Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Es wurde bereis erwähnt, daß Pallas geneigt zu fein scheint, den Manul als Stamm: vater der Angorakatze anzusehen, obgleich letztere in ihrer Gestalt wesentlich sich unterscheidet. Fitzinger, welcher Pallas beitreten möchte, erklärt sie als Erzeugnis einer Kreuzung zwischen Manul und Hauskatze, ohne jedoch dafür irgend welche Unterstützung beibringen zu können. Mir erscheint es am wahrscheinlichsten, daß sie nichts anderes ist als eine aus Gebirgsgegenden herrührende Zuchtrasse, welche sich, infolge klimatischer Einwirkung, nach und nach herausbildete und ihre Merkmale vererbte. Radde sah im Süden Sibiriens immer nur schöne graue oder blaugraue Angorakatzen. Die ersten traf er bereits in dem Städtchen
Tjumen, wenig östlich vom Ostabhange des Ural, andere kamen ihm in den russischen Ansiedelungen zu Gesicht; doch waren die Tiere auch hier seltener als die gewöhnlichen Hauskatzen. Ob jene wirklich aus Angora stammen, wie man annimmt, lasse ich dahingestellt sein; meines Wissens fehlt über das eigentliche Vaterland noch jede Kunde.
Im Vergleiche zur Hauskatze gilt die Angorakatze als faul und träge, aber auch als besonders klug und anhänglich: inwiefern letzteres begründet ist, weiß ich nicht.
Von der Insel Man stammt eine andere Rasse der Hauskatze, die Stummelschwanzoder Mankatze (Felis maniculata domestica ecaudata), ein keineswegs hübsches, wegen
Angorakatze (Felis maniculata domestica angorensis). ½ natürl. Größe.
seiner hohen, hinten un verhältnismäßig entwickelten Beine und des Fehlens des Schwanzes bemerkenswertes Tier, von verschiedener Färbung.
Auch auf den Sundainseln und in Japan sah Martens Katzen mit verschiedenen Schwanzabstufungen, und Kessel erzählte Weinland, daß dort, insbesondere auf Sumatra, allen Katzen, bevor sie erwachsen sind, die ursprünglich vorhandenen Schwänze absterben. Besonderes Gewicht darf also auch auf die Schwanzlosigkeit der Katze nicht gelegt werden. Von der Mankatze bemerkt Weinland, daß sie eine unermüdliche Baumkletterin ist, vermöge der hohen Hinterbeine ganz außerordentliche Sätze von Ast zu Ast ausführen kann und dadurch den Vögeln viel gefährlicher wird als die Hauskatze gewöhnlichen Schlages. „Daraus folgt, daß es nichts weniger als wünschenswert ist, diese ungeschwänzte Katze auch in Deutschland einzuführen.“ Angora- und Stummelschwanzkatze sind die bekanntesten Rassen unseres Hinz. Außerdem spricht man noch von der Kartäuserkatze, welche sich durch langes, weiches, fast wolliges Haar und einfarbig dunkelbläulich graue Färbung auszeichnet, und von der ihr ähnlichen Khorassankatze aus Persien. Eine große, angeblich aus Mittelamerika gebrachte, auf dunkelgrauem Grunde schwarz quergestreifte Rasse mit langem, seidenwolligem Haare
(NIMZN IIND)
erhielt neuerdings in zwei Stücken der Frankfurter Garten. Andere Rassen sind: die kumanische Katze aus dem Kaukasus, die rote Tobolsker Katze aus Sibirien, die rote und blaue Katze vom Kap der Guten Hoffnung, die chinesische Katze, welche langes, seidenweiches Haar und hängende Ohren wie ein Dachshund hat und von den Einwohnern gemästet und gegessen wird. Eine der schönsten und von europäischen Liebhabern am teuersten bezahlten Rassen ist die siamesische Hauskatze, deren kurzes, glatt anliegendes Haar am Körper isabellfarben, an Schwanz, Ohren und Beinen und im Gesichte schwarzbraun ist. Ein gutes Stück dieser bei uns noch äußerst seltenen Rasse wird gegenwärtig noch mit 200 Mark bezahlt. Möglich, daß einzelne dieser letztgenannten Abarten Blendlinge sind, von welchen Arten, weiß man freilich nicht. Daß sich die Hauskatze ziemlich leicht mit anderen Katzen paart, ist erwiesen. Geachtete Naturforscher haben sogar behauptet, daß sie sich mit dem Hausmarder paare und Junge erzeuge, welche diesem in Farbe und Zeichnung auffallend gleichen sollen. f
Ein einziger Blick auf den Leib des Löwen, auf den Ausdruck seines Gesichtes genügt, um der uralten Auffassung aller Völker, welche das Tier kennen lernten, vom Grunde des Herzens beizustimmen. Der Löwe ist der König der vierfüßigen Räuber, der Herrscher im Reiche der Säugetiere. Und wenn auch der ordnende Tierkundige diese königliche Würde eben nicht achten will und in dem Löwen nur eine Katze von besonders kräftigem Baue erkennen muß: der Gesamteindruck, welchen das herrliche Tier macht, wird auch den Forscher vermögen, ihm unter seinen Verwandten die ihm gebührende Stelle einzuräumen.
Die Löwen find leicht von sämtlichen übrigen Katzen zu unterscheiden. Ihre Hauptkennzeichen liegen in dem stark gebauten, kräftigen Leibe mit der kurzen, glatt anliegenden, einfarbigen Behaarung, in dem breiten, verhältnismäßig kleinäugigen Gesichte, in dem Herrschermantel, welcher sich um die Schultern des Männchens schlägt, und in der Quaste, welche ihre Schwanzspitze ziert. Beim Vergleiche mit anderen Katzen erscheint der Rumpf der Löwen kurz, der Bauch eingezogen und der ganze Körper deshalb sehr kräftig, nicht aber plump. An der Spitze des Schwanzes, in der Quaste verborgen, steckt ein horniger Nagel, den schon Aristoteles beachtete, aber viele der neueren Naturforscher leugneten. Die Augen haben einen runden Stern, die Schnurren ordnen sich in 6—8 Reihen. Vor allem ist es die Mähne, welche die männlichen Löwen auszeichnet und ihnen das stolze, königliche Ansehen verleiht
„Ein Königsmantel, dicht und schön, Umwallt des Löwen Brust und Mähn', Eine Königskrone wunderbar, Sträubt sich der Stirne straffes Haar.“
Diese Mähne bekleidet in vollster Ausbildung den Hals und die Vorderbrust, ändert aber so verschieden ab, daß man nach ihr, ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt, mehrere Unterarten des Tieres unterschieden hat. Ich will die verschiedenen Formen des Löwen weiter unten kurz beschreiben und darf es dann jedem meiner Leser überlassen, sich selbst ein Urteil zu bilden: einstweilen wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem Löwen der Berberei zu; denn er ist es, welcher seit den ältesten Zeiten seines Mutes, seiner Kühnheit und Kraft, Tapferkeit und Stärke, seines Heldensinnes, Adels und seiner Großmut, seines Ernstes und seiner Ruhe halber berühmt geworden ist und den Namen König der Tiere erhalten hat. Kraft, Selbstvertrauen, kühler, sicherer Mut und Siegesgewißheit im Kampfe spiegeln sich in seinem Aussehen. Alles an ihm zeugt von Adel; jede Bewegung erscheint gemessen und würdig; Körper und Geist stehen im vollsten Einklange.
Der Berberlöwe (Felis leo barbarus) hat, wie seine Verwandten, starken, gedrungenen Leibesbau; sein Vorderleib ist wegen der breiten Brust und der eingezogenen Weichen
viel stärker als der Hinterleib. Der dicke, fast viereckige Kopf verlängert sich in eine breite und stumpfe Schnauze; die Ohren sind abgerundet, die Augen nur mittelgroß, aber lebendig und feurig, die Glieder gedrungen und außerordentlich kräftig, die Pranken die größten, vielleicht auch verhältnismäßig die größten, aller Katzen; der lange Schwanz endigt mit einem kurzen Stachel und wird von einer flockigen Quaste bedeckt. Ein glatter, kurzer Pelz von lebhaft rötlichgelber oder fahlbrauner Farbe bedeckt Gesicht, Rücken, Seiten, Beine und Schwanz; hier und da endigen die Haare mit schwarzen Spitzen oder sind völlig schwarz, und hierdurch entsteht eben jene gemischte Färbung. Kopf und Hals werden von einer starken und dichten Mähne umgeben, welche aus langen, schlichten, in Strähnen herabfallenden, vorn bis zur Prankenwurzel und hinten fast bis zur Hälfte des Rückens und der Seiten herabreichenden Haaren besteht. Auch der Unterleib trägt seiner ganzen Länge nach dichtgestellte, schlichte Haare; selbst an den Ellenbogen und an den Vorderteilen der Schenkel stehen wenigstens noch Büschel von ihnen. Am Kopfe und am Halse ist die eigentlich fahlgelbe Mähne mit rostschwarzen Haaren untermengt, welch letztere namentlich an den Seitenteilen des Nackens reichlich herabfallen und, mit Fahlgelb gemischt, auch in der mattschwarzen Bauchmähne, in den schwarzen Haarbüscheln an den Ellbogen und Schenkeln und an der Schwanzquaste sich finden. Dies gilt von dem männlichen ausgewachsenen Löwen, dessen Höhe am Widerriste 80— 100 cm bei 1,6— 159 m Leibes- und 75-90 em Schwanzlänge beträgt. Es ergibt sich somit eine Gesamtlänge des Tieres, von der Schnauzenspitze bis zum Schwanzende gerechnet, von eiwa 2,4— 2,8 m. Neugeborene Löwen haben eine Länge von etwa 33 cm, aber weder eine Mähne noch eine Schwanzquafte, sondern find mit wolligen, gräulichen Haaren bedeckt und zeigen am Kopfe, an den Beinen und Seiten, über dem Rücken und am Schwanze eine dem im Vergleichen geübten Beobachter unverkennbare Pardelzeichnung. Schon im eriten Jahre verblaßt diese Pardelzeichnung, obwohl fie, namentlich beim weiblichen Geschlechte, noch mehrere Jahre insbesondere an den Beinen und unteren Leibesseiten sichtbar bleibt; im dritten Jahre erscheinen die Zeichen der Mannbarkeit. Die Löwin ähnelt immer mehr oder weniger dem jüngeren Tiere; namentlich der gleichlange oder nur äußerst wenig am Vorderkörper verlängerte Haarpelz zeichnet sie vor dem Männchen aus. Der Berberlöwe ist auf die Länder des Atlas beschränkt.
Von dem Löwen der Berberei unterscheidet sich der Senegallöwe (Felis leo senegalensis) durch seine am Vorderteile des Leibes wohl entwickelte, an der Unterseite dagegen schwache oder gänzlich fehlende, lichte Mähne, während der Kaplöwe (Felis leo capensis) und, wie es scheint, auch der Löwe von Abessinien durch bedeutende Größe auffällt und eine dunkle Mähne trägt. Selous hat südafrikanische Löwen bis zu 305 em gemessen; ein starkes, aber mageres Männchen wog 170,5 kg. Den Perserlöwen (Felis leo persicus), welcher eine aus braunen und schwarzen Haaren gemischte Mähne besitzt und sich von Persien bis Indien verbreitet, kennen wir noch zu wenig, als daß wir mit Bestimmtheit sagen könnten, ob er mit dem Senegallöwen oder dem manchmal mähnenlosen Verwandten aus Gudscherat in Indien größere Ahnlichkeit hat.
Das Verbreitungsgebiet des Senegallöwen und des ihm vielleicht zuzurechnenden Kap-löwen umfaßt alle Länder Mittel- und Südafrikas, von der West- bis zur Ostküste und etwa vom 20. Grade nördlicher Breite an bis zum Kaplande; in den engeren äquatorialen Gebieten Westafrikas, etwa vom Kongo bis zum Niger, ist er jedoch noch nicht beobachtet worden. In den Nilländern kommt er gegenwärtig nicht nördlich vom 17. Breitengrade vor. Am Blauen und Weißen Nil und in Abessinien ist er in waldigen Gegenden eine regelmäßige, in vielen Steppenländern Mittel- und Südafrikas eine häufige Erscheinung.
Der bereits den Alten bekannte Gudscheratlöwe, fälschlich auch mähnenloser Löwe genannt, der Untia-bagh oder Kameltiger der Gudscheratleute, Scher und Singh
der Hindu (Felis leo guzeratensis), sollte, nach Smee, kleiner als seine Verwandten und mähnenlos sein; beides hat sich als unzutreffend herausgestellt. Er ist durchaus fahl rötlichgelb oder gelblichbraun gefärbt bis auf die dunkle Schwanzquaste, die ebenfalls den kleinen hornigen Stachel birgt, und bis auf die außen an der Wurzel mehr oder minder schwarz schattierten Ohren. Die Mähnenhaare vollkräftiger Männchen zeigen nicht selten dunkle Spitzen. Nach Blanford betrug die Gesamtlänge eines männlichen Löwen 269 em, die eines weiblichen 243 em ohne Schwanzquaste. Ein 268 em messendes Männchen hatte am Widerriste
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Senegal-Löwin (Felis leo senegalensis). ½ natürl. Größe.
die bedeutende Höhe von 106 cm. Zweifellos wird es größere wie kleinere Tiere von beiden Geschlechtern geben. Schon Rice hat darauf hingewiesen, daß der angenommene Mangel oder die bedeutende Kürze der Mähne nicht als besonderes Kennzeichen gelten darf, da er selbst in Gudscherat vollbemähnte Löwen geschossen hat. Er gibt zu, daß sie meistens weniger dicht und voll sei, als die mancher afrikanischer Löwen — von denen er die indischen übrigens nicht unterschieden wissen will — hat aber die Haarlänge bis zu 45 em gemessen, während Blanford dafür im allgemeinen bloß 25—30 em angibt. Blyth, dem Jerdon beistimmte, erachtete das Fehlen der Mähne ebenfalls nur für eine Zufälligkeit. Ob Löwen mit verkümmerter oder gar keiner Mähne, wie das im Museum zu London bewahrte
(übrigens nicht ausgewachsene) Männchen, allenthalben neben vollbemähnten vorkamen oder in manchen Gebieten vorherrschten, ist kaum noch zu entscheiden; doch darf man annehmen, daß dieser Schmuck beim indischen Löwen sich ebenso mannigfaltig entwickelte wie beim afrikanischen. Laut King kamen in Zentralindien, im Gebiete des Dschamnaflusses, gemähnte Löwen regelmäßig vor. Vor mehr denn einem Menschenalter war unser Räuber vom Indusgebiete durch Zentralindien bis in das Gangesgebiet verbreitet, und noch in den sechziger Jahren wurden zwei westlich von Allahabad geschossen. Smee fand ihn in Gudscherat, namentlich in Dickungen an Flußufern, noch so häufig, daß in Zeit von einem Monate 11 Stück erlegt werden konnten. Jetzt ist er jo gut wie ausgerottet und höchstens noch einmal in den entlegensten Wildnissen, in den unwirtlichsten Gegenden von Radschputana, anzutreffen. Ister von anderen Löwen nicht zu trennen, so kann auch westwärts für ihn keine Grenze gezogen werden: er kommt im Küstengebiete von Belutschistan, namentlich aber im südlichen Persien und Mesopotamien, vor. & |