All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 108 of 188

1878: 816 1493 1883: 985: 1825 =:

1880: 872 = 1689 - = 1885: 838 = 1855

„Danach werden im Durchschnitte etwa doppelt jo viele Tiger — abgesehen von den vielen angeschossenen und nicht zur Strecke gebrachten — getötet, als Menschen durch sie umkommen; es wird aber leider nicht festgestellt, wie viele der letzteren durch gereizte oder verwundete verunglücken: auf der Jagd oder bei Verteidigung der Viehherden. Wenn nun berücksichtigt wird, daß die amtlich eingeschriebene Bevölkerung der betreffenden Gebiete 1886 beinahe 200 Millionen Köpfe zählte — Fayrer setzt sogar 250 Millionen an — so erscheint dieser vielberufene, dem Tiger noch zur Last gelegte Menschenverlust (nicht 5 auf 1 Million) doch recht geringfügig, zumal, wenn wir ihm die zuverlässigen Zahlen aus der Unfallstatistik der Kulturvölker gegenüberstellen. Überdies sind, wie schon gesagt, obige Angaben durchaus nicht einwurfsfrei. Denn die amtlichen Nachrichten, obwohl sie scheinbar peinlich genau die Übelthaten der Tiere aufzählen, enthalten nicht einmal Zahlenreihen, welche die Mordthaten der Menschen erkennen lassen. Und dies in einem Lande, wo Dakoits hausen, wo der Geheimbund gewerbsmäßiger Raubmörder, der Thags, sein Unwesen treibt! In den ungeheuern Wildnissen ist freilich die Überwachung der Menschen und ihres Treibens sehr schwierig, noch schwieriger aber jedenfalls die der wilden Tiere. Wo sie sorgfältig ausgeübt werden kann: bei den allenthalben verstreuten Truppen, auf den zahlreichen Pflanzungen wie bei allen Märschen und Jagdzügen, entsprechen die Erfahrungen ganz und gar nicht der allgemeinen Annahme. „Ganz sicherlich: Menschen finden ihren Tod durch Tiger wie durch andere Tiere, zumal wenn fie selbst erst mit ihnen anbinden. Manche Tiger verlegen sich auch auf den Menschenraub. Aber verhältnismäßig seltene Unfälle nn darum nicht wie alltägliche Gejcheh-nisse zu behandeln.“

Auf Java und Sumatra sollen im Jahre 1862 allein 300 Menschen die Beute von Tigern geworden sein. Diese Angabe wird jedoch von Kennern der Verhältnisse einfach nicht geglaubt. Der Botaniker Teysmann, der 40 Jahre lang die Wildnisse von Holländisch—⸗ Indien durchstreifte, ist niemals einem Tiger auch nur begegnet. Und von Rosenberg, der drei Jahrzehnte in jenen Wildnissen zubrachte, weiß nur von einem Unglücksfalle und noch von einer Begegnung mit einem Tiger zu berichten, wobei Mensch und Tier sich vorsichtig voreinander zurückzogen. Die gleichen Angaben machtH. O. Forbes. Viele Reisende, darunter die unten noch anzuziehenden Hans Meyer und O. Kuntze, haben weder in Holländisch- noch in Britisch-Indien einen wilden Tiger gesehen oder gehört. Mit alledem stimmen auch die Urteile der erfahrensten Tigerjäger überein, die doch das Tier sicherlich besser kennen als irgend jemand sonst. Als Sprecher für alle möge Forsyth dienen. Er führt aus, wie höchst selten man überhaupt vom Tiger etwas merke, wenn man ihn nicht mühevoll aufsuche, und schließt mit dem Satze: „In Wahrheit ist nicht irgend welche Gefahr dabei, irgend einen Teil der Wildnis in Indien zu durchwandern, es wäre denn im wohlbekannten Raubgebiete eines wirklichen Menschenfressers“. Und an anderer Stelle sagt er: „Zur Beruhigung furchtsamer Gemüter will ich noch ausdrücklich hervorheben, daß niemals ein Tiger in eines meiner Lager eingebrochen ist, obwohl ich diese mit geringem Gefolge und ohne jegliche Schutzmaßregeln allenthalben inmitten ihrer Verstecke einrichtete. Einem Neuling im Leben der Wildnis mag es befremdlich erscheinen, wenn er sieht, wie in warmen Nächten ein Mann sein Schlafzeug aus dem Zelte nimmt, 100 Schritt abseits geht, sich unter freiem R Himmel niederlegt und, sein Pfeifchen schmauchend, einige Zeitlang den Stimmen der Tiere

lauscht, bis er behaglich einschläft. Aber nicht lange, und der Neuling wird genau dasselbe thun.“ Blanford, der 20 Jahre lang die indischen Gebiete durchforscht hat, stimmt Forsyth bei. Nach ihm könnte unter den Tigern, die nicht Menschenfresser find, höchstens ein: mal eine Mutter in großer Not oder ein sehr hungriger Tiger, dem seine Beute streitig gemacht wird, gefährlich werden.

Viel berufen war und ist teilweise noch der Tigerschrecken der Insel Singapur. Während der ersten Zeit nach der Besitznahme (1819) des damals wüsten Eilandes scheinen daselbst keine Tiger gelebt zu haben; erst seit 1835 wurde ihre Anwesenheit bemerkt. Sie mußten demnach der Insel über die fast 2 km breite Meeresstraße zuschwimmen. Der Beweis dafür ist auch erbracht worden. Eines Morgens fand man laut Cameron in Netzen, welche längs des Gestades der Insel aufgestellt waren, eine Tigerin verstrickt und fast ertrunken. Sie konnte nicht von Singapur gekommen sein, da ganze Reihen dem Strande näher aufgestellte Netze unversehrt waren. In den Nachrichten über die Insel, die allerdings zumeist auf Er: kundigungen beruhten, wuchsen die Zahlen der durch Tiger verursachten Todesfälle rasch zu erschreckender Höhe an. Es fielen ihnen danach in den sechziger Jahren alljährlich an 400 Menschen, nach anderen Quellen durchschnittlich mindestens ein Chinese jeden Tag zum Opfer und zwar hauptsächlich Arbeiter aus den Pflanzungen. Freilich sollte von dieser Zahl nur ein Fünftel oder Sechstel, also etwa 70, zur Kenntnis der Behörden gebracht werden, weil man deren Einmischung fürchtete. Zu verwundern war nur, daß überhaupt Menschen außerhalb der Hafenstadt auf der Insel aushielten, da unter damaligen Verhältnissen von je 100 etwa einer vom Tiger gefressen wurde, und noch mehr, daß englische Jäger dem Unwesen nicht wie anderswo ein Ende machten, denn unter vielen Tigern gibt es immer nur einige Menschenfresser, und die konnten sich doch nicht alle gerade auf der kleinen Insel versammeln. Von anderer Seite werden denn auch die Verhältnisse maßvoller beurteilt. Der Botaniker O. Kuntze, der die Insel 1875 durchstreifte, nennt manche jener Berichte „Tiger: fabeln“, die Reisende allzu gläubig aufnahmen und verbreiteten. Trotz aller Bemühungen gelang es ihm nicht, überzeugende Beweise von dem so entsetzlich geschilderten Treiben der Tiger zu erhalten. Da man ihm daheim nicht glauben wollte, schrieb er nachmals an den deutschen Konsul Bieber in Singapur, teilte ihm die umlaufenden Tigergeschichten, besonders die Schreckensberichte aus den sechziger Jahren, mit und bat um Auskunft. Biebers Antwort lautet: „Aus zuverlässiger Quelle entnehme ich die Mitteilung, daß zu jener Zeit (1862-66) etwa von 6 zu 8 Wochen bei der Polizei Anzeige über das Zerreißen eines Menschen durch Tiger erstattet wurde (also etwa 8 jährlich); fast das ganze Jahr hindurch jollen ferner in dem malayischen Viertel der Stadt 2—3 Tiger, die von den Eingeborenen in Gruben gefangen, zur Schau gestellt gewesen sein. Seit etwa 10 Jahren gehören aber die Tiger auf Singapur zu den Seltenheiten; jetzt (1878) sollen 2— 3 im Innern der Insel hausen.“ Ferner führt Kuntze eine auf der Insel erscheinende Zeitung an, danach der amtliche Bericht für 1879 nur 2 von Tigern verursachte Todesfälle, deren einer noch dazu zweifelhaft, vermerkt. Diese von den früheren sehr abweichenden, ihnen sogar widersprechenden Angaben werden ferner durch Hans Meyer, der die Insel 1882 mehrmals besuchte, bestätigt. Nach diesen Zeugnissen ist nun wohl nicht mehr zu bezweifeln, daß auch der vielberufene Tigerschrecken von Singapur selbst während der schlimmsten Zeit, in den sechziger Jahren, bei weitem nicht so groß war, wie nach Hörensagen berichtet worden, und daß er in neuerer Zeit kaum noch vorhanden ist.

Unter sehr vielen sind es eben immer nur einzelne Tiger: die Menschenfresser, welche sich durch ihr Treiben wirklich furchtbar machen. Und ihre Thaten haben die ganze Art in schlimmeren Verruf gebracht, als sie verdient. Der Tiger bleibt gefährlich genug, auch wenn

sein Wesen gerechter beurteilt wird, um die Phantasie der Menschen zu beschäftigen. In manchen Gegenden Indiens wird er geradezu als Gottheit betrachtet, und die Eingeborenen pflegen ihn, wenn sie von ihm sprechen, in der verschiedensten Weise, nur nicht mit seinem wirklichen Namen zu bezeichnen. Auch unter den Völkerschaften Ostsibiriens herrschen, wie Radde berichtet, ähnliche Anschauungen. Die Urjänchen benamsen den Tiger Menschentier, die Dauren Beamten- oder Herrschertier; die Birar-Tungusen sprechen ungern und nur leise von ihm, nennen ihn überhaupt nicht, sondern glauben in der Bezeichnung La wun einen Namen gefunden zu haben, welcher ihm unverständlich ist und für den Sprecher nicht gefahrbringend wird. Wie die Dauren und Mandschu sind auch sie der Meinung, daß der Tiger mit zunehmendem Alter zu höherem Range gelangt und demgemäß behandelt werden muß; es gibt in ihren Augen Tiger, denen sogar der Rang eines Oberstatthalters zukommt. Bei vielen Eingeborenen der Amurländer steigert sich diese Ehrfurcht zu religiöser Verehrung: Radde hörte, daß mit dem Worte Burchan, welches so viel als Gottheit bedeutet, auch der Tiger bezeichnet wurde. Die auf Furcht gegründete Verehrung des Raubtieres bildet bei den Birar-Tungusen einen Hauptteil ihrer aus Schamanentum und Buddhismus gemischten Religion, just wie bei uns zu Lande die Lehre vom Teufel. Die im Chingangebirge wohnenden Monjagern und Orotschonen beobachten andere abergläubische Gebräuche, da sie nicht allein das Tier, sondern auch dessen Fährte dermaßen fürchten, daß sie bei zufälliger Begegnung derselben die Hälfte ihrer Ausbeute, welche sie gerade mit sich führen, opfern, indem fie diese auf die Spur legen. Wer einen Tiger tötet, wird nach Meinung der Birar-Tungusen unfehlbar von einem anderen gefressen. Auf Sumatra ist man überzeugt, daß man im Tiger nur die Hülle eines verstorbenen Menschen zu erkennen hat, und wagt deshalb gar nicht, ihn zu töten. In Indien übt man die Gewohnheit, an Orten, wo ein Mensch von einem Tiger getötet worden ist, eine hohe Stange mit einem farbigen Tuche als Warnungszeichen aufzupflanzen oder seinem Andenken einen Steinhaufen zu errichten, zu welchem jeder Vorübergehende seinen Beitrag fügt — übrigens ein Gebrauch an Unglücksstätten, der weitverbreitet auf der Erde, selbst noch bei Kulturvölkern im Schwange ist. Ferner wenden die Inder auch die Werwolfsage auf den Tiger an und erzählen von den Menschenfressern, daß sie von den Seelen aller durch sie Umgekommenen ständig umschwebt, behütet, gewarnt und zu neuen Opfern hingeführt würden. Nach C. Bock essen die Laoten in Siam Tigerfleisch sehr gern, im Glauben, daß es ihnen Stärke verleihe. Doch beschuldigten sie auch den Reisenden, daß er die Tiger in die Dörfer locke, weil zufällig während seiner Anwesenheit diese Räuber mehrmals nächtlicherweile die Hütten umschlichen und auch etliche Haustiere, Hunde und Rinder, überfielen. Die Schnurrhaare des Tigers gelten in manchen Gebieten Indiens als tödliches Gift und werden, nachdem einer erlegt ist, sogleich verbrannt; in anderen Gebieten, nach Jerdon besonders in Südindien, sind sie sehr begehrt, weil man glaubt, daß sie dem Besitzer unbeschränkte Macht über das weibliche Geschlecht verleihen. Bei manchen Völkerschaften Vorderindiens wird oder wurde doch, laut Blanford, ein gewisser feierlicher Eid auf einem Tigerfelle abgelegt.

Einige Fürsten Indiens verbieten noch heutigestags die Tigerjagd in gewissen Gegenden, indem sie dieselbe als ein königliches Vergnügen für sich selbst aufsparen. In manchen Strichen aber, wo sich viele britische Niederlassungen befinden und von den Engländern die Ausrottung ernstlich betrieben wird, hat man den Tiger fast vernichtet. Die Fürsten Indiens hielten ehemals mehr denn jetzt große Staatsjagden ab, bei denen aber der Pomp und Lärm des Jagdzuges das Hauptsächlichste war. Gegen die Tiger wurde wenig ausgerichtet. Im 17. Jahrhundert zog nach dem Berichte des Jesuitenpaters Verbiest der Kaiser von China einmal mit Heeresmacht in die Provinz Leao-Tong, ließ dort von seinen Soldaten große Strecken umstellen und den Kreis mehr und mehr verengern. Bei der einen Jagd

rückte der Kaiser mit 60,000 Mann und 10,000 Pferden aus, ohne jedoch sonderliche Erfolge zu erzielen. Möckern beschreibt eine große Jagd, welche der Nabob von Audh veranstaltete. Der Fürst hatte ein ganzes Heer von Fußvolk, Reiterei, Geschütze, über 1000 Elefanten, eine unübersehbare Reihe von Karren, Kamelen, Pferden und Tragochsen bei sich. Seine Weiber saßen in bedeckten Wagen. Bajaderen, Sänger, Possenreißer und Marktschreier, Jagdleoparden, Falken, Kampfhähne, Nachtigallen, Tauben gehörten zu dem großen Gefolge. Es wurde vielerlei Wild erbeutet. Endlich ward auch ein Tiger aufgespürt und sein Versteck mit etwa 200 Elefanten umstellt. Der Nabob ließ ihn nach der Stelle treiben, wo er selbst, von Bewaffneten umgeben, auf seinem Elefanten wartete. Beim Vorgehen ward der Tiger angeschossen, dann gegen den Nabob hingedrängt und dort erlegt. Karl von Görtz hat eine Tigerjagd mitgemacht, welche von dem Oberbefehlshaber des indischen Heeres veranstaltet ward. 40 Elefanten standen in Bereitschaft, 8 davon waren für die Jäger, die übrigen zum Treiben bestimmt; auf mehreren von ihnen hockten außer dem Lenker 2-3 Eingeborene. Schilf und Gras war da, wo sich die Reihe von 40 Elefanten vorwärts bewegte, oft 5— 6 m hoch. Ein Tiger wurde durch mehrere Kugeln getötet.

Die indischen Fürsten wenden zuweilen auch die Lappjagd in großartigem Maßstabe an. Man setzt, auf 4—5 m Entfernung, hohe Bambusstangen mit großen, starken Netzen, welche an einem gewissen Punkte gegeneinander laufen, und treibt dahin den Tiger. In dem Winkel, welchen die Netze bilden, werden Gerüste errichtet und mit den besten Schützen, namentlich mit denen von hohem Range, besetzt. Die Netze sind an ihrer niedrigsten Stelle etwa 4 m hoch, aber überall nur lose an die Stangen gehängt, so daß sie dem Drucke nachgeben oder herabfallen, wenn ein Tiger gegen sie springt, und diesen in sich verwickeln. Die eigentliche Jagd erfordert ebenfalls ein großes Heer von Menschen und wird wenigstens gegenwärtig nicht häufig mehr angewandt; dabei muß man sich auch noch vorsehen, daß nicht etwa Elefanten oder andere große Tiere in dem begrenzten Teile der Dschangeln sich befinden, weil sie durch blindes Anrennen die Netze zerreißen und somit, trotz der längs der Netze aufgestellten Wachen, die Jagd auf den Tiger vereiteln würden. Um den Tiger an die Schießstände zu treiben, werden alle denkbaren Schreckmittel angewandt. Man klappert, schießt, trommelt, zündet Feuer an, wirft brennende Fackeln in das Rohr, benutzt mit dem besten Erfolge sehr große Raketen, welche man in geringer Höhe über die Dickungen dahinsausen läßt, ꝛc. Ist der Tiger richtig eingekreist, so gewahrt man bald, wie das erschreckte Tier sich feig aus dem Staube machen will. Von hinten her kommt der Lärm, nach vorwärts also muß es sich wenden. Da erreicht es die Netze: sie sind zu hoch, um über sie wegsetzen zu können, und zu schmiegsam, um sie zu durchbrechen, und so sieht es sich genötigt, längs derselben fortzuschleichen und den in sicherer Höhe thronenden Schützen zur Zielscheibe zu werden. Diese an und für sich treffliche Jagdweise hat leider ein sehr ernstes Bedenken gegen sich: sie erfordert einen zu großen Aufwand von Kraft und Geld und kann deshalb nicht regelmäßig betrieben werden, sondern immer nur als Festlichkeit gelten. Ihr Erfolg ist verhältnismäßig gering. Zuweilen drückt sich auch ein gewitzter Tiger und läßt sich von den Treibern übergehen oder durchbricht einfach die lärmende, aber ungefährliche Treibwehr.

Continue reading
Page 108 of 188