Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Man findet den Bündelzähnler, laut Burmeister, häufig in den Höhlen von Minas Geraés. Er sitzt am Tage in kleinen Trupps an der Decke und wird durch die Lichter bald aufgeschreckt und beunruhigt. Gleich den Blattnasen im engsten Sinne soll er Blut saugen, und die Form seiner Backen- und Schneidezähne rechtfertigt diese Angabe. Hensel vervollständigt Burmeisters Mitteilungen sehr wesentlich. „Der Bündelzähnler“, sagt er, „lebt gewöhnlich zahlreich in Felshöhlen; zuweilen trifft man ihn auch in großen hohlen Bäumen. Bei dem Fange dieser Tiere habe ich oft Gelegenheit gehabt, die Wunden zu sehen, welche sie meinen Hunden, die sie greifen wollten, an der Nase und mir selbst an den Händen beibrachten, und fand, daß sie durchaus denen der von den Blutsaugern gebissenen Pferde gleichen. Die Tiere beißen mit Blitzesschnelle, und wenn sie nur die Haut zu berühren scheinen, so fehlt auch schon ein Stückchen derselben. Sie können sich deswegen nicht festbeißen, wie dies alle anderen Blattnasen thun, welche, wenn sie gefangen sind, aus Wut irgend einen ihnen erreichbaren Gegenstand mit den Zähnen erfassen und eine geraume Zeit festhalten. Noch ist vieles dunkel in der Lebensweise dieses Blutsaugers; denn die Anzahl der an Pferden oder Maultieren beobachteten Bißwunden erscheint sehr unbedeutend im Vergleiche zu der Anzahl des Bündelzähnlers selbst. In der deutschen Ansiedelung von Santa Cruz befand sich eine Sandsteinhöhle, welche von dieser Blattnase bewohnt war. Die Anzahl derselben schätzte ich auf wenigstens 200 Stück. In der unmittelbaren Nachbarschaft dieser Höhle war ein freier, umzäunter Platz, auf welchem das Vieh der zunächst wohnenden Ansiedler, einige Pferde und Rinder, bei Tage und Nacht weidete. Ich bin oft hindurch gegangen, habe aber niemals auffallend zahlreiche Bißwunden des Blutsaugers an den Tieren bemerkt. Würden alle jene Höhle bewohnenden Fledermäuse auf diese Pferde angewiesen sein, so wäre hier das Halten der letzteren zur Unmöglichkeit geworden.“
Die Klappnasen (Rhinopoma) kennzeichnen sich durch langen, freien Schwanz und schmale Schenkelflughaut sowie durch ein eigentümliches Gebiß, da sich oben 2, unten 4 Schneidezähne, jederseits oben und unten 1 Eckzahn, oben jederseits 4 Backenzähne, unten je 1 Lückzahn und 4 Backenzähne, zusammen also 28 Zähne, finden.
Die bekannteste Art der Gattung ist die ägyptische Klappnase (Rhinopoma mierophyllum, R. hartwickii, Vespertilio microphyllos), ein kleines, langhaariges, lichtgrau gefärbtes Tier von 5,5 em Körperlänge, fast ebensoviel Schwanzlänge und 20 cm
Flugweite, an welchem der sehr lange und dünne, aus 11 Wirbeln bestehende, weit die Schenkelflughaut überragende Schwanz am meisten auffällt. Wahrscheinlich war die Klappnase schon dem alten Gesner bekannt; wenigstens läßt sich folgende Schilderung von ihm auf diese Art beziehen. „In einer grossen vierecketen Steinseul Egypti funden wir viel Flädermäuß, unsern in dem ungleich, daß sie einen langen Mäußschwantz haben, so gar weit für die Flügel hinauß gehet, so er doch an unsern nicht länger ist dann die Flügel, welche, so sie etwan eins, etwan zwey junge geboren haben, hencken sie die an die krummen nägel so sie an den Flügeln haben, item an die Stein und seugen sie dann also an ihren Düttlein, welche sie als ein Weibsbild vornen an der Brust haben, als Bellenius schreibet.“ Die Klappnase
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lebt in außerordentlicher Anzahl in Agypten, namentlich in alten verlassenen Denkmälern, in künstlichen und natürlichen Höhlen. Ich fand sie in ungeheuerer Menge in der ausgedehnten Krokodilhöhle bei Monfalut, dem alten Begräbnisplatze der heiligen Kriechtiere. In einem größeren Gewölbe gedachter Höhle hing sie in solchen Massen, daß die eigentlich schwarze Decke gräulich erschien. Unten auf dem Boden lag der Kot zollhoch aufgeschichtet, und der Gestank desselben hatte die ganze, lange Höhle verpestet. Als wir mit Licht in dieses Schlafzimmer traten, erfüllte ein wirklich ohrbetäubendes Geräusch die Luft, und plötzlich sahen wir uns von einem dichten Gewirre der aufgescheuchten Tiere umringt, welche hastig einen anderen Ruheort zu erlangen strebten. Das Geräusch ihres Flatterns pflanzte sich weit durch die Höhle fort und klang uns wie ferner Donner in die Ohren. Manchmal löschten sie uns das Licht aus. Bei den Streichen, welche wir mit den Stöcken führten, schlugen wir jedesmal wenigstens eine, gewöhnlich aber zwei oder drei zu Boden, und nunmehr wimmelten auch noch am Fußboden die flügellahmen Tiere, jo behende als möglich dahinkrabbelnd. Die Gefangenen bissen wehrhaft und ziemlich empfindlich um sich.
In der Abenddämmerung erscheint diese Fledermaus häufig am Nile, noch häufiger über den überschwemmten Stellen desselben, und fängt hier dicht über der Oberfläche des Wassers die Kerbtiere weg. Sie geht übrigens weit am Nile hinauf und findet sich noch vielfach bei Dongola. E
Bei den Vampiren im engsten Sinne (Phyllostoma), welche zu den Arten mit doppeltem Nasenblatte zählen, zeigt der Nasenbesatz meist noch die aufrecht stehende Lanzette. Die Ohren sind fast stets getrennt und die Ohrklappen vorhanden. Das Gebiß besteht aus 4 Schneidezähnen, 1 Eck-, 1 Lück⸗ und 4 Backenzähnen in jeder Reihe oben und unten, also aus 32 Zähnen. Unter den zahlreichen Arten dieser Gruppe verdient der größte aller südamerikanischen Blutsauger, der Vampir ([Phyllostoma spectrum, Vespertilio, Vampyrus spectrum), besondere Erwähnung. Seine Länge beträgt reichlich 16, die Breite nach Bates 70 em. „Der Kopf“, sagt Burmeister, „ist dick und lang, die Schnauze mehr vorgezogen; die Ohren ragen hoch hervor und sind größer als bei den meisten Arten, länglich-eirund, ohne recht merklichen Ausschnitt am Außenrande; der spitze, schmale Deckel hat einen Zacken am Grunde; das Nasenblatt ist für die Größe des Tieres klein, schmal, längs der Mitte gekielt, der Stiel ziemlich breit, nicht durch einen Einschnitt von dem schmalzackigen und warzenlosen Nasensaume getrennt, die Oberlippe glatt, die Unterlippe vorn mit zwei großen nackten Warzen bedeckt, der weiche und zarte Pelz dunkelkastanienbraun auf dem Rücken, gelblichbraun auf der Unterseite, die Flughaut wie alle nackten Körperteile braun.“ Dier Vampir bewohnt das nördliche Brasilien und Guayana und hier ebensowohl die Urwaldungen wie die Gebäude. „Nichts Häßlicheres“, sagt Bates „kann es geben als den Gesichtsausdruck dieses Geschöpfes, wenn man dasselbe von vorne betrachtet. Die großen, lederhäutigen, weit von den Kopfseiten abstehenden Ohren, der speergleiche, aufrecht stehende Nasenbesatz, die funkelnden und glänzenden schwarzen Augen, alles dies vereinigt sich zu einem Ganzen, welches an einen der verschiedenen Kobolde der Fabel erinnert. Kein Wunder daher, daß das einbildungsreiche Volk ein so abstoßendes Geschöpf mit dämonischen Begabungen ausgestattet hat. Der Vampir aber ist eine der harmlosesten Fledermäuse und seine Unschädlichkeit bei allen Uferbewohnern des Amazonenstromes wohl bekannt.“ Nach älteren und neueren Berichten glaubwürdiger Naturforscher gehört die so arg verschrieene Fledermaus wohl zu den Blattnasen, erweislich aber nicht zu den Blutsaugern, jagt vielmehr des Nachts den Kerbtieren eifrig nach und frißt nebenbei Früchte. „Bei hellem Mondscheine“, sagt Waterton, „konnte ich den Vampir nach den mit reifen Früchten beschwerten Bäumen hinfliegen und diese Früchte ihn fressen sehen. Aus dem Walde brachte er in das Gehöft dann und wann eine runde Frucht von der Größe einer Muskatnuß, welche der wilden Guayave glich, und als der Sawarrinußbaum blühte, trieb er sich an diesem umher. In einer mondhellen Nacht sah ich verschiedene Vampire um die Wipfel dieser Bäume flattern und beobachtete, daß von Zeit zu Zeit eine Blüte in das Wasser fiel. Ohne Ursache geschah dies sicher nicht; denn alle Blüten, welche ich prüfte, waren frisch und gesund. So schloß ich, daß sie von den Vampiren gepflückt wurden, entweder um die beginnende Frucht, oder um die Kerbtiere zu verspeisen, welche so oft ihren Wohnsitz in Blumen nehmen.“ Bates bestätigt Watertons Angaben vollständig. „Ich fand zwei verschiedene Arten von Vampiren, den einen von schwärzlicher, den anderen von rötlicher Pelzfärbung, und überzeugte mich, daß beide hauptsächlich von Früchten sich nähren. Die Kirche in Ega war das Hauptquartier beider Arten; denn ich sah sie allabendlich, wenn ich vor dem Thore meines Hauses saß, in Scharen durch das große, offene Fenster hinter dem Altare aus der Kirche hervorfliegen und hörte sie fröhlich zwitschern, bevor sie nach dem Walde sich aufmachten. Zuweilen
kamen fie auch in die Häuser herein, und den ersten von ihnen, welchen ich in meinem Zimmer antraf, während er unter der Decke rund umherflog, sah ich für eine meinem Nachbar entflohene Taube an. Ich öffnete die Magen von mehreren dieser Blattnasen und fand, daß dieselben eine Menge von Weichteilen und Samen verschiedener Früchte enthielten, untermischt mit einigen Überbleibseln von Kerbtieren. Die Eingeborenen behaupten, daß sie reife Cajus und Guayaven in den Gärten plündern. Bei Vergleichung der aus ihrem Magen genommenen Samen mit denen der in Ega gepflegten Bäume aber fand ich, daß dem nicht so
sein könne, und es erscheint mir deshalb wahrscheinlich, daß sie nur in den Waldungen ihrer Nahrung nachgehen und gegen Morgen nach den Dörfern kommen, weil sie hier in den Gebäuden eine sicherere Schlafstätte finden als draußen.“
In Europa werden die Blattnasen vertreten durch die Hufeisennasen (Rhinolophus), von denen, soweit bis jetzt bekannt, unser heimatlicher Erdteil vier, der größere Teil unseres Vaterlandes zwei Arten beherbergt. Das Gebiß der Hufeisennasen besteht aus 32 Zähnen und zwar 2 durch eine Lücke getrennten, verkümmerten oberen Vorderzähnen, 4 geschlossenen unteren Schneidezähnen, einem starken Eckzahne in allen Reihen, einem sehr kleinen und 4 größeren Backenzähnen im Oberkiefer und 6 Backenzähnen in jedem Unterkiefer. Der zweite der letzteren ist ganz aus der Zahnreihe herausgerückt und wie der erste des Oberkiefers ungewöhnlich klein, häufig kaum mit bloßem Auge sichtbar; beide scheinen hin und
wieder, obschon selten, auszufallen. Der vollständige Nasenbesatz besteht aus drei Teilen: dem Hufeisen, dem Längskamme und der Lanzette. Ersteres beginnt vorn auf der Schnauzenspitze, umschließt die in einer tiefen Hautfalte auf dem Rücken liegenden Nasenlöcher und endet mit seinen Seitenästen vor den Augen. Der Längskamm erhebt sich in der Mitte des Hufeisens hinter den Nasenlöchern, hat vorn eine erweiterte Querfläche und hinter derselben eine sattelartige Einbuchtung, in welcher der Längskamm in eine vorstehende Spitze endet. Die zur Stirn querstehende Hautlanzette erhebt sich zwischen den Augen unter dem hinteren Ende der Hufeisenäste und hat jederseits der erhöhten Mittellinie drei zellenförmige Ver: tiefungen, welche durch Querhäute voneinander getrennt werden. Das Ohr ist weit einfacher; ein häutiger, entwickelter Ohrdeckel ist nicht vorhanden. Die Hufeisennasen haben breite, verhältnismäßig kurze Flügelhäute; ihr Flügelschlag ist daher flatternd und der Flug weniger gewandt. e
Eine der gemeinsten Arten ist die Zwerghufeisennase (Rhinolophus hipposideros, Vespertilio minutus, Rhinolophus hippocrepis und bihastatus, Hipposideros bihastatus), eine der kleinsten unserer Fledermäuse. Ihre ganze Länge beträgt nur 6 cm, ihre Flugbreite 22 cm. Der Pelz ist hellfarbig, grauweißlich, oben ein wenig dunkler als unten. Unter allen Blattnasen dringt die kleine Hufeisennase am weitesten nach Norden vor. Sie findet sich, laut Koch, in Europa von den Ufern der Nord- und Ostsee bis an die Küste des Mittelmeeres, von der Westküste Europas bis in den Kaukasus, fehlt aber hier und da in Deutschland gänzlich, während sie an anderen Orten in großer Anzahl auftritt. Am Rhein, im Taunus und an der Lahn gibt es kaum eine alte Ruine mit unter: irdischen Gewölben, wo sie nicht gefunden würde; ebenso ist sie in alten Kalksteinhöhlen und alten Bergwerken bis hoch in die Gebirge hinauf eine regelmäßige Erscheinung.
Gegen Klima und Witterung weniger empfindlich als ihre Gattungsverwandten, fliegt die Zwerg: oder kleine Hufeisennase ungezwungen doch nicht bei rauhem und nassem Wetter, sucht zu ihrem Aufenthalte immer ganz geschützte Stellen auf und geht dabei in Gruben und Höhlen mitunter in beträchtliche Tiefe hinab. Ihr Winterschlaf währt ziemlich lange; doch scheint die Dauer je nach den Umständen eine verschiedene zu sein. Man sieht mit den ersten Fledermäusen, welche ihre Winterherberge beziehen, auch solche Hufeisennasen im Winterschlafe und ebenso mit den letzten, welche ihre Schlupfwinkel verlassen. Dagegen gibt es aber viele, welche erst später die Winterherberge beziehen und früher munter werden. Diese Verschiedenheit in der Zeit des Anfangs und des Endes vom Winterschlafe scheint durch das Alter nicht, eher durch das Geschlecht beeinflußt zu werden, da Koch im Herbste meistens Männchen sehr früh und im Frühjahre meist Weibchen noch sehr spät im Winterschlafe getroffen hat. Ebenso unterbrechen einzelne Hufeisennasen den Winterschlaf, andere nicht.