Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Ebensowenig wie der Löwe fängt der Tiger ein Tier in der gewöhnlich dargestellten Weise, wonach er gewissermaßen die Entfernung bemißt, sich niederduckt und mit einem ungeheuren Sprunge auf das Opfer wirft. Die Hauptstärke seines Angriffes liegt in der Überraschung. Ein belauertes oder beschlichenes, also sehr nahes Tier faßt er unmittelbar, ein entfernteres sucht er mit schnellen Sätzen zu erreichen, ein fliehendes verfolgt er, wobei er namentlich den größeren durch wütende Tatzenschläge die Muskeln und Sehnen der Hinterbeine zu zerreißen strebt; auch versucht er flüchtig gewordenem und verwirrtem Vieh, wo Deckung sich bietet, auf Umwegen zuvorzukommen und es nochmals zu überfallen. Er gibt also keineswegs nach Katzenart einen mißlungenen Angriff auf. Die Schläge mit den Pranken haben selten die Kraft, stärkere Knochen zu zerbrechen. Man behauptet ziemlich allgemein, daß die vom Tiger hervorgebrachten Wunden besonders bösartig seien und schwer heilen. Diesem Glauben tritt Sir Joseph Fayrer bestimmt entgegen und zwar gestützt auf seine nicht geringen Erfahrungen als Arzt und Jäger. Größere Tiere tötet der Tiger gleich dem Löwen durch Ausrenken der Halswirbel. Nach Forsyth und Baldwin soll er dabei mit dem Gebisse gewöhnlich den Nacken fassen, nach Sanderson, Sterndale, Blanford ꝛc. dagegen vorherrschend die Kehle, und sich dann mit Hilfe der Pranken den Schwung geben, der das Genick bricht. Von einigen hundert derartigen Opfern waren nur zwei in den Nacken, alle übrigen in die Kehle gebissen; es dürfte ihm auch schwer fallen, große, stark gehörnte Tiere stets sicher von oben zu greifen.
Einen hierfür bezeichnenden Vorgang schildert Sanderson. Eine Tigerin hatte in der Frühe ein Rind getötet und nicht Zeit gefunden, sich daran zu sättigen. Sie war, nachdem sie die Beute in ein nahes Gebüsch geschleppt, einige Kilometer weit in ihr Versteck
gegangen, um dort während des Tages zu rasten. Da Sanderson in bequemer Nähe vom toten Rinde keinen zum Ansitze geeigneten Baum fand, ließ er unfern davon auf einer Blöße einen lebenden Ochsen mittels eines bloß meterlangen Strickes an einen Stumpf fesseln und machte sich auf einem ein Dutzend Schritte entfernten Baume 3 m über dem Boden einen bequemen, mit Zweigen umschirmten Anstandsplatz zurecht. „Ich bezog meine Wache um s Uhr nachmittags. Nach Sonnenuntergang durchflutete hellster Mondschein die mich umgebende totenstille Wildnis. Um die siebente Stunde hörte ich aus der Ferne die dumpfe, rauhe Stimme der Tigerin, als sie ihr kühles Versteck im Ufergebüsche, wo sie die heißen Stunden eines indischen Tages verbracht hatte, verließ. Nach einiger Zeit benachrichtigte mich die Unruhe des Ochsen von ihrem Herankommen. Behutsam durch meinen Blätterschirm lugend, gewahrte ich die Tigerin bereits wenige Schritte vom Locktiere auf ihren Keulen sitzen und es prüfend anblicken. Zwischen beiden befand sich der Stumpf, von dem der bedauernswerte, am Gehörn festgebundene Ochse nicht weiter zurückzuweichen vermochte. Die Tigerin merkte wohl, daß ihr die Beute nicht entgehen konnte; doch weidete sie sich nicht an der Todesangst ihres Opfers, sondern betrachtete mißtrauisch den Strick. Mehrere Minuten lang regte sich keines der beiden Tiere. Es war so totenstill ringsum, daß die geringste Bewegung von mir den so eindrucksvollen blutdürstigen Auftritt gestört hätte. Endlich, offenbar von ihrer Untersuchung befriedigt, erhob sich die Räuberin und schritt gemessen auf den Ochsen los. Kein Sprung, kein Anlauf fand statt. Ihr Gebiß war nur noch einen Fuß von seiner Kehle, jetzt mußte sie zufahren. Da überkam mich das Mitleid mit dem armen hilflosen Opfer und das Verlangen, es zu retten. Ich hob meine doppelläufige Expreßbüchse (Kaliber 0,450), konnte aber dabei ein leises Rascheln der Blätter nicht verhüten; sofort ruckte die Tigerin zusammen, sicherte und äugte scharf nach meinem Verstecke. Im nächsten Augenblicke wäre sie flüchtig geworden — da fuhr ihr meine Kugel durchs Blatt und warf sie zu Boden; die zweite endete ihren Todeskampf. Bis dahin hatte sich der Ochse starr und still verhalten, aber bei den Schüssen begann er, vor Angst brüllend, wie wahnsinnig um den Stumpf zu rennen, wobei er jedesmal mit mächtigem Satze über die nun unschädlich gewordene Räuberin hinwegraste.“
Seine Beute pflegt der Tiger sogleich oder erst bei einbrechender Nacht in eine Dickung zu schleppen; zuweilen trägt er sie sogar eine kurze Strecke. Sanderson verbürgt als Augenzeuge, daß ein sehr kräftiges Männchen einen an 180 kg schweren Ochsen durch allerlei Gestrüpp über 300 Schritt weit getragen hat. Ungestört frißt er, soviel er verzehren kann, nach zuverlässigen Angaben ungefähr 30 Kg Fleisch. Den Fraß beginnt er fast stets an einem Hinterviertel, nur ausnahmsweise an der Flanke. Während er sich sättigt, geht er ab und zu nach dem benachbarten Wasser, um reichlich zu trinken, wobei er manchmal hineinwaten und den Kopf bis zu den Augen eintauchen soll, schlappend und gurgelnd, als wollte er sich den Rachen auswaschen. Nach einer reichlichen Mahlzeit fällt er in Schlaf; er bewegt sich bloß, um zu trinken, und gibt sich mit einer gewissen Wollust der Verdauung hin. Gewöhnlich am Abend oder doch in den Stunden von 4 — 9 Uhr kehrt er zur Beute zurück, um noch—⸗ mals von ihr zu fressen, falls er noch Überreste finden sollte: denn auch an seiner Tafel speist das hungrige Bettelgesindel wiean der des Löwen, flüchtet jedoch eilig, sobald er herannaht.
Ein Leckermaul scheint der Tiger nicht zu sein; stinkendes Fleisch verschmäht er so wenig wie der Löwe. Wenn ihm auch nicht mehr nachgesagt wird, daß er das Blut seiner Opfer trinke, so soll er doch alles mitnehmen, was ihm vorkommt, auch wenn es nicht selbsterlegte Beute ist. Elliot hat eine Tigerin mit Jungen beobachtet, die das Aas eines an der Seuche verendeten Rindes fraßen. Es werden sogar einige Fälle angeführt, daß Tiger einen anderen, der tot in der Wildnis lag, fortgeschleppt und gefressen haben. Nach Forbes behaupten die Bewohner Sumatras, daß er sogar den Durian, die Frucht von Durio zibethinus,
mit Gier verzehre, was gar nicht unwahrscheinlich ist, wissen wir doch durch Pechuel— Loesche, daß der Leopard in Westafrika die Frucht der Olpalme verschlingt. Hunger und Durst kann er außerordentlich lange ertragen. Zwei Tiger, die in einem undurchdringlichen Dickichte mit Netzen umstellt und auf einen Raum von ungefähr 100 Schritt Durchmesser beschränkt waren, wurden am fünften Tage angeschossen, konnten aber erst am zehnten mit Hilfe von Elefanten erlegt werden. Obwohl sie bei sehr heißem Wetter, und zudem rings von Wachtfeuern umgeben, weder Futter noch Wasser hatten, auch unter den erhaltenen Wunden litten, erwiesen sie sich doch in letzter Stunde noch als lebenskräftige Tiere.
Die Vorgänge beim Einnetzen sind überaus bezeichnend für den Charakter des Tigers. In ausgedehnten lückenlosen Dickungen ist eine andere Jagdweise kaum anwendbar, da man des Wildes sonst selten ansichtig wird. Nachdem der erwählte Tiger bestätigt ist, wird unfern seines Lagers an einer Stelle, wohin man ihn zu treiben gedenkt, eine breite gekrümmte Bahn durch das Gestrüpp ausgeholzt. Auf dieser wird das weitmaschige, aus starken Leinen geknotete Netz, dessen Abteilungen ungefähr 12— 15 m bei 4 m messen, aneinander gefügt und mittels doppelseitiger Stützen so aufgerichtet, daß es, auf der Erde liegend und dort umgeschlagen, eine etwa 3 m hohe schmiegsame Wand bildet, welche die Hälfte oder noch mehr eines Kreises umspannt. Dahinter verbergen sich Speerleute. Seitwärts, in der Richtung nach dem Lager des Wildes sind Wachen und nicht selten auch Popanze aufgestellt, die, wenn die Treiber den Tiger aufgestört haben, ihn am seitlichen Ausbrechen hindern sollen. Während ein etwa mit eingekreister Panther sich gewöhnlich sogleich gegen das Netz wirft und von den Speerträgern getötet wird oder über das Hindernis hinwegsetzt, schleicht der Tiger vorsichtig heran. Er versucht gar nicht, die Netzwand zu überspringen oder zu durchbrechen, wohl aber rückwärts oder seitwärts durch die Reihen der Treiber und Wachen zu entschlüpfen. Überall mit Lärm empfangen und zurückgescheucht, steckt er sich im dichtesten Teile des umstellten Gebüsches und wird nun mit dem Reste der bereit gehaltenen Netze, gewöhnlich auf einem Raume von kaum 100 m Durchmesser, rasch vollständig umstellt. Ringsherum lagern an lodernden Feuern seine Bedränger, etwa 100 bis 150 Eingeborene, und Speerträger bewachen das Netz, um ihn sofort niederzustoßen, falls er sich nähern sollte. In der Regel bleibt er jedoch unsichtbar. Nun betreten 15—20 mit Lanzen Bewaffnete den inneren Raum und beschützen einige mit Buschmessern versehene Leute, welche quer durch das Gestrüpp eine etwa 5 m breite gerade Bahn freimachen. Dabei halten sich die Eingeborenen dicht beisammen, weil sie wissen, daß ein Tiger, sei er Wildtöter, Viehräuber, Menschenfresser oder sogar eine Mutter mit Jungen, es selbst in so gefährlicher Lage nicht wagt, einen Haufen entschlossener Menschen anzugreifen. Erst wenn er verwundet worden ist, fürchten sich die Leute vor ihm. Wenn die innere Bahn fertig ist und Jäger mit Gewehren zugegen sind, wird der Tiger von Treibern über die Blöße so lange hin- und hergejagt, bis ihn eine Kugel niederstreckt. Sollte er bloß verwundet wor: den sein, so hat das Treiben ein Ende, und es bleibt nichts übrig, falls Elefanten nicht zur Verfügung stehen, als daß die Jäger mit einem Haufen Speerträger den Tiger im Dickichte aufsuchen und dort totschießen. Dieses Vorgehen ist gefährlich, weil das aufs äußerste gereizte Tier sich doch einmal verzweifelt auf seine Peiniger stürzen könnte, zumal, wenn die Leute im kritischen Augenblicke zu wanken beginnen; bleiben sie jedoch fest geschlossen, so entsinkt selbst dem angreifenden Tiger der Mut, er hält an, wendet sich ab und erliegt um so sicherer dem geübten Schützen. Auch Sanderson bestätigt auf Grund seiner Erfahrungen, daß unter solchen bedenklichsten Umständen der Tiger den dichten Haufen seiner beherzten Jagdgehilfen zwar bedroht, aber niemals wirklich angefallen habe.
Ein ander Ding ist es freilich, einen nicht umstellten, aber angeschossenen Tiger in aufgelöster Reihe oder allein zu verfolgen. Nur ein ebenso unerfahrener wie tollkühner Mann
könnte darauf verfallen, das verwundete Tier in hohen Grasbeständen und wirrem Ge: büsche aufzuspüren, wo es alle Vorteile für sich hat, unversehens den Verfolger anzunehmen, ehe er nur das Gewehr zu heben vermag. Denn dann kämpft es verzweifelt auf Leben und Tod, doch nicht von ferne, sondern fährt erst blitzschnell zu, wenn der Mensch sozusagen fast darüber stolpert. Der scharfe hustenähnliche Schrei bei solchem Angriffe ist geeignet, die Nerven des Kühnsten zu erschüttern. Unter so bewandten Umständen leisten Elefanten vortreffliche Dienste oder auch eine Meute tüchtiger Hunde, die, wie bei der Löwensuche, die Gefahr fast beseitigt. Ein alter tigerkundiger Köter hing einmal fest verbissen am SN des königlichen Tieres, während dieses entsetzt Reißaus nahm.
Wenn Eingeborene auf eigene Faust einen Tiger eingenetzt haben und keine 8 55 waffen besitzen, so gehen sie ihm in der vorbeschriebenen Weise bloß mit Speeren zu Leibe. Sie pflegen dabei auf der quer durch das Innere ausgeholzten Bahn kleinere Netze so aufzustellen, daß das von Treibern hin- und hergescheuchte Tier fie umwirft, sich darein verwickelt und, ehe es sich befreien kann, von daneben gedeckt aufgestellten beherzten Lanzenmännern totgestochen wird. Sollte es doch freikommen, während die Bewaffneten darauf losstürzen oder es umringen, so werden wohl manchmal Menschen überworfen und übel zerkratzt wie zerbissen, aber es entgeht darum seinem Schicksale nicht, denn der Netzring hält es nach wie vor sicher gefangen. Die benutzten Speere haben 2 m lange Bambusschäfte und ungefähr 30 em lange und reichlich 7 cm breite Klingen. Auch auf Java gebrauchen die Eingeborenen, laut Wallace, zur Tigerjagd nur die Lanze. Man umstellt mit Hunderten von Bewaffneten eine große Strecke Landes und zieht diese allmählich zusammen, bis das Raubtier in einen vollständigen Kessel eingeschlossen ist. Wenn der Tiger sieht, daß er nicht mehr entfliehen kann, springt er gegen seine Verfolger, wird aber regelmäßig mit einigen Speeren aufgefangen und meist augenblicklich erstochen.
Neben den geschilderten Jagdarten wendet man noch viele andere, zum Teil sehr eigentümliche an, um sich des Raubtieres zu entledigen. Fallen aller Arten werden gestellt, um den Tiger zu fangen; namentlich leisten Fallgruben gute Dienste. Früher wurde in ihrer Mitte ein nach oben scharf zugespitzter Pfahl in den Boden gerammt; seitdem aber ein unglücklicher Spaziergänger dadurch beim Hineinfallen umgekommen, mußte, in der Nähe von Singapur wenigstens, dieser Brauch untersagt werden. Auf Java fertigt man, wie mir Haßkarl schreibt, große Fallen aus Baumstämmen und ködert sie durch ein angebundenes lebendes Zicklein, dessen Geschrei das Raubtier herbeizieht. Nach einigem Besinnen kriecht dieses in die Falle und versucht die Beute wegzunehmen, zieht dadurch aber eine Stellschnur ab und bewirkt das Zuschlagen der Fallthüre. Auf ähnliche Weise, nur mit Hilfe eines fahrbaren Käfigs, sucht man es in Indien zu überlisten. Europäer haben dort auch mehrfach große stählerne Schlagfallen, nach Art unserer Fuchseisen gefertigt, angewendet, aber damit keine großen Erfolge erzielt. Sanderson erzählt, daß ihm einst eine dieser Vorrichtungen in die Hände kam und ihn zur Aufstellung reizte. Es galt, den bereits mehrfach erwähnten Tiger „Don“ zu fangen, der sich jedoch allezeit überlegen schlau erwies. Mochte das Eisen noch so geschickt gestellt sein, er fand es aus und ermöglichte auf die mannigfaltigste Weise, es ohne Schaden für sich losschlagen zu lassen und den Köder, eine lebende Ziege, zur Belohnung zu nehmen. Nachdem der „Don“ solchergestalt allmählich eine kleine Herde verzehrt hatte, gab man diese beschämende Fallenstellerei auf. In Sumatra richten nach H. O. Forbes die Eingeborenen eine mit einer springkräftigen und stark gespannten Stange verbundene Lanze derartig her, daß sie mit großer Gewalt durch den Leib des Tigers getrieben wird, wenn er durch ein Loch in der Dorfumzäunung kriechen will und dabei die Stellschnur löst. In Assam legt man, wie O. Flex erzählt, mit gutem Erfolge am Wasser, wo der Räuber zu trinken pflegt, auf seinen Wechsel einen Bogen mit vergiftetem Pfeile,