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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Alle Raubsäuger nähren sich von anderen Tieren; nur ausnahmsweise verzehren einige auch Früchte, Körner und anderweitige Pflanzenstoffe. Man unterscheidet nach der verschiedenen Nahrung Alles- und Fleischfresser; diese Namen sind aber nicht ganz stichhaltig: denn die Allesfresser bevorzugen ebensogut ein gediegenes Stück Fleisch wie die größten und wildesten Raubtiere. Sämtliche Mitglieder unserer Ordnung sind vom Hause aus geborene Räuber und Mörder, gleichviel, ob sie große oder kleine Tiere umbringen, und selbst die, welche Pflanzenkost lieben, zeigen bei Gelegenheit, daß sie von der übrigen Gesellschaft keine Ausnahme machen wollen, soweit es sich um Raub und Mord handelt. Hinsichtlich der Auswahl ihrer Nahrungsstoffe oder, bestimmter gesagt, ihrer Beute unterscheiden sich die Raubsäuger erklärlicherweise in demselben Grade wie hinsichtlich ihres Leibesbaues, ihrer Heimat, ihres Aufenthaltsortes und ihrer Lebensweise. Nur wenige Klassen des Tierreiches bleiben vor den Angriffen und Brandschatzungen unserer Raubritter gesichert. Die größten und stärksten Glieder der Ordnung halten sich zumeist an Säugetiere, ohne jedoch deshalb andere zu verschmähen. Nicht einmal der Löwe nährt sich ausschließlich von Säugetieren, und die übrigen Katzen zeigen sich noch weit weniger wählerisch als er. Die Hunde, eigentlich echte Fleischfresser, dehnen ihre Jagd schon weiter aus; unter den Schleichkatzen und Mardern finden wir bereits einige, welche sich ausschließlich von Fischen oder gern von Lurchen nähren; die Bären sind eben die „Allesfresser“ und lassen sich auch in der That Pflanzenkost so gut wie Tierfleisch munden. Somit finden also die Wirbeltiere ebensogut ihre Liebhaber oder, richtiger, ihre Feinde wie die Wirbellosen. Und mögen die einen wie die anderen auf dem festen Boden oder im Wasser oder im Gezweige der Bäume sich aufhalten, im Norden wie im Süden, in der Höhe wie in der Tiefe leben: den Tod verbreiten die Raubsäuger überall um sich her, Rauben und Morden enden niemals. Sie müssen leben, und der Schwache erliegt dem Starken.

Einige Raubsäugetiere führen, wie man annimmt, ein wirkliches Eheleben, kein einziges aber ein solches auf Lebenszeit. Bei einigen Katzen und Mardern leben während und nach der Paarungszeit beide Geschlechter enger zusammen als im Verlaufe des übrigen Jahres, stehen sich auch wohl gegenseitig bei, um die Kinder zu ernähren oder zu beschützen und zu verteidigen: bei anderen und zwar bei der größeren Anzahl pflegt der Vater seine

eigenen Sprößlinge als gute Beute zu betrachten und muß von der Mutter zurückgetrieben werden, wenn er das Lager seiner Nachkommenschaft zufällig aufgefunden hat. Unter derartigen Umständen ist die Mutter natürlich die einzige Pflegerin. Die Anzahl der Jungen eines Wurfes schwankt erheblich, sinkt aber bloß ausnahmsweise bis auf eins herab. Fast alle Jungen werden blind geboren und sind längere Zeit sehr hilflos, entwickeln sich dann aber verhältnismäßig rasch. Ihre Mutter unterrichtet sie ziemlich ausführlich in ihrem Gewerbe und begleitet und schützt sie jedenfalls so lange, als sie noch unfähig sind, selbständig für sich zu sorgen. Bei Gefahr tragen einige, aber sehr wenige Mütter ihre Brut in den Armen oder auf dem Rücken fort; die übrigen schleppen sie mit dem Maule weg.

Der Mensch lebt mit fast allen Raubtieren in offener Fehde. Höchst wenige von ihnen hat er durch Zähmung sich nutzbar zu machen gesucht, eines von ihnen freilich in einem Grade wie kein anderes Tier überhaupt. Die größere Anzahl wird mit mehr oder weniger Recht als schädlich angesehen und leidenschaftlich gehaßt, deshalb auch unerbittlich verfolgt, ein unverhältnismäßig kleiner Teil geschont. Das Fleisch oder Fett der einen wird gegessen, das kostbare Fell der anderen zu wertvollen Kleiderstoffen verwendet, und hier läßt sich gegen ihre Tötung nicht wohl etwas einwenden; sehr unrecht aber ist es, daß auch die nicht bloß unschuldigen, sondern sogar nützlichen Raubsäuger verkannt werden und der blinden Zerstörungswut unterliegen müssen. Schon aus diesem Grunde verdient unsere Ordnung von allen Menschen sorgfältiger beobachtet zu werden als bisher; denn es ist doch wahrhaftig wichtig genug, seine Freunde von seinen Feinden unterscheiden zu lernen.

Der Laie wird keinen Augenblick im Zweifel sein, welcher Familie er die Ehre geben soll, die Reihe aller Raubtiere zu beginnen. Er gedenkt an den schon von den Alten zu der Tiere König gekrönten Löwen und räumt ihm gern jede Bevorzugung ein, sogar auf Kosten des liebsten und getreuesten Hausfreundes Hund, dessen geistiges Wesen einer anderen, weit wertvolleren Krone würdig ist. Diesmal darf auch der Forscher mit dem Laien übereinstimmen, und somit vereinigen wir in der ersten Familie die Katzen (Felidae).

Unter den Raubtieren sind die Katzen die vollendetsten Raubtiergestalten. Ein gleiches Ebenmaß zwischen Gliedern und Leib, gleiche Regelmäßigkeit und Einhelligkeit des Baues wie bei ihnen finden wir unter den Raubsäugern nicht wieder. Bei ihnen ist jeder einzelne Leibesteil anmutig und zierlich, und eben deshalb befriedigt das ganze Tier unser Schönheitsgefühl in so hohem Grade. Wir dürfen, ohne fehlzugreifen, unsere Hauskatze als Bild der gesamten Gesellschaft betrachten; denn in keiner zweiten Raubtierfamilie ist die Urform bei allen Mitgliedern so streng wiederholt. Alle Gattungskennzeichen erscheinen hier als nebensächliche, äußerliche Merkmale im Vergleiche zu den Unterschieden, welche die verschiedenen Gattungen anderer Familien aufweisen: der Löwe mit seiner Mähne oder der Luchs mit seinen Ohrpinseln und dem Stumpfschwanze bleiben ebensogut Katzen wie der Hinz oder der Leopard. Selbst den Jagdpanther oder Gepard, welcher das allgemeine Gepräge am wenigsten zeigt, muß man scharf ansehen, bevor man ihn ganz kennen lernt: als halbe Katze nur, als Bastard gleichsam von Katze und Hund.

Der Bau des Katzenleibes darf als bekannt vorausgesetzt werden; denn der kräftige und doch zierliche Leib, der kugelige Kopf mit dem starken Halse, die mäßig hohen Beine mit den dicken Pranken, der lange Schwanz und das weiche Fell mit seiner immer angenehmen, der Umgebung innig sich anschmiegenden Färbung sind Kennzeichen, welche jedermann sich eingeprägt haben dürfte. Vollendet am Katzenleibe müssen die Waffen erscheinen. Das Gebiß ist furchtbar. Die Eck- oder Fangzähne bilden große, starke, kaum gekrümmte

Kegel, welche alle übrigen Zähne weit überwiegen und eine wahrhaft vernichtende Wirkung äußern können. Ihnen gegenüber verschwinden die auffallend kleinen Schneidezähne, erscheinen selbst die starken, durch scharfe, gegenseitig ineinander eingreifende Zacken und Spitzen ausgezeichneten Reißzähne schwach und unbedeutend. Mit diesem Gebisse steht die dicke und fleischige, wegen ihrer feinen, hornigen, auf krausen Warzen sitzenden und nach hinten ge richteten Stacheln besonders merkwürdige Zunge im vollsten Einklange. Sie bewaffnet gleidj-sam noch einmal das Maul, ebenso wie bei manchen Schlangen und den raubgierigsten Fischen außer den Kinnladen der Gaumen mit Zähnen gespickt ist. Wenn nun auch die Stacheln der Katzenzunge von jenen Gaumenzähnen genügend sich unterscheiden, haben sie doch immer noch Schärfe genug, um bei fortgesetztem Lecken eine zarte Haut blutig zu ritzen, und übrigens dienen sie wirklich beim Fressen zur Unterstützung der Zähne, welche wegen ihrer Schärfe und Zackung nur einen einseitigen Gebrauch zulassen, zum Zermalmen der

Gerippe des Tigers (Felis tigris). (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

Speise aber als unbrauchbar sich erweisen. Die Zähne find jedoch nicht die einzigen An: griffswaffen der Katzen: in ihren Klauen besitzen sie nicht minder furchtbare Werkzeuge zum Ergreifen und tödlichen Verwunden ihrer Beute oder zur Abwehr im Kampfe. Ihre breiten und abgerundeten Füße zeichnen sich besonders durch die verhältnismäßige Kürze aus, und diese hat ihren Grund darin, daß das letzte Zehenglied aufwärts gebogen ist. So kann es beim Gange den Boden gar nicht berühren und ermöglicht dadurch Schonung der auf ihm sitzenden sehr starken und äußerst spitzigen Sichelkrallen. In der Ruhe und bei gewöhnlichem Gange erhalten zwei dehnbare Bänder, von denen das eine oben und das andere seitlich befestigt ist, das Glied in seiner aufrechten Stellung; bei Zorn und im Augenblicke der Benutzung zieht es der starke, tiefe Beugemuskel, dessen Sehne sich unten ansetzt, gewaltsam hernieder, streckt dadurch den Fuß und verwandelt ihn in die fürchterlichste Pranke, welche es überhaupt geben kann. Dieser Fußbau ist die Ursache, daß die gehenden Katzen niemals eine Fährte hinterlassen, in welcher Abdrücke der Krallen bemerklich sind; das Leisetreten dagegenhat seinen Grund in den weichen, oft dicht behaarten Ballen an den Sohlen.

Um womöglich allen Lesern gerecht zu werden, will ich noch folgende Kennzeichen der Katzen angeben. Die Wirbelsäule zählt 20 Brust- und Lendenwirbel, 2— 3 Kreuzbein- und 15— 29 Schwanzwirbel. Das Gebiß besteht aus 30 Zähnen und zwar 6 Vorderzähnen und 2 Eckzähnen oben und unten, jederseits 3 Lückenzähnen im Oberkiefer und 2 im Unterkiefer,

Gerippe des Tigers (Felis tigris). (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

endlich je einem Backenzahn links und rechts und oben und unten. Die Knochen der Gliedmaßen sind durchgehends sehr kräftig, die Schlüsselbeine aber verkümmert. Die Vorderfüße haben 5, die hinteren 4 Zehen. Der Darm erreicht die drei- bis fünffache Leibeslänge. Beim Weibchen stehen 4 Zitzen am Bauche oder noch 4 an der Brust.

Die Katzen sind starke und äußerst gewandte Tiere. Jede ihrer Bewegungen zeugt von ebensoviel Kraft wie anmutiger Behendigkeit. Fast alle Arten der Familie ähneln sich in ihren leiblichen wie in ihren geistigen Eigenschaften, wenn auch diese oder jene Art etwas vor der anderen voraus zu haben oder hinter ihr im Nachteile zu stehen scheint. Alle Katzen gehen gut, aber langsam, vorsichtig und geräuschlos, laufen schnell und sind fähig, wagerechte Sprünge zu machen, welche die Länge ihres Leibes um das Mehrfache übertreffen. Nur wenige der größeren Arten sind nicht im stande, Bäume zu erklettern, während diese Kunst von der Mehrzahl mit vielem Geschick betrieben wird. Obgleich größtenteils Feinde des Wassers, schwimmen sie doch recht gut, wenn es sein muß; wenigstens kommt keine einzige Art leicht im Wasser um. Zudem verstehen fie ihren schmucken Leib zusammenzudrücken oder zusammenzurollen, gebrauchen ihre Tatzen mit großer Fertigkeit und wissen mit unfehlbarer Sicherheit vermittelst derselben ein Tier selbst in seinem Laufe oder Fluge zu erfassen. Hierzu kommt noch die verhältnismäßige Stärke ihrer Glieder und ihre Ausdauer. Die größten Arten strecken mit einem einzigen Schlage ihrer furchtbaren Pranken und durch die Wucht ihres Ansprunges ein Tier zu Boden, welches größer ist als sie selbst, und vermögen bedeutende Lasten fortzuschleppen.

Unter den Sinnen stehen wohl Gehör und Gesicht obenan. Ersteres ist unzweifelhaft das Werkzeug, welches sie bei ihren Raub- und Streifzügen leitet. Sie vermögen Geräusche auf große Entfernungen hin wahrzunehmen und richtig zu beurteilen, vernehmen den leisesten Fußtritt, das schwächste Rascheln im Sande und finden durch ihr Gehör selbst nicht gesehene Beute auf, obschon die Ohrmuscheln fast nirgends besonders groß zu sein pflegen. Das Gesicht ist weniger begünstigt, obwohl keineswegs schwach zu nennen. Das Auge reicht wahrscheinlich nicht in große Fernen, ist aber für die Nähe vortrefflich. Der Stern, welcher bei den größeren Arten rund ist und im Zorne sich kreisförmig erweitert, nimmt bei vielen kleineren Arten die Gestalt einer Ellipse an und zeigt sich dann einer großen Ausdehnung fähig. Bei Tage zieht er unter Einwirkung des zu grellen Lichtes bis auf einen feinen Spalt sich zusammen, in der Aufregung oder in der Dunkelheit rundet er fast bis zu einem vollen Kreise sich aus. Auf das Gesicht dürfen wir wohl das Gefühl folgen lassen, welches ebensowohl als ausgebildete Tastfähigkeit wie als Empfindungsvermögen sich kundgibt. Zu Tastwerkzeugen dienen hauptsächlich die Bartschnurren zu beiden Seiten des Maules und über den Augen, vielleicht auch die Pinsel am Ohre der Luchse. Schneidet man einer Katze ihre Bartschnurren weg, so versetzt man sie in eine höchst ungemütliche Lage; sie wird förmlich rat- und thatlos oder zeigt zum mindesten eine merkliche Unruhe und Ungewißheit, welche später, jedoch bloß nach dem Wiederwachsen jener Borsten, sich verliert. Aber auch die Pfoten erscheinen zum Tasten ganz geeignet. Die Empfindlichkeit ist über den ganzen Körper verbreitet. Alle Katzen sind höchst empfänglich für Einflüsse von außen und zeigen eine unverkennbare Mißstimmung bei unangenehmen oder große Behaglichkeit bei angenehmen Reizen. Wenn man ihr Haar streichelt, wird man sie stets in eine fast freudige Aufregung versetzen, während sie, wenn dieses Haar befeuchtet wird oder sie sonstigen widerwärtigen Einflüssen ausgesetzt sind, großen Mißmut an den Tag legen. Geruch und Geschmack dürften so ziemlich auf gleicher Stufe stehen; vielleicht ist der Geschmack noch besser als der Geruch. Die meisten Katzen sind trotz ihrer rauhen Zunge für Gaumenkitzel sehr empfänglich und erfreuen sich besonders an schwach gesalzenen und süßlichen Speisen, vor allem an tierischen Flüssigkeiten, wie an Blut und an Milch, während dem nern

Brehm, Tierleben. 3. Auflage I.

schon sehr stark riechende Dinge geboten werden müssen, wenn es sich befriedigt zeigen soll. Die merkwürdige Vorliebe gewisser Katzen für stark duftende Pflanzen, wie für Baldrian und Katzengamander, läßt jedenfalls die Schlußfolgerung zu, daß ihr Geruch nur ein sehr untergeordneter sein kann; denn alle fein riechenden Tiere würden sich mit Abscheu von derartigen Gegenständen abwenden: die Katzen aber wälzen sich wie sinnlos, gleichsam im höchsten Rausche, auf jenen Pflanzen herum.

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