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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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sie mit einem Schafe samt dem Lamme büßen oder so viel Weizen als Ersatz für sie geben, wie erforderlich war, um die Katze, wenn sie an dem Schwanze so aufgehängt wird, daß sie mit der Nase den Boden berührt, vollkommen zu bedecken.

Dieses Gesetz ist für uns von hohem Werte, weil es uns den Beweis liefert, daß man zu damaliger Zeit die Hauskatze als eine sehr wertvolle Erwerbung betrachtete; zugleich aber sehen wir daraus, daß die Wildkatze nicht wohl als die Stammmutter jener angesehen werden darf; denn zu damaliger Zeit gab es auch in England so viele Wildkatzen, daß es jedenfalls nicht schwer gewesen sein würde, die Jungen davon in beliebiger Menge zu zähmen. Wir brauchen übrigens Beweise für die Artverschiedenheit der Wild- und Hauskatze gar nicht von so weit herbeizuziehen: die unmittelbare Vergleichung beider Tiere spricht entschieden für die Selbständigkeit der einen und anderen Art. Alle Verhältnisse sind verschiedene. Der Leib der Hauskatze ist um ein Dritteil kleiner und minder kräftig, der am Ende verdünnte oder zugespitzte, nicht gleichmäßig verlaufende Schwanz länger und schlanker als bei der Wildkatze, der Kopf stärker abgeplattet, der Darm fünfmal, bei der Wildkatze nur dreimal so lang als der Leib. Im Gerippe und namentlich im Schädelbaue lassen die Unterschiede weniger leicht sich feststellen. Blasius hob zwar eine Anzahl von solchen hervor, Dönitz aber wies durch eine größere Reihe von Schädeln beider Arten die Unhaltbarkeit jener Merkmale überzeugend nach. Allerdings darf man bei derartigen Vergleichungen die Veränderungen, welche der Leib im einzelnen und ganzen durch die Zähmung und längere Gefangenschaft erleidet, nicht außer acht lassen, muß aber doch auch nicht nach dem Fernen suchen, wenn das Näherliegende mehr verspricht. Gerade die Katze, das selbständigste unserer Haustiere, hat unter den Folgen der Gefangenschaft weniger gelitten als der Hund, das Pferd, Rind oder Schaf: dies beweisen die Jahrtausende alten Mumien zur vollsten Überzeugung. Sie ist noch heute dieselbe wie im Altertum und unzweifelhaft die nächste Verwandte der Falbkatze, deren Zähmung mit Rücksicht auf die überaus große Tierliebe der alten Agypter sich eigentlich ganz von selbst versteht. Gezähmte Wildkatzen hätten nur von Europa oder Kleinasien aus nach Agypten gelangen können, zu einer Zeit, in welcher in Europa sicherlich noch niemand daran dachte, Einbürgerungsversuche mit Tieren anzustellen; die Falbkatze aber hatten die alten Agypter in ihrem Reiche, und ihrer scharfen Beobachtungsgabe entging es nicht, welch vortrefflicher Hausfreund sich aus ihr gewinnen ließ. Für mich ist die Frage der Abstammung unserer liebenswürdigen Miez erledigt.

Gegenwärtig findet sich die Katze mit Ausnahme des höchsten Nordens und, laut Tschudi, des höchsten Gürtels der Andes fast in allen erschlossenen Ländern, in denen der Mensch feste Wohnsitze hat. In Europa trifft man sie überall; in Amerika wurde sie schon bald nach Entdeckung dieses Erdteiles verbreitet. Auch in Asien und in Australien ist sie ziemlich häufig, weniger jedoch in Afrika, zumal im Inneren des Erdteiles. Je höher ein Volk steht, je bestimmter es sich seßhaft gemacht hat, um so verbreiteter ist die Katze. In Europa wird sie von Deutschen, Engländern und Franzosen am meisten geschätzt und am besten gepflegt; in ganz Indien, China und Japan, auch auf Java, gehört sie zu den gewöhnlichen Haustieren; in China dient sie, laut Huc, hier und da als Uhr, indem man nach der Enge ihres Augensterns die Nähe des Mittags beurteilt; in Agypten genießt sie als Lieblingstier des Propheten große Achtung, nimmt teil an Aufzügen, wird in Kairo auch öffentlich verpflegt, da Vermächtnisse bestehen, deren Zinsen man zu ihrer Fütterung verwendet; in Südamerika verkümmert sie, laut Hensel, hier und da, gedeiht aber in Städten, wo es, wie in Frankreich, Sitte ist, fie in den Läden als Feind der Ratten oder zum Staate zu halten, vortrefflich; auf Neuseeland ist sie verwildert. Wo man sie in ihrem wahren Werte erkannt hat, verbreitet man sie mehr und mehr. Manche Völkerschaften Asiens, z. B. die Mandschu, treiben noch einen ziemlich bedeutenden Handel mit ihr. Bei den jagdtreibenden Hirtenvölkern

des südlichen Teiles von Ostsibirien hat sie sich vielleicht heute noch nicht eingebürgert. Von den Dörfern im Quellenlande des Amur gelangte sie in den Jahren 1857 und 1858 in die Ansiedelungen am mittleren Laufe dieses Stromes, während sie an der Mündung desselben, von der See aus eingeführt, schon seit 1853 vorhanden war. Im Winter des Jahres 1858 fehlte sie im Burejagebirge noch gänzlich, hielt jedoch am oberen Ende bereits ihren Einzug. Auf Grönland kam sie mit den dänischen Frauen an und verbreitete sich mit ihnen nach Süden und Norden hin, so daß sie zur Zeit des Naturforschers Fabricius,

Ende des vorigen Jahrhunderts, in allen Ansiedelungen gefunden wurde. Mit den Portugiesen ist sie schon frühzeitig nach deren Provinzen in Südwestafrika gekommen und von den Eingeborenen verschiedentlich bis in das Kongogebiet verpflanzt worden, wie sie auch allenthalben an der westafrikanischen Küste durch europäische Faktoristen eingebürgert wurde. In Ostafrika rückt sie ebenfalls nach dem Innern vor. So hat sie nach und nach Heimrecht rings um die Erde und weit nach Norden wie nach Süden hin sich erworben und erscheint überall als ein lebendes Zeugnis des menschlichen Fortschrittes, der Seßhaftigkeit, der beginnenden Gesittung. Der Hund ist wahllos Allerwelts- und Allermenschentier, die Katze Haustier im besten Sinne des Wortes; jener hat sich von dem Zelte aus das feststehende Haus erobert, sie erst in diesem sich eingebürgert und dem gesitteten Menschen angeschlossen.

Gleichwohl bewahrt sie sich unter allen Umständen bis zu einem gewissen Grade ihre Selbständigkeit und unterwirft sich dem Menschen nur insoweit, als sie es für gut befindet.

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Je mehr dieser sich mit ihr beschäftigt, um so treuere Anhänglichkeit gewinnt sie an die Familie, je mehr man aber eine Katze sich selbst überläßt, um so größer wird ihre Anhänglichkeit an das Haus, in welchem sie aufgezogen wurde. Der Mensch bestimmt immer den Grad der Zähmung und der Häuslichkeit einer Katze. Wo sie sich selbst überlassen wird, kommt es nicht selten vor, daß sie zur Zeit des Sommers ganz dem Hause entläuft und in die Wälder sich begibt, in denen sie unter Umständen vollständig verwildern kann. Bei Eintritt des Winters kehrt sie gewöhnlich in ihre frühere Wohnung zurück und bringt dahin auch ihre Jungen, welche sie während ihres Sommeraufenthaltes zur Welt gebracht hat; doch kommt es, zumal in warmen Ländern, häufig genug vor, daß sie, auch wenn sie zurückgekehrt ist, fast gar nicht mehr um den Menschen sich kümmert. Namentlich die Katzen in Paraguay leben, wie uns Rengger mitteilt, in der größten Selbständigkeit. Dennoch finden sich dort nirgends wirklich verwilderte Katzen in den Waldungen; sie sind sogar aus den ehemals bewohnten Gegenden verschwunden, in denen sie beim Abzuge der Weißen zurückgelassen wurden. | Unsere Hauskatze eignet sich vortrefflich, ihre ganze Familie kennen zu lernen, eben weil jedermann sie beobachten kann. Sie ist ein außerordentlich schmuckes, reinliches, zierliches und anmutiges Geschöpf, jede ihrer Bewegungen nett und angenehm und ihre Gewandtheit wahrhaft bewunderungswürdig. Sie geht gemessen und tritt mit ihren Samtpfötchen, deren Krallen sorgfältig eingezogen sind, so leise auf, daß ihr Gang für den Menschen vollkommen unhörbar wird. Bei jedem Schritte zeigt sich die Beweglichkeit, welche ihr eigentümlich ist, verbunden mit größter Anmut und Zierlichkeit. Nur wenn sie von einem anderen Tiere verfolgt oder plötzlich erschreckt wird, beschleunigt sie ihren Gang zu einem Laufe in schnell hintereinander folgenden Sätzen oder Sprüngen, welche sie ziemlich rasch fördern und fast regelmäßig vor dem Verfolger retten, weil sie klug jeden Schlupfwinkel zu benutzen oder jede Höhe zu gewinnen weiß. Sie klettert durch Einhäkeln ihrer Krallen leicht und geschickt an Bäumen und rauhen oder weichen Mauern empor; im freien Felde läuft sie nicht eben rasch, wenigstens wird sie dort von jedem Hunde eingeholt. Ihre große Gewandtheit zeigt sich namentlich bei Sprüngen, welche sie freiwillig oder gezwungen ausführen muß. Sie mag fallen, wie fie will, immer wird sie mit den Beinen den Boden erreichen und verhältnis mäßig sanft auf die weichen Ballen der Füße fallen. Mir ist es niemals gelungen, eine Katze, welche ich mit dem Rücken nach unten dicht über einen Tisch oder über einen Stuhl hielt, so zu Falle zu bringen, daß sie mit dem Rücken aufschlug. Sie wendet sich, sobald man sie freiläßt, blitzschnell um und steht dann ganz harmlos und fest auf allen vier Füßen. Wie sie dies bei so kurzen Entfernungen anstellt, ist geradezu unerklärlich; beim Herabfallen aus bedeutender Höhe dagegen kann man es sich sehr wohl erklären, weil sie dann ihren gerade emporgestreckten Schwanz als Steuer benutzt und hierdurch die Richtung des Falles regelt. Das Schwimmen versteht sie auch, macht aber von dieser Fertigkeit bloß dann Gebrauch, wenn sie in die unangenehme Lage kommt, aus dem Wasser sich retten zu müssen. Freiwillig geht sie wohl nur in seltenen Ausnahmefällen in das Wasser; sie meidet sogar den Regen mit förmlicher Angstlichkeit. Haacke kannte indessen eine Katze, welche in einen Teich sprang, um Goldfische zu fangen. Sie sitzt, wie der Hund, auf dem Hinterteile und stützt sich vorn mit beiden Füßen; im Schlafe rollt sie sich zusammen und legt sich auf eine Seite. Dabei sucht sie gern eine weiche und warme Unterlage auf, kann es aber nur selten vertragen, wenn sie auch bedeckt wird. Vor allem anderen benutzt sie das Heu zum Pfühl, wahrscheinlich, weil sie den Duft desselben gut leiden mag. Von solchem Lager nimmt ihr Fell einen höchst angenehmen Geruch an.

Bemerkenswert ist die Biegsamkeit der an und für sich rauhen Stimme unserer Hauskatze. „Sie mauwen auff mancherley Weiß, anderst wann sie etwas heischen, anderst wann

sie liebkosen, anderst wann sie sich zum Streit oder Kampf stellen“, sagt schon Gesner sehr richtig. Der Hund ist nicht entfernt so ausdrucksfähig wie die Katze. Ihr „Miau“ ändert in der verschiedensten Weise ab, wird bald kurz, bald lang, bald gedehnt, bald abgebrochen hervorgestoßen und damit bittend, klagend, verlangend, drohend; zu dem „Miau“ treten aber auch noch andere Laute unnennbarer Art hinzu, welche unter Umständen sich vereinigen können zu einem Liede, „... das Stein' erweichen, Menschen rasend machen kann“,

weil nicht bloß miauende, sondern auch knurrende, kreischende und dumpfbrüllende Laute und das absonderliche, allen Katzen eigentümliche Fauchen in ihm abwechseln.

Unter den Sinnen der Katze sind Gefühl, Gesicht und Gehör die ausgezeichnetsten. Am schlechtesten ist wohl der Geruch, wie man sich sehr leicht selbst überzeugen kann, wenn man einer Katze irgendwelche Lieblingsnahrung so vorlegt, daß sie dieselbe nur durch die Nase ermitteln kann. Sie naht sich dem Gegenstande und wendet, wenn sie in seine nächste Nähe gekommen ist, den Kopf so vielfach hin und her, daß man gleich an diesen Bewegungen sieht, wie wenig der Geruchsinn sie leitet. Ist sie endlich nahe gekommen, so benutzt sie ihre Schnurrhaare, welche vortreffliche Tastwerkzeuge sind, noch immer weit mehr als die Nase. Man muß ihr eine Maus, welche man in der Handhöhlung versteckt, schon nahe vorhalten, ehe sie dieselbe riecht. Weit feiner ist ihr Gefühl. Die Schnurrhaare zeigen dies am besten; denn man darf bloß ein einziges ganz leise berühren, so wird man sehen, wie die Katze augenblicklich zurückzuckt. Auch in den weichen Pfoten besitzt sie Tastgefühl, obschon in untergeordneterem Grade. Ausgezeichnet ist das Gesicht. Sie sieht ebensogut bei Tage wie bei Nacht, ist fähig, bei verschiedenem Lichte ihren Augenstern passend einzurichten, d. h. ihn bei großer Helligkeit so zu verkleinern und bei Dunkelheit so zu vergrößern, daß ihr das Sinneswerkzeug jederzeit vortreffliche Dienste leistet. Und doch steht unter allen Sinnen das Gehör obenan; es ist von außerordentlicher Schärfe. Lenz erzählt, daß ein Kätzchen, welches im Freien auf seinem Schoße ruhte, plötzlich rückwärts nach einer Maus sprang, die ungesehen von einem Busche zum anderen über glattes Steinpflaster lief, wo sie natürlich gar kein Geräusch machen konnte. Er maß die Entfernung, in welcher das Kätzchen die Maus hinter sich gehört hatte: sie betrug volle 14 m.

Das geistige Wesen der Katze wird gewöhnlich gänzlich verkannt. Man betrachtet sie als ein treuloses, falsches, hinterlistiges Tier und glaubt, ihr niemals trauen zu dürfen. Viele Leute haben einen unüberwindlichen Abscheu gegen sie. In der Regel vergleicht man sie mit dem Hunde, mit welchem sie gar nicht verglichen werden darf, und gibt sich, weil man in ihr nicht gleich dessen Eigenschaften findet, nicht weiter mit ihr ab, sondern betrachtet sie schon von vornherein als ein Wesen, mit welchem überhaupt nichts zu machen ist. Selbst Naturforscher fällen ungünstige wie einseitige Urteile über sie. Ich habe die Katze von Jugend auf mit Liebe beobachtet und mich viel mit ihr beschäftigt, deshalb neige ich mich der nachstehend wiedergegebenen Schilderung Scheitlins zu, welche jedenfalls Ursprünglichkeit, verständnisvolle Auffassung und gerechte Würdigung des Wesens der Katze voraus haben dürfte: „Die Katze ist ein Tier hoher Natur. Schon ihr Körperbau deutet auf Vortrefflichkeit. Sie ist ein kleiner, netter Löwe, ein Tiger im verjüngten Maßstabe. Alles ist an ihr einhellig gebaut, kein Teil zu groß oder zu klein; darum fällt auch schon die kleinste Regelwidrigkeit an ihr auf. Alles ist rund, am schönsten die Kopfform, was man auch am entblößten Schädel wahrnehmen kann: kein Tierkopf ist schöner geformt. Das ganze Gerippe ist schön und deutet auf eine außerordentliche Beweglichkeit und Gewandtheit zu wellenförmigen oder anmutigen Bewegungen. Ihre Biegungen geschehen nicht im Zickzack oder Spitzwinkel, und ihre Wendungen sind kaum sichtbar. Sie scheint keine Knochen zu haben

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