Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Asiatische Fürsten scheinen noch vor wenigen Jahrhunderten die Kunst verstanden zu haben, Tiger vollkommen zu zähmen, ja sogar zur Jagd abzurichten. „Der Khan der Tatarei“, sagt Marco Polo, „hat in seiner eroberten Stadt Kambalu viele Leoparden und Luchse, womit er jagt, desgleichen viele Löwen, welche größer sind als die von Babylon, schöne Haare haben und schöne Farben, nämlich weiße, schwarze und rote Striemen, und brauchbar sind, wilde Schweine, Ochsen, wilde Esel, Bären, Hirsche, Rehe und viele andere Tiere zu fangen. Es ist wunderbar anzuschauen, wenn ein Löwe dergleichen Tiere fängt, mit welcher Wut und Schnelligkeit er es ausführt. Der Khan läßt sie in Käfigen auf Karren führen neben einem Hündlein, an das fie sich gewöhnen. Man muß fie in Käfigen führen, weil sie sonst gar zu wütend dem Wilde nachlaufen, so daß man sie nicht halten könnte. Auch muß man sie gegen den Wind bringen, weil sonst das Wild sie riechen und fliehen würde.“ Noch heutigestags lassen die indischen Fürsten gefangene Tiger mit anderen starken Tieren kämpfen, namentlich mit Elefanten und Büffeln. Tachard sah einen solchen Kampf in Siam. In eine Umzäunung von Pfahlwerk führte man drei Elefanten, deren Kopf mit einer Art Panzer bedeckt war. Der Tiger befand sich bereits dort, wurde aber noch an zwei Seilen gehalten. Er gehörte nicht zu den größten und suchte sich, als er die Elefanten sah, zu drücken, bekam aber von ihnen sofort einige Schläge mit dem Rüssel auf den Rücken, daß er umstürzte und einige Zeit wie tot liegen blieb. Als man ihn jedoch losgebunden hatte, sprang er auf, brüllte und wollte sich nach dem Rüssel des Elefanten stürzen. Diesen aber hob der Riese in die Höhe und gab dem Tiger einen Stoß mit den Zähnen, daß er hoch emporgeschleudert wurde und nun keinen Angriff mehr wagte, sondern an den Pfählen hinlief und daran hinaufsprang gegen die Zuschauer. Zuletzt trieb man alle drei Elefanten gegen ihn, und sie versetzten ihm derartige Schläge, daß er wieder einmal wie tot liegen blieb und sie nachher vermied. Hätte man den Kampf nicht beendet, würden ihn die erbosten Dickhäuter wahrscheinlich getötet haben.
Kämpfe zwischen Büffeln oder Lanzenträgern und Tigern oder anderen Raubtieren scheinen zu den Lieblingsvergnügungen der südasiatischen, insbesondere der javanischen, Großen zu gehören. Eduard von Martens und Ja gor schildern fast übereinstimmend ein solches Schauspiel. „Der Resident nebst dem Regenten, von allen anwesenden Europäern gefolgt, begaben sich nach einem Pavillon, um einen Kampf zwischen Königstiger und Büffel mit anzusehen. Ein etwa 6 m hoher walzenförmiger Bambuskäfig enthielt einen bekränzten Büffel. Auf ein gegebenes Zeichen wurde die Thür geöffnet, welche zu einem daranstoßenden,
kleineren, den Tiger enthaltenden Käfig führte. Alle warteten mit Spannung; der Tiger aber erschien nicht. Erst nachdem er ziemlich lange durch brennende Fackeln gepeinigt worden war, schlüpfte er aus dem kleinen in den großen Käfig, zeigte jedoch durchaus keine Kampflust. Er lief einige Male ängstlich im Kreise herum, bis ihm der Büffel, welcher ihn anscheinend mit dem Gleichmute eines Unbeteiligten betrachtet hatte, einen Stoß gab, worauf er vor Angst an den Stäben in die Höhe kletterte. Durch kochendes Wasser, Absud von Pfeffer und Lanzenstiche wurde er von dort vertrieben. Beide Tiere wurden unaufhörlich von den oben auf dem Käfig stehenden Leuten gereizt, bis der Tiger endlich einen Sprung that und in das rechte Ohr des Büffels fest sich einbiß, indem er seine Tatze zugleich in den Nacken seines Gegners tief einschlug. Der Büffel versuchte vergeblich ihn abzuschütteln, brüllte laut vor Schmerz und schleifte ihn mehrmals auf dem Boden ringsumher. Endlich ließ der Tiger los und erhielt ein paar so kräftige Stöße, daß er wie tot liegen blieb. Der Büffel beroch ihn; als aber der Tiger den Versuch machte, nach ihm zu schnappen, erhielt er einen solchen Stoß, daß er wieder alle viere von sich streckte. Die Zuschauer waren jedoch noch lange nicht befriedigt und wendeten Pfeffer: und Stinkbrühen, Lanzen und brennende Fackeln an, um die erschöpften Tiere noch einmal aneinander zu bringen. Vergeblich; die kleine Thür wurde endlich wieder geöffnet, und der Tiger, durch Feuer zum Aufstehen genötigt, schlüpfte behend in seinen Käfig zurück. „Nachmittags um 5 Uhr fand auf dem Platze vor dem Hause des Regenten ein Rompok statt. Der große viereckige Platz war mit mehreren Reihen von Lanzenträgern umgeben. Es mochten ihrer wohl über 2000 sein. In der Mitte des Viereckes standen zwei kleine, mit Stroh überschüttete Käfige und ein dritter, höherer, in Form eines Daches. Die beiden ersten Käfige enthalten je einen Tiger. Ein dichter Kranz von Zuschauern umgibt die Lanzenträger. Auf ein gegebenes Zeichen wird ein Käfig in Brand gesteckt; der Tiger aber will durchaus nicht erscheinen. Es ist dieselbe arme Bestie, welche schon heute morgen vom Büffel so übel zugerichtet wurde. Schon fürchtete man, daß er verbrannt oder erstickt sei, als er endlich, mit dem Hinterteile zuerst, zum Vorscheine kommt. Kaum aber hat er sich umgesehen, so läuft er in den brennenden Käfig zurück, und es dauert abermals geraume Zeit, bis er zum zweiten Male heraustritt. Ohne sich vom Platze zu rühren, mustert er genau die Umgebung und späht ängstlich nach einem Schlupfwinkel. Da er keinen Schritt thut, setzt sich das mit Bewaffneten angefüllte, dachförmige Gestell, aus dessen Offnungen die langen Lanzen hervorragen, in Bewegung und zwingt endlich das Tier, sich zu erheben. Da der Tiger fast immer gegen die Richtung des Windes läuft, jo war die Windseite am stärksten bemannt worden; diesmal aber wich er mit richtigem Takte von seiner Gewohnheit ab, stürzte sich plötzlich auf eine schwach bemannte Stelle in der Nähe unseres Pavillons und machte einen verzweifelten Versuch, durchzubrechen. Kaum hatte er die Stelle erreicht, als er von 20 Lanzen durchbohrt zu Boden sank. Man steckt den zweiten Käfig in Brand. Der mutige Insasse desselben springt mit einem Satze heraus, stutzt, mustert seine Feinde, setzt sich in Lauf und versucht an der Windseite einen Durchbruch. Dort zurückgedrängt, wiederholt er einige Schritte weiter denselben Versuch, wird aber sogleich durchbohrt, indem alle Nahestehenden, unfähig, ihre Leidenschaft zu zügeln, ihm ihre Lanzen in den Leib stoßen.“
Martens ergänzt Jagors Schilderungen noch dahin, daß zwei nur mit dem Kris bewaffnete Leute den Kasten öffnen müssen. „Es ist heilige Sitte, daß sie langsamen Schrittes, ohne umzuschauen, sich wieder entfernen, und nie soll es vorgekommen sein, daß einer vom Tiger verletzt worden wäre.“ So sah es auch Hans Meyer geschehen. Dies scheint sehr erklärlich; denn das Raubtier, durch die Gefangenschaft niedergebeugt, fühlt angesichts der zahlreichen Menschen durchaus keine Lust zum Angriffe, und deren sicheres Auftreten verschüchtert es.
Die Alten lernten den Tiger erst sehr spät kennen. In der Bibel scheint er nicht erwähnt zu werden, und auch die Griechen wissen noch sehr wenig von ihm. Nearchos, der Feldherr Alexanders, hat zwar ein Tigerfell gesehen, nicht aber das Tier selbst, von dem er durch die Inder erfahren, daß es so groß wie das stärkste Pferd sei und an Schnelligkeit und Kraft alle übrigen Geschöpfe übertreffe. Erst Strabon spricht etwas ausführlicher von ihm. Den Römern war er bis zu Varros Zeiten vollkommen unbekannt; als sie jedoch ihr Reich bis zu den Parthern ausdehnten, lieferten diese auch Tiger und brachten sie nach Rom. Plinius schreibt, daß zuerst Scaurus im Jahre 743 der Stadt einen gezähmten Tiger im Käfig gezeigt habe. Claudius besaß ihrer vier. Später kamen die Tiere öfter nach Rom, und Heliogabalus spannte fie sogar vor feinen Wagen, um den Bacchus vor: zustellen. Avitus endlich ließ in einem Schauspiele ihrer fünf töten, was früher nicht gesehen worden war.
Ebensowenig wie der Löwe hat der Tiger nahe Gattungsverwandte; denn seine nächsten Gattungsgenossen, von denen einer, der Höhlentiger, Mitteleuropa bewohnte, find aus: gestorben. Eine südasiatische streifenfleckige Katze, der Nebelparder, der Harimau dahan (Baumtiger) der Malayen (Felis nebulosa, Neofelis, Tigris macroscelis, F. diardii, macrosceloides), nähert sich durch seinen langgestreckten Rumpf mit den kräftigen, niedrigen Beinen, den kleinen, sehr stumpfen Kopf mit den gerundeten Ohren und den langen, weichen Pelz, dessen Zeichnung noch mehr oder weniger an die Querstreifung des Tigers erinnert, noch am meisten dem Königstiger, ist jedoch nicht nur weit kleiner als dieser, sondern auch durch die auffallend niederen Beine und den körperlangen Schwanz unterschieden. Die Grundfarbe seines Pelzes, ein ins Aschgraue oder Bräunlichgraue, bisweilen auch ins Gelbliche oder Rötliche ziehendes Weißgrau, spielt an den Unterteilen ins Lohfarbene. Kopf, Füße und Unterleib sind mit vollen, schwarzen, rundlichen oder gekrümmten Flecken und Streifen gezeichnet. Beiderseits des Halses verlaufen drei unregelmäßige Längsbinden; über den Rücken ziehen sich zwei ähnliche hinab; schmälere Binden finden sich auch an den Seiten des Kopfes. Auf der Schulter, den Leibesseiten und Hüften liegen unregelmäßige, winkelig gesäumte schwarze Flecke, ebensolche auch auf dem Schwanze. Die Mundränder sind schwarz gesäumt, die Ohren außen schwarz mit grauen Flecken. Die Länge des Leibes beträgt ungefähr 1 m und ist in einzelnen Fällen zu 95—107 em, die des Schwanzes zu 74—92 cm gemessen worden. Ein altes Männchen von 170 cm Gesamtlänge wog 20,2 kg. Der Verbreitungskreis unseres Tieres ist ziemlich ausgedehnt und umfaßt das ganze südöstliche Asien mit den Großen Sundainseln. Vornehmlich ist es heimisch in waldreichen bergigen Gegenden von Assam, Barma, Siam, der Malayischen Halbinsel sowie auf Sumatra, Java und Borneo. Im südöstlichen Himalaja: in Sikkim, Bhutan steigt der Nebelparder nach Jerdon bis über 3000 m, nach Blanford wahrscheinlich nicht viel über 2000 m empor. Um Dardschiling (2000 m) kommt er vor, soll auch, nach Hodgson, in Tibet gefunden werden, was aber zu bezweifeln, da er ein echter Waldbewohner ist. Von der Insel Formosa ist eine Spielart mit kürzerem Schwanze bekannt.
Bis vor wenigen Jahren war der Nebelparder ebenso selten in den Sammlungen wie in den Tiergärten, und erst seit einiger Zeit sieht man ihn in den größeren Anstalten, doch noch immer vereinzelt. Von seinem Freileben wissen wir nichts, als was die Eingeborenen erzählen. Die der Insel Sumatra versichern, daß er nichts weniger als wild sei und sich bloß von kleineren Säugetieren und Vögeln nähre. Unter letztere müssen freilich auch die Haushühner gerechnet werden, denen er oft großen Schaden zufügt. Der auf Sumatra übliche Name deutet, wie man sagt, auf das Baumleben des Nebelparders hin. Es wird behauptet, daß er den größten Teil seines Lebens auf den Zweigen der Bäume verbringe, dort auch
schlafe, auf seine Beute laure und als geschickter Kletterer fie hauptsächlich im Geäste und Gezweige verfolge. Im Himalaja soll er auch Schafe, Ziegen, Schweine und Hunde rauben.
Allem Anscheine nach ist der Nebelparder ein so gemütlicher Gesell, als dies ein Mitglied des Katzengeschlechtes sein kann. Hinsichtlich seiner Größe und Stärke, welche nahezu der des Leoparden gleichkommt, zeigt er sich auffallend mild in seinem Wesen. Zwei Stück, welche Raffles besaß, waren außerordentlich behagliche Tiere und zeigten besonders viel
Nebelparder (Felis nebulosa). Yıo natürl. Größe.
Lust zum Spielen. Ihre langen Schwänze, welche sie ganz nach Art unserer Hauskatzen zu bewegen und als Dolmetscher ihrer Seelenstimmung zu gebrauchen verstanden, bildeten den Hauptgegenstand ihrer gegenseitigen Belustigung. Außerdem waren aber auch rollende oder schnell sich bewegende Sachen für sie der höchsten Teilnahme werte Dinge. Man konnte sie streicheln und liebkosen, ohne befürchten zu müssen, irgend welche Unbill von ihnen zu erleiden; sie erwiderten im Gegenteile die Freundlichkeit, welche man ihnen spendete. Auch befreundeten sie sich mit anderen Tieren; einer von ihnen schloß, als er am Borde des Schiffes sich befand, innige Freundschaft mit einem Hündchen, seinem Mitreisenden, und übte seine Spiellust an diesem kleinen Gefährten in höchst rücksichtsvoller Weise aus, indem er ängstlich
besorgt war, ihm durch seine bedeutende Stärke nicht zu schaden. Während er im Schiffe war, bestand seine hauptsächlichste Nahrung in Hühnern, und niemals verfehlte er es, seine Fertigkeiten zu zeigen, wenn man ihm ein Huhn hinhielt. Vor dem Verspeisen stürzte er sich nach echter Katzenart mit einem plötzlichen Sprunge auf das Huhn hin, gerade als wenn es lebend gewesen wäre, biß es in den Hals und versuchte, das Blut zu saugen. Manchmal spielte er stundenlang mit dem Vogel, gerade so, wie es die Katzen mit Mäusen zu thun pflegen, und erst nachdem er eine geraume Zeit mit ihm sich vergnügt hatte, ging er an das Fressen. Ein sehr schöner und gesunder Nebelparder befand sich im Tiergarten zu London; ein prächtiges, zahmes, liebenswürdiges Tier, mit welchem der Wärter umging wie mit einer gutmütigen Hauskatze. Nur im Gepard noch kenne ich eine ihm geistig verwandte Katze. Auf einem dicken Zweige, welcher in seinem Käfig aufgestellt war, nahm er die allersonderbarsten und zum Teil sehr unbequeme Stellungen ein. Einmal sah man ihn seiner vollen Länge nach auf einem fast wagerechten Zweige liegen, alle vier Beine zu den Seiten des Astes herabhängend, wie dies sonst nur noch Leoparden zu thun pflegen.