Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Eine andere säugende Katze wurde durch irgend einen Zufall plötzlich von ihren Kindern getrennt, und diese gerieten somit in Gefahr, zu verkümmern. Da kam der Besitzer der kleinen Gesellschaft auf einen guten Gedanken. Des Nachbars Katze hatte Junge gehabt, war aber derselben beraubt worden. Diese wurde nun als Pflegemutter ausersehen und gewonnen. Sie unterzog sich bereitwillig der Pflege der Stiefkinder und behandelte sie ganz wie ihre eigenen. Plötzlich aber kehrte die rechte Mutter zurück, jedenfalls voller Sorgen für ihre lieben Sprößlinge. Sie fand diese in guten Händen — und, siehe da! beide Katzenmütter vereinigten sich fortan in der Pflege und Erziehung der Kleinen und ernährten und verteidigten sie gemeinschaftlich auf das kräftigste.
Giebel erklärt solche Beweise der Mutterliebe und Pflegelust wie folgt. „Die Mieze legt in dieser Zeit“, d. h. wenn sie Junge hat, „ihre Blutgier ganz ab und säugt sogar Ratten, Mäuse, Kaninchen, Hasen und Hunde auf, wenn dieselben an ihre Zitzen gelegt werden. Auch darin darf man, obwohl die Anhänglichkeit an die Pfleglinge noch lange sich äußert, keine eigentliche Liebe erkennen wollen, sie nimmt die fremde Brut nur an, um den Reiz in ihren Milchdrüsen und Zitzen zu stillen.“ Diese Deutung ist aber nicht ganz zutreffend. Daß Katzenmütter, denen man, unmittelbar nachdem sie geworfen haben, ihre sämtlichen Jungen nimmt, infolge des Reizes ihrer strotzenden Milchdrüsen selbst darauf ausgehen, sich andere Säuglinge zu verschaffen, ältere Junge wieder saugen lassen, junge Hündchen, Häschen, Ratten und dergleichen herbeischleppen und diese an ihr Gesäuge legen, ist mir allerdings durch verbürgte Mitteilungen thatsächlich beobachteter Fälle wohl bekannt; solche Fälle erscheinen mir jedoch aus dem Grunde nicht maßgebend zu sein, weil säugende Katzen, auch wenn man ihnen ihre Jungen läßt, andersartige hilflose Tierchen an- und aufnehmen. Hier handelt es sich nicht mehr einzig und allein um Stillung des durch die überfüllten Milchdrüsen verursachten Reizes, sondern um eine Pflegelust, welche in der durch die Liebe zu den eigenen Kindern wachgerufenen Gutmütigkeit, um nicht zu sagen Barmherzigkeit, Erklärung findet. Von einem Ablegen der Blutgier kann gar nicht gesprochen werden; denn die Mieze raubt, während sie Junge hat, nach wie vor, ja sogar eifriger als je; wohl aber darf man an zarte Neigungen und Empfindungen der Katze gegen Unmündige glauben. Wenn es, meine ich, ein Tier gibt, bei welchem sich das, was wir Mutterliebe nennen, in der unverkennbarsten Weise bekundet, so ist es die Katze. Hieran zu zweifeln oder auch nur zu deuteln, zeigt gänzlichen Mangel an Verständnis der geistigen Außerungen des Tieres. Man beobachte nur eine Katzenmutter mit ihren Kindern, und man wird sicherlich zu anderen Anschauungen gelangen. Keine Menschenmutter kann mit größerer Zärtlichkeit und 1 der Pflege ihrer Kinderchen sich widmen als die Katze. In jeder Bewegung, in jedem Laute der Stimme, in dem ganzen Gebaren gibt sich Innigkeit, Sorgsamkeit, Liebe und Rücksichtsnahme nicht allein auf die Bedürfnisse, sondern auch auf die Wünsche der Kleinen kund. Solange diese schwach und unbehilflich sind, beschäftigt sich die Alte hauptsächlich nur mit ihrer Ernährung und Reinigung. Behutsam nähert sie sich dem Lager, vorsichtig setzt sie ihre Füße zwischen die krabbelnde Gesellschaft, leckend holt sie eines der Kätzchen nach dem anderen herbei, um es an das Gesäuge zu bringen, ununterbrochen bestrebt sie sich, jedes Härchen glatt zu legen, Augen und Ohren, selbst den After rein zu halten. Noch äußert sich ihreLiebe ohne Laute: sie spinnt höchstens dann und wann, gleichsam um sich die Zeit zu kürzen. Die Jungen wachfen heran, und die Mutter ändert im vollsten Einklange mit dem fortschreitenden Wachstum 28˙*
allgemach ihr Benehmen gegen sie. Sobald die Auglein der Kleinen sich geöffnet haben, beginnt der Unterricht. Noch starren diese Auglein blöde ins Weite; bald aber richten sie sich entschieden auf einen Gegenstand: die ernährende Mutter. Sie beginnt jetzt, mit ihren Sprößlingen zu reden. Ihre sonst nicht eben angenehm ins Ohr fallende Stimme gewinnt einen Wohlklang, welchen man ihr nie zugetraut hätte; das „Miau“ verwandelt sich in ein „Mie“, in welchem alle Zärtlichkeit, alle Hingebung, alle Liebe einer Mutter liegt; aus dem sonst Zufriedenheit und Wohlbehagen oder auch Bitte ausdrückenden „Murr“ wird ein Laut, so sanft, so sprechend, daß man ihn verstehen muß als den Ausdruck der innigsten Herzensliebe zu der Kinderschar. Bald auch lernt diese begreifen, was der sanfte Anruf sagen will: sie lauscht, sie achtet auf denselben und kommt schwerfällig, mehr humpelnd als gehend, herbeigekrochen, wenn die Mutter ihn vernehmen läßt. Die ungefügen Glieder werden gelenker, Muskeln, Sehnen und Knochen fügen sich allgemach dem erwachenden und rasch erstarkenden Willen: ein dritter Abschnitt des Kinderlebens, die Spielzeit, beginnt.
Diese Spielseligkeit der Katze macht sich schon in frühester Jugend bemerklich, und die Alte thut ihrerseits alles, sie zu unterstützen. Sie wird zum Kinde mit den Kindern, aus Liebe zu ihnen, genau ebenso, wie die Menschenmutter sich herbeiläßt, mit ihren Sprößlingen zu tändeln. Mit scheinbarem Ernste sitzt sie mitten unter den Kätzchen, bewegt aber bedeutsam den Schwanz, in welchem schon Gesner den Zeiger der Seelenstimmung erkannte: „anderst seyn sie gesinnet, wann sie den Schwantz hencken, anderst wann sie jhn grad in die Höhe strecken oder krümmen“. Die Kleinen verstehen zwar diese Sprache ohne Worte noch nicht, werden aber gereizt durch die Bewegung. Ihre Auglein gewinnen Ausdruck, ihre Ohren strecken sich. Plump⸗täppisch häkelt das eine und andere nach der sich bewegenden Schwanzspitze; dieses kommt von vorn, jenes von hinten herbei, eines versucht über den Rücken wegzuklettern und schlägt einen Purzelbaum, ein anderes hat eine Bewegung der Ohren der Mutter erspäht und macht sich damit zu schaffen, ein fünftes liegt noch unachtsam am Gesäuge. Die gefällige Alte läßt, mit mancher Menschenmutter zu empfehlenden Seelenruhe, alles über sich ergehen. Kein Laut des Unwillens, höchstens gemütliches Spinnen macht sich hörbar. Solange noch eines der Jungen saugt, wird es verständnisvoll bevorzugt; sobald aber auch dieses sich genügt hat, sucht sie selbst den kindischen Possen, zu denen bisher nur die sich bewegende Schwanzspitze aufforderte, nach Kräften zu unterstützen. Ihre wundervolle Beweglichkeit und Gewandtheit zu gunsten der täppischen Kleinen beschränkend, ordnet und regelt nun sie das bis jetzt ziellos gewesene Spiel. Bald liegt sie auf dem Rücken und spielt mit Vorder- und Hinterfüßen, die Jungen wie Fangbälle umherwerfend; bald sitzt fie mitten unter der sich balgenden Gesellschaft, rollt mit einem Tatzenschlage das eine Junge um, häkelt das andere zu sich heran und lehrt durch unfehlbare Griffe der trotz aller Unruhe achtsamen Kinderschar sachgemäßen Gebrauch der krallenbewehrten Pranken; bald wieder erhebt sie sich, rennt eiligen Laufes eine Strecke weit weg und lockt dadurch das Völkchen nach sich, offenbar in der Absicht, ihm Gelenkigkeit und Behendigkeit beizubringen. Nach wenigen Lehrstunden haben die Kätzchen überraschende Fortschritte gemacht. Von ihren gespreizten Stellungen, ihrem wankenden Gange, ihren täppischen Bewegungen ist wenig mehr zu bemerken. Im Häkeln mit den Pfötchen, im Fangen sich bewegender Gegenstände bekunden sie bereits merkliches Geschick. Nur das Klettern verursacht noch Mühe, wird jedoch in fortgesetztem Spiele binnen kurzem ebenfalls erlernt. Nunmehr scheint der Alten die Zeit gekommen zu sein, auch das in den Kinderchen noch schlummernde Raubtier zu wecken. Anstatt des Spielzeuges, zu welchem jeder leicht bewegliche Gegenstand dienen muß, anstatt der Steinchen, Kugeln, Wollflecken, Papierfetzen und dergleichen, bringt sie eine von ihr gefangene, noch lebende und möglichst wenig verletzte Maus oder ein erbeutetes, mit derselben Vorsicht behandeltes Vögelchen, nötigen Falls eine Heuschrecke, in das Kinderzimmer. Allgemeines Erstaunen
der kleinen Gesellschaft, doch nur einen Augenblick. Bald regt sich die Spielsucht mächtig, kurz darauf auch die Raublust. Solcher Gegenstand ist denn doch zu verlockend für das bereits wohlgeübte Raubzeug. Er bewegt sich nicht bloß, sondern leistet auch Widerstand. Hier muß derb zugegriffen und festgehalten werden: jo viel ergibt sich schon bei den ersten Versuchen; denn die Maus entschlüpfte Murnerchen, welcher sie doch sicher gefaßt zu haben vermeinte, überraschend schnell und konnte nur durch die achtsame Mutter an ihrer Flucht gehindert werden. Der nächste Fangversuch fällt schon besser aus, bringt aber einen empfindlichen Biß ein: Miezchen schüttelt bedenklich das verletzte Pfötchen. Doch schon hat Hinzchen die Unbill gerächt und den Nager so fest gepackt, daß kein Entrinnen mehr möglich: das Raubtier ist fertig geworden.
Gewöhnlich nimmt man an, daß die Katze nicht erziehungsfähig sei, thut ihr damit aber großes Unrecht. Sie bekundet, wenn sie gut und verständig behandelt worden ist, innige Zuneigung zu dem Menschen. Es gibt Katzen, und ich kannte selbst solche, welche schon mehrere Male mit ihren Herrschaften von einer Wohnung in die andere gezogen sind, ohne daß es ihnen eingefallen wäre, nach dem alten Hause zurückzukehren. Sie urteilten eben, daß der Mensch in diesem Falle ihnen mehr wert sei als das Haus. Andere Katzen kommen, sobald sie ihren Herrn von weitem sehen, augenblicklich zu demselben heran, schmeicheln und liebkosen ihm, spinnen vertraulich und suchen ihm auf alle Weise ihre Zuneigung an den Tag zu legen. Sie unterscheiden dabei sehr wohl zwischen ihnen bekannten und fremden Personen und lassen sich von ersteren, zumal von Kindern, unglaublich viel gefallen, freilich nicht so viel wie alle Hunde, aber doch ebensoviel wie manche. Andere Katzen begleiten ihre Herrschaft in sehr artiger Weise bei Spaziergängen durch Hof und Garten, Feld und Wald: ich selbst kannte zwei Kater, welche sogar den Gästen ihrer Gebieterin in höchst liebenswürdiger Weise das Geleit gaben, 10— 15 Minuten weit mitgingen, dann aber mit Schmeicheln und wohlwollendem Schnurren Abschied nahmen und zurückkehrten. Katzen befreunden sich aber auch mit Tieren. Man kennt viele Beispiele von den innigsten Freundschaften zwischen Hunden und Katzen, welche dem lieben Sprichworte gänzlich widersprechen. Von einer Katze wird erzählt, daß sie es sehr gern gehabt habe, wenn sie ihr Freund, der Hund, im Maule in der Stube hin- und hertrug; von anderen weiß man, daß sie bei Beißereien unter Hunden ihren Freunden nach Kräften beistanden, und ebenso auch, daß sie von den Hunden bei Katzenbalgereien geschützt wurden. Pechuel-Loesche besaß eine gewöhnliche Katze, welche auf Befehl hingeworfene Gegenstände, vom Sofakissen bis zur Stecknadel, brachte, über Stühle, auf den Tisch, auf die Schulter sprang und sich tot stellte. Mit einem alten Graupapagei lebte sie in Freundschaft, kam häufig herbei, wenn dieser sie bei ihrem Namen „Ichabod“ rief, nahm es nie übel, wenn er sie durch einen Biß in den Schwanz aus dem Schlafe weckte, und zeigte immer wieder drollige Verwunderung, wenn er ihre Stimme täuschend nachahmte. Beide saßen sehr gern zusammen im Fenster und blickten auf die Straße hinaus.
Manche Katzen liefern außerordentliche Beweise ihrer Klugheit. Solche von echten Vogelliebhabern werden nicht selten so weit gebracht, daß sie den gefiederten Freunden ihres Herrn nicht das Geringste zuleide thun. Giebel beobachtete, daß sein schöner Kater, Peter genannt, eine Bachstelze, welche genannter Naturforscher im Zimmer hielt, wiederholt mit dem Maule aus dem Hofe zurückbrachte, wenn der Vogel seine Freiheit gesucht hatte, — natürlich, ohne ihm irgendwie zu schaden. Ein ganz gleiches Beispiel ist mir aus meinem Heimatdorfe bekannt geworden. Dort brachte die Katze eines Vogelfreundes zur größten Freude ihres Herrn diesem ein seit mehreren Tagen schmerzlich vermißtes Rotkehlchen zurück, welches sie also nicht nur erkannt, sondern auch gleich in der Absicht gefangen hatte, ihrem Gebieter dadurch eine Freude zu bereiten! Gestützt auf diese Thatsachen, glaube ich, daß auch folgende Geschichte buchstäblich wahr ist: Eine Katze lebte mit dem Kanarienvogel ihres Herrn
in sehr vertrauten Verhältnissen und ließ sich ruhig gefallen, daß dieser sich auf ihren Rücken setzte und förmlich mit ihr spielte. Eines Tages bemerkt ihr Gebieter, daß sie plötzlich mit großer Hast auf den Kanarienvogel losstürzt, ihn mit den Zähnen faßt und knurrend ein Pult erklettert, den Kanarienvogel dabei immer fest in den Zähnen haltend. Man schreit auf, um den Vogel zu befreien, bemerkt aber gleichzeitig eine fremde Katze, welche in das Zimmer gekommen ist, und erkennt erst jetzt Miezchens Absicht. Sie hatte ihren Freund vor ihrer Schwester, welcher sie nicht trauen mochte, schützen wollen.
Es gibt noch weitere Belege für den Verstand dieses vortrefflichen Tieres. In dem schönen Mai des Jahres 1859 hatte unsere Hauskatze 4 allerliebste Junge auf dem Heuboden geworfen und dort sorgfältig vor aller Augen verborgen. Trotz der größten Mühe konnte das Wochenbett erst nach 10—12 Tagen entdeckt werden. Als dies aber einmal geschehen war, gab sich Miez auch weiter gar keine Mühe, ihre Kinder zu verstecken. So mochten ungefähr 3 oder 4 Wochen hingegangen sein, da erscheint sie plötzlich bei meiner Mutter, schmeichelt und bittet, ruft und läuft nach der Thür, als wolle sie den Weg weisen. Meine Eltern folgen ihr nach, sie springt erfreut über den Hof weg, verschwindet auf dem Heuboden, kommt über der Treppe zum Vorscheine, wirft von oben herab ein junges Kätzchen auf ein Heubündel, welches unten liegt, springt ihm nach und trägt es bis zu meiner Mutter hin, zu deren Füßen sie es niederlegt. Das Kätzchen wird freundlich auf- und angenommen und geliebkost. Mittlerweile ist die Katze wieder auf dem Heuboden angelangt, wirft ein zweites ihrer Kinder gleicherweise herab, trägt es aber bloß einige Schritte weit und ruft und schreit, als verlange sie, daß man es von dort abhole. Diese Bitte wird gewährt, und jetzt wirft die faule Mutter ihre beiden anderen Kinder noch herab, ohne aber nur im geringsten mit deren Fortschaffung sich zu befassen, und erst als ihr ganz entschieden bedeutet wird, daß man die Kleinen liegen lasse, entschließt sie sich, dieselben fortzuschleppen. Wie sich ergab, hatte die Katze fast gar keine Milch mehr, und klug genug, wie sie war, sann sie deshalb darauf, diesem Übelstande so gut als möglich abzuhelfen, brachte also ihr ganzes Kindernest jetzt zu ihrem Brotherrn.