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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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und nur aus leichtem Teige gebaut zu sein. Auch ihre Sinnesfähigkeiten sind groß und passen ganz zum Körper. Wir schätzen die Katzen gewöhnlich viel zu niedrig, weil wir ihre Diebereien hassen, ihre Klauen fürchten, ihren Feind, den Hund, hochschätzen und keine Gegen-sätze, wenn wir sie nicht in einer Einheit auflösen, lieben können. „Richten wir nun unsere Aufmerksamkeit auf ihre Haupteigenheiten. Zuvörderst fällt uns ihre Gewandtheit auf. Körper und Seele sind gewandt, beide aus einem Gusse. Wie gewandt dreht sie sich in der Luft, wenn sie auch nur mit dem Rücken abwärts wenige Fuß hoch fällt; wie gewandt erhält sie sich auf schmalen Kanten und Baumzweigen, selbst wenn diese kräftig geschüttelt werden! Halb körperlich und halb geistig ist ihre Liebe zur Reinlichkeit; sie leckt und putzt sich immerdar. Alle ihre Härchen vom Kopfe bis zur Schwanzspitze sollen in vollkommener Ordnung liegen; die Haare des Kopfes zu glätten und zu kämmen, beleckt sie die Pfoten und streicht dann diese über den Kopf; selbst die Schwanzspitze versäumt sie nicht. Den Unrat verbirgt sie, verscharrt ihn in selbstgegrabene Erdlöcher. Sie hat körperlichen Höhesinn, welcher aber, weil er Schwindelfreiheit und tüchtige Nerven erfordert, mit dem geistigen verwandt ist. — Es mangelt ihr nicht an Farbensinn, ihrem Gehöre nicht an Tonsinn. Sie kennt den Menschen an seiner Kleidung und an seiner Stimme. Sie will zur Thür hinaus, wenn sie gerufen wird; sie hat ein vorzügliches Ortsgedächtnis und übt es. In der ganzen Nachbarschaft, in allen Häusern, Kammern, Kellern, unter allen Dächern, auf allen Holz- und Heuboden zieht sie herum. Sie ist ein völliges Ortstier, daher ihre bekannte Anhänglichkeit mehr ans Haus als an die Bewohner. Sie zieht entweder nicht mit aus oder läuft wieder ins alte Haus. Unbegreiflich ist es, daß sie, stundenweit in einem Sacke getragen, ihr Haus, ihre Heimat wiederfinden kann. „Außerordentlich ist ihr Mut selbst gegen die allergrößten Hunde und Bullenbeißer, wie ungünstig ihr Verhältnis in Bezug auf Größe und Stärke sei. Sobald sie einen Hund wahrnimmt, krümmt sie den Rücken in einem ganz bezeichnenden Bogen, dem Katzenbuckel. Ihre Augen glühen Zorn oder plötzlich aufwallenden Mut nebst einer Art Abscheu. Sie speit schon von fern gegen ihn; sie will vielleicht entweichen, fliehen; sie springt im Zimmer aufs Gesimse, auf den Ofen oder will zur Thüre hinaus. Hat sie aber Junge, so stürzt sie, wenn er dem Neste nahe kommt, gräßlich auf ihn los, ist mit einem Satze auf seinem Kopfe und zerkratzt ihm die Augen, das Gesicht gar jämmerlich. Geht unter dieser Zeit ein Hund sie an, so hebt sie die Tatzen mit hervorgestreckten Klauen und weicht nicht. Hat sie noch den Rücken frei, so ist sie getrost; denn die Seiten kann sie mit ihren Hieben sichern; sie kann die Tatzen wie Hände gebrauchen. Es können fünf und noch mehr Hunde kommen, sie ordentlich belagern und gegen sie prallen, sie weicht nicht. Sie könnte mit einem Satze weit über sie hinausspringen, aber sie weiß, daß sie alsdann verloren sei; denn der Hund holte sie ein. Zieht dieser, ohne sie angegriffen zu haben, endlich sich zurück, so bleibt sie oft ganz ruhig sitzen, erwartet, wenn die Hunde wollen, noch zehn Angriffe und hält alle aus. Andere ersehen den Vorteil und erklettern schnell eine nahe Höhe. Dann sitzen sie droben und sehen in sich gekauert und mit halbverschlossenem Auge auf die Feinde, als wenn sie dächten, wer feinen sicheren Schatz im Herzen trage, der könne ins Spiel der niederen Welt ganz ruhig schauen. Sie weiß, daß der Hund nicht klettern und nicht so hoch springen kann. Will aber der Mensch sie erfassen, so klettert sie höher und entspringt;ihn fürchtet sie mehr. In freiem Felde verfolgte Katzen kehren, wenn sie sich stark fühlen, augenblicklich um und packen den Hund an. Erschrocken nimmt nun dieser die Flucht. Manche Katzen springen aus unbedingtem Hasse gegen alle Hunde, hängen sich am Kopfe fest und fahren ihnen mit den Klauen immer in die Augen. Es gibt Katzen, welche nur in der Küche leben, nie in die Stube kommen. Diese lassen gewiß keinen Hund in die Küche; in dieser wollen sie Herren sein!

„Zu ihrem Mute gehört ihre Rauflust, ihre große Neigung zu Balgereien unter sich. Es geht dies schon aus ihrem Hange zum Spielen und ihrem Mutwillen hervor: sie sind Nachtbuben. Zwar schlagen sie sich auch bei Tage auf dem Dache herum, zerzupfen einander gräßlich und rollen auch, miteinander sich windend und kugelnd, über das Dach und durch die Luft auf die Straße herunter, sich sogar in der Luft raufend; dennoch führen sie am meisten Krieg in der Nacht, die Kater unter sich der Weiber willen. Mancher Kater kommt in gewissen Zeiten des Jahres beinahe alle Morgen mit blutigem Kopfe und zerzaustem Kleide heim; dann scheint er gewitzigt und daheim bleiben zu wollen, nicht lange aber; denn er vergißt seine Wunden so schnell, als sie heilen, und fällt dann in die alte Sünde zurück. Der Kater lebt ost wochenlang außer dem Hause in seiner grenzenlosen Freiheitssphäre; man hält ihn für verloren, unerwartet kommt er wieder zum Vorscheine. Die Miez hat viel mehr Haussinn, Nestsinn, wie alle Tierarten. Nicht immer find die Raufer die stärksten, und nicht allemal sind die Kater die ärgsten Raufbolde; es gibt auch weibliche Haudegen, wilde Weiber. Solche rennen allen Katzen ohne Unterschied nach, fürchten die stärksten Kater nicht, fordern alle mit Worten und Tadel heraus und machen sich allen der ganzen, langen Straße furchtbar, soweit man von Dach zu Dach, ohne die Straße überschreiten zu müssen, kommen kann. „Mit ihrem Mute ist ihre Unerschrockenheit und Gegenwart des Geistes vorhanden. Man kann sie nicht, so wie den Hund oder das Pferd, erschrecken, sondern nur verscheuchen. Diese haben mehr Einsicht, die Katze hat mehr Mut; man kann sie nicht stutzig machen, nicht in Verwunderung setzen. Man spricht viel von ihrer Schlauheit und List: mit Recht; listig harrt sie totenstill vor dem Mauseloche, listig macht sie sich klein, harrt lange, schon funkeln — das Mäuschen ist erst halb heraus — ihre Augen, und noch hält sie an. Sie ist Meister über sich, wie alle Listigen, und kennt den richtigen Augenblick. „Gefühl, Stolz, Eitelkeit hat fie nur in schwachem Grade; fie ift ja kein Geselligkeits⸗, sondern ein Einsamkeitswesen; sie freut sich keines Sieges und schämt sich auch nie. Wenn sie sich einer Sünde bewußt ist, fürchtet sie einzig die Strafe. Ist sie derb ausgescholten und geprügelt worden, so schüttelt sie den Pelz und — kommt nach wenigen Minuten unbehelligt wieder. Doch fühlt sie sich nicht wenig geschmeichelt, wenn man sie nach ihrem ersten Jagdmusterstück auf eine Maus, die sie in die Stube bringt und vor die Augen der Leute legt, herzlich lobt. Sie kommt dann auch künftighin mit der Beute in die Stube und zeigt ihre große Kunst jedesmal an.

| „Man spricht von ihrer Schmeichelei und Falschheit, wohl gar von Rachsucht, doch viel

zu viel. Gefällt ihr jemand vorzugsweise, denn sie kann sehr lieben und sehr hassen, so drückt sie sich oft mit der Wange und den Flanken an Wange und Seiten desselben, kost auf jede Weise, springt am frühen Morgen auf sein Bett, legt sich ihm so nahe wie möglich und küßt ihn. Manchen Katzen ist freilich immer nicht ganz zu trauen. Sie beißen und kratzen oft, wenn man es sich gar nicht vermutet. Allein in den meisten Fällen beruht ein solches Betragen nur auf Notwehr, weil man sie ja doch auch gar zu oft falsch und hinterrücks plagt. Allerdings thut der Hund solches nicht, der Hund aber ist ein guter Narr. Wir dürfen die Ungutmütigen doch nicht geradezu falsch nennen. Eigentlich falsche Katzen sind seltene Ausnahmen, deren es auch unter den Hunden gibt, wenn schon allerdings noch viel seltener. „Falscher Hund‘ ist doch für den Mann wie ‚faliche Katze“ fürs Weib eine Art Sprichwort. Was den Menschen falsch macht, das macht auch die vollkommeneren Tiere falsch. „Ihre Liebeszeit ist interessant. Der Kater ist alsdann wild, die Weiber, welche ihn aufsuchen, sitzen um ihn herum; er in der Mitte brummt seinen tiefen Baß hinzu, die Weiber singenTenor, Alt, Diskant und alle möglichen Stimmen. Das Konzert wird immer wilder. Zwischeninnen schlagen sie einander die Fäuste ins Gesicht, und eben 95 Weiber,

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. i

die ihn doch aufgesucht haben, wollen keineswegs, daß er sich ihnen nahe. Er muß alles erkämpfen. In mondhellen Nächten lärmen sie ärger als die wildesten Nachtbuben.“

Die Paarung der Hauskatze erfolgt gewöhnlich zweimal im Jahre, zuerst Ende Februar oder Anfang März, das zweite Mal zu Anfang des Juni. 55 Tage nach der Paarung wirft fie 5 — 6 Junge, welche blind geboren werden und erst am neunten Tage sehen lernen. Gewöhnlich erfolgt der erste Wurf Ende April oder Anfang Mai, der zweite Anfang August. Die Mutter sucht vorher immer einen verborgenen Ort auf, meist den Heuboden oder nicht gebrauchte Betten, und hält ihre Jungen solange als möglich verborgen, namentlich aber vor dem Kater, welcher dieselben auffrißt, wenn er sie entdeckt.

Die jungen Kätzchen sind außerordentlich hübsche, schmucke Tierchen. Der Mutter Liebe zu den Jungen ist großartig. Sie bereitet den noch Ungeborenen ein Nest und trägt die Jungen augenblicklich von einem Orte zum anderen, sowie sie Gefahr für sie fürchtet; dabei faßt sie zart nur mit den Lippen ihre Haut im Genicke an und trägt sie so sanft dahin, daß die Miezchen davon kaum etwas merken. Während sie säugt, verläßt sie die Kinder bloß, um für sich und sie Nahrung zu holen. Manche Katzen wissen mit ihren ersten Jungen nicht umzugehen, und es muß ihnen von den Menschen oder von alten Katzen erst förmlich gezeigt werden, wie sie sich zu benehmen haben. Eine Katze hatte sich gewöhnt, die Mäuschen, welche sie gefangen hatte, immer am Schwanze zu tragen, und wandte diese Art der Fortschaffung später auch bei den ersten ihrer eigenen Jungen an. Dabei ginges aber nicht so gut wie bei den Mäuschen; denn die jungen Kätzchen klammerten sich am Boden fest und verhinderten so die Alte, sie fortzuschaffen. Die Herrin der Wöchnerin zeigte ihr, wie sie ihre Kinder zu behandeln habe. Sie begriff dies augenblicklich und trug später ihre Kleinen immer, wie andere Mütter sie tragen. Daß alle Katzen mit der Zeit viel besser lernen, wie sie ihre Kinder zu behandeln haben, ist eine ausgemachte Thatsache.

Wenn sich einer säugenden Katze ein fremder Hund oder eine andere Katze nähert, geht sie mit der größten Wut auf den Störenfried los, und selbst ihren Herrn läßt sie nicht gern ihre niedlichen Jungen berühren. Dagegen zeigt sie zu derselben Zeit gegen andere Tiere ein Mitleiden, welches ihr alle Ehre macht. Man kennt vielfache Beispiele, daß säugende Katzen kleine Hündchen, Füchschen, Kaninchen, Häschen, Eichhörnchen, Ratten, ja sogar Mäuse säugten und großzogen, und ich selbst habe als Knabe mit meiner Katze derartige Versuche gemacht und bestätigt gefunden. Einer jung von mir aufgezogenen Katze brachte ich, als sie das erste Mal Junge geworfen hatte, ein noch blindes Eichhörnchen, das einzige überlebende von dem ganzen Wurfe, welchen wir hatten großziehen wollen. Die übrigen Geschwister des kleinen netten Nagers waren unter unserer Pflege gestorben, und deshalb beschlossen wir, zu versuchen, ob nicht unsere Katze sich der Waise annehmen werde. Und sie erfüllte das in sie gesetzte Vertrauen. Mit Zärtlichkeit nahm sie das fremde Kind unter ihre eigenen auf, nährte und wärmte es aufs beste und behandelte es gleich vom Anfange an mit wahrhaft mütterlicher Hingebung. Das Eichhörnchen gedieh mit seinen Stiefbrüdern vortrefflich und blieb, nachdem diese schon weggegeben waren, noch bei seiner Pflegemutter. Nunmehr schien diese das Geschöpf mit doppelter Liebe anzusehen. Es bildete sich ein Verhältnis aus, so innig, als es nur immer sein konnte. Mutter und Pflegekind verstanden sich vollkommen, die Katze rief nach Katzenart, Eichhörnchen antwortete mit Knurren. Bald lief es seiner Pflegerin durch das ganze Haus und später auch in den Garten nach. Dem natürlichen Triebe folgend, erkletterte das Eichhörchen leicht und gewandt einen Baum, die Katze blinzelte nach ihm empor, augenscheinlich höchst verwundert über die bereits jo früh—⸗ zeitig ausgebildete Geschicklichkeit des Grünschnabels, und kratzte wohl auch schwerfällig hinter ihm drein. Beide Tiere spielten miteinander, und wenn auch Hörnchen sich etwas täppisch benahm, der gegenseitigen Zärtlichkeit that dies keinen Eintrag, und die geduldige

Mutter wurde nicht müde, immer von neuem wieder das Spiel zu beginnen. Später säugte die nämliche Katze junge Kaninchen, Ratten, junge Hunde groß, und Nachkommen von ihr zeigten sich der trefflichen Mutter vollkommen würdig, indem sie ebenfalls zu Pflegerinnen anderer verwaister Geschöpfe sich hergaben.

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