Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Ebensowohl als in rohr- und gestrüppreichen Graswäldern begegnet man dem Tiger in großen, hochstämmigen Waldungen bis zu einer gewissen Höhe über dem Meeresspiegel. Nach den Hochländern und den Hochgebirgen Asiens steigt er nicht empor, und selbst im südlichen Himalaja wird er bloß gelegentlich bis etwa 2000 m hoch angetroffen. Die schilfbewachsenen Ufer der Flüsse, die undurchdringlichen Bambusgebüsche und andere Dickungen sind seine Lieblingsplätze, ebenso aber auch Ruinen, wo er nicht selten auf der Krone morscher Mauern und auf Tempeln liegend gesehen wird, manchmal sogar, nach Sherwill, zu dreien und vieren. Besonders auffällig ist die nach allen Beobachtern bei ihm stärker
als bei anderen Tieren hervortretende Vorliebe für ganz bestimmte Lagerplätze und Verstecke, die er peinlich genau allenthalben immer wieder wählt, wenn auch gleich günstige sich unmittelbar daneben befinden. „Irgend ein Fleckchen hohes Gras oder Schilf am Flußufer oder Sumpfrande“, schreibt Blanford, „irgend ein wirres Dickicht von Tamarisken oder Eugenien unter einem Dutzend augenscheinlich gleichartiger in einem Wasserlaufe, ein bestimmter Haufe von Felsblöcken unter hundert ähnlichen des Hügelhanges bleibt Jahr für Jahr das Heim eines Tigers, und wenn der ständige Bewohner dem Jäger erliegt, jo dauert es nicht lange, und ein anderer besetzt den verwaisten Platz.“ Während der trockensten und
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Königstiger (Felis tigris). ½2 natürl. Größe.
heißesten Zeit in Vorderindien, März bis Juni, wenn viele Bäche, Flüsse, Tümpel austrocknen, wenn Grasbrände weite Strecken lichten, versammeln sich die Tiger notgedrungen an noch nicht versiegten Wasserläufen und suchen Schutz in Beständen immergrüner Gewächse, die ihnen kühlen Schatten gewähren. So vermehrt sich die Zahl der Räuber zeitweilig in vielen Landschaften, und man hat ihrer manchmal vier, fünf und sogar sieben aus verhältnismäßig wenig umfangreichen Dickungen getrieben. Das ist denn natürlich auch die beste Jagdzeit. In den Steppen Südostsibiriens legt er sich, laut Radde, im Winkel vorspringender Felsen zur Ruhe nieder oder scharrt zwischen den Riedgrasbüschen einfach den Schnee weg, um auf so ungenügend erscheinendem Lager einen Teil des Tages zu verbringen.
Er hat alle Sitten und Gewohnheiten der Katzen, aber sie stehen bei ihm im gleichen Verhältnis zu seiner Größe. Seine Bewegungen sind anmutig wie die kleinerer Katzen, F dabei ungemein rasch, gewandt und ausdauernd. Er schleicht unhörbar dahin, durchmißt bei seinen Raubzügen rasch stundenweite Entfernungen, bewegt sich sehr geschwind im Galopp
und schwimmt vortrefflich. Seine Sprungfähigkeit ist vielfach überschätzt worden. Nach Sanderson überspringt er in Indien nicht Gewässer von mehr als 6 m Breite, und Messungen an den Fährten von denen, die flüchtiges Wild verfolgt hatten, ergaben nicht größere Sprungweiten als 5m. Bäume erklettert er nicht oder doch nur ganz ausnahmsweise, wenn ihr Stamm geneigt oder knorrig ist; an glatten, aufrecht stehenden vermag er nicht emporzuklimmen. Dagegen vergnügt er sich nach Katzenart, an Stämmen mit nachgiebiger
Borke emporzuspringen und sie spielend zu zerkratzen. Es werden wenigstens solche Krallenrisse häufig und zwar bis zur doppelten Manneshöhe über dem Boden bemerkt, vorzugsweise auch in der weichen Rinde eines Lackbaumes (Butea frondosa), aus welcher bei der geringsten Verletzung rubinroter Saft hervorquillt. Die Eingeborenen glauben, er zerkratze die Stämme, um seine Krallen sowohl zu reinigen als auch zu schärfen, und er bevorzuge den Lackbaum, weil dessen Saft ihn an Blut erinnere.
Als ausschließliches Nachttier kann man den Tiger nicht bezeichnen. Er streift wie die meisten Katzen zu jeder Tageszeit umher, wenn er auch den Stunden vor und nach Sonnenuntergang den Vorzug gibt. An Tränkplätzen, Salzlecken, Landstraßen, Waldpfaden und dergleichen legt er sich am liebsten auf die Lauer. In Südostsibirien besucht er, laut Radde, während des Sommers allnächtlich die Stellen, auf denen Salz auswittert, weil er ebensogut wie die eingeborenen Wildschützen weiß, daß hierher Hirsche zu kommen pflegen, um zu sülzen, trifft dann auch manchmal mit Jägern zusammen, welche den gleichen Zweck wie er verfolgen. Mit Ausnahme der stärksten Säugetiere, als da sind Elefant, Nashorn, Wildbüffel und vielleicht andere Raubtiere, ist kein Mitglied seiner Klasse vor ihm sicher: er überfällt die größten und begnügt sich mit den kleinsten. Bisweilen versucht er seine Kraft dennoch am gewaltigen Wildbüffel, wobei er freilich, besonders im Kampfe mit dem männlichen, auch selbst unterliegt; sogar mit zahmen Herdenstieren wird er nicht immer fertig und muß manchmal vor einem gemeinschaftlichen Angriffe von Hausbüffeln eiligst Reißaus nehmen. Auch ein alter, wohl bewehrter Recke unter Wildschweinen soll ihn nach einigen Berichten gelegentlich zu schanden schlagen. Ab und zu vergreift er sich einmal an Bären, mit Vorliebe jagt er jedoch Wildschweine, Hirsche, Antilopen und macht sich als Vertilger dieser, die teilweise zur Landplage werden, sehr verdient, hebt aber freilich durch Räubereien an Haustieren solchen Nutzen vielfach wieder auf. Stachelschweine nimmt er ebenfalls und verachtet weder Affen noch Pfauen, wenn er sie erwischen kann. In der Not frißt er alles, was da kreucht und fleugt: bei Überschwemmungen in Bengalen lebt er von Fischen, Schildkröten, Eidechsen und Krokodilen; den Magen eines erlegten fand Simson sogar mit Heuschrecken vollgestopft. Selbst Frösche soll er nicht verschmähen, und wenn ihm in den nördlichen Teilen seines Verbreitungsgebietes während des Winters die Nahrung knapp wird, so geht er auf den Mäusefang. Radde hat wiederholt unverkennbare Anzeichen solcher unwürdigen Jagd gefunden. Die Eingeborenen Indiens erzählen, daß junge Tiger von der Mutter im Räuberhandwerke ausgebildet werden, indem sie unter ihrer Leitung die klugen, wachsamen Affen und Pfauen beschleichen müssen.
So hat denn alles Getier triftigen Grund, vor ihm auf der Hut zu sein. Und wie bei uns Krähen und kleinere Vögel den gefiederten Räuber der Luft lärmend verfolgen, wie Sänger im Walde den schnürenden Fuchs ankündigen, so werden auch viele Tiere in den tropischen Gebieten laut, wenn sie den Tiger gewahren. Sie kennen ihn und wissen aus Erfahrung, was es bedeutet, wenn er umherzuschleichen beginnt. Freilich „schrecken“ sie auch beim Erblicken anderer Räuber oder sonst ungewöhnlicher Erscheinungen. Daher darf die Unruhe, der Lärm harmloser Tiere nicht stets als Beweis für die Anwesenheit eines Tigers genommen werden. Immerhin ist das Gebaren der Hirsche, der Pfauen und anderer Vögel sowie besonders der Affen ein wertvolles Anzeichen für den erfahrenen Jäger, der
diesen Tieren manch glücklichen Ausgang einer Suche verdankt. Forsyth und andere führen Beispiele an, wie förderlich ihrer Jagd die Beteiligung der Affen war. Eine lange verfolgte menschenfressende Tigerin wäre ihm in einer felsigen Schlucht entgangen, wenn nicht ein oben auf dem Gesteine hinlaufender uralter Hulman ihm mit Stimme und Gebärde ihr Versteck verraten hätte. „Bei einer anderen Gelegenheit“, erzählt Forsyth, „folgte ich einem im trockenen Bette eines Wasserlaufes abziehenden Tiger, ausschließlich geleitet durch das Betragen zahlreicher Hulmans, welche im Ufergebüsche Früchte pflückten. Wie der Tiger unten vorbeikam, flohen sie nacheinander zu den nächsten Bäumen, stiegen auf die höchsten Zweige, schüttelten diese heftig und schimpften und zeterten nach dem Störenfriede hinab, daß man es weithin hören konnte. Jede Bande beharrte im Lärmen, bis er außer Sicht war und ihre nächsten Freunde ihn ebenso aus den Baumwipfeln begrüßten, stieg dann ruhig wieder herab und schmauste weiter von den Beeren, als wäre nichts geschehen. Auf diese Weise vom Vorgehen des Tigers genau unterrichtet, konnte ich, wo die Wasserrinne einen Bogen machte, querüber vorauslaufen und mich anstellen. Da kam er an in einem langen, schwankenden Gange, mit eingezogenem Schwanze und sah genau aus wie ein schuldbewußter nächtlicher Mörder. Sein Gewissen war offenbar von Übelthaten bedrückt, denn im Gehen blickte er furchtsam hinter sich und hinauf nach den Affen, als wollte er sie bewegen, doch nicht zu verraten, wohin er gehe.“ Eine Kugel beendete seine Laufbahn.
Die Stimme des Tigers kann sich an Kraft bei weitem nicht mit der des Löwen messen, hat auch nicht die Tonfülle der Stimme unserer Rinder. Vom „Brüllen“ des Tigers kann daher nicht die Rede sein. Gewöhnlich ist es ein gedehnter klagender Laut, der mehrmals kürzer und schneller wiederholt und durch ein drei- bis viermaliges Hervorstoßen des letzten Teiles beendet wird. Außerdem gibt er die tiefen Kehllaute „A-o-ung“, die man in allen Tiergärten von den meisten großen Katzen hört, dann ein lautes „Hu-ab“ oder „Wau“ von sich, wenn er überrascht und erschreckt wird, ferner ein grollendes Knurren, wenn er gereizt it, und einen hustenartigen kurzen Wutschrei, welchen er beim Angreifen mehrmals schnell herausstößt. „Die Stimme des Tigers“, schreibt Forsyth, „klingt in der Nacht sehr eindrucksvoll, und obwohl sie nicht annähernd so laut ist wie das Geschrei eines Esels, erweckt sie doch eine Vorstellung von gewaltiger Kraft.“
Der Tiger ist im allgemeinen kein beherztes Tier. Er ist meistenteils nicht bloß vorsichtig und zaghaft, sondern schlechthin feig, obwohl ein überaus schlauer und listiger Räuber. Die, welche zum ersten Male mit Menschen zusammentreffen, nehmen immer Reißaus; andere lassen sich durch Lärm und Gebärden aus der Fassung bringen, und einem entschlossenen Gegner hält wahrscheinlich kein einziger stand. Der eine und andere lernt jedoch gelegentlich in dem Menschen das am leichtesten zu bewältigende Geschöpf kennen und kann dann sehr gefährlich werden, weil er den Ahnungs- und Wehrlosen nachstellt, sie unversehens überfällt. So wird er bedingungsweise nicht bloß dreist, sondern geradezu frech. Manche Gegenden sind wegen seiner Raubthaten berüchtigt geworden: es wird versichert, daß ohne die große Furcht selbst dieser dreistesten Tiere vor dem Feuer und vor einem Haufen entschlossener Menschen eine beliebige Verbindung durch gewisse vorwiegend heimgesuchte Ortlichkeiten kaum möglich sein würde. Aus der Umgebung von Dörfern und sogar zwischen den Hütten haben sie sich Menschen am hellen Tage weggeholt und es manchmal wirklich dahin gebracht, daß die Bewohner ihre Wohnstätten verlegten. Am ärgsten sind jedenfalls die Leute bedroht, welche eine mehr oder minder einsame Lebensweise im Freien führen: die Hirten, Holzschläger und Ackerbauer; erstere müssen dazu in beständiger Sorge um ihre Herden sein. Auch die Postboten sind übel daran.
Zu Ende der sechziger Jahre hauste ein menschenfressender Tiger in Maisur, der unter dem Namen Benkipur⸗Tiger eine traurige Berühmtheit erlangte und großen Schrecken in
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der Nugger-Division von Maisur verbreitete, bis ihn endlich eine glückliche Kugel erreichte. Ein zweiter tauchte 1873 in Maisur auf: eine Tigerin mit einem Jungen. Sie trieb es nicht so schlimm wie der oben genannte Menschenfresser, raubte aber doch in einem halben Jahre 11 Personen. Nach monatelanger Verfolgung des sehr schlauen und weit umherstreifenden Tieres gelang es Sanderson endlich, es gegen Abend an einem von ihm frisch getöteten Rinde, zu dem es zum Fraße zurückkehrte, zu schießen. Forsyth befreite zu Anfang der sechziger Jahre die Zentral-Provinzen von einigen Menschenfressern, deren Thaten er erzählt. Der eine hatte einige Wege vollständig geschlossen, die Bewohner mehrerer Dörfer vertrieben und andere gezwungen, ihre Wohnsitze zu verrammeln. Die Leute wagten nur noch in gedrängten Haufen, bewaffnet, trommelnd und schreiend ins Freie zu gehen. Damals, 1862, war der Bau der Eisenbahn von Bombay nach Allahabad gerade bis in diese Gegend, bis in das Narbadathal, gediehen. Aber die Arbeiten mußten unterbrochen werden, weil die Holzschläger nicht mehr wagten, Bäume zur Herstellung von Schwellen zu suchen und zu fällen. Dieser Tiger beherrschte ein Gebiet von 50—60 km Durchmesser und sollte über 100 Menschen geraubt haben, ehe es Forsyth gelang, ihn zu erlegen. Im nämlichen Gebiete raubte, laut Fayrer, ein Tiger in den 3 Jahren 1867 —69 je 27, 34 und 47 Men schen, bis ein aufgestellter Selbstschuß ihn tötete; eine Tigerin vertrieb die Bewohner von 13 Ortschaften, störte den Ackerbau in einem Landstriche von etwa 1000 qkm und wußte allen Nachstellungen in listigster Weise zu entgehen, bis es einem herbeieilenden englischen Weidmann glückte, sie zu schießen. Eine andere wurde im Jahre 1869 am Godawari erst erlegt, nachdem sie 127 Menschen umgebracht hatte.
Es darf nun aber, weil sich derartiges ereignet hat und noch ereignet, nicht sogleich geschlossen werden, daß es das Gewöhnliche und Alltägliche sei. „Die Gefahren der Wildnis“, schreibt Pechuel-Loesche, „werden auf Grund mancher Schilderungen weit überschätzt. In ungewohnter Umgebung, wo die Fülle des Fremdartigen die Phantasie in steter Spannung erhält, wird der Neuling und Nichtjäger nur zu leicht verführt, landläufigen Überlieferungen zu glauben, irgend welche Vorgänge als abenteuerliche Ereignisse aufzufassen. Er wird dazu um so mehr hinneigen, je weniger er überhaupt mit scharfen Sinnen begabt und in der freien Natur aufgewachsen ist: denn wer nicht von Jugend auf vertraut war mit dem Leben in Wald und Flur der Heimat, wird auch niemals vertraut mit dem in der Wildnis. Reisende, welche darauf angewiesen bleiben, landläufige Geschichten aufzunehmen, die dem Fremdling überall mit dem bekannten Behagen am Ungewöhnlichen und Schauerlichen berichtet werden, können naturgemäß nicht die besten Gewährsmänner sein. Freilich wäre es ebenso fehlerhaft, dergleichen Überlieferungen einfach zu verwerfen, wie sie treuherzig im vollen Umfange weiter zu verbreiten: denn Tiere der nämlichen Art handeln je nach Umständen sehr verschieden und ändern wohl auch manchen Zug ihres Wesens, je nachdem der Mensch unter neuen Bedingungen ihnen gegenübertritt. Aber die aufregenden und meistens recht unsicheren Berichte nach Hörensagen sollten doch sorgsamer geprüft oder mit Vorbehalt wiedergegeben werden. „Statistische Erhebungen über Todesfälle, die in Britisch⸗Indien durch wilde Tiere ver: ursacht worden sein sollen — die Zahlen sind stetig gestiegen und 1886 bei 24,841 Todesfällen angelangt — sind aus mancherlei Gründen durchaus nicht über jeden Zweifel erhaben. Neun Zehntel der Verluste werden jetzt Giftschlangen, fast ein Zehntel sehr verschiedenartigen Bestien zur Last gelegt. Denn die Schreckensthaten der Tiger, mit denen man ehedem Grausen erregte, sind durch das einmütige Zeugnis zahlreicher Jagdfreunde, deren mancher Hunderte erlegt hat, auf ein bescheidenes Maß herabgesetzt worden. Die amtlichen Angaben über die von Tigern getöteten Menschen und über gleichzeitig erlegte Tiger geben für die neuere Zeit folgenden Überblick: