Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Die tragende Wildkatze wählt sich einen verlassenen Dachs- oder Fuchsbau, eine Felsenkluft oder auch einen hohlen Baum zum Wochenbette und bringt hier 5—6 Junge, welche blind geboren werden und jungen Hauskätzchen ähneln. Wenn sie nicht mehr saugen, werden sie von der Mutter sorgfältig mit Mäusen und anderweitigen Nagern, Maulwürfen und Vögeln versehen. Nach kurzer Zeit schon erklettern sie mit Vorliebe niedere oder höhere Bäume,
deren Aste später ihren Spiel- und Tummelplatz sowie ihre Zuflucht bei herannahender Gefahr bilden. Einer solchen suchen sie in den meisten Fällen einfach dadurch zu entgehen, daß fie auf dicken Asten sich niederdrücken und auf die Gleichfarbigkeit ihres Felles mit diesen vertrauen. Es gehört ein sehr geübter Blick dazu, sie hier zu entdecken; denn auch erwachsene Wildkatzen wissen, zumal im Sommer, wenn das Laub die Baumkronen verdichtet, dem Späherauge des Jägers in derselben Weise sich zu entziehen und bleiben, wie Winckell sich ausdrückt, „sicher unter zehn Malen neunmal unentdeckt. Selbst wenn man sie am Baume hinauffahren sieht, oder wenn der Hund sie unten verbellt, muß man jeden Ast von allen Seiten recht genau und einzeln ins Auge fassen, will man sie wahrnehmen“.
Die Wildkatze ist, solange sie nicht in die Enge getrieben oder verwundet, kein mutiges, sondern ein feiges, vorsichtiges, der Gefahr ausweichendes Tier. Die Alte scheint nicht einmal ihre Jungen zu verteidigen, sondern beim Herannahen des Menschen zu verlassen. Dies dürfte aus folgendem Berichte von Lenz hervorgehen: „Im Jahre 1856 ging mein Zimmermann 500 Schritte von meinem Hause an der Südseite des Hermannsteins, wo wilde Kaninchen oft in Menge wohnen, durch ein Dickicht und hörte in einem erweiterten Kaninchenbau Stimmen, wie von kleinen Katzen. Er hatte wenige Tage zuvor solche von mir zu haben gewünscht, und da ich keine besaß, so war er nun froh, hier selbst ein Nestchen zu finden. Er grub nach und fand drei Stück echter Wildkatzen von Rattengröße. Wie er sie in seinen Ranzen gesteckt hatte und wegging, sah er die Alte in seiner Nähe mit gespitzten Lauschern umherschleichen; sie ging aber ganz leise und machte keine Miene, ihn anzugreifen; sie hatte die Größe eines tüchtigen Hasen, die echte wilde Farbe, den kurzen, dicken Schwanz. Ebenso waren die kleinen Kätzchen an ihrer Farbe und namentlich an dem auffallend von dem der zahmen abweichenden Schwanze leicht als echt zu erkennen. Merkwürdig genug war das angeborene wilde Naturell dieser kleinen Bestien: sie kratzten, bissen und fauchten mit entsetzlicher Bosheit. Vergeblich wurde alle mögliche Mühe angewendet, sie zahm zu machen und gut zu verpflegen. Sie wollten weder fressen noch saufen und ärgerten und tobten sich zuTode.“ Wohl alle, welche junge Wildkatzen aufzuziehen versuchten, haben die Erfahrung gemacht, daß dies keine leichte Aufgabe ist. Es erfordert große Aufmerksamkeit und Sorgfalt, bereits eingewöhnte Wildkatzen bei guter Gesundheit oder am Leben zu erhalten, ungemein schwierig aber ist es, junge zum Fressen zu bringen; denn man hat kein Mittel, sie zu zwingen. Nehmen sie erst ein Mäuschen oder Vögelchen, so ist schon viel erreicht. Beim Anblicke eines Menschen gebärden sie sich zwar immer noch wie unsinnig; wissen sie jedoch sich unbelauscht, so spielen sie lustig nach Art ihrer Verwandten. Beim geringsten Geräusche endet das Vergnügen, die Harmlosigkeit weicht dem Mißtrauen, und dieses geht allgemach in den früheren Ingrimm über. „Die dreieckigen Ohren seit- und rückwärts gelegt“, so schildert Weinland sehr richtig, „mit einem Gesichtsausdrucke, den man am gelindesten mit ‚Niemandes Freund übersetzen kann, harren fie, knurrend und murrend, mitunter auch schreiend auf ihrem Platze aus; die grüngelben Augen scheinen Blitze versenden zu wollen, das Haar ist gesträubt und die Pranke zum Schlage bereit.“ Nach und nach gewöhnen sie sich an den Pfleger, bleiben wenigstens sitzen, wenn er ihnen sich nähert, fauchen nicht mehr so greulich und lassen es schließlich, wenn auch in seltenen Fällen, geschehen, daß man sie berührt und streichelt. Es kommt eben alles darauf an, wie sie behandelt werden. Zelebor versichert, daß sogar alt gefangene Wildkatzen sich zähmen lassen. „Anfangs gebärdeten sich die gefangenen Katzen außerordentlich scheu und unbändig, fauchten, trommelten oder besser ‚donnerten' mit geöffnetem Maule und sprangen mit gewaltigen Sätzen an das Gitter des Käfigs, sobald Mensch oder Tier demselben sich näherte; sie tobten derart, daß selbst mutige Jäger scheu zurückwichen; ja sie mordeten mit einem Pfotenschlage oder
Bisse jedes zu ihnen in den Käfig geschobene Tier, von der Ratte angefangen bis zum Kaninchen, jeden Vogel, von der Größe eines Sperlings bis zu der eines Huhnes, ohne das Opfer weiter zu berühren. Bei liebevoller Behandlung legte sich jedoch allmählich diese Kampflust; sie wurden mit jedem Tage ruhiger und zutraulicher und nahmen nach Verlauf einer Woche das mittels eines Stockes dargereichte Futter und verzehrten es brummend.“ Eine alte, mit ihren Jungen gefangene Wildkatze nahm ein ihr von Zelebor untergeschobenes Kätzchen freundlich auf, liebkosete es und ließ es mit ihren zwei größeren Jungen saugen. Diese Waisenmutter wurde nach Verlauf einiger Wochen so zahm, daß sie unter gemütlichem Schnurren zum Spielen mit Zelebors Hunde sich herbeiließ. Hinsichtlich ihrer Nahrung zeigen sich alte wie junge Wildkatzen äußerst wählerisch. Mäuse und kleine Vögel bevorzugen sie allem übrigen, Milch lecken sie ebenso gern wie Hauskatzen, Pferdefleisch verschmähen sie hartnäckig; selbst bei ausschließlicher Fütterung mit gutem Rindfleische gehen sie bald zu Grunde. Die Schwierigkeit ihrer Pflege erklärt es, daß man ihr nur sehr selten in einem Tiergarten begegnet und eher zehn Leoparden oder Löwen als eine Wildkatze erwerben kann.
Die Jagd der Wildkatze wird überall mit einer gewissen Leidenschaft betrieben: handelt es sich doch darum, ein dem Weidmanne ungemein verhaßtes und dem Wilde schädliches Raubtier zu erbeuten. Bei uns zu Lande erlegt man sie gewöhnlich auf Treibjagden. „Sie läßt sich“, bemerkt von Meyerind noch, „sehr gut treiben und ist schneller bei den Schützen als der Fuchs. Ich selber schoß eine sehr starke Wildkatze im Harze beim Treiben auf Wildbret, und da es scharf gefroren hatte, hörte ich sie, gleich nachdem die Treiber vorwärts gegangen waren, im gefallenen Laube schon von fernher kommen, genau in derselben Weise wie ein Fuchs, welcher ruhig trabt und hin und wieder stehen bleibt, um nach dem Treiber zu horchen, sich nähert.“ Im Winter, nach einer Neue, wird sie abgespürt, bis zum Baue oder einem Baume verfolgt, mit Hilfe des Hundes ausgetrieben oder festgemacht und dann erlegt; außerdem kann man ihrer habhaft werden, indem man sie durch Nachahmen des Geschreies einer Maus oder des Piepens eines Vogels reizt. Der Fang ist wenig ergiebig, obgleich die Wildkatze durch eine Witterung aus Mäuseholzschale, Fenchel- und Katzenkraut, Violenwurzel, welche in Fett oder Butter abgedämpft werden, sich ebenfalls bethören und ans Eisen bringen lassen soll. In Ungarn stöbert man sie mit Hunden auf und treibt sie zum Baue oder in einen hohlen Baum, welchen man dann einfach zu fällen pflegt, um sie zu erbeuten. | „Am schwierigsten“, jagt Zelebor, „ist es, eine wilde Katze lebend aus einem hohlen Baume herauszubringen. Zwei, drei der stärksten und mutigsten Männer haben, ungeachtet ihre Hände in derben Handschuhen stecken und noch mit Lappen umwickelt sind, nach Leibeskräften zu thun, die Katze herauszuziehen und in einen Sack zu stecken.“ Ich gestehe, daß mir diese Fangart nicht recht glaublich erscheinen will, da alle älteren Berichterstatter darin einig sind, daß mit einer erwachsenen Wildkatze nicht zu spaßen ist. Winckell rät dem Jäger an, vorsichtig mit ihr zu Werke zu gehen, einen zweiten Schuß nicht zu sparen, falls der erste nicht sofort tödlich war, und ihr nur dann sich zu nähern, wenn sie nicht mehr fort kann, ihr aber auch jetzt noch mit einigen tüchtigen Hieben über die Nase den Garaus zu machen, bevor man sich weiter mit ihr befaßt. Verwundete Wildkatzen können, wenn man sie in die Enge treibt, recht gefährlich werden. „Nimm dich wohl in acht, Schütze“, so schildert Tschudi, „und faß die Bestie genau aufs Korn! Ist sie bloß angeschossen, so fährt sie schnaubend und schäumend auf, mit hochgekrümmtem Rücken und gehobenem Schwanze naht sie zischend dem Jäger, setzt sich wütend zur Wehr und springt auf den Menschen los; ihre spitzen Krallen haut sie fest in das Fleisch, besonders in die Brust, daß man sie fast nicht losreißen kann, und solche Wunden heilen sehr schwer. Die Hunde fürchtet sie so wenig,
daß sie, ehe sie den Jäger gewahrt, oft freiwillig vom Baume herunterkommt; es setzt dann fürchterliche Kämpfe ab. Die wütende Katze haut mit ihrer Kralle oft Risse, zielt gern nach den Augen des Hundes und verteidigt sich mit der hartnäckigsten Wut, solange noch ein Funke ihres höchst zähen Lebens in ihr ist.“
St. John erzählt von einem Zusammentreffen mit einer Wildkatze in den schottischen Hochlanden. „Ich war mit Angeln beschäftigt und kletterte, um nach einer anderen Uferstelle zu gelangen, über felsigen Boden. Dabei sank ich in rottendes Heidekraut ein, fast auf eine Wildkatze, die darunter steckte. Ich erschrak ebensosehr wie vermutlich das Tier, das mit gesträubtem Haare fast zwischen meinen Beinen herausfuhr. Meine Hunde trieben sie nach einigen Felsblöcken, wo sie, auf einem Absatze außerhalb des Bereiches ihrer Verfolger, spuckend und fauchend wie eine gewöhnliche Katze sich stellte. Da ich waffenlos war, schnitt ich mir einen tüchtigen Stock, um sie von ihrem Standorte zu verjagen. Sowie ich ihr aber auf 6 oder 7 Fuß nahe kam, sprang sie über die Köpfe der Hunde weg geradeswegs nach meinem Gesichte. Ich wäre sicherlich nicht ohne häßliche Wunden davongekommen, hätte ich sie nicht glücklicherweise im Sprunge getroffen. So aber fiel sie mit halbgebrochenem Rückgrate zwischen die Hunde, die sie mit meiner Hilfe abfertigten.“ Ein anderes Begegnis aus früherer Zeit teilt uns Hohberg mit. „Als ich“, so berichtet er, „Anno 1640 zu Parduwitz auf die Entenpirsch gegangen, hat der Hund ungefähr im dicken Rohr eine wilde Kaz gewittert und auf einen Baum hinaufgetrieben. Der Hund ist dann um den Baum herumgegangen und hat die Kaz darob angebellt, wie er denn ein sonderlicher Kazenfeind und ein starker, bissiger Hund gewesen. Als ich das mit großen Entenschroten geladene Rohr ergriff, den Anschlag auf die Kaz genommen und sie herabschießen wollen, hat die Kaz einen Sprung in das nächste Röhricht gethan, der Hund aber ist der Kazen nachgeeilt und hat sie ergriffen. Ich mochte im dicken Gezausicht nicht schießen, nahm alsobald meinen Degen und stieg ins Geröhricht, da ich den Hund mit der Kazen verwickelt funden und fie auf der Erden durch und durchgespießet. Die Kaz, als sie sich verwundet empfunden, ließ stracks von dem Hunde ab und schwung sich, also durchstochen, mit so großer Furie an der Klingen gegen meine Hand, daß ich selbige notwendig habe müssen fallen lassen. Entzwischen aber ersah der von derKazen befreyte Hund seinen Vortheil, ergriff sie bei dem Genick und hielt sie so feste, daß ich Zeit hatte, mit dem Fuß den Degen wieder aus der Kazen zu ziehen und ihr folgends den Rest zu geben.“ Manchen Überlieferungen zufolge hat wohl auch hier und da einmal ein Mensch im Kampfe mit einer Wildkatze schwere Verwundungen davongetragen und ist sogar daran gestorben. Von der eigentlichen Wildkatze sind die bloß verwilderten Hauskatzen wohl zu unterscheiden. Solche trifft man nicht selten in unseren Waldungen an; sie erreichen aber niemals die Größe der eigentlichen wilden, obwohl sie unsere Hauskatzen um vieles übertreffen. An Wildheit und Schädlichkeit stehen sie hinter der Wildkatze nicht zurück, scheinen auch stets, falls sie durch Generationen im Walde geboren und aufgewachsen sind, ihrer afrikanischen Stammform, der Falbkatze, und dadurch auch unserer Wildkatze an Farbe und Zeichnung ähnlich zu werden, gleichgültig, wie das Aussehen der verwilderten Ureltern war. Nur fehlt ihnen der bezeichnende, gleichsam abgehackte Schwanz, der helle Fleck an der Kehle und die dunkle Färbung der Sohlen; wo diese Merkmale nicht ganz ausgeprägt vorkommen, dürfte zunächst an Blendlinge gedacht werden.
In felsigen Gegenden Südostsibiriens, der Tatarei und Mongolei findet sich der Manul, die Stepnaja-Koschka oder Steppenkatze der Grenzkosaken Transbaikaliens, die Mala der
Tungusen (Felis manul, Catus manul, Felis nigripectus), anstatt unserer in ganz Sibirien fehlenden Wildkatze. Das Tier kommt an Größe etwa der Hauskatze gleich; Blanford
gibt die Maße einer männlichen: Körper mit Kopf 48 em, Schwanz 21 em, Schulterhöhe 23 cm, Gewicht nach Pallas 3-35 kg. Ihr im Alter licht, in der Jugend dunkelsilbergrauer, ungemein dichter Pelz besteht aus fahlgelben, weißlich gespitzten und aus dunkelbraunen Grannenhaaren, zwischen denen lichtschwarzes Wollhaar steht; der Scheitel ist fein schwarz gefleckt, das niedere, breite, abgerundete Ohr außen mit kurzen, gelblichen, weiß gespitzten, innen mit langen, weißen Haaren bekleidet; die verhältnismäßig lange, buschige Standarte zeigt auf gelbgrauem Grunde in gleichen Abständen 6—7 schwarze Ringelbinden und eine schwarze, bei jüngeren Tieren graue Spitze, auch an den Gliedmaßen finden sich manchmal schwarze Querstreifen. Nasenrücken und Oberlippe haben matt lehmfarbene, zwei unter den Augen beginnende, über die Wangen verlaufende, im Rauchgrau der Halsseiten verschwimmende Streifen und ebenso die Vorderbrust schwarze, die Schnurrhaare weiße Färbung.