Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
der ihm beim Berühren der Vorrichtung in den Leib geschnellt wird und selbst bei geringster Verwundung den Tod bringt. Europäer und Eingeborene, die Feuerwaffen besitzen, stellen ferner, auf vielbenutzten Wechseln oder mit Ködern versehen, Selbstschüsse auf, die sich recht gut bewähren. Neuerdings wird vielfach Strychnin angewendet, womit man die Tiger mühe⸗ und gefahrlos zu vertilgen strebt; es soll jedoch nicht mehr wirken, sobald das damit vergiftete Fleisch sich zu zersetzen beginnt.
Der Nutzen, welchen ein geübter Tigerjäger aus seinen Jagden zieht, ist nicht unbedeutend. Ganz abgesehen von der Belohnung, welche dem glücklichen Schützen wird, kann er fast alle Teile des Tigers verwerten, besonders das Fett, durchschnittlich 4 — 6 Liter, das die Eingeborenen Indiens für wirksam gegen Rheumatismus und Viehkrankheiten halten. Hier und da wird auch das Fleisch gegessen. Jagor versichert, daß es keineswegs schlecht sei. Bei einem Tigerstechen auf Java bot der Regent unserem Reisenden die er: stochenen Tiger zum Geschenke an. „Da jedoch“, jagt Jagor, „die Felle zerfetzt waren, begnügte ich mich damit, die Eingeweidewürmer meiner Sammlung einzuverleiben und einige Tigerkoteletten mir braten zu lassen. Gegen Erwarten schmeckten sie gut, fast wie Rindfleisch, was die übrigen Gäste, welche vor dem Fleische einen gewissen Ekel empfanden, nicht glauben wollten.“ In Südostsibirien wird, laut Radde, der Genuß des Tigerfleisches nur Jägern, welche bereits Tiger erlegten, oder alten, erfahrenen Männern überhaupt gestattet; Weiber sind, wenigstens bei den Birar-Tungusen, von solcher Mahlzeit gänzlich ausgeschlossen. Nach dem festen Glauben dieser Jäger ist solches Fleisch überaus wirksam und verleiht dem Genießenden Kraft und Mut; ebenso denken Bewohner von Siam. Auch als Arzneimittel thut es seine Dienste, obschon die Arzte des himmlischen Reiches meinen, daß Tigerknochen noch kräftiger wirken als Tigerfleisch; die Kniescheiben haben den größten Wert, nächstdem folgen die beiden ersten Rippen, welche etwas weniger wert sind. In anderen Ländern schätzt man Zähne und Klauen, Fett und Leber höher als Fleisch und Knochen. Erstere gelten unter den Schikaris nicht bloß als besonders wertvolle Siegeszeichen, sondern zugleich als Schutzmittel gegen Tigeranfälle; asiatische und europäische Damen tragen die Krallen, in Gold oder Silber gefaßt, als Schmuckstücke. Zunge und Leber haben deshalb großen Wert, weil sie von den Arzneikünstlern Indiens unter mancherlei Gebräuchen zubereitet und dann als unfehlbares Mittel an die gläubigen Abnehmer teuer verhandelt werden. Das Fett gilt als das beste Mittel gegen gichtische Beschwerden und wird deshalb sorgfältig aufbewahrt. Andere Gebräuche sind bereits auf S. 400 angeführt. Das Fell wird mit irgend einem Gerbstoffe und Schutzmittel gegen die Kerbtiere getrocknet und wandert dann zumeist in die Hände der Europäer oder nach China. Die Kirgisen halten es hoch und verzieren damit ihre Köcher. In Europa gilt nach Lomer ein Tigerfell je nach Größe, Schönheit und Vollständigkeit gegenwärtig bis zu 1300 Mark.
Außer dem Menschen scheint der Tiger keine gefährlichen Feinde zu haben, mit Ausnahme vielleicht des indischen Wildhundes (Canis dukhunensis). Diese ebenso schnellen wie kräftigen und vornehmlich des Tages in Meuten jagenden Tiere sollen nach Angabe der Eingeborenen gelegentlich auch einen ihnen aufstoßenden Tiger anfallen. Sie hetzen, stellen ihn, und die kühnsten bringen ihm von hinten gefährliche Bisse in die Weichteile bei, bis er verwirrt und ermattet einem letzten allgemeinen Angriffe erliegt. Es erscheint durchaus nicht unglaubhaft, daß die Wildhunde bei solcher Jagd Sieger bleiben, wenn dabei auch mancher ins Gras beißen mag.
Welches Alter ein freilebender Tiger erreichen kann, ist sehr schwierig festzustellen. Die Eingeborenen Indiens glauben, daß man die Zahl der Jahre, die ein erlegter Tiger gelebt hat, erkennen könne aus der Zahl der Lappen an seiner Leber. Nur bei Sanderson ist eine Angabe zu finden, woraus auf die Lebensdauer eines Tigers geschlossen werden könnte.
Ein starkes Männchen, das er in Maisur schoß, war den Eingeborenen seit 20 Jahren wohlbekannt, zeigte aber noch kein Merkmal hohen Alters: es schien in der Vollkraft des Lebens zu stehen, seine Zähne waren gut, bloß sein Fell fing an auszubleichen.
Die Paarungszeit des Tigers ist verschieden nach dem Klima der betreffenden Heimatländer, soll jedoch in den nördlichen Gebieten regelmäßig etwa ein Vierteljahr vor Beginn des Frühlings eintreten. In den südlichen Gebieten, namentlich nach den in Indien angestellten Beobachtungen, ist sie an keine Jahreszeit gebunden; neue Würfe finden in allen Monaten statt. Dagegen führen die besten Gewährsmänner an, daß eine Tigerin nur alle 2—3. Jahre einmal Junge haben könne, weil man mit der Mutter nur sehr kleine bis zu sehr straffen oder ausgewachsenen bemerke, niemals aber eine Mischung von beiden, wie es sein müßte, wenn alljährlich ein neuer Wurf erfolgte. Während der Paarungszeit hört man mehr als sonst die Stimme des Raubtieres. Nicht allzu selten finden sich mehrere männliche Tiger bei einer Tigerin ein, obgleich behauptet wird, daß im ganzen die Tigerinnen häufiger seien als die Tiger. Man schreibt dies den Kämpfen zu, welche die männlichen Tiger untereinander führen sollen, während die wahre Ursache wohl darin zu suchen sein dürfte, daß weibliche Raubtiere überhaupt vorsichtiger find als männliche. Etwa 100— 105 Tage nach der Begattung wirft die Tigerin 2—3, manchmal 4, ja es wird gesagt in seltenen Fällen sogar 5 und 6 Junge an einem unzugänglichen Orte zwischen dichter Vegetation. Die Tierchen sind, wenn sie zur Welt kommen, halb so groß wie eine Hauskatze und nach Art aller jungen Katzen reizende Geschöpfe. In den ersten Wochen verläßt die Mutter ihre geliebten Kleinen nur, wenn sie den nagendsten Hunger fühlt; sobald jene aber etwas größer geworden sind und auch nach fester Nahrung verlangen, streift sie weit umher.
Vom indischen Tiger berichtet Sanderson: „Die Eingeborenen behaupten, daß die Mutter ihre Kleinen zunächst mit halbverdauten Fleischstücken füttert, welche sie vor ihnen ausbricht, nachdem sie von einem Raubzuge heimgekehrt ist. Nach 6 Wochen beginnen die Jungen mit der Alten von Versteck zu Versteck zu ziehen, werden indessen noch nicht mit auf Jagd genommen, dagegen zum Schmause geführt, wenn ein Tier nicht allzufern erbeutet worden ist. Selbst so frühzeitig sind sie schon sehr gewitzt und wissen sich zu behelfen, wenn man sie in Abwesenheit der Alten überrascht. Ein Pärchen, unfern meiner Station Morlay (Maisur) im November 1875 geboren, begann im Juni des folgenden Jahres zum ersten Male allein zu jagen; doch blieben sie immer noch bei der Mutter. Es war in diesem Alter noch recht schwierig für fie, selbst altersschwache Rinder allein zu töten, und fie zer: klauten sie jämmerlich bei dem Versuche. Auch machten sie sich noch nicht an freilaufendes Vieh, sondern nur an solches, das wir für sie angebunden hatten. In einem Falle zeigten nicht mißzuverstehende Merkmale, daß die Mutter dabeisitzend zugesehen hatte, wie eins ihrer Kinder einen gefesselten Ochsen abwürgte. Ich schoß beide Junge auf dem Anstande neben getöteten Tieren, als sie zum Fressen zurückkehrten. Eins, das Weibchen, am 29. Juli 1876: es maß 190,5 em und wog 53,5 kg; das andere, ein Männchen, am folgenden 25. November: es maß knapp 211 cm; leider hatte ich keine Gelegenheit, es zu wiegen.“
Einmal schoß unser Gewährsmann eine Tigerin, deren davonlaufendes Junges sich so gut in einem Dickichte versteckte, daß es nicht zu finden war. Er ließ eiligst leichte Netze, wie sie bei der Hasenjagd verwendet werden, herbeischaffen und damit das Versteck umstellen. Sobald er mit seinen Leuten vorging, sprang ihnen das kleine Ungetüm fauchend und grollend entgegen und schlug wütend mit den Tatzen, ließ auch nicht nach mit seinen Angriffen, obwohl die mit Stöcken bewaffneten Leute es nicht gerade sanft behandelten. Endlich wurde es überwältigt und gebunden. Es wog etwas über 18 kg und mochte 10 Wochen alt sein; da es in diesem Alter nicht mehr zu zähmen war, wurde es nach einigen Monaten für 1000 Mark verkauft. Ein Pärchen 8 Monate alter zahmer Tiger wurde mit 2000 Mark
bezahlt. „Junge Tiger“, fährt Sanderson fort, „sind allerliebst anzusehen und außerordentlich gutmütig; es ist aber notwendig, daß sie entführt werden, ehe sie einen Monat alt sind, bevor ihnen das Leben in der Wildnis und Furcht vor Menschen bekannt geworden ist, sonst sind sie nicht gänzlich zu zähmen. Sie zeigen große Anhänglichkeit für ihren Herrn, folgen ihm überall hin, liegen unter seinem Stuhle und geben ein eigenartiges freudiges Schnauben von sich, wenn er sie liebkost. Sobald man ihnen Fleisch verabfolgt, wollen sie nur noch dieses nehmen und rümpfen, mögen sie noch so jung sein, die Nase am Milchnapfe. Wie ich mich genugsam überzeugt habe, ist der Glaube grundlos, daß sie von roher Fleischnahrung verwildern. In der That gedeihen sie nur bei solchem Futter ausgezeichnet, und wenn sie es reichlich erhalten, ist vortrefflich mit ihnen auszukommen. Vier Monate alt, sind sie schon recht stattlich und kraftvoll, aber man mag sie getrost noch viel länger herumlaufen lassen. Ein Pärchen hielt ich solchergestalt, bis es 8 Monate alt war; fie pflegten miteinander wie mit den Leuten und einem zahmen Bären sehr hübsch zu pie: len. Nach meiner Erfahrung sind derartig zahm gehaltene Tiger weder hinterlistig noch raublustig, zeigen auch keine Anfälle von Wildheit, wenn sie nur reichlich gefüttert werden. Ich besaß einst einen von bedeutender Größe, welcher gewöhnt war, in meinem Schlafzimmer zu nächtigen. Nachdem ich eingeschlafen, pflegte er gern auf mein Bett zu springen, nahm es jedoch niemals übel, wenn ich ihn dafür ungehalten knuffte und wieder hinunterwarf.“
Die Liebeswerbung geschieht ruhiger als bei anderen großen Katzen, und die Begattung erfolgt meist ohne die üblichen Tatzenschläge, obschon nicht gänzlich ohne Murren. Gegen die neugeborenen Jungen benimmt sich die Mutter, falls fie genügende Milch hat, außer: ordentlich zärtlich, geht ungemein sanft mit ihnen um, legt sie an das Gesäuge, schleppt sie auch stets an den Ort ihres Käfigs, welcher ihr die meiste Sicherheit zu bieten scheint. Manche Tigermütter betrachten die sonst geliebten Wärter von der Geburt ihrer Jungen an mit größtem Mißtrauen und bethätigen ihr Übelwollen verständlich genug; andere bleiben ihren Pflegern nach wie vor mit gleicher Anhänglichkeit und Liebe gewogen. Die blind geborenen oder doch nur blinzelnden Auges zur Welt gekommenen Jungen wachsen rasch heran, spielen bald mit der gefälligen Alten nach Kätzchenart, balgen sich weidlich untereinander, zischen und fauchen in kindlichem Übermute ihren Wärter an, werden endlich verständig, erkenntlich für gute Behandlung und allmählich zahm. Auch an Verwandte gewöhnen sie sich, schließen mit Hunden einen Freundschaftsbund und können, verbürgt scheinenden Angaben zufolge, mit anderen großen Katzen, beispielsweise mit Löwen, in ein so inniges Verhältnis treten, daß sie eine Paarung eingehen und Blendlinge erzeugen.
Eine Tigerin des Berliner Tiergartens, welche zwei Junge geboren und glücklich großgesäugt hatte, stürzte sich wütend auf den Vater derselben, als dieser zum ersten Male wie: der mit ihr zusammengebracht wurde, mißhandelte ihn unter lautem Gebrülle mit heftigen Tatzenschlägen und zwang ihn zu schleunigem Rückzuge: offenbar einzig und allein aus Angst, daß er ihre Jungen gefährden könne, da sie doch früher im besten Einvernehmen mit dem Gemahl gelebt hatte. Man hat in neuester Zeit auch Tiger oft abgerichtet. Sehr häufig wagen die Tierbändiger, zu ihnen in den Käfig zu gehen und allerlei Spiele oder sogenannte Kunststücke mit ihnen zu treiben. Allein eine gefährliche Sache bleibt das immer. Als echte Katze zeigt der Tiger sich denen, welche ihm schmeicheln, anhänglich und zugethan, erwidert auch wohl Liebkosungen oder nimmt sie wenigstens ruhig hin; doch bleibt seine Freundschaft stets zweifelhaft, und wohl bloß so lange, als er die Herrschaft des Menschen anerkennt, läßt er von diesem sich mancherlei anthun, was feiner eigentlichen Natur zuwider ist. Volles Ber: trauen verdient er nie, nicht, weil man sich vor seiner Tücke, sondern weil man sich vor seiner selbstbewußten Kraft zu fürchten hat. Tückisch, hinterlistig und falsch ist er ebensowenig
wie unsere Hauskatze, läßt sich aber ebensowenig mißhandeln wie diese und setzt sich zur Wehre, wenn ihm die Behandlung, welche der Mensch ihm anzuthun beliebt, nicht behagt. Man darf von einem Raubtiere seiner Art nicht Unmögliches verlangen. Seine Raublust ist ebenso schwer einzudämmen oder zu unterdrücken wie die des zahmsten Löwen oder unserer seit altersgrauer Zeit unter der Zuchtrute des Menschen stehenden Katze: sie gehört eben zu seinem Sein und Wesen, ist untrennbar von ihm. Auf sie sind die falschen Urteile zurückzuführen, welche man vernimmt. Ich finde es sehr begreiflich, daß auch ein jung aufgezogener Tiger, wenn er freikommt, Haus- oder andere Tiere überfällt und tötet: denn er vermag nicht, seinem ihm angeborenen, seiner Gestalt und Ausrüstung entsprechenden Triebe zu widerstehen; ich finde es ebenso durchaus in der Ordnung, daß er den Menschen, welchem er aus irgend einem Grunde zürnt und grollt, seine Übermacht gelegentlich fühlen läßt. Ihn deshalb aber falsch, treulos, hinterlistig, tückisch und sonstwie zu nennen, ist um so ungerechter, als nicht übersehen werden darf, daß ein zum freien Räuberleben in der Wildnis veranlagtes Tier, wenn es in engem Käfig eingesperrt ist, wohl manchmal reizbar sein und Anwandlungen übler Laune haben kann.