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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Dieselbe Katze bekundete eine Anhänglichkeit an meinen Vater, welche von der des treuesten Hundes nicht hätte übertroffen werden können. Sie wußte, daß sie dieses ausgezeichneten Tierkenners und Tierfreundes Liebling war, und bemühte sich, dankbar zu sein. Jeden Vogel, welchen sie gefangen hatte, brachte sie, und zwar kaum oder nicht verletzt, ihrem Herrn, es ihm gleichsam anheimgebend, ob derselbe wiederum in Freiheit gesetzt oder für die Sammlung verwendet werden sollte; niemals aber vergriff sie sich, was andere Katzen nicht selten thun, an den ausgestopften Stücken der Sammlung, durfte deshalb auch unbedenklich im Zimmer gelassen werden, wenn alle Tische und Schränke voller Bälge lagen. Auf den ersten Ruf meines Vaters erschien fie sofort, schmeichelnd oder bettelnd, je nachdem fie erkannt hatte, ob sie bloß zur Gesellschaft dienen oder einen ihr aufgesparten Bissen erhalten sollte. Schrieb oder las mein Vater, so saß sie in der Regel, behaglich spinnend, auf seiner Schulter; verließ er das Haus, gab sie ihm das Geleite. Während der letzten Krankheit ihres Gebieters, dessen reger Geist bis zum letzten Augenblicke thätig war, besuchte sie ihn täglich stundenlang, versuchte auch noch außerdem, ihm Freude zu bereiten. In den mit Vogelbälgen angefüllten Kistchen und Schachteln fanden wir fast täglich frisch gefangene und getötete Vögel, welche sie zu den ausgestopften gelegt hatte. Nenne man dies Eitelkeit, sage man, daß sie dafür gelobt sein wollte: Verständnis für die Wünsche ihres Herrn und guten Willen, letztere zu erfüllen, wird man solchen Handlungen nebenbei doch zusprechen müssen. Ich will es als einen Zufall gelten lassen, daß dieses treffliche Tier von der Leiche und von dem Sarge meines Vaters gutwillig nicht weichen wollte und, weggenommen, immer wieder zurückkehrte; erwähnenswert scheint mir die Thatsache aber doch zu sein.

„Vor sehr kurzer Zeit“, so erzählt eine Katzenfreundin in Woods „Natural History“, „starb eine der ausgezeichnetsten und vortrefflichsten Katzen, welche jemals eine Maus fing oder auf der Herdmatte saß. Ihr Name war Pret, eine Abkürzung von Prettina (Hübschchen), und sie trug diesen Namen mit vollster Berechtigung; denn sie war ebenso schön von Farbe als seidenweich von Haar. Als sie noch sehr jung war, wurde ich am Nervenfieber krank. Sie vermißte mich augenblicklich, suchte mich und setzte sich so lange an die Thüre des Krankenzimmers, bis sie Gelegenheit fand, durch dieselbe zu schlüpfen. Hier that sie nun ihr Bestes, um mich nach ihren Kräften zu unterhalten und zu erheitern. Da sie jedoch fand, daß ich zu krank war, als daß ich mit ihr hätte spielen können, setzte sie sich an meine Seite und schwang sich förmlich zu meiner Krankenwärterin auf. Wenig Menschen dürften im stande gewesen sein, es ihr in ihrer Wachsamkeit gleich zu thun oder eine zärtlichere Sorgfalt für mich an den Tag zu legen. Es war wirklich wunderbar, wie schnell sie die verschiedenen Stunden kennen lernte, zu welchen ich Arznei oder Nahrung nehmen mußte, und während der Nacht weckte sie meine Wärterin, welche zuweilen in den Schlaf fiel, regelmäßig zur bestimmten Zeit dadurch auf, daß sie dieselbe sanft in die Nase biß. Auf alles, was mir geschah, gab sie genau acht, und sobald ich mich nach ihr umsah, erschien sie augenblicklich mit freundlichem Schnurren bei mir. Das allerwunderbarste war unbedingt der Umstand, daß sie kaum um 5 Minuten in ihren Berechnungen sich irrte, es mochte Tag oder Nacht sein. In dem Zimmer, in welchem ich lag, war keine schlagende Uhr, und gleichwohl wußte sie ganz genau, in welcher Zeit wir lebten. „Das grollende Rollen des Donners erfüllte Pret mit Schreck, die gellenden, herzzerreißenden Töne von allerhand Drehorgeln haßte sie von Herzen. Bei Gewittern eilte sie zitternd in meinen Schoß, um sich dort Hilfe zu erbitten, oder versteckte sich auch wohl unter den Kleidern. Auffallend gekleidete Personen waren ihr ein Greuel, und sobald sich jemand nahte, welcher häßlich gekleidet war, zeigte sie durch ärgerliches Brummen ihre Stimmung an. Gegen manche Tiere war sie außerordentlich freundlich, und mit einem jungen Hunde, einem Kaninchen und einem Kampfhahne (Machetes pugnax) lebte fie in der größten Freundschaft. Mir aber blieb sie doch unter allen Umständen am meisten gewogen, und wenn ich zugegen war, fraß sie bloß dann, wenn sie dies in meiner unmittelbaren Nähe thun konnte.“

Aus all dem geht hervor, daß die Katzen die Freundschaft des Menschen im vollsten Grade verdienen, sowie daß es endlich einmal Zeit wäre, die ungerechten Meinungen und mißliebigen Urteile über sie der Wahrheit gemäß zu verbessern und zu mildern. Zudem sollte man auch dem Nutzen der Katzen mehr Rechnung tragen, als gewöhnlich zu geschehen pflegt. Wer niemals in einem baufälligen Hause gewohnt hat, in welchem Ratten und Mäuse nach Herzenslust ihr Wesen treiben, weiß gar nicht, was eine gute Katze besagen will. Hat man aber jahrelang mit diesem Ungeziefer zusammengelebt und gesehen, wie der Mensch ihm gegenüber vollkommen ohnmächtig ist, hat man Schaden über Schaden erlitten und sich tagtäglich wiederholt über die abscheulichen Nager geärgert, dann kommt man nach und nach zu der Ansicht, daß die Katze eines unserer allerwichtigsten Haustiere ist und deshalb nicht bloß größte Schonung und Pflege, sondern auch Dankbarkeit und Liebe verdient. Schon das Vorhandensein einer Katze genügt, um die übermütigen Nager zu verstimmen und sogar zum Auszuge zu nötigen. Das ihnen auf Schritt und Tritt nachschleichende Raubtier, das furchtbare Geschöpf, welches sie am Halse gepackt hat, ehe sie noch etwas von seiner Ankunft gemerkt haben, flößt ihnen Grauen und Entsetzen ein; sie ziehen daher vor, ein derartig geschütztes Haus zu verlassen, und thun sie es nicht, so wird die Katze auch auf andere Weise mit ihnen fertig.

Mäuse verschiedener Art, namentlich Haus- und Feldmäuse, bilden das bevorzugte Jagdwild der Katze. An Ratten wagt sich nicht jede, aber doch die große Mehrzahl; Spitzmäuse

fängt und tötet sie, wenigstens solange sie jung und unerfahren ist, frißt sie aber nicht, weil ihr der Moschusgeruch zuwider sein mag, läßt sie, älter geworden, auch unbehelligt laufen; Eidechsen, Schlangen und Frösche, Maikäfer, Heuschrecken und andere Kerbtiere verzehrt sie zur Abwechselung. Bei ihrer Jagd bekundet jede Katze ebensoviel Ausdauer als Geschicklichkeit. Als zünftiges Raubtier, läßt fie sich freilich auch Übergriffe zu schulden kommen. Sie nimmt manches Vögelchen weg, solange es noch jung und unbehilflich ist, wagt sich an ziemlich große Hasen und faßt erwachsene oder ermattete Rebhühner, lauert auch wohl den Küchlein der Haushühner auf und legt sich unter Umständen sogar auf den Fischfang. Der Köchin verursacht fie viel Ärger, da fie ihre Zugehörigkeit zum Haufe dadurch bethätigt, daß sie den Speiseschrank plündert, wann immer sie kann. Aber die Summe des Nutzens entscheidet, und sie überwiegt in diesem Falle allen erdenklichen Schaden bei weitem.

Es ist erstaunlich, was eine Katze in der Vertilgung der Ratten und Mäuse zu thun vermag. Zahlen beweisen; deshalb will ich das Ergebnis der Lenzschen Untersuchungen und Beobachtungen hier mitteilen: „Um zu wissen, wieviel denn eigentlich eine Katze in ihrem Mäusevertilgungsgeschäfte leisten kann, habe ich das äußerst mäusereiche Jahr 1857 benutzt. Ich sperrte zwei semmelgelbe, dunkler getigerte Halbangorakätzchen, als fie 48 Tage alt waren, in einen kleinen, zu solchen Versuchen eingerichteten Stall, gab ihnen täglich Milch und Brot und daneben jeder 4— 10 Mäuse, welche fie jedesmal rein auffraßen. Als fie 56 Tage alt waren, gab ich jeder nur Milch und dazwischen 14 ausgewachsene oder zum Teil doch wenigstens halbwüchsige Mäuse. Die Kätzchen fraßen alle auf, spieen nichts wieder aus, befanden sich vortrefflich und hatten am folgenden Tage ihren gewöhnlichen Appetit..... Kurz darauf sperrte ich, als die bewußten Mäusefresser entlassen waren, in denselben Stall abends 9 Uhr ein dreifarbiges, 57½ Monate altes Halbangorakätzchen und gab ihm für die Nacht kein Futter. Das Tierchen war, weil es sich eingesperrt und von den Gespielen seiner Jugend getrennt sah, traurig. Am nächsten Morgen setzte ich ihm eine Mischung von halb Milch, halb Wasser für den ganzen Tag vor. Ich hatte einen Vorrat von 40 Feldmäusen und gab ihm davon in Zwischenräumen eine Anzahl. Als abends die Glocke 9 Uhr schlug, also während der 24 Stunden ihrer Gefangenschaft, hatte sie 22 Mäuse gefressen, wovon 11 ganz erwachsen, 11 halbwüchsig waren. Dabei spie fie nicht, befand sich sehr wohl..... In jenem Jahre waren meine Katzen Tag und Nacht mit Mäusefang und Mäusefraß beschäftigt, und dennoch fraß am 27. September noch jede in Zeit von / Stunde 8 Mäuse, die ich ihr extra vorwarf..... Nach solchen Erfahrungen nehme ich bestimmt an, daß in reichen Mausejahren jede mehr als halbwüchsige Katze im Durchschnitte täglich 20 Mäuse, also im Jahre 7300 Mäuse verzehrt. Für mittelmäßige Mausejahre rechne ich 3650 oder statt der Mäuse ein Aquivalent an Ratten... Übrigens geht aus den soeben angeführten Beobachtungen sowie aus anderen, die man leicht bei Eulen und Busaaren, welche man füttert, machen kann, hervor, daß Mäuse sehr wenig Nahrung geben; sie könnten sonst nicht in so ungeheurer Menge ohne Schaden verschluckt werden.“

Aber die Katzen nützen auch in anderer Weise. Sie fressen, wie bemerkt, nicht allein schädliche Kerbtiere, sondern töten auch Giftschlangen, nicht bloß Kreuzottern, sondern selbst die so überaus furchtbare Klapperschlange. „Mehr als einmal habe ich gesehen“, sagt Rengger, „daß die Katzen in Paraguay auf sandigem und graslosem Boden Klapperschlangen verfolgten und töteten. Mit der ihnen eigenen Gewandtheit geben sie denselben Schläge mit der Pfote und weichen hierauf dem Sprunge ihres Feindes aus. Rollt sich die Schlange zusammen, so greifen sie dieselbe lange nicht an, sondern gehen um sie herum, bis sie müde wird, den Kopf nach ihnen zu drehen. Dann aber versetzen sie ihr einen neuen Schlag und springen sogleich auf die Seite. Unter fortgesetzten Pfotenschlägen erlegen sie gewöhnlich ihren Feind, ehe eine Stunde vergeht, berühren aber niemals dessen Fleisch.“

Hier und da, beispielsweise in Holland, Belgien und im Schwarzwalde, züchtet man die Katze auch ihres Felles wegen. Die Schwarzwälder Bauern halten, nach Weinland, besonders einfarbig schwarze und einfarbig graue („blaue“) Katzen, töten sie im Winter und verkaufen die Felle an herumziehende Händler. Die Felle werden gewöhnlich ungefärbt verarbeitet und die besten, je nach ihrer Güte, das Stück mit 2,5—4 Mark bezahlt. Selbst das Fleisch kann Verwendung finden, soll sogar recht gut sein. „Der Katzenziemer“, berichtet mein werter Freund Geoffroy Saint-Hilaire gelegentlich der Schilderung eines Mittagsessens während der Belagerung von Paris, „war sehr köstlich. Dieses weiße Fleisch hat ein angenehmes Ansehen, ist zart und erinnert im Geschmacke einigermaßen an kaltes Kalbfleisch.“ Auch in dieser Hinsicht also nützt die Katze.

Ich denke nach vorstehendem im Rechte zu sein, wenn ich für das so oft ungerecht behandelte Tier ein gutes Wort einlege. „Wer eine Katze hat“, sagt Lenz, „welche nach Kindern kratzt und beißt, überall Töpfe und Tiegel zerbricht, Bratwürstchen, Butter und Fleisch davonträgt, Küchlein und junge Bachstelzen erwürgt, nie und nirgends eine Maus und Ratte fängt, der thut sehr wohl daran, wenn er sie je eher je lieber erschlägt, erschießt oder ersäuft. Besitzt aber jemand ein Kätzchen, welches der Lieblingsgespiele der Kinder ist, nirgends im Haufe den geringsten Schaden thut und Tag und Nacht auf Maus- und Rattenfang geht, der handelt sehr weise, wenn er es als seinen Wohlthäter hegt und pflegt.“

Unter den Krankheiten der Katze ist die Räude die häufigste und gefährlichste, weil sie ansteckt und oft tödlich wird. Nach Lenz heilt man sie mit Schwefelblumen, welche auf ein recht fettes Butterflädchen gestrichen werden. Dieses zerschneidet man dann in Würfel und verfüttert es. Es soll sogar sehr gut sein, einer gesunden Katze einmal in ihrem Leben Schwefelflädchen als Vorbeugemittel zu geben. Von Ungeziefer leiden die Katzen nicht bedeutend, und der Bandwurm kommt auch ziemlich selten vor. Man vertreibt ihn durch die Körner von Hagebutten, welche man verfüttert, oder durch einen Absud von Kussoblüten.

Die Katze (Felis maniculata domestica) hat wenig Spielarten. Bei uns sind folgende Färbungen gewöhnlich: Einfach schwarz mit einem weißen Stern mitten auf der Brust; ganz weiß; semmelgelb und fuchsrot; dunkler mit derselben Färbung getigert; einfach blaugrau; hellgrau mit dunklen Streifen und dreifarbig mit großen weißen und gelben oder gelbbraunen und kohlschwarzen oder grauen Flecken. Die blaugrauen sind sehr selten, die hellgrauen oder Cyperkatzen gemein; doch müssen die echten schwarze Fußballen und an den Hinterfüßen schwarze Sohlen haben. Die schönsten oder die Zebrakatzen haben dunkelgraue oder schwarzbraune Tigerzeichnung. Eigentümlich ist, daß die dreifarbigen Katzen, welche an einigen Orten für Hexen angesehen und deshalb erschlagen werden, fast ausnahmslos weiblichen Geschlechts sind.

Als Rasse im eigentlichen Sinne des Wortes faßt man allgemein die Angorakatze (Felis maniculata domestica angorensis) auf, eine der schönsten Katzen, welche es gibt, ausgezeichnet durch Größe und langes seidenweiches Haar, von rein weißer, gelblicher, gräulicher oder auch gemischter Färbung, mit fleischfarbenen Lippen und Sohlen.

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