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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Wir erhalten somit zwei Gruppen amerikanischer Katzen, die Gruppe der einfarbigen: Puma, Yaguarundi und Eyra, und die Gruppe der gezeichneten, mit allmählichem Übergange von Fleckung in Längsstreifung. Ahnliche Gruppen können wir unter den Katzen der Alten Welt unterscheiden. Als höchststehende Zeichnung des Katzenkleides treffen wir hier

die Querstreifung des Tigerfelles an. Dem Tiger schließen sich unter den Katzen, die wir für besondere Schilderungen ausgewählt haben, der Nebelparder, die Marmelkatze, die Wildkatze, der Manul, die Falbkatze und endlich auch die Hauskatze als mehr oder weniger deutlich quergestreift an. Weil die Zeichnung dieser Katzen als eine Weiterbildung der Fleckenzeichnung erscheint, da die ursprünglichaus Längsstreifen entstandenen Flecke hier zu Quer: streifen zusammengetreten sind, werden wir billigerweise mit dem Tiger die Reihe unserer Lebensbilder der Katzen eröffnen. Als zweite Gruppe der altweltlichen Katzen treten uns dann die gefleckten, in deren Mitte der Panther steht, entgegen. Von der zerstreuten Fleckenzeichnung des Panthers gelangen wir einerseits zu der Einfarbigkeit des ausgebildeten, in der Jugend aber gefleckten Löwenfelles, anderseits durch Irbis, Tüpfel- und Zwergkatze zu dem Kleide des Servals mit seinen länglichen, in deutlichen Längsreihen geordneten Flecken. Der Serval führt uns dann durch die Länge seiner Beine und Ohren und die Kürze seines Schwanzes hinüber zu der Gattung der Luchse (Lynx), innerhalb welcher einerseits ein Übergang von dem einfarbigen Felle des Karakals bis zur deutlichen Fleckenzeichnung des Pardelluchses, anderseits eine Querstreifung (letztere beim Sumpfluchs) wahrzunehmen ist. Die wenigen Arten der gefleckten Geparde (Cynailurus) und die einzige der einfarbigen Frettkatzen (Cryptoprocta) überheben uns ihrer Einteilung in Gruppen.

Nachstehende Übersicht mag in Kürze die eben begründete Einteilung und Reihenfolge der im folgenden zu besprechenden Katzen vor Augen führen:

I. Gattung: Eigentliche Katzen (Felis).

(Krallen völlig zurückziehbar, Beine mittelhoch, Schwanz lang, kein Ohrpinsel.) a) Katzen der Alten Welt: a. Querstreifung (höchste Ausbildung der Katzenfellzeichnung!) mehr oder weniger Ae 1. Tiger (Felis tigris). [Stärkste Ausbildung der Querstreifung!] 2. Nebelparder (F. nebulosa). 3. Marmelkatze (F. marmorata). 4. Wildkatze (F. catus). 5. Manul (F. manul). 6. Falbkatze (F. maniculata). 7. Hauskatze (F. maniculata domestica). Fleckenzeichnung (minder hohe Ausbildung der Katzenfellzeichnung) einerseits in Einfarbigkeit, anderseits in Längsstreifung übergehend. 1. Löwe (F. leo). [Nur in der Jugend gefleckt!!] 2. Leopard oder Panther (F. pardus). Deutlichste Fleckenzeichnung ohne bestimmte Anordnung der Flecke. 3. Irbis (F. uncia). 4. Tüpfelkatze (F. viverrina). 5. Zwergkatze (F. bengalensis). O. Serval (F. serval). [Flecke in deutliche Längsreihen geordnet!] b) Katzen der Neuen Welt: a. Ein farbigkeit beim entwickelten Tiere vollständig erreicht. 1. Puma (F. concolor). 2. Daguarundi (F. yaguarundi). 3. Eyra (F. eyra). 6. Fleckenzeichnung überall noch mit Anordnung der Flecke zu Längsreihen, die in Längsstreifen (niedrigste Ausbildung der Katzenfellzeichnung!) übergehen. Jaguar (F. onca). . Mbaracaya (F. mitis). Ozelot (F. pardalis). Tigerkatze (F. tigrina). Langschwanzkatze (F. macrura). OD—0O Pampaskatze (F. pajeros). [Stärkste Ausbildung der Längsstreifung!]

TIGER.

II. Gattung: Luchse (Lynx). (Krallen völlig zurückziehbar. Beine hoch. Schwanz kurz. Ohrpinsel.) a) Quergestreift: 1. Sumpfluchs (Lynx chaus). b) Einfarbig bis gefleckt: 1. Karakal (L. caracal). [Einfarbigkeit am vollständigsten erreicht!] 2. Polarluchs (L. canadensis). 3. Gemeiner Luchs (L. vulgaris). 4. Pardelluchs (L. pardinus). [Fleckenzeichnung am deutlichsten!]

III. Gattung: Jagdleoparden (Cynailurus). (Krallen nicht völlig zurückziehbar. Beine sehr hoch. Schwanz lang. Kein Ohrpinsel) 1. Gepard (Cynailurus guttatus). [Gefleckt!]

IV. Gattung: Frettkatzen (Cryptoprocta). (Ausgezeichnet durch sehr lang gestreckten, niedrig gestellten Leib, abweichendes Gebiß, nackte Fußsohlen und Afterdrüsen. Übergangsform zu den Schleichkatzen!) 1. Fossa (Cryptoprocta ferox). [Einfarbig!]

In der Gruppe der mehr oder weniger quergestreiften Katzen steht der Tiger obenan, neben dem Löwen das vollkommenste Glied der gesamten Familie. Der Tiger ist eine echte Katze ohne Mähne, mit etwas starkem Backenbart und mit den ausgeprägtesten Querstreifen auf seinem Felle. Er ist die furchtbarste aller Katzen, ein Räuber, welchem selbst der Mensch noch fast machtlos gegenübersteht. Kein Raubsäugetier kann mit wahrhaft verführerischer Schönheit so viel Furchtbarkeit verbinden, keines die alte Fabel von der jungen, naseweisen Maus, welche in der Katze ein schönes und liebenswürdiges Wesen bewundert, besser bestätigen. Wollte man seine Gefährlichkeit als Maßstab seiner Bedeutung anlegen, so müßte man ihn als das erste aller Säugetiere erklären; denn er hat dem Herrscher der Erde in einer Weise gegenübergestanden wie kein anderes Geschöpf. Anstatt vertrieben und zurückgeworfen worden zu sein durch den Anbau des Bodens und den weiter und weiter vordringenden Menschen, ist er teilweise gerade hierdurch mehr zu diesem hingezogen worden und hat ihn hier und da sogar verscheucht. Er zieht sich nicht so wie der Löwe aus bevölkerten Gegenden zurück, der Gefahr, welche ihm Vernichtung droht, klüglich ausweichend, sondern geht ihr dreist oder listig entgegen und stellt sich hartnäckig dem Menschen als Feind gegenüber, aber als heimlicher, unvermutet herbeischleichender und deshalb um so gefährlicherer Feind. Man hat seine Mordlust und seinen Blutdurst, auch seine Menschenfresserei vielfach übertrieben oder wenigstens mit sehr grellen Farben geschildert; wir dürfen uns jedoch hierüber nicht wundern: denn für viele, welche ihn schildern konnten, war er allerdings der Inbegriff des Schreckens.

Der Königstiger, der Bagh, Scher, Nahar der Hindu, Wahag der Marathen,

Kya der Barmesen, Harimau der Malayen (Felis tigris, Tigris regalis), ist eine herrliche, wunderschön gezeichnete und gefärbte Katze. Höher, schlanker und leichter gebaut als der Löwe, steht der Tiger doch keineswegs hinter diesem zurück. Die Gesamtlänge von der Schnauze bis zur Schwanzspitze wird freilich sehr verschieden bestimmt. Für die Unsicherheit dieser und anderer Messungen gibt Elliot ein schlagendes Beispiel: die Größe eines und desselben Tieres wurde von ihm zu 284 cm, von zwei anderen Jägern zu 355 und sogar 365,7 em bestimmt. Sanderson hat keinen männlichen Tiger über 290 em und keinen weiblichen über 255 em lang erlegt; Blanford hat zwei ausgewachsene weibliche geschossen, die bloß 228,5 und 233,6 cm maßen. Rice gibt höhere Werte, die größten Beresford, im Durchschnitte 320 em für das Männchen, 294 cm für das Weibchen; drei seiner in Radschputana, wo sie früher weit stärker als anderswo geworden sein sollen, geschossenen hatten

eine Länge von 340, 345 und 375 cm. Es ist ja möglich, daß Tiger in manchen Gegenden ganz außerordentlich groß werden und unter ihnen manchmal Riesen wie der letzte, der 1862 erlegt wurde, vorkommen, aber die mitgeteilten Zahlen stehen vereinzelt und gehen sicherlich weit über das Gewöhnliche hinaus. Sie zeigen besten Falls nur, ebenso wie die vorhergehenden geringen Maße, daß es ausnahmsweise sehr große und sehr kleine Tiger gibt. Doch wird nicht nur, wie aus dem oben angeführten Beispiel von Elliot hervorgeht, unrichtig gemessen, sondern es wird auch versäumt, die Leibeslänge und die sehr wechselnde Schwanzlänge für sich zu bestimmen. Denn ein schwacher, aber langgeschwänzter Tiger ergibt oft ein bedeutenderes Gesamtmaß als ein sehr starker, aber kurzgeschwänzter, wodurch eine falsche Vorstellung von der wirklichen Größe gewonnen wird. Jerdon rechnet die mittlere Größe des Männchens zu 274—290 cm und trägt Bedenken, anzunehmen, daß Tiger von mehr als 310 em jemals zur Strecke gebracht worden seien. Damit stimmen auch Forsyths, Sherwills, Sterndales und anderer Angaben überein. Sonach dürfen wir sagen: die Gesamtlänge des ausgewachsenen Männchens schwankt zwischen 260 und 300 em, die des ausgewachsenen Weibchens ist je um 30—40 em geringer. Der Schwanz mißt 80 —95 cm, die Höhe am Widerriste 90—106 em. Das Gewicht zweier weiblicher Tiger wurde zu 108,8 und 158,7 kg, das zweier männlicher zu 163,3 und 172,4 kg bestimmt. 8

Der Leib ist etwas mehr verlängert und gestreckt, der Kopf runder als der des Löwen, der Schwanz quastenlos, die Behaarung kurz und glatt und nur an den Wangen bartmäßig verlängert. Das Weibchen ist kleiner und sein Backenbart schwächer. Alle Tiger, welche in nördlicher gelegenen Ländern wohnen, tragen, wenigstens während der kalten Jahreszeit, ein viel dichteres und längeres Haarkleid als diejenigen, deren Heimat die heißen Tiefländer Indiens sind. Die Zeichnung zeigt die schönste Anordnung von Farben und einen lebhaften Gegensatz zwischen der hellen, rostgelben Grundfarbe und den dunkeln Streifen, welche über sie hinweglaufen. Wie bei allen Katzen ist die Grundfärbung auf dem Rücken dunkler, an den Seiten lichter; auf der Unterseite, den Innenseiten der Gliedmaßen, dem Hinterkörper, den Lippen und dem Unterteile der Wangen ist fie weiß. Beim Waldtiger scheint die Grund: farbe satter zu sein als beim Dschangeltiger. Vom Rücken aus ziehen sich, je nach den Tieren verschieden weit voneinander liegend, unregelmäßige, schwarze Querstreifen in schiefer Richtung etwas von vorn nach hinten, nach Brust und Bauch herab. Einige dieser Streifen teilen sich, die meisten find einfach und dann dunkler. Der Schwanz ist lichter als der Oberkörper, aber ebenfalls durch dunkle Ringe gezeichnet. Die Schnurren haben weiße Färbung. Das große rundsternige Auge sieht gelblichbraun aus. Die Jungen sind genau so gezeichnet wie die Alten, nur hat ihre Grundfärbung einen etwas helleren Ton.

Auch bei dem Tiger kommen verschiedene Abänderungen in der Färbung vor: die Grundfarbe ist dunkler oder lichter und in seltenen Fällen sogar schwarz oder weiß mit nebeligen Seitenstreifen. Eine ständige, d. h. regelmäßig in derselben Weise gestaltete und gezeichnete, Abart oder, wenn man will, Art bewohnt Java und Sumatra. Der Javatiger der Tiergärtner und Händler ist stets kleiner, aber verhältnismäßig kräftiger als der Tiger des Festlandes und unterscheidet sich außerdem, auch dem blöderen Auge unverkennbar, durch die schmäleren, dunkleren, dichter stehenden Streifen; auch ist nach von Rosenberg seine Grundfarbe weniger rostrot, ferner sein Schwanz kürzer und dünner.

Man sollte meinen, daß ein fo prachtvoll gezeichnetes Tier schon von weitem allen Geschöpfen, denen es nachstrebt, auffallen müßte. Allein dem ist nicht so. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, wie die Gesamtfärbung aller Tiere und die der Katzen insbesondere auf das innigste mit ihrem Aufenthaltsorte übereinstimmt, und brauche deshalb hier bloß an die Busch-, Rohr- und Grasbestände, in denen der Tiger hauptsächlich seine Wohnung aufschlägt, zu erinnern, um eine solche Meinung zu widerlegen. Selbst geübten Jägern

geschieht es nicht selten, daß sie einen Tiger, welcher nahe vor ihnen liegt, so gut wie auch andere Tiere vollständig übersehen.

Der Verbreitungskreis des Tigers ist sehr ausgedehnt. Denn er beschränkt sich keineswegs bloß auf die heißen Länder Asiens, zumal Ostindien, sondern zieht sich über eine Strecke des gewaltigen Erdteiles hinweg, welche unser Europa an Ausdehnung bei weitem übertrifft. Er kommt vom 8. Grade südlicher Breite an bis zum 53. Grade nördlicher Breite, bis in das südöstliche Sibirien, vor. Seine nördliche Verbreitungsgrenze liegt weiter polwärts als Berlin, wobei zu bedenken, daß Sibirien ein ganz anderes und verhältnismäßig kälteres Klima besitzt als europäische Gebiete in gleicher Breite. Indien darf als bevorzugte Heimat des Tigers gelten; von hier aus verbreitet er sich nordwärts im Osten durch ganz China bis in die Amurländer und westwärts durch das nördliche Afghanistan und Persien um das Südufer des Kaspischen Sees, wo ihn die sumpfigen Urwälder von Massenderan und Gilan noch ziemlich reichlich beherbergen. Nach A. Walter sind neuere Angaben vom Vorkommen des Tigers im eigentlichen Transkaukasien richtiger auf Pardel zu beziehen. Wenn auch „laut Radde und russischen Beamten auf Grenzposten der Tiger um Lenkoran häufig war, darf er dort heute nur noch als Überläufer betrachtet werden, dessen ständiges Wohngebiet erst jenseits der persischen Grenze, beziehentlich des Grenzflusses Astara, beginnt. Von hier aus sendet er seine Vorposten am Südwestende des Sees bis Kumbaschinsk (20 Werft, d. h. etwa 21 km, von Lenkoran) hinauf. In Mittelasien geht er weiter nach Norden. In Turkmenien folgt er, im Westteile aus Persien, im Ostteile aus Afghanistan eintretend, den Flußläufen, wo die Wildschweine seine Hauptnahrung bilden. Am unteren Amu Darja soll er bis an den Aralsee gelangen, wo sicher die äußerste Westgrenze in Mittelasien liegt, da weder im Ust-jurt noch in den Kirgisensteppen gegen den Südural hin je etwas über den Tiger verlautet ist. In Turkistan überschreitet er den Sir Darja, wo er stellenweise häufig sein soll, und dringt nach Nordosten ins Becken des Balchaschsees vor, wo er nicht selten ist. Hier dürfen wir in dieser Richtung wohl seine Nordgrenze sehen und müssen annehmen, daß die Tiger Südostsibiriens, insonderheit der Amurländer, aus Ostasien über China stammen.“ Einzelne versprengte Tiger mögen wohl gelegentlich über die angeführten Grenzen hinausschweifen, im Westen aber sicherlich nicht bis zum Kaukasus oder gar bis zum Schwarzen Meere. Auf den Inseln des Malayischen Archipels ist, mit Ausnahme von Sumatra und Java, der Tiger nicht gefunden. Er fehlt auch auf der Insel Ceylon. Diese um so bemerkenswertere Ausnahme, als so viele andere Tiere Indien und der Insel gemeinsam sind, könnte dahin gedeutet werden, daß der Tiger erst später in Indien eingewandert sei. Doch gibt die Thatsache zu denken, daß gerade der Tiger im fernsten Osten, der Leopard oder Panther dagegen im Westen Asiens seine nördlichste Verbreitung erreicht und dennoch auf Ceylon heimisch ist. In einigen Gebieten Vorderindiens ist der Tiger nicht heimisch gewesen oder doch vertrieben oder ausgerottet worden: er fehlt im unteren Sind am Indus, in Katsch, an der Südspitze und Koromandelküste; in vielen anderen Gebieten sind seine Reihen besonders durch Gift (Strychnin) in den letzten Jahrzehnten bedeutend gelichtet worden.

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