahlreiche Blutspuren, blutige Schnauzen und die angeschwollenen Bäuche sowie die vielen Kotklümpchen verdächtigten die noch vollzählig versammelten Ohrenfledermäuse als Mörder der Verschwundenen, und Untersuchung des Magens einer Getöteten beseitigte jeden etwa noch bestehenden Zweifel. Dagegen bemerkte man aber auf den Flatterhäuten der Ohrenfledermäuse in der Nähe des Körpers frische Wunden, deren Ränder schwammig aufgetrieben erschienen; auch hatten diese Tiere sich dachziegelförmig aneinander gehängt und in einen Klumpen zusammengedrückt, während die Hufeisennasen immer vereinzelt die verborgensten Schlupfwinkel zu ihrer Ruhe benutzten. Die Schluß: folgerung dieser Beobachtung war sehr einfach. Die nicht freundlich gegeneinander gesinnten Verwandten hatten sich in der Nacht eine Schlacht geliefert. Während der ersten Ruhe der Ohrenfledermäuse waren die Hufeisennasen gekommen, hatten jene verwundet und ihnen Blut ausgesogen, die Ohrenfledermäuse aber für diese Schändlichkeit während ihrer zweiten Flatterzeit sich gerächt und die Übelthäter kurzweg aufgefressen!
Ein Grusier erzählte genanntem Beobachter, daß seine Tauben öfters in der Nacht kleine Wunden mit aufgeworfenen Rändern bekämen, welche er nicht zu deuten wisse, und Kolenati schließt jedenfalls richtig, daß diese Wunden ebenfalls von Bissen der Hufeisennase herrühren. So haben wir also auch in Europa wirkliche Vampire, obgleich sie freilich im ganzen außerordentlich harmlos sind und wenigstens keine Veranlassung zu Furcht oder Entsetzen geben können.
Noch häufiger als die geschilderte Art ist die Hufeisennase (Rhinolophus ferrum-equinum, Vespertilio ferrum-equinum, Rhinolophus unihastatus). Ihre Leibeslänge beträgt 5,5, die des Schwanzes außerdem 3,5, die Flugweite 33 em. Die Nasenplatte ist sehr groß, das Ohr ziemlich groß, die Behaarung reichlich und lang, die Färbung bei dem Männchen oben aschgrau mit weißlichen Haarwurzeln, auf der Unterseite hellgrau, bei dem Weibchen oben licht rötlichbraun und unten rötlichgrau.
Die Hufeisennase kommt in dem größten Teile des gemäßigten und im südlichen Europa vor, auch fand man sie in Asien, am Libanon. In den Gebirgen geht sie im Sommer bis 2000 m in die Höhe. Sie lebt gern gesellig; doch gibt es andere Arten ihrer Familie, welche in weit größerer Anzahl als sie zusammen vorkommen. Bisweilen findet man sie auch mit anderen Arten vereinigt. Ihre Schlafplätze und Winterherbergen sind die gewöhnlichen. Im Frühjahre erscheint sie bald, im Winter nur selten des Abends erst ziemlich
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Hufeisennase (Rhinolophus ferrum-equinum). *s natürl. Größe.
spät. Ihre Fluggewandtheit ist, entsprechend den breiten Fittichen, nicht eben bedeutend, und sie erhebt sich keineswegs besonders hoch. Kolenati glaubt, daß auch sie anderen Tieren Blut abzapft. Sie flattert des Nachts in den Schluchten umher, um Rehe und Gemsen anzusaugen, umschwärmt die Lager der Eichhörnchen und macht sich, obgleich ihr Vampirtum noch nicht erwiesen, desselben mindestens in hohem Grade verdächtig.
Vierte Ordnung.
Die Raubtiere (Carnivora).
Kaum eine andere Ordnung der Säuger weist einen größeren Gestaltenreichtum auf als die der Raubtiere. Fast alle Leibesgrößen von der mittleren an bis zu der nahezu kleinsten herab, welche die ganze Klasse aufweist, sind in dieser Ordnung vertreten, die verschiedenartigsten Gestalten in ihr vereinigt. Von dem gewaltigen Löwen an bis zum kleinen Wiesel herab — welche Zwischenstufen, welche Mannigfaltigkeit der Ausbildung! Kaum ist der Laie fähig, den einen Gedanken überall herauszufinden, welcher, falls man so sagen darf, sich in jedem Raubtiere ausspricht: die Unterschiede in der Leibesbildung der Raubsäuger sind allzu groß. Hier die einhellig gebaute, anmutige Katze, dort die plumpe Hyäne; hier die schlanke, zierliche Schleichkatze mit dem feinen, glatten Felle, dort der kräftige, derbe Hund; hier der tölpisch langsame, schwere Bär und dort der behende, schnelle, leichte Marder: wie können sie alle einem Ganzen angehören? Und wie können sie alle sich vereinigen lassen, sie, von denen diese auf dem Boden, jene auf Bäumen, die anderen im Wasser wohnen und leben? Und doch sind wir genötigt, sie im Zusammenhange zu behandeln.
Sämtliche Raubtiere zeigen in ihrer leiblichen Ausrüstung und in ihrer geistigen Befähigung bei aller Verschiedenheit eine beträchtliche Gleichmäßigkeit. Die allen mehr oder weniger gemeinsamen Sitten, die gleiche Lebensweise und Nahrung deuten darauf hin, daß Wesen und Sein der betreffenden Tiere, der Bau der Gliedmaßen ebensowohl wie der des Gebisses und der Verdauungswerkzeuge oder die geistigen Fähigkeiten, wesentlich gleichartig sein müssen. Verzerrungen und Absonderlichkeiten, fratzenhafte und widerliche Gestalten fehlen fast gänzlich unter den Raubtieren. | |
Ihre Gliedmaßen stehen mit dem Leibe und unter sich in einhelligem Verhältnis, haben sehr gleichartig vier oder fünf Zehen und sind ebenso übereinstimmend mit mehr oder minder kräftigen, scharfen oder abgestumpften, in Scheiden zurückziehbaren oder freiliegenden Krallen bewehrt. Alle Sinneswerkzeuge bekunden eine hohe Entwickelung, so verschiedenartig sie auch ausgeprägt zu sein scheinen. Das Gebiß, welches aus allen Zahnarten besteht, enthält kräftige, scharfe, oft schlanke, spitzige und scharfzackige, in- und zwischeneinander greifende Zähne, welche tief eingekeilt in mächtigen, von gewaltigen Muskeln bewegten Kiefern sitzen. Der Magen ist stets einfach, der Darm gewöhnlich kurz oder mäßig lang, der Blinddarm immer kurz. Eigentümlich sind die Afterdrüsen, welche hier und da vorkommen, stark riechende Flüssigkeiten absondern und ebensowohl zur Verteidigung gegen stärkere wie zum Herbeilocken schwächerer Geschöpfe dienen können oder endlich eine Fettmasse zum Einreiben des Felles liefern müssen.
Schärfer gefaßt, sind die äußerlichen Merkmale der Raubtiere folgende. Der Leib, welcher von der plumpen, kurzen Gestalt des Bären an bis zur zierlichen, langen Schleich katzenform alle Zwischenstufen des Baues aufweist, ruht auf mittelhohen Beinen, deren vieroder fünfzehige Füße immer Krallen tragen; der Kopf ist rundlich, die Nasenspitze nackt, die Augen sind groß und scharfblickend, die Ohren aufrecht gestellt, die Lippen stark beschnurrt. Im Gebisse finden sich überall, oben wie unten, sechs Schneidezähne und zwei sehr starke, kegelförmige, zu Fangzähnen umgebildete Eckzähne. Zu scharfen, durchweg zweioder dreizackigen Reiß- oder Fleischzähnen find im Oberkiefer die hinteren Lückenzähne und im Unterkiefer die vordersten Backenzähne ausgebildet; im übrigen sind die Lückenzähne scharfspitzig, die Backenzähne stumpfhöckerig.
Zergliedern wir die Tiere genauer, so finden wir noch folgende mehr oder weniger allgemeine Eigentümlichkeiten im Baue der Raubsäuger. Das Gerippe erscheint bei aller Leichtigkeit und Zierlichkeit der Formen verhältnismäßig kräftig. Der Schädel ist gestreckt; sein Hinterteil steht mit dem Schnauzenteile ziemlich in gleichem Verhältnis, d. h. keiner überwiegt den anderen besonders auffällig. Die starken Kämme und Leisten sowie die gewölbten und ziemlich weit vom Schädel abstehenden Jochbogen geben kräftigen Muskeln die erforderlichen Ansatzflächen; die Augenhöhlen sind groß, die Gehörblasen aufgetrieben und die Nasenknochen und Knorpel ausgedehnt: die betreffenden Sinneswerkzeuge haben also Raum zu vollkommener Entwickelung. An den Wirbeln befinden sich starke Dornen und lange Fortsätze; die Lendenwirbel verwachsen oft fast vollständig; die Anzahl der Schwanzwirbel schwankt ziemlich bedeutend. Die Glieder ändern im Einklange mit der verschiedenartigen Lebensweise mannigfaltig ab; immer aber ermöglicht ihr Bau zugleich Kraft und Beweglichkeit. Bei vielen Raubtieren verlängert sich die Nase rüsselförmig und ist oft noch mit besonderen Knorpeln und Knöchelchen versehen: dann dient der Rüssel zum Wühlen. Die Gliedmaßen verkürzen und verdicken sich, und die betreffenden Arten werden hierdurch geschickt, zu graben und eine unterirdische Lebensweise zu führen; sie verlängern sich und gestatten einen eiligen Lauf; sie verbreitern sich durch Schwimmhäute und befähigen zum Aufenthalte im Wasser. Die Krallen sind entweder einziehbar, hierdurch beim Gehen vor dem Abnutzen geschützt und können, wenn sie vorgestreckt werden, als vortreffliche Waffen und Greifwerkzeuge dienen, oder aber stumpf und unbeweglich, können deshalb auch bloß zum Schutze des Fußes, zum Scharren oder Graben und höchstens zum Anklammern gebraucht werden. Das Gebiß ist durch die sehr starken Eck- oder Fangzähne ebenso ausgezeichnet wie durch die Reiß- oder Fleischzähne, ermöglicht daher einen wirksamen Gebrauch zum Kämpfen wie zum Festhalten und Zerfleischen der Beute. Kräftige Muskeln und Sehnen verleihen Stärke und Ausdauer, während ihre Anlage umfassende und gewandte Bewegungen zuläßt.
Hierzu kommen nun noch die ausgezeichneten Sinne. Ausnahmsweise nur zeigt sich einer von ihnen verkümmert; dann aber wird er gewiß durch die übrigen genügend ersetzt. Im allgemeinen kann nicht behauptet werden, daß ein Sinn besonders und überall bevorzugt sei; denn bei den einen ist der Geruch, bei den anderen das Gesicht, bei einzelnen das Gehör bewunderungswürdig ausgebildet, bei einigen spielt auch der Tastsinn eine große Rolle. Zwei Sinne sind regelmäßig sehr scharf und zwar in den meisten Fällen Geruch und Gehör, in selteneren Gehör und Gesicht.
Die geistigen Fähigkeiten stehen mit den leiblichen Anlagen im Einklang. Wir finden unter den Raubtieren bewunderungswürdig kluge Geschöpfe und dürfen uns somit nicht wundern, daß sie sich bald alle List und Verstellungskunst aneignen, welche ihr Räuberund Diebeshandwerk erfordert. Dazu verleiht ihnen das Gefühl ihrer Stärke Mut und
Selbstbewußtsein, wie beides andere Tiere niemals erlangen können. Aber eben diese Eigenschaften haben auch wieder solche im Gefolge, welche nicht sehr für die sonst fo herrlichen Geschöpfe einnehmen. Die Raubtiere werden gewohnt zu siegen und eignen sich deshalb bald mit der immer stärker werdenden Herrschsucht Grausamkeit und häufig zuletzt unüberwindliche Mordlust, ja förmliche Blutgier an, in einem Grade, daß sie sogar als Sinnbilder für Menschen angesehen werden können.
Zu den Anlagen und Eigenschaften des Leibes und Geistes stimmen Aufenthalt une Lebensweise. Raubtiere wohnen und herrschen überall: auf dem Boden oder im Wasser wie in den Kronen der Bäume, auf den Gebirgen wie in der Ebene, im Walde wie auf dem Felde, im Norden wie im Süden. Es finden sich unter ihnen ebensowohl vollendete Nacht- wie Tagtiere; die einen gehen in der Dämmerung, die anderen im Lichte der Sonne oder im Dunkel der Nacht ihrer Nahrung nach.
Viele leben gesellig, andere einsam; manche greifen offen an, die meisten aber belauern und beschleichen ihre Beute, überfallen sie unversehens — sie mögen so stark sein, wie sie wollen. Alle verbergen sich so lange als möglich, einzig in der Absicht, durch ihr Erscheinen nicht vorzeitig zu schrecken, und nur wenige suchen, im Bewußtsein ihrer Schwäche, eilig Schutz und Zuflucht, sobald sie irgend etwas Verdächtiges bemerken. Je mehr sie den Tag lieben, um so heiterer, lebendiger, fröhlicher und geselliger zeigen sie sich; je mehr sie Nachttiere sind, um so mürrischer, mißtrauischer, scheuer und ungeselliger werden sie.