Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Hinsichtlich ihrer geistigen Fähigkeiten stehen die Katzen hinter den Hunden zurück, jedoch nicht so weit, wie man gewöhnlich anzunehmen pflegt. Vergessen darf man nicht, daß wir bei Abwägung der Geisteskräfte beider Familien beständig an zwei kaum maßgebende Vorbilder denken: an den seit Jahrtausenden von uns gepflegten, planmäßig gezüchteten, erzogenen, vermenschlichten Haushund und an die vernachlässigte, vorurteilsvoll betrachtete und gewöhnlich mißhandelte Hauskatze. Vergleichen wir wildlebende Arten beider Familien, beispielsweise Fuchs und Luchs, so stellt sich das Ergebnis schon ganz anders und zwar entschieden günstiger für die Katzen. Diese als geistig tief stehende Tiere zu betrachten, wie ausgesprochen oder nicht ausgesprochen noch häufig geschieht, ist ein grober Fehler. Bei der Mehrzahl der Arten treten allerdings die höheren oder edlen Geisteskräfte weniger als die niederen hervor; doch liefert uns unser Hinz, wenn er gut behandelt wird, den Beweis, daß auch die Katzen der Erziehung und Geistesveredelung fähig sind. Die Hauskatze gibt uns oft genug Beispiele von treuer Anhänglichkeit an den Menschen und von hohem Ver: stande. Der Mensch nimmt sich gewöhnlich nicht die Mühe, ihre Fähigkeiten genauer zu erforschen, sondern läßt sich von dem einmal feststehenden Urteile über sie einnehmen und von selbständiger Prüfung zurückschrecken. Der Charakter der meisten Arten ist ein Gemisch von ruhiger Besonnenheit, ausdauernder List, Blutgier und Tollkühnheit. In Gesellschaft des Menschen zeigen sie sich bald durchaus anders als in der Freiheit; sie erkennen die menschliche Herrschaft an, fühlen Dankbarkeit für ihren Herrn, wollen, daß er ihnen schmeichele, fie liebkose, kurz fie werden oft rückhaltslos zahm, wenn auch zuweilen ihre tief eingewurzelten natürlichen Begabungen plötzlich wieder durchbrechen. Hierin beruht hauptsächlich der Grund, daß man die Katzen falsch und tückisch nennt; denn nicht einmal derjenige Mensch, welcher Tiere zu quälen oder zu mißhandeln pflegt, will ihnen das Recht zugestehen, einmal auf Augenblickedas ihnen auferlegte Joch der Sklaverei abzuschütteln.
Die Katzen sind gegenwärtig in allen Teilen der Alten Welt mit Ausnahme des australischen Tierreiches, wo höchstens verwilderte Hauskatzen vorkommen, und in Amerika zu finden. Sie bewohnen die Ebenen wie die Gebirge, dürre, sandige Stellen wie feuchte Niederungen, den Wald wie das Feld. Einige steigen selbst in das Hochgebirge hinauf und werden dort in beträchtlichen Höhen getroffen; andere treiben sich auf freien, offenen, mit Gesträuchen bewachsenen Steppen oder in Wüsten umher; noch andere ziehen die schilfreichen Ufer von Flüssen, Bächen und Sümpfen vor: bei weitem der größte Teil aber gehört dem Walde an. Die Bäume bieten ihnen alles Erforderliche, namentlich vortreffliche Verstecke, in denen sie sich leicht verbergen können, ebensowohl, um über ihre Beute herzufallen, als auch, um sich den Blicken ihrer Feinde zu entziehen. Zu solchen Verstecken dienen den kleineren Arten Felsspalten, hohle Bäume, verlassene Baue von anderen Säugetieren und dergleichen, während sich die größeren im Gebüsche zu verbergen pflegen. Obwohl die wildlebenden Katzen diejenigen Gegenden bevorzugen, in denen der Mensch noch nicht zur vollen Herrschaft gelangen konnte, kommen sie doch oft in unverschämt dreister Weise zu den Wohnungen des Menschen heran, um hier über ihn selbst herzufallen oder seinen Viehstand zu berauben. Zu diesem Behufe verlassen sie ihr Lager mit Einbruch der Nacht und streifen nun entweder ziemlich weit umher oder legen sich an belebten Paßstraßen der Menschen und Tiere auf die Lauer. Bei Tage fallen nur höchst wenige auf Beute, und ebenso ziehen sie
sich zu dieser Zeit feig zurück, wenn sie angegriffen werden. Ihr wahres Leben beginnt und endigt mit der Dunkelheit. Besonders gut gelegene Versteckplätze werden ziemlich regel-mäßig bewohnt; die Mehrzahl aber hat kein bestimmtes Lager und wählt sich, sobald der Morgen sie auf dem Streifzuge überrascht, zum Verstecke den ersten besten Ort, welcher Sicherheit verheißt. Ihre Nahrung nehmen die Katzen sich aus allen Klassen der Wirbeltiere, wenn auch die Säugetiere unzweifelhaft ihren Verfolgungen am meisten ausgesetzt sind. Einige Arten stellen mit Vorliebe Vögeln nach, andere, aber wenige, verzehren nebenbei das Fleisch mancher Kriechtiere, namentlich der Schildkröten, wieder andere gehen sogar auf den Fischfang aus. Die wirbellosen Tiere werden im ganzen wenig von ihnen behelligt, und wohl nur zufällig fängt sich diese oder jene Art einen Krebs oder ein Kerbtier. Sämtliche Katzen fressen vorzugsweise Beute, welche sie sich selbst erworben haben, nur wenige fallen auf das Aas und dann gewöhnlich auch bloß auf solches, welches von selbstgemachter Beute herrührt. Dabei bekunden einige unersättlichen Blutdurst: es gibt Arten, welche sich, wenn sie es können, bloß von Blut nähren und in diesem „ganz besonderen Safte“ förmlich berauschen.
In der Art und Weise ihres Angriffes ähneln sich alle Arten mehr oder weniger. Leisen, unhörbaren Schrittes schleichen sie äußerst aufmerksam durch ihr Jagdgebiet und äugen und lauschen scharf nach allen Richtungen hin. Das geringste Geräusch erregt ihre Aufmerksamkeit und bewegt sie, der Ursache desselben nachzugehen. Dabei gleiten sie in geduckter Stellung vorsichtig auf dem Boden hin, regelmäßig unter dem Winde, und fallen, wenn sie sich nahe genug glauben, plötzlich mit einem oder mehreren Sätzen über ihr Schlachtopfer her, schlagen ihm die furchtbaren Pranken in das Genick oder in die Seiten, reißen es zu Boden, erfassen es mit dem Maule und beißen einige Male schnell nacheinander heftig zu. Hierauf öffnen sie das Gebiß ein wenig, ohne jedoch das erfaßte Tier fahren zu lassen, beobachten es vielmehr scharf und beißen von neuem, sowie noch ein Fünkchen Leben in ihm sich regt. Viele stoßen währenddem ein Brüllen oder Knurren aus, welches ebensogut Behaglichkeit als Gier oder Zorn ausdrückt, und bewegen nebenbei die Spitze ihres Schwanzes. Die meisten haben die abscheuliche Gewohnheit, ihre Schlachtopfer noch lange zu quälen, indem sie ihnen scheinbar etwas Freiheit gewähren und sie oft auch wirklich ein Stückchen laufen lassen, jederzeit aber im rechten Augenblicke wieder erfassen, von neuem niederdrücken, nochmals laufen lassen, bis die Gepeinigten endlich ihren Wunden erliegen. Auch die größten Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem etwaigen Kampfe hervorgehen. Selbst Löwe, Tiger und Jaguar fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; nachdem sie aber gelernt haben, welch leicht zu überwältigendes Geschöpf er ist, werden manche unter ihnen seine furchtbarsten Feinde. Obgleich beinahe alle Katzen gute Läufer sind, stehen doch viele von weiterer Verfolgung eines Schlachtopfers ab, wenn ihnen der Angriffssprung mißlang. Nur an sehr geschützten Orten fressen sie ihre Beute gleich an Ort und Stelle; gewöhnlich schleppen fie das erfaßte Tier, nachdem fie es getötet oder wenigstens widerstands-⸗ los gemacht haben, an einen stillen, versteckten Ort und verzehren es hier in aller Ruhe und Behaglichkeit. Wenn ihre Wohngegend reiche Beute zu machen gestattet, zeigen sie sich außerordentlich lecker und überlassen bei weitem den größten Teil der von ihnen erjagten Geschöpfe anderen Tieren, den Schmarotzern und Bettlern an ihrer Tafel.
In der Regel werfen die weiblichen Katzen mehrere Junge, ausnahmsweise nur ein einziges. Man kann sagen, daß die Anzahl der letzteren zwischen 1 und 6 schwankt; einige Arten sollen noch mehr zur Welt bringen. Die Pflegerin der Jungen ist die Mutter; der Vater bekümmert sich bloß gelegentlich um sie. Eine Katzenmutter mit ihren Jungen 25 *
gewährt ein höchst anziehendes Bild. Man sieht die mütterliche Zärtlichkeit und Liebe in jeder Bewegung der Alten ausgedrückt, hört sie in jedem Tone, welchen man vernimmt. Es liegt eine Zartheit und Weiche in der Stimme, welche man gar nicht vermutet hätte. Dabei beobachtet die Alte ihre Kleinen mit so viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit, daß man gar nicht zweifeln kann, wie sehr ihr die Kinderschar ans Herz gewachsen ist. Besonders wohlthuend ist bei einem solchen Katzengehecke die Reinlichkeitsliebe, zu welcher die Mutter ihre Jungen schon in der frühesten Jugend anhält. Sie hat ohne Unterlaß zu putzen,zu lecken, zu glätten, zu ordnen und duldet nicht den geringsten Schmutz in der Nähe des Lagers. Gegen feindliche Besuche verteidigt sie ihre Sprößlinge mit Hintansetzung des eigenen Lebens, und alle größeren Arten der Familie werden, wenn sie Junge haben, im höchsten Grade furchtbar. Bei vielen Katzen muß die Mutter ihre Brut unter Umständen auch gegen den Vater schützen, weil dieser die Jungen, solange sie noch blind sind, ohne weiteres auffrißt, wenn er in das unbewachte Lager kommt. Daher rührt wohl auch hauptsächlich die große Sorgfalt aller Katzen, ihr Geheck möglichst zu verbergen. Nachdem die Jungen etwas mehr herangewachsen sind und sich schon als echte Katzen zeigen, ändert sich die Sache; dann thut auch der Kater oder das Katzenmännchen überhaupt ihnen nichts mehr zuleide. Und nun beginnt ein gar lustiges Kindheitsleben der kleinen, zu Spiel und Scherz jeder Art immer geneigten Tiere. Die natürliche Begabung zeigt sich schon bei den ersten Bewegungen und Regungen, deren die Kätzchen fähig sind. Ihre Kinderspiele sind bereits nichts anderes als Vorübungen zu der ernsten Jagd, welche die Erwachsenen betreiben. Alles, was sich be= wegt, zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Kein Geräusch entgeht ihnen: die kleinen Lauscher spitzen sich bei dem leisesten Rascheln in der Nähe. Anfangs ist der Schwanz der Alten die größte Kinderfreude der Jungen. Jede seiner Bewegungen wird beobachtet, und bald macht sich die übermütige Gesellschaft daran, diese Bewegungen durch ihre Fangversuche zu hemmen und zu hindern. Doch die Alte läßt sich durch solche Neckereien nicht im geringsten stören und fährt fort, ihrer inneren Seelenstimmung durch die Schwanzbewegungen Ausdruck zu geben, ja sie bietet ihren Kleinen förmlich dieses Glied zu beliebigem Gebrauche dar. Wenige Wochen später sieht man die ganze Familie bereits mit den lebhaftesten Spielen beschäftigt, und nun wird die Alte geradezu kindisch, die Löwenmutter ebensogut wie die Erzeugerin unserer Hauskatzen. Oft ist die ganze Gesellschaft zu einem scheinbaren Knäuel geballt, und eins fängt und häkelt nach dem Schwanze des anderen. Mit dem zunehmenden Alter werden die Spiele immer ernstlicher. Die Kleinen lernen erkennen, daß der Schwanz doch nur ein Stück ihres eigenen Selbst ist, wollen aber ihre Kraft bald an etwas anderem versuchen. Jetzt schleppt ihnen die Alte kleine, oft noch halb, oft ganz lebendige Tiere zu. Diese werden freigelassen, und es übt sich die junge Brut mit Eifer und Ausdauer in dem räuberischen Gewerbe, welches sie später betreiben wird. Schließlich nimmt die Alte sie mit auf die Jagd hinaus; da lernen sie nun vollends alle Listen und Schleichwege, die ruhige Beherrschung ihrer selbst, die plötzlichen Angriffe, kurz die ganze Kunst des Raubens. Erst wenn sie ganz selbständig geworden sind, trennen sie sich von der Mutter oder den Eltern und führen nun längere Zeit ein einsames, umherschweifendes Leben.
Die Katzen stehen einem beträchtlichen Teile der übrigen Tierwelt als Feinde gegenüber; deshalb ist der Schade, welchen sie anrichten, außerordentlich bedeutend. Freilich muß man bedenken, daß die großen Arten der Familie fast sämtlich in Ländern leben, welche unglaublich reich an Beute sind; ja, man kann sogar behaupten, daß einige geradezu einer schädlichen Vermehrung mancher Wiederkäuer und Nager hindernd in den Weg treten und somit mittelbar auch uns nützlich werden. Bei manchen kleineren Arten überwiegt der Nutzen, welchen sie leisten, den von ihnen angerichteten Schaden bei weitem. Ihre Jagd beschränkt sich auf kleinere Säugetiere und Vögel, und namentlich die dem menschlichen Haushalte so
überaus lästigen und schädlichen kleinen Nager finden in ihnen das wirksamste Gegengewicht und die gefährlichsten Feinde. Unser Hinz ist uns geradezu unentbehrlich geworden; aber auch die wildlebenden kleinen Katzenarten bringen vielen Nutzen neben dem Schaden. Außerdem verwertet der Mensch das Fell und hier und da selbst das Fleisch unserer Tiere. In China, vielfach auch in Afrika, dienen Felle gewisser Katzen als Standeszeichen; die übrigen Völker schätzen sie mehr ihrer Farbenschönheit als ihrer wirklichen Güte wegen, denn diese ist nicht eben hoch anzuschlagen.
Jagd und Fang der schädlichen Arten werden überall mit großem Eifer betrieben, und es gibt Leute, welche gerade in der Gefährlichkeit dieser Jagd das höchste Vergnügen der Erde finden. Die Sonderung der verschiedenen Katzenarten in Gattungen hat große Schwierigkeiten gemäß der Geringfügigkeit der Merkmale, die zur Kennzeichnung der Gattungen dienen könnten. Immerhin glauben wir berechtigt zu sein, die Luchse (Lynx), die Geparde oder Jagdleoparden (Cynailurus) und die Frettkatze oder Fossa von Madagaskar (Cryptoprocta) von den übrigen, den eigentlichen Katzen (Felis), als besondere Gattungen trennen zu dürfen. Als Urbild der letzteren mag uns unsere allbekannte Hauskatze dienen. Von ihr und den übrigen Arten ihrer Gattung, deren am höchsten entwickelte Mitglieder einerseits der Löwe, anderseits der Tiger sind, unterscheiden sich die Luchse durch die Kürze des Schwanzes, die Länge der Beine und den Haarpinsel an den langen Ohren, die Geparde durch die Höhe der Beine und die geringe Zurückziehbarkeit der Krallen und die Fossa durch ihr abweichendes Gebiß, ihre unbehaarten Sohlen und andere Eigentümlichkeiten, welche dieses merkwürdige Tier als entfernten Verwandten der Schleichkatzen, als eine Urkatze, wenn man will, kennen lehren. Noch unthunlicher als eine zu weitgehende Scheidung der Katzen in Gattungen ist zur Zeit eine strenge Gruppierung der Arten innerhalb der Gattungen, insbesondere in der großen Gattung der eigentlichen Katzen (Felis). Am zweckmäßigsten erscheint es unter diesen Umständen, zunächst die Katzen der Alten von denen der Neuen Welt zu trennen, eine Scheidung, die sich deshalb rechtfertigen läßt, weil in Amerika, insbesondere im südamerikanischen Reiche, wie die meisten übrigen Säugetiere, so auch die Katzen gegenüber ihren Verwandten in der Alten Welt ein altertümliches, ursprüngliches Gepräge zeigen. Bei den Katzen tritt diese größere Ursprünglichkeit der Säugetiere Amerikas vor allem in der Zeichnung des Felles hervor, denn die einzige Katze mit ausgesprochener Längsstreifung, die Pampaskatze, gehört dem südamerikanischen Reiche an, und Längsstreifung ist nach Eimers Untersuchungen die älteste Zeichnung des Säugetierkleides. An die Pampaskatze schließen sich aber alle eigentlichen Katzen Amerikas mit Ausnahme der einfarbigen durch die Zeichnung ihres Felles an; denn wo wir auch die ausgesprochenste Fleckenzeichnung finden, wie beim Jaguar, ist in der Anordnung der Flecke noch immer die ursprüngliche Längsstreifung deutlich zu erkennen. Vom Jaguar bis hinunter zur Pampaskatze können wir das allmähliche Ineinanderfließen der Flecke zu Längsstreifen verfolgen. Die einfarbigen Katzen Amerikas müssen wir freilich aus dieser Reihe fortlassen; indessen zeigt sich bei ihnen die größere Ursprünglichkeit gegenüber der einfarbigen Katze der Alten Welt, dem Löwen, mit welchem man den Puma, den Naguarundi und die Eyra früher irrtümlicherweise vereinigte, in dem schlanken Baue des auf niedrige Füße gestellten Leibes, durch welchen fie sich der Fossa, dem altertümlichsten lebenden Familienmitgliede, nähern.