Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Weit ergiebiger, wenn auch weniger pomphaft als alle die großen Treiben sind die Einzeljagden, welche beherzte Weidmänner allein oder mit wenigen Gehilfen unternehmen. Wie Afrika seine Löwentöter, hat Ostindien seine Tigerjäger. In Gegenden mit hohen, dichten Grasbeständen müssen sie sich allerdings meistens auch des Elefanten bedienen, weil ihnen das Wild sonst kaum zu Gesichte käme. Fayrer berichtet nach einem Jagdtagebuche, daß unter solchen Umständen 4 Jäger vom 19. April bis 1. März 1855 im Audh Terai 11 Tiger ohne Unfall zur Strecke brachten. Elefanten sind jedoch kostspielig, besonders die guten
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Jagdelefanten; daher suchen die Jäger, wo eine freiere Umschau möglich ist, wo Wald und Dickichte mit offenen Stellen abwechseln, ihr Wild in einfacherer Weise zu erlegen. Sie verbergen sich abends auf einem Baume bei einem frisch getöteten Tiere und erwarten die Rückkehr des Räubers, oder sie locken ihn durch ein angebundenes Rind heran; sie fahnden am Tage nach ihm, indem sie ihn aufspüren, in ausgedehnten Dickungen mit Netzen umstellen, in durchbrochenen aber noch häufiger sich von Treibern zum Schuß bringen lassen. Denn der Tiger, der es überhaupt liebt, Pfade, trockene Bachbetten und sonstige offene Stellen zu begehen, statt durch wirres Dickicht zu kriechen, läßt sich wie jedes Wild aufstören und bei geschickter Ausnutzung der Umstände in wünschenswerter Richtung treiben. Überdies kennen die Eingeborenen ihre Tiger, deren Verstecke, Liebhabereien und Gewohnheiten oft recht genau, und was sie nicht wissen, das kundschaften sie aus, wenn ein Jäger sie verständig behandelt und ihnen nichts Unvernünftiges zumutet, wenn sie ihm überhaupt vertrauen und sehen, daß er sie von einem lästig gewordenen Räuber befreien will. Sie scheuen sich keineswegs, in geringer Anzahl Wald und Buschwerk in langer Linie kunstgerecht abzutreiben, denn sehr selten kommt bei guter und vorsichtiger Leitung einer zu Schaden. Kaum jemals wagt es
Tiger, eine Menschenmenge anzugreifen, welche sich auf geräuschvolle Weise ankündigt. So verwegen er ist beim Beschleichen und Überfallen eines ahnungslosen Opfers, so wenig Mut beweist er, wenn er sich bedroht glaubt. Es ist kaum Gefahr dabei, einen Tiger anzuschießen. Einem Kampfe mit dem Menschen sucht er stets auszuweichen, und wenn er sich verfolgt sieht, ergreift er fast feig die Flucht. Gleich dem Löwen wird er erst gefährlich, wenn er verwundet ist, sich gesteckt hat, wenn er verfolgt und umstellt wird; dann mag er allerdings wütend und verzweifelt seine Feinde annehmen, weniger, um sich an ihnen zu rächen, als vielmehr, um durchzubrechen oder sich die ihn Überraschenden vom Leibe zu halten. Wäre es anders, so würde kein Tigerjäger die nötige Anzahl Spürer und Treiber zur regelrechten Jagd aufbringen können. Nur der menschenfressende Tiger, wenigstens solange man ihm nicht ernstlich zu Leibe geht, flößt den Leuten mit Recht große Furcht ein, denn vor ihm sind sie nie und nirgends sicher. Mit den übrigen aber leben sie sozusagen fast auf vertrautem Fuße und bezeichnen die hervorragenden darunter mit Eigennamen.
Sterndale erzählt, daß es, wenigstens in den sechziger Jahren, in den Zentralprovinzen wenige Ortschaften ohne einen gleichsam als unvermeidliches Zubehör betrachteten Tiger gab. Wenn dann einer einmal sein Versteck in zu unbequemer Nähe an den Wohnsitzen wählte, geschah es sogar, daß die Knaben ausrückten und ihn mit Steinen warfen, bis er sich anderswo ein Plätzchen suchte. Ferner sah Sterndale einen Hirten laut schimpfend ganz allein einem Tiger, der sich eben auf ein junges Rind geworfen hatte, zu Leibe gehen und ihn dermaßen mit seinem Stocke bearbeiten, daß er die noch lebende Beute im Stiche ließ. Der Hirt vermeinte gar nichts Besonderes geleistet zu haben, schien eher verwundert, daß andere glauben könnten, er würde dem Räuber gutwillig ein Stück aus der Herde überlassen. Freilich werden die Leute nicht einen jeden Tiger derartig zu behandeln wagen, sondern eben nur diejenigen, deren Charakter sie hinreichend kennen.
Infolge der üblich gewordenen einfacheren Jagdweisen, wobei die Jäger die erhoffte Beute aufspüren, belauern, verfolgen und fie unter den mannigfaltigsten Umständen beobachten, sind wir nun über das Wesen und Treiben der Tiger in Indien recht gut unterrichtet. Seitdem die Zahl der diesem Weidwerk Huldigenden — sogar Damen befinden sich darunter — sehr groß geworden ist, haben die alten Jagd- und Schreckensgeschichten viel an Wert eingebüßt, und es hält nicht schwer, Alltägliches und Ungewöhnliches zu trennen.
Wie zu erwarten, sind auch Wesen und Neigungen der einzelnen Tiger recht verschieden, doch lassen sich zufolge der besten Kenner drei Abteilungen von Tigern, und zwar nach ihrer vorherrschenden Lebensweise, unterscheiden: die Wildtöter, die Viehräuber, die Menschenfresser.
Der Wildtöter meidet die Wohnsitze der Menschen, denn feine Heimat ist die eigentliche Wildnis, wo er fast zu allen Stunden durch Wald, Busch und Gras schleicht. Notgedrungen führt er ein mehr umherschweifendes Leben als andere, er zieht mit dem im Wechsel der Jahreszeiten wandernden Wild von Landstrich zu Landstrich, in die Hügel und Berge wie in die Ebenen. Dem Jagdlustigen mag er öfters ein nicht sonderlich beliebter Mitbewerber sein, aber dem Ackerbauer ist er vielfach ein guter Freund, da er ihm gewissermaßen als Feldkatze dient, namentlich Hirsche und Schweine, vor deren Verwüstungen sich jener kaum zu schützen vermag, vertilgt und verscheucht. Die Wildtöter sind in der Regel schmächtiger und gewandter als andere Tiger, obwohl auch unter ihnen sehr stattliche gefunden werden. Sie bilden die bei weitem zahlreichste Abteilung und versammeln sich während der heißesten und trockensten Zeit an den übriggebliebenen Wasserplätzen.
Der Viehräuber sucht die Nähe der Dörfer und wählt seine Beute mit Vorliebe unter den Haustieren, die zur Weide getrieben werden oder des Nachts einmal lose im Dorfe um: herlaufen. Da die Besitzer ihr Vieh vor Einbruch der Dunkelheit sicher unterzubringen pflegen, gewöhnt sich der Räuber daran, seinen Bedarf am hellen Tage, gewöhnlich in der zwei: ten Hälfte des Nachmittags, zu holen. Wird er nicht verfolgt und bedroht, so umfaßt sein Jagdgebiet in der Regel bloß einige Dörfer, andernfalls beginnt er weiter umherzustreifen. In einer Landschaft in Maisur, die an 40 km lang und 20 km breit war, lebten auf solche Weise acht wohlbekannte einzelne Tiger. Selbstverständlich begnügen sie sich auch mit Ziegen, Schafen, Eseln und nehmen ebensogut Hirsche, Schweine und anderes Wild, wenn es ihnen in den Wurf kommt. Zum fast ausschließlichen Viehräuber wird erst der alt, fett und bequem gewordene Tiger: er wählt sich dann eine behagliche Gegend, wo es genügend Fleisch und Wasser gibt, zu seinem Hauptquartier. Mit den Dörflern lebt er auf dem Fuße gegenseitiger Duldung und fängt fi etwa jeden vierten oder fünften Tag ein Rind. Nicht selten gehen ihm dabei die Hirten, die im Umgange mit Tigern erfahren, kühn zu Leibe und machen ihm die Beute streitig. Auch mit kundigen, wehrhaften Stieren der Herde ist nicht zu spaßen. Es scheint, daß manche der auf diese Weise öfter um ihre Mahlzeit gebrachten Räuber es sich angewöhnen, bei Gelegenheit den Verlust wett zu machen und mehr als ein Stück auf einmal zu töten. So ist es geschehen, daß hier und dort einzelne wohlbekannte Tiger bei einem Angriffe 3, 4 und 5, in einem Falle — den Sanderson von einem Musterräuber, dem „Don“, verbürgt — sogar 14 Rinder, die freilich durch Sturm und Kälte halb erstarrt waren, gefällt haben.
Allerdings darf man dabei nicht etwa an unsere Rinder denken und danach den Schaden bemessen. Da der Hindu überhaupt kein Rind tötet, gibt es in allen Dörfern eine Menge überständiges und elendes Vieh, das niemand nützt, vielmehr schadet, weil es vornehmlich die Rinderseuche verbreitet, und als Tigerfutter eigentlich noch die beste Verwendung findet. Seine guten Milch- und Zugtiere sucht der Dörfler stets sorgsam zu schützen, wenn es ihm auch nicht immer gelingt, sie vor Schaden zu bewahren. Früher wurde dieser Schade viel zu hoch veranschlagt: ein echter Viehräuber sollte alljährlich für 6000 —12,000 Mark Haustiere verzehren. Sanderson verwirft diese Annahme. Nach ihm könnte, selbst wenn ein Tiger im Jahre durchschnittlich 70 Rinder beanspruche, seine Rechnung bei dem geringen Werte der meisten Opfer doch nur etwa 20 Mark für jedes Stück, demnach im ganzen 1400 Mark, betragen. Dafür habe dann aber auch der Tiger eine Gegenrechnung von nicht geringer Bedeutung aufzustellen, insofern er auch das die Felder und Pflanzungen bedrohende Wild vertilge und verscheuche. Ohne diese von Tigern und Pardeln gegen Schweine und Hirsche geleistete Hilfe würde es in manchen Gegenden gar nicht möglich sein, lohnende Ernten zu erzielen. Darum sind die Ackerbauer keineswegs immer beglückt, wenn unter ihren Tigern den Wildtötern und bescheidenen Viehräubern, die ihnen gleichsam als 26%
Feldhüter dienen, allzusehr nachgestellt wird. Als einst ein altbekannter, überaus schlauer und riesiger Viehräuber, der bereits erwähnte „Don“, dem tödlichen Geschosse Sandersons erlag, standen schließlich die Eingeborenen bedauernd um die Leiche: schade um ihn; er hat uns doch nie etwas zuleide gethan!
Der Menschenfresser ist in den meisten Fällen ein ehemaliger Viehräuber, der bei fortgesetzter Berührung mit Menschen und nicht zum wenigsten infolge von Zusammenstößen mit Hirten das Fürchten verlernt hat. Häufiger als ein altes Männchen, ist es ein Weibchen, vermutlich, weil es für Junge zu sorgen hat, manchmal auch ein Tier, das, irgendwie verletzt oder verkrüppelt, sich nicht mehr in gewohnter Weise zu ernähren vermag. Der Mensch kann soviel leichter beschlichen und überwältigt werden als ein zahmes oder wildes Tier, daß der Tiger, der einmal die Scheu vor ihm verloren hat, ihn nimmt, wenn immer er seiner ohne Gefahr habhaft werden kann. Dies hat zu dem Glauben geführt, daß er Menschenfleisch jedem anderen vorziehe; aber die Annahme wird mit guten Gründen widerlegt, wie auch die andere, daß der Menschenfresser in der Regel verkommen und abgemagert sei. Bei alten Tigern wird die Grundfarbe des Felles heller, die Streifung verwaschener, weil graues Haar sich einmischt. Auch leben diese gefährlichen Räuber nicht ausschließlich von Menschen, sondern bespringen daneben jede andere Beute, die ihnen gerade recht kommt. Selbstverständlich zeigen sie bemerkenswerte Verschiedenheiten in ihrem Wesen und Vorgehen, wonach denn der eine viel schlimmer als der andere auftritt. Außere Umstände und sozusagen ihre Abkunft und Erziehung spielen dabei sicherlich eine wesentliche Rolle, wie denn Junge, die von der Mutter mit Menschenfleisch ernährt wurden, Zeugen ihrer Überfälle gewesen sind, gewiß leichter als andere sich an Eingeborenen vergreifen werden.
Vorwiegend sollen sich Menschenfresser inden Gegenden ausbilden, wohin die Herden nur in gewissen Jahreszeiten getrieben werden, wo dann nach deren Abzug die zurückbleibenden Viehräuber durch Nahrungsmangel veranlaßt werden, über Eingeborene herzufallen. Der Menschenfresser zeigt durchaus nicht größeren Mut als der Wildtöter oder Viehräuber; ebenso feig wie listig und erstaunlich frech, flieht ervor Bewaffneten und wirft sich auf ein: zelne Wehrlose, die er wohl zu unterscheiden versteht. Da er infolge seiner Lebensweise besser als die anderen Tiger das Gebaren des Menschen versteht, ist er schwieriger zu jagen. „Die schreckliche Geißel“, schreibt Sanderson, „für den furchtsamen und waffenlosen Inder wird jetzt glücklicherweise sehr selten; von Menschenfressern schlimmster Art hört man kaum noch, und wenn, so finden sie baldigst ihren Meister. Bevor es so zahlreiche europäische Weidmänner im Lande gab, konnten wohl solche Tiere zur Räumung einzelner Landstriche zwingen; heute noch findet man in der Wildnis Stätten, wo einstmals Dörfer standen, die schließlich von den entsetzten Bewohnern verlassen wurden. In Maisur und weiten umliegenden Gebieten sind Menschenfresser kaum noch erhört. Während der letzten 15 Jahre (bis 1879) hat es nur einen von Bedeutung gegeben: den Benkipur-Tiger. Für seine Erlegung verhieß die Regierung eine große Belohnung; doch unter denen, die geschossen und als der echte Menschenfresser eingeliefert wurden, konnte man den richtigen nicht feststellen. Obwohl man glauben darf, daß er schließlich einem eingeborenen Schikari erlag, weil das Würgen aufhörte, seitdem jener Jäger einen männlichen Tiger mit verkrüppelter Vorderpranke zur Strecke brachte, so war doch nicht zu beweisen, daß dieser gerade der Übelthäter gewesen. Die Belohnung wurde deshalb überhaupt nicht ausbezahlt.“
Sanderson empfiehlt übrigens sogar eine gewisse Schonung der Tiger. Nicht gegen den weidmännisch betriebenen Abschuß mit Auswahl wendet er sich, wohl aber gegen die, welche ganz einseitig für unterschiedslose Ausrottung mit Fallen und Gift sind. Er meint, unter den bestehenden Verhältnissen würde in vielen Gebieten der Bodenertrag wesentlich zurückgehen, wenn die Raubtiere nicht wären, ohne die der Ackerbauer sich unmöglich gegen
einen übermäßig hohen Wildschaden zu schützen vermöchte. „Der Tiger“, schreibt er, „ist nicht bloß ein Übel. Schweine und Hirsche find es, nicht Tiger und Panther, welche die Bodenwirtschaft, den Lebensunterhalt gefährden; und ihnen sind nur die Tiere gewachsen, welche die Natur bestimmte, von ihnen zu leben. Es ist bedauerlich, daß der Tiger geächtet ist und auf jede mögliche unweidmännische Weise vertilgt wird, zufolge des hauptsächlich in England erhobenen volkstümlichen Geschreies über seine Schädlichkeit, für das kein zureichen-der Grund vorhanden ist. Spürt auf und tötet jeden Menschenfresser, ferner auch die hartnäckigsten Viehräuber mit allen Mitteln; aber gewöhnliche Tiger sind nichts weniger als gefährlich und haben ihren Nutzen. Möge der Tag fern sein, an welchem es thatsächlich keinen Tiger mehr gibt!“ Als ein Vorsteher des Elefantenfang-Betriebes der Regierung von Sn: dien hat unser Gewährsmann ganz berufsmäßig in der Wildnis, unter wilden Tieren zu leben; er kennt aus eigener Anschauung die verschiedenartigsten Gebiete Indiens und ist demzufolge wie wenige befähigt, zu urteilen. Desto mehr sind seine Ausführungen geeignet, zum Nachdenken anzuregen, zumal sie auch durchaus nicht allein stehen. Weiter oben ist davon schon vielfach die Rede gewesen. Forsyth, Blanford und andere urteilen ähnlich oder vollständig gleich. Sherwill sagt geradezu: „Der bengalische Tiger ist im allgemeinen ein harmloses, furchtsames Tier, bloß wenn er verwundet ist, wird er bösartig und gefährlich. Selten belästigt er den Menschen, ohne gereizt zu sein, und Menschenfresser kommen in Bengalen kaum vor, ausgenommen in der Umgebung der Sumpfwälder (Sanderbans) des Gangesdeltas.“ Auch Fayrer, der sonst die Gefährlichkeit des Tigers vollauf würdigt, führt an, daß Unglücksfälle aller Art bei der Tigerjagd nicht häufiger vorkämen als etwa bei Fuchshetzen in England. Nach alledem wird man den Tiger anders beurteilen müssen, als bisher üblich. Er ist ein Raubtier, das in vielen Gebieten (wenigstens Indiens) mehr nützt als schadet und jedenfalls bloß in seltenen Fällen zu jenem „Inbegriff alles Schreckens“ wird, der bisher unterschiedslos der ganzen Art anhaftete.