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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Erst durch Raddes Forschungen haben wir einige Kunde über die Lebensverhältnisse dieser Katze erlangt. Der gebirgige Nordrand Hochasiens setzt, weniger durch seine Höhe als durch seine Waldungen, ihr wie dem Korsak eine scharf gezogene Grenze nach Norden hin. Im Gegensatze zum Luchse, einem Bewohner der dichtesten Nadelholzwälder, gehört der Manul ausschließlich der Hochsteppe Mittelasiens an. Er findet sich nicht mehr an der Nordseite des Sajangebirges und ist dem Gebiete der mittleren Oka wie dem Hochgebirge der Sojoten fremd, soll dagegen im Lande der Darchaten und Urjänchen und um dem Kossogolsee nicht selten sein. In sehr strengen Wintern soll er, wie der Korsak, familienweise von der Mongolei aus in die russischen Gebiete wandern. Strachey fand ihn auch in Ladak und Tibet. Seine Nahrung besteht vorzugsweise in kleinen Nagetieren, beispielsweise Alpenhasen, und verschiedenen Steppenvögeln, zumal Feldhühnern.

An die eben geschilderten Wildkatzen reihen wir die Stammmutter unserer Hauskatze, die Falbkatze (Felis maniculata, Catus maniculatus, F. rueppellii, F. pulchella). Rüppell entdeckte sie in Nubien auf der Westseite des Nils bei Ambukol in einer Wüstensteppe, in welcher felsige Gegenden mit buschreichen abwechseln; spätere Sammler haben sie im ganzen Sudan, in Abessinien, im tiefsten Innern Afrikas und ebenso in Palästina aufgefunden. Ihre Körperlänge beträgt 50 em, die des Schwanzes etwas über 25 cm. Dies sind zwar nicht genau die Verhältnisse der Hauskatze, aber doch solche, welche denen unseres Hinz ziemlich nahe kommen. Auch in ihrer Zeichnung ähnelt die Falbkatze manchen Spielarten der Hauskatze. Ihr Pelz ist oben mehr oder weniger fahlgelblich oder fahlgrau, auf dem Hinterkopfe und der Rückenfirste rötlicher, an den Seiten heller, am Bauche weißlich. Auf dem Rumpfe zeigen sich dunkle, schmale, verwaschene Querbinden, welche an den Beinen deutlich hervortreten, am Oberkopfe und in dem Nacken acht schmälere Längsbinden. Gewisse Teile des Pelzes sind auch noch mit einer feinschwarzen Sprenkelung gezeichnet. Der Schwanz ist oben fahlgelb, unten weiß, endet in eine schwarze Spitze und hat vor ihr drei breite, schwarze Ringe. Die Mumien und Abbildungen auf den Denkmälern in Theben und in anderen ägyptischen Ruinen stimmen mit dieser Katzenart am meisten überein und scheinen zu beweisen, daß sie es war, welche bei den alten Agyptern als Haustier gehalten wurde. Vielleicht brachten die Priester das heilige Tier von Südnubien nach Agypten; von hier aus könnte sie nach Arabien und Syrien und später über Griechenland oder Italien nach dem westlichen und nördlichen Europa verbreitet worden sein und in neuerer Zeit durch die wandernden Europäer eine noch größere Verbreitung erlangt haben. Für mich erhalten diese Mutmaßungen besonderes Gewicht durch Beobachtungen, welche ich auf meinem letzten Jagdausfluge nach Abessinien machte. Die Hauskatzen der Jemenesen und der Araber der Westküste des Roten Meeres zeigen nicht nur eine ganz ähnliche Färbung wie die Falbkatze, sondern

auch dieselbe Schlankheit und Schmächtigkeit, welche diese vor ihren Verwandten auszeichnet. Allerdings hat dort die Hauskatze nicht dasselbe Los wie bei uns: ihre Herrschaft kümmert sich kaum um fie und überläßt es auch ihr selbst, sich zu ernähren. Dies dürfte aber schwerlich als Grund ihres schlechten Aussehens anzunehmen sein; denn an Nahrung fehlt es einem Raubtiere in dortiger Gegend nicht. Ich glaube, daß die Katze Nordostafrikas am treuesten sich ihre ursprüngliche Gestalt erhalten hat. Die gewöhnliche Färbung der afrikanischen Hauskatze kommt der ihrer wahrscheinlichen Stammmutter am nächsten; doch findet man auch hier schon ausgeartete, nämlich weiße, schwarze, rotgelbe und sogenannte dreifarbige Hauskatzen. Besonderes Gewicht erhalten vorstehende Beobachtungen durch Vergleichungen, welche Dönitz an Schädeln der Hauskatze und an den durch Schweinfurth aus dem Innern

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Falbkatze (Felis maniculata). ½ natürl. Größe.

Afrikas mitgebrachten Falbkatzenschädeln angestellt hat. Diese Vergleichungen haben ergeben, daß letztere sich einzig und allein durch die dünneren Knochen von denen der Hauskatze unterscheiden lassen. Die Dünne der Knochen aber ist ein sehr bezeichnendes Merkmal wilder Tiere im Vergleiche mit den vom Menschen gezüchteten. Jedenfalls nimmt man an den Schädeln unserer Wildkatzen häufig Verschiedenheiten von denen der Hauskatze wahr, während bei denen der Falbkatze solche Abweichungen nicht aufgefunden worden sind.

Ich war eine Zeitlang im Besitze einer Falbkatze, habe mich aber vergeblich bemüht, ihr nur einigermaßen die Wildheit abzugewöhnen, welche sie zeigte. Das Tier war in den Steppen Ostsudans alt gefangen worden und wurde mir in einem Käfig gebracht, welcher schon durch seine außerordentliche Festigkeit zeigte, daß man ein bedenkliches Raubtier in ihm verwahre. Ich habe die Katze niemals aus diesem Käfig nehmen dürfen, weil sie es überhaupt nicht gestattete, daß man sich ihr irgendwie näherte. Sobald man an fie beran-kam, fauchte und tobte sie wie unsinnig und bemühte sich nach Kräften, Unheil anzurichten. Strafen fruchteten nichts. In unseren Tiergärten habe ich die Falbkatze nur ein einziges Mal gesehen und zwar in London. Die beiden Stücke, welche man dort geraume Zeit hielt,

Falbkatze (Felis maniculata). ½ natürl. Größe.

stammten aus Palästina und mochten wohl jung aus dem Lager genommen worden sein, weil sie so gesittet und ruhig sich betrugen, wie man dies von einer Wildkatze überhaupt erwarten kann. Außerordentlich wichtig zur Begründung der Ansicht, daß die Falbkatze die Stammmutter unserer Hauskatze ist, sind Beobachtungen, welche Schweinfurth im Lande der Niam-Njam machte. Nach seinen mündlichen Mitteilungen kommt die Falbkatze hier häufiger vor als in irgend einem bis jetzt bekannten Teile Afrikas, so daß man also das tiefe Innere des Erdteiles als das eigentliche Vaterland oder den Kernpunkt des Verbreitungskreises unseres Tieres ansehen muß. Die Niam-Njam nun besitzen die Hauskatze im eigentlichen Sinne des Wortes nicht; wohl aber dienen ihnen zu gleichem Zwecke wie letztere halb- oder ganzgezähmte Falbkatzen, welche die Knaben einfangen, in der Nähe der Hütten anbinden und binnen kurzer Zeit so weit zähmen, daß sie an die Wohnung sich gewöhnen und in der Nähe derselben dem Fange der überaus zahlreichen Mäuse mit Eifer obliegen.

„Die Katze“, sagt Ebers in seiner „Agyptischen Königstochter“, „war wohl das hei: ligste von den vielen heiligen Tieren, welche die Agypter verehrten. Während andere Tiere nur beziehungsweise vergöttert wurden, war die Katze allen Unterthanen der Pharaonen heilig. Herodot erzählt, daß die Agypter, wenn ein Haus brenne, nicht eher ans Löschen dächten, bis ihre Katze gerettet sei, und daß sie die Haare als Zeichen der Trauer sich abschören, wenn ihnen eine Katze stürbe. Wer eines dieser Tiere tötete, verfiel, mochte er mit Wollen oder aus Versehen der Mörder desselben geworden sein, unerbittlich dem Tode. Diodor war Augenzeuge, als die Agypter einen unglücklichen römischen Bürger, welcher eine Katze getötet hatte, des Lebens beraubten, obgleich, um der gefürchteten Römer willen, von seiten der Behörden alles mögliche geschah, um das Volk zu beruhigen. Die Leichen der Katzen wurden kunstvoll mumisiert und beigesetzt; von den vielen einbalsamierten Tieren wurden keine häufiger gefunden als die sorgfältig mit Leinenbinden umwickelten mumisierten Katzen. „Die Göttin Pacht oder Bast, welche mit dem Katzenkopfe abgebildet wird, hatte zu Bubastis im östlichen Delta ihr vornehmlichstes Heiligtum. Dorthin brachte man gewöhnlich die Katzenmumien, welche aber auch an anderen Orten, namentlich sehr häufig beim Sera: peum, gefunden worden sind. Die Göttin war nach Herodot gleich der griechischen Artemis und wurde die Bubastische genannt. Nach Stephanus von Byzanz soll die Katze auf ägyptisch ‚VBubaftos‘ geheißen haben. Übrigens nannte man die Tiere für gewöhnlich „Mau-Mie“. In der Pacht scheint man auch die Beschützerin der Geburt und des Kindersegens verehrt zu haben, und ebenso scheint es nach der Veröffentlichung der Tempelinschriften von Dendrah durch Dümichen keinem Zweifel zu unterliegen, daß man in der Bast gewisse Seiten der durch die Phöniker den Agyptern zugekommenen Astarte oder Venus Urania verehrte.“ Ä Während die Katze bei den alten Agyptern als heiliges Geschöpf angesehen wurde, erschien sie (oder richtiger die Wildkatze, beziehentlich der Luchs) den alten Deutschen als das Tier der Freyja, deren Wagen sie durch die Wolken zieht, und ging in der späteren Zeit allgemach in ein mehr oder weniger gespenstiges Wesen über, welches heutzutage noch im Aberglauben fortlebt. Die Katze ist, laut Wuttke, wahrsagend und hat Zauberkraft. Eine dreifarbige Katze schützt das Haus vor Feuer und anderem Unglück, die Menschen vor dem Fieber, löscht auch das Feuer, wenn man sie in dasselbe wirft, und heißt deshalb „Feuerkatze“. Wer sie ertränkt, hat kein Glück mehr oder ist sieben Jahre lang unglücklich; wer sie totschlägt, hat ebenfalls fernerhin kein Glück; wer sie schlägt, muß es von hinten thun. Die Katze zieht Krankheiten an sich; ihre Leiche dagegen, unter jemandes Thürschwelle vergraben,

bringt dem Haufe Unglück. Katzenfleisch ist gut gegen die Schwindsucht; wer aber ein Katzenhaar verschluckt, bekommt diese, und wenn es ein kleines Kind thut, wächst es nicht mehr. Schwarze Katzen dienen zum Geldzauber und zum Unsichtbarmachen, zum Schutze des Feldes und des Gartens, zur Heilung der Fallsucht und der Bräune, schwarze Kater insbesondere zu unheimlichem Zauber. Erreichen sie das Alter von 7 oder 9 Jahren, so werden sie selbst zu Hexenwesen und gehen am Walpurgistage zur Hexenversammlung oder bewachen unterirdische Schätze. Wenn die Katze sich putzt oder einen krummen Buckel macht, bedeutet es Gäste; fährt sie sich mit den Pfoten über die Ohren, so kommt vornehmer Besuch; macht sie die Hinterbeine lang, so kommt jemand mit einem Stecken; wen sie aber ansieht, während sie sich wäscht, hat an demselben Tage noch eine Tracht Prügel zu gewärtigen. Wenn eine Katze vor dem Hause schreit, gibt es in demselben bald Zank oder Unheil, selbst Tod; wenn die Katzen in einer Freitagsnacht sich zanken, geht es bald darauf auch im Hause unfriedlich zu; wenn vor der Trauung eine Katze auf dem Altare sitzt, wird die Ehe unglücklich. Die weiße Gespenstkatze, welche außen am Fenster schnurrt, zeigt einen binnen 2 Stunden eintretenden Todesfall an. Nur hier und da urteilt man milder über das zierliche Geschöpf, so in Süddeutschland und in den Rheinlanden, wo man den Aberglauben hegt, daß ein Mädchen, welches eine glückliche Ehe haben will, die Katze, das Tier der Freyja oder Holda, gut füttern müsse — eine Vorschrift, welche auch ich allen Mädchen und Hausfrauen bestens empfohlen haben will. Auch im Sprichworte spielt die Katze eine bedeutende Rolle: „Falsch wie die Katze; einen Katzenbuckel machen; eine Katzenwäsche halten; zusammen leben wie Hund und Katze; Katzen und Herren fallen immer auf die Füße; wie die Katze gehen um den heißen Brei; die Katze in dem Sacke kaufen“, sind Belege dafür.

Unsere bisherigen Forschungen lassen annehmen, daß die Katze zuerst von den alten Agyptern, nicht aber von den alten Indern oder nordischen Völkerschaften gezähmt wurde. Die altägyptischen Denkmäler geben uns durch Bild und Schrift wie durch die Mumien bestimmte Kunde, die Geschichte anderer Völker nicht einmal zu Mutmaßungen Anhalt. Gerade der Umstand, daß man in den Grabstätten nicht allein Mumien der Hauskatze, sondern auch solche des Sumpfluchses findet, unterstützt, meiner Meinung nach, die eben ausgesprochene Ansicht, weil damit der Beweis geliefert ist, daß man zur Zeit der Blüte des altägyptischen Reiches noch fortdauernd mit dem Fange und, was wohl gleichbedeutend, der Zähmung von Wildkatzen sich beschäftigte. Vor der Zeit Herodots finden wir den Namen der Katze bei den alten griechischen Schriftstellern nicht, und daraus sowie auch aus dem Umstande, daß sie selbst später von den Griechen und Lateinern nur kurz erwähnt wird, darf man schließen, daß sie ganz allmählich von Agypten aus sich verbreitet hat. Von Agypten aus ging die Katze zunächst wahrscheinlich mehr östlich; wir wissen unter anderem, daß sie ein besonderer Liebling des Propheten Mohammed gewesen ist. In dem nördlichen Europa war sie vor dem 10. Jahrhundert fast noch gar nicht bekannt. Die Gesetzsammlung für Wales enthält eine Bestimmung des Howell Dha oder Howell Lebon, welcher gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts starb, in welcher die Wertbestimmung der Hauskatzen sowie die Strafen, welche auf Mißhandlung, Verstümmelung oder Tötung derselben gesetzt waren, festgestellt sind. Darin wird die Summe bestimmt, wofür eine junge Katze bis zu dem Augenblicke, wo sie eine Maus fängt, verkauft werden darf, und dem wird hinzugefügt, daß sie von jenem Augenblicke an des doppelten Preises wert sei. Der Käufer hatte das Recht, zu verlangen, daß Augen, Ohren und Krallen vollkommen wären, und daß das Tier aufs Mausen sich verstände, ebenso auch, daß ein gekauftes Weibchen seine Jungen gut erziehe. War sie mit irgend einem Fehler behaftet, so konnte der Käufer das Dritteil des Kaufpreises zurückverlangen. Wer auf den fürstlichen Kornböden eine Hauskatze stahl oder tötete, mußte

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