Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Es ijt für unsere Zwecke gänzlich müßig, zu erörtern, welche Ansicht man bei Beurteilung oder Entscheidung der Frage, ob die erwähnten Löwen samt und sonders Unterarten einer und derselben Art find, oder aber, ob wenigstens Berber-, Senegal: und Gudscheratlöwe als verschiedene Arten aufgefaßt werden dürfen, zu der seinigen machen soll.
Die Bemähnung ist auch innerhalb der engeren Artgrenzen unverkennbar einem nicht geringen Wechsel unterworfen, und die Folgerung, daß die stärkere oder schwächere Wucherung der Mähnenhaare auf klimatische Ursachen zurückzuführen sei, hat vielleicht eine gewisse Berechtigung. Sie ist jedoch nicht durchaus stichhaltig. Der südafrikanische Löwe zeigt ein derart abweichendes Außere nach Fülle und Farbe der Mähne beim Männchen, nach Färbung des Felles, Flecken an den Beinen und Größe sowie Gestalt bei beiden Geschlechtern, daß erfahrene Jäger danach 2 und 3, manche sogar 4 und 5 Arten oder Spielarten unterschieden wissen wollen. Selous dagegen nimmt nur eine Art an. „Von 50 Fellen männlicher Löwen“, sagt er, „werden kaum 2 in Färbung und Entwickelung der Mähne einander gleiche gefunden werden. Es ist Thatsache, daß von dem mit kaum einer Spur von Mähne und dem schöneren, aber viel selteneren mit einer langen, wogenden dunkeln Mähne jede mögliche Zwischenform gefunden wird. Noch ist dies alles. Ich schoß 2 schöne alte Löwen, welche miteinander in demselben Busche steckten. Der eine war sehr dunkelfarbig und voll gemähnt, der andere ein sehr hellfarbiges Tier mit kaum einer Spur von Mähne.“ Einige Monate später wurden 2 ähnlich verschiedene Löwen erlegt, die ebenfalls zusammenhielten; kurz darauf eine Löwin mit 3 vollftändig ausgetragenen Jungen (2 männliche und 1 weibliches), davon das eine männliche ein fast schwarzes, das andere ein rötlichgelbes Fell besaß. „Ich bin überzeugt“, fährt Selous fort, „daß die beiden männlichen Jungen aufgewachsen sein würden, der eine zu einem dunkelfelligen schwarzmähnigen, der andere zu einem gelben Löwen mit spärlicher Mähne; und ferner glaube ich, daß die beiden oben erwähnten Paare männlicher Löwen je von einem Wurfe stammten und von Jugend auf gemeinschaftlich gejagt hatten. Die Buschmänner bestärkten meine Ansicht bezüglich des einen Paares: „Ja, das ist wahr; wir kannten sie gut; sie sind Kinder der nämlichen Mutter.“ Solche Abweichungen beobachtete unser Gewährsmann sowohl in hoch wie in tief liegenden Gebieten, im offenen Graslande wie in der Strauchsteppe und im dicht bewachsenen Buschlande. „Ich habe niemals das Fell eines wilden Löwen gesehen mit einer so wohl entwickelten Mähne, wie sie der größere Teil der in Tiergärten gehaltenen besitzt. Alle wilden voll-gemähnten Löwen haben zwei kleine Haarbüschel, einen am Ellbogen, einen in der Schulterhöhle; aber ich sah niemals einen mit einigermaßen langer Behaarung am Bauche, zwischen Vorderbeinen und Flanken, wie sie bei fast allen Menagerie-Löwen zu sehen ist. Die
fahlgelbe und silberiggraue Behaarung des wilden Löwen ist sehr kurz und anliegend, während die der gefangen gehaltenen viel länger und gewöhnlich auch von rötlicherer Färbung ist. Ich könnte das Fell eines Menagerie-Löwen aus denen von hundert wilden herausfinden.“ Diese nur für den südafrikanischen Löwen geltenden Urteile eines Jägers und Beobachters wie Selous sind gewiß beachtenswert. Für unseren Zweck darf die vielfach beregte Frage über die Hauptformen der Löwen als bedeutungslos erscheinen, da sie sich in ihrer Lebensweise alle im wesentlichen gleich sind.
Die Zeiten, in denen man 600 Löwen zum Kampfe in der Arena zusammenbringen konnte, liegen um Jahrtausende hinter uns. Seitdem hat sich der König der Tiere vor dem Herrn der Erde stetig mehr und mehr zurückgezogen. Herodot erzählt uns, daß bei einem Heerzuge des Xerxes in Makedonien Löwen des Nachts über die das Gepäck tragenden Kamele herfielen, zu allgemeiner Verwunderung der Krieger, da man in dieser Gegend niemals vorher die stolzen Raubtiere gespürt hatte; Aristoteles gibt die Flüsse Ressus und Achelous als die Grenze des Löwengebietes in Europa an und sagt ausdrücklich, daß es in Europa nirgends weiter als hier (in Griechenland) Löwen gäbe. Wann diese in unserem Erdteile ausgerottet wurden, läßt sich nicht feststellen; sicherlich aber ist mehr als ein Jahrtausend seitdem vergangen. Daß der Löwe vormals in Syrien und Palästina lebte, wissen wir durch die Bibel; über die Zeit der Ausrottung in dem Heiligen Lande aber haben wir keine Kunde. Jedenfalls hat es eine Zeit gegeben, während welcher der Löwe vom Kap der Guten Hoffnung durch ganz Afrika und durch Südasien bis nach Indien ununterbrochen verbreitet war.
Wie hier oder dort ergeht es dem gefährlichen Feinde der Herden allerorten: der Mensch tritt überall nach besten Kräften gegen ihn in die Schranken und wird ihn ebenso stetig wie bisher zurückdrängen und endlich vernichten. Der Berberlöwe lebte früher im ganzen nordöstlichen Afrika und war in Agypten nicht viel weniger häufig als in Tunis oder in Fes und Marokko; die Zunahme der Bevölkerung und Bildung aber verdrängte ihn mehr und mehr, so daß er jetzt schon im unteren Nilthale und fast am ganzen südlichen Gestade des Mittelmeeres nicht mehr getroffen wird. Aber noch heutigestags ist er in Algerien und Marokko keine Seltenheit und in Tunis und der Oase Fessan wenigstens noch eine ständige Erscheinung. Namentlich in Algerien hat er stark abgenommen: die häufigen Kriege der Franzosen mit den Arabern haben ihn verdrängt und die französischen Löwenjäger, zumal Jules Gérard, seine Reihen sehr gelichtet. Für den Senegallöwen liegen die Verhältnisse günstiger: der meist mit der Lanze, seltener mit dem Giftpfeile und nur ausnahmsweise mit dem Feuergewehre bewaffnete Eingeborene Mittelafrikas vermag seinem schlimmsten Steuererheber wenig Abbruch zu thun. Und doch drängt auch der dunkelfarbige Mensch den Löwen mehr und mehr zurück. Noch vor 50 Jahren vernahmen Hemprich und Ehrenberg das Löwengebrüll in den Waldungen Südnubiens, unweit der Ortschaft Handak: heutzutage gibt es dort keine Löwen mehr. In den unteren Nilländern sind sie schon vor Jahrhunderten gänzlich ausgerottet worden; in den Steppen Takas, Sennars und Kordofans werden sie von Jahr zu Jahr seltener. Dasselbe gilt für die West- und Ostküste wie für den Süden des Erdteiles, insbesondere überall da, wo sich der Europäer ansiedelt. Dem Feuergewehre des letzteren gegenüber vermag auch dieses Raubtier nicht standzuhalten. Demungeachtet beherbergen die weiten Steppenländer Afrikas noch Löwen in ungezählter Menge und werden sie behalten, solange neben den zahmen noch die wilden Herden, neben Hunderttausenden von Rindern noch Millionen von Antilopen jene weiten Gebiete durchstreifen. Doch ist wohl anzunehmen, daß unter dem Einfluß der sich ändernden Verhältnisse auch der Charakter, das Wesen des Löwen sich mannigfaltig verändert, namentlich wo die Besiedelung fortschreitet und er nachdrücklicher verfolgt wird. Auf diese Umstände sind wohl hauptsächlich die manchmal recht abweichenden Angaben über sein Verhalten zurückzuführen.
Der Löwe lebt einzeln, und nur während der Brunstzeit hält er sich zu seinem Weibchen. Außer der Paarzeit bewohnt jeder Löwe in Nordafrika sein eigenes Gebiet, ohne jedoch der Nahrung wegen mit anderen seiner Art in Streit zu geraten. In Südafrika kommt es 1 häufig vor, daß sich zu größeren Jagdzügen mehrere Löwen vereinigen. Nach Livingstone schweifen Trupps von 6—8 Stücken gemeinschaftlich jagend umher. Unter außergewöhnlichen Umständen gesellen sich noch zahlreichere Trupps. „Wenn die trockene Jahreszeit vor-schreitet“, schreibt mir Eduard Mohr, „also in den Monaten Mai bis September, ver: lassen zahllose Antilopen- und Quaggaherden die trockenen Einöden der Kalaharisteppe oder die Hochebenen des Transvaal und suchen jene weiten Grasebenen auf, welche um Lucia-Bai sich ausbreiten, unterwegs oder hier zu unschätzbaren Scharen anwachsend (1870). Solchen Wildherden folgt der Löwe mitunter in förmlichen Rudeln.“ Er muß es ja auch; denn wovon soll er sich nähren, wenn das Wild aus den Gebieten zeitweilig fortwandert? Wir brauchen uns deswegen aber nicht vorzustellen, daß die Raubtiere stets in eng gedrängter Menge einherziehen. Selous, dessen Berichte der neuesten Zeit entstammen, sagt ebenfalls: „Im Inneren Südafrikas trifft man 4 und 5 Löwen, welche zusammenhalten, häufiger als einzelne; Trupps von 10 und 12 sind nicht außergewöhnlich. Ein Trupp von 12 würde wahrscheinlich bestehen aus 2 alten männlichen, 3—4 alten weiblichen und einem halben Dutzend fast ausgewachsenen jungen Löwen.“
Der Löwe bewohnt nicht ausgedehnte Urwälder, sondern liebt die offene Landschaft: Grasbestände mit eingestreuten Hagen und Buschwäldchen, kümmerliche Strauchsteppen und wüstenartige Gegenden, mögen sie bergig oder eben sein. An irgend einem geschützten Orte, im Sudan gern in den Gebüschen, im Süden Afrikas mit Vorliebe in den breiten Gürteln hochstengeliger Schilfgräser, welche die Betten der zeitweilig fließenden Ströme begrenzen, in Ermangelung deren in Dickungen von Dornbüschen, wählt er sich eine flache Vertiefung zu seinem Lager und ruht hier einen oder mehrere Tage lang, je nachdem die Gegend arm oder reich, unruhig oder ruhig ist. Auf der Wanderung bleibt er liegen, wo ihn bei seinen Streifzügen der Morgen überrascht.
Im ganzen ähneln seine Gewohnheiten denen anderer Katzen; doch weicht er in vielen Stücken nicht unwesentlich von denselben ab. Er ist träger als alle übrigen Mitglieder seiner Familie und liebt größere Streifzüge durchaus nicht, sondern sucht es sich so bequem zu machen als irgend möglich. Nach Selous' Erfahrungen zieht der südafrikanische Löwe es vor, sich an Wild zu sättigen, das der Jäger erlegt hat, statt es selbst zu töten. So folgt er z. B. im Ostsudan regelmäßig den Nomaden, sie mögen sich wenden, wohin sie wollen. Er zieht mit ihnen in die Steppe hinaus und kehrt mit ihnen nach dem Walde zurück; er betrachtet sie als seine steuerpflichtigen Unterthanen und erhebt von ihnen in der That die drückendsten aller Abgaben. Er führt eine nächtliche Lebensweise. Bei Tage begegnet man ihm selten, im Walde kaum zufällig, sondern erst dann, wenn man ihn ordnungsmäßig aufsucht und durch Hunde von seinem Lager auftreiben läßt. Wie mich meine letzte Reise nach Abessinien belehrte, kommt es doch vor, daß man ihn auch bei Tage im Dickichte umherschleichen oder ruhig und still auf einem erhabenen Punkte sitzen sieht, von wo aus er vielleicht das Treiben der Tiere seines Jagdgebietes übersehen will. Man hat dieses Umschauhalten, welches schon von Levaillant beobachtet und von späteren Reisenden wiederholt berichtet wurde, für unwahr gehalten; allein auch wir haben uns davon überzeugt, und von den Panthern ist es ebenfalls bekannt.
In die Nähe der Dörfer kommt er nicht vor der dritten Nachtstunde. „Dreimal“, so sagen die Araber, „zeigt er durch Brüllen seinen Aufbruch an und warnt hierdurch alle Tiere, ihm aus dem Wege zu gehen.“ Diese gute Meinung ruht leider auf schwachen Füßen; denn ebenso ost, als ich das Brüllen des Löwen vernahm, habe ich in Erfahrung gebracht,
daß er lautlos zum Dorfe herangeschlichen war und irgend ein Stück Vieh weggenommen hatte. Auch andere Beobachter erzählen, daß der Löwe sehr oft sich leise heranstiehlt, „wie ein Dieb in der Nacht“. Und doch sagen die Araber nicht die Unwahrheit; sie deuten das Thatsächliche nur falsch. Ich selbst habe im Gebrülle nicht eine Warnung an die Beutetiere erkennen gelernt, bin vielmehr zu der Meinung geführt worden, daß es bezwecken soll, das Jagdgebiet aufzuregen, die Tiere zur Flucht zu veranlassen und dadurch einem oder dem anderen Löwen, wenn nicht dem brüllenden, so vielleicht dem gemeinschaftlich mit ihm jagenden, irgendwo auf der Lauer liegenden Gefährten ein Wild zuzuführen. In Südafrika erwartet man keinen Angriff von brüllenden Löwen, weil sie nur dann ihre Stimme machtvoll zu erheben pflegen, wenn sie gesättigt oder verscheucht sind. Jagende Löwen sind dort entweder ganz still oder geben bloß zeitweilig ein grollendes „Purren“ von sich, welches, selbst wenn es aus unmittelbarer Nähe kommt, doch fern zu sein scheint. Ob dieses Purren das Wild aufregen soll, bleibe dahingestellt. Im südlichen Benguela hörte von Danckelman die Löwen erst brüllen, nachdem ihr Anschlag auf die Zugochsen mißglückt war.
Daß aber der Löwe im Norden angesichts eines Viehgeheges in der Absicht brüllt, das eingepferchte Vieh womöglich zum furchtblinden Ausbrechen zu verleiten, glaube ich mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen. Ich will versuchen, den Überfall eines solchen Geheges durch den Löwen zu schildern.
Mit Sonnenuntergang hat der Nomade seine Herde in der sichern Seriba eingehürdet, in jenem bis 3 m hohen und etwa I m dicken, äußerst dichten, aus den stachligsten Asten der Mimosen geflochtenen Zaune, dem sichersten Schutzwalle, welchen er bilden kann. Die Schafe blöken nach ihren Jungen, die Rinder, welche bereits gemolken wurden, haben sich niedergethan. Eine Meute wachsamer Hunde hält die Wacht. Es wird stiller und ruhiger; der Lärm verstummt; der Frieden der Nacht senkt sich auf das Lager herab. Weib und Kind des Herdenbesitzers haben in dem einen Zelte die Ruhe gesucht und gefunden. Die Männer haben ihre letzten Geschäfte abgethan und wenden sich ebenfalls ihrem Lager zu. Von den nächsten Bäumen herab spinnen die stufenschwänzigen Ziegenmelker ihren Nachtgesang oder tragen fliegend ihre Federschleppe durch die Lüfte, nähern sich oft und gern der Seriba und huschen wie Geister über die schlafende Herde hinweg. Sonst ist alles still und ruhig. Selbst die kläffenden Hunde sind verstummt, nicht aber auch lässig oder schlaff geworden in ihrem treuen Dienste. Urplötzlich scheint die Erde zu dröhnen: in nächster Nähe brüllt ein Löwe! Jetzt bewährt er seinen Namen „Essed“, d. h. der Aufruhrerregende; denn ein wirklicher Aufruhr und die größte Bestürzung zeigt sich in der Seriba. Die Schafe rennen wie unsinnig gegen die Dornhecken an, die Ziegen schreien laut, die Rinder rotten sich mit Angstgestöhn zu wirren Haufen zusammen, das Kamel sucht, weil es gern entfliehen möchte, alle Fesseln zu zersprengen, und die mutigen Hunde, welche Leoparden und Hyänen bekämpften, heulen laut und kläglich und flüchten sich jammernd in den Schutz ihres Herrn. Mit gewaltigem Satze überspringt der Mächtige die Dornenmauer, um sich ein Opfer auszuwählen. Ein einziger Schlag seiner furchtbaren Pranken fällt ein junges Rind; das kräftige Gebiß zerbricht dem widerstandslosen Tiere die Wirbelknochen des Halses. Dumpfgrollend liegt der Räuber auf seiner Beute; die lebhaften Augen funkeln hell vor Siegeslust und Raubbegier; mit dem Schwanze peitscht er die Luft. Er läßt das verendende Tier auf Augenblicke los und faßt es mit seinem zermalmenden Gebisse von neuem, bis es sich endlich nicht mehr regt. Dann tritt er seinen Rückzug an. Er muß zurück über das Gehege und will auch sein Opfer nicht lassen. Seine ganze ungeheuere Kraft ist erforderlich, um mit der Beute im Rachen den Rücksprung aus: zuführen. Aber er gelingt: ich habe eine über mannshohe Seriba gesehen, über welche der