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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Schomburgk nennt die Klammeraffen, so oft er sie erwähnt, häßlich und ekelhaft und meint, daß sie von den Indianern höchst wahrscheinlich wegen ihres unangenehmen Außeren nicht gezähmt würden. Hätte er ein einziges Mal die von ihm so verschrieenen Tiere in Gefangenschaft gehalten und sie in ihrer harmlosen Gutmütigkeit kennen gelernt,

er würde sie auch trotz des nicht günstig gestalteten Außeren und der absonderlichen Gliederverrenkung liebgewonnen, jedenfalls sein Urteil berichtigt haben. Leider gehören sie noch immer in unseren Tiergärten zu den Seltenheiten; man bringt wohl jedes Jahr einige von ihnen mit nach Europa herüber: unser Klima jedoch tötet sie in der Regel bald, auch bei sorgfältigster Abwartung und Pflege. Aus diesem Grunde habe ich fie stets nur kurze Zeit beobachten können und lasse deshalb meinen Berufsgenossen Schmidt für mich sprechen. „Im Stande der Ruhe sitzen die Klammeraffen auf dem Hinterteile mit emporgerichteten Knieen; die Brust wird gegen diese gelehnt und häufig der Kopf tief herabgesenkt, so daß das Gesicht gegen den Boden geneigt ist und die Schultern den höchsten Punkt der ganzen Gestalt bilden. Der Schwanz ist um die Füße geschlagen, die Ellbogen reichen fast auf den Boden, und die Vorderarme liegen nachlässig gekreuzt vor oder auf den Füßen. Ein ruhiges Gehen auf flachem Boden kommt nur ausnahmsweise und auf kurze Entfernungen vor, und man sieht auf den ersten Blick, daß es dem ganzen Wesen der Tiere nicht zusagen kann. Gewöhnlich findet es auf allen vieren statt, wobei der Schwanz über der Rückenhöhe einen festen Anhalt nimmt. Die Hände berühren dabei nicht mit ihrer inneren Fläche, sondern mit ihrer äußeren oder oberen Seite den Boden. Bei der einen Art betrifft dies nur die Finger, indem sie die Knöchel als hauptsächlichen Stützpunkt benutzt, wogegen eine andere auf dem Handrücken der Mittelhand geht und die Finger aufwärts eingeschlagen trägt. Dieses Tier hält dabei die Ellbogen nach auswärts gebogen, die Handwurzeln dagegen nach innen gerichtet und bietet dadurch eine sehr absonderliche Erscheinung dar. Dazu kommt noch der stark gekrümmte Rücken und der tief herabgeneigte Kopf, so daß die ganze Gestalt den Eindruck macht, als wolle sie jeden Augenblick nach vorn überpurzeln. Bisweilen, besonders in erregter munterer Stimmung, gehen die Tiere gar nicht ungeschickt aufrecht. Sie biegen dabei den Rücken ein, strecken den Bauch heraus und tragen den Schwanz Sförmig gekrümmt hoch empor gehalten, seltener irgendwo angefaßt und noch seltener mit abwärts eingerollter Spitze auf den Boden gestützt. In manchen Fällen werden die Arme dabei über dem Kopfe gekreuzt oder mit wagerecht gehaltenem Oberarme oder rechtwinkelig aufgerichtetem Vorderarme und leicht eingekrümmten Händen hoch getragen. Sehr gern lehnen sie sich in dieser Stellung an eine von der Sonne beschienene Wand. Wenn wir sie im Winter bisweilen aus den Käfigen nahmen und in die Nähe des geheizten Ofens brachten, stellten sie sich aufrecht mit senkrecht emporgehobenen und gestreckten Armen, wobei sie den Bauch so weit herausbogen, daß dieser, von der Seite gesehen, mit der Brust fast einen Halbkreis bildete. Auch wenn man sie an der Hand oder am Schwanze führt, gehen sie gern aufrecht, namentlich wenn sie der Wärter in ihrem Käfig ins Freie bringt. An einem schräg stehenden Stamme in ihrem Sommerbehälter laufen sie sehr häufig auf den Hinterfüßen empor, erfassen aber das obere Gitter mit der Schwanzspitze, sobald sie es erreichen können. „Das Klettern ist ihrem Naturell vollkommen entsprechend, und sie entwickeln hierbei im Gegensatze zu dem unbehilflichen Einherhumpeln auf ebenem Boden eine Lebhaftigkeit, Biegsamkeit und Sicherheit der Bewegungen, welche erstaunlich ist. Gewöhnlich schreiten sie eine Zeitlang an dem Gitter, welches das Dach des Käfigs bildet, umher, indem sie die Hände hakenförmig über die Gitterstäbe hängen, ohne die Finger zu schließen. Sie benutzen hierbei ebensowohl alle vier als nur die vorderen Glieder; niemals aber versäumt der Schwanz, hierbei sehr thätig zu sein, hilft vielmehr gleich einer fünften Hand den Körper tragen und weiter befördern. Er arbeitet mit der größten Sicherheit und Selbständigkeit, so daß er von den Tieren nicht mit den Augen überwacht zu werden braucht, ist immer bestrebt, einen festen Anhaltepunkt zu gewinnen, als ob Arme und Beine nicht zuverlässig oder nicht hinreichend seien, dem Körper den nötigen Halt zu geben. Er wird stets einmal

um den Gegenstand, an dem er sich halten soll, geschlungen, und zwar immer nur mit der Spitze und so knapp wie möglich. Die Umwickelung geschieht schraubenförmig, so daß die Spitze neben und nicht auf oder unter den übrigen Teil des Schwanzes zu liegen kommt. Wenn letzterer, wie das sehr häufig der Fall ist, den Leib allein tragen soll, faßt er über einen Stab des Gitters hinweg und befestigt sich an dem folgenden mit der Spitze, um auf diese Weise eine größere Haltbarkeit zu gewinnen. So wird es dem Tiere möglich, sich jeden Augenblick kopfabwärts am Schwanze aufzuhängen, und es scheint dies eine Lieb—

Koata (Ateles paniscus). Yıs natürl. Größe.

lingsstellung von ihm zu sein, da es Leute, welche es kennt, gern in derselben bewillkommnet. Der Affe wendet dann dem Herantretenden das Gesicht zu, läßt die Beine langgestreckt herabhängen, so daß der Kopf zwischen diesen durchblickt, und streckt dann in der Regel einen der Füße so weit wie möglich nach dem Nahenden aus. In dem geräumigen Käfig im Freien hängen sich unsere Gefangenen bisweilen am Schwanze auf und schleudern sich weg, indem sie gedachtes Greifwerkzeug plötzlich loslassen, um an einer anderen Stelle des Gitters mit den Händen sich festzuhalten. Im Winter, wenn sie nicht ins Freie gebracht werden konnten, gaben wir ihnen zuweilen einen fingerdicken und etwa meterlangen Stock zum Spielen, mit welchem sie die komischsten Dinge ausführten. Ein sehr beliebtes Spiel ist folgendes: der Stock wird von dem Affen auf dem Boden aufrecht stehend festgehalten, indem er an demselben, ohne ihn an die Wand zu lehnen, emporsteigt. Oben angekommen,

Koata (Ateles paniscus). Yıs natürl. Größe.

ergreifter mit dem Schwanze sofort die oberste Sitzstange des Käfigs und schaukelt sich auf diese Weise vergnüglich, indem er den Stab spielend in den Händen trägt. Es würde zu weit führen, wollte ich den Versuch machen, alle die Schwenkungen und Wendungen zu schildern, welche ich von diesen Affen schon ausführen sah. Nur das eine sei noch bemerkt, daß die stete Beihilfe des Schwanzes allen Kletterbewegungen etwas Schwebendes verleiht, und daß der ernsttraurige, selbst grämliche Ausdruck ihres Gesichtes zu ihrem oft so mutwilligen und heiteren Gebaren in sonderbarstem Widerspruche steht. Ebensogut wie der Schwanz als Bewegungsglied gebraucht wird, dient er auch als Greifwerkzeug. Die Vorderhände sind wegen des fehlenden Daumens zum Festhalten der Nahrung nicht eben günstig gebaut, und wenn auch unser Affe damit vieles zum Munde führt, ist doch leicht zu erkennen, daß er lieber die Nahrung unmittelbar mit den Lippen vom Boden aufhebt, sobald dies möglich ist. Gegenstände, welche sich außerhalb des Gitters befinden, so daß sie auf diese Weise nicht erreicht werden können, nimmt er mit der Hand; reicht die Länge des Armes nicht dazu aus, so dreht er sich um und sucht sie mit dem Fuße zu fassen, geht auch dieses nicht, so greift er mit dem längsten seiner Glieder, dem Schwanze, danach. Das ließ sich deutlich bemerken, als im Laufe des Sommers die Affen bestrebt waren, alle Baumzweige, welche sich in der Nähe ihres Käfigs befanden, herbeizuholen, abzubrechen und zu zerbeißen. Sie bedienten sich dabei zuletzt nur noch des Schwanzes, um sie herbeizuziehen, und bemerkten es sofort, wenn die Bäume durch einen vorangegangenen Regen etwas schwerer geworden waren und dadurch sich niederbogen, so daß nun wieder ein Zweiglein in den Bereich ihres Greifwerkzeuges getreten war. Auch nach den vor dem Käfig stehenden Personen greifen sie sehr oft mit der Schwanzspitze. Gegenstände, mit welchen sie spielen, sah ich sie häufig mit dem Schwanze tragen, und der eine von ihnen haschte öfters ein zum Austrinken am breiten Ende geöffnetes rohes Ei mit dem Schwanze und trug es mit vollster Sicherheit auf seinen erhabenen Sitzplatz, um es dort mit der größten Gemütlichkeit auszuschlürfen.“ Unser Gewährsmann erwähnt noch außerdem, daß er seine Gefangenen mit Brot, Obst, Zwieback, Eiern und gekochtem Reis gefüttert habe, ihnen bei Durchfall mit Erfolg guten Rotwein als Gegenmittel gegeben, gekochte Kartoffeln im geringen Maße gereicht und sie soviel wie möglich ins Freie gebracht habe, auch wenn die Witterung im allgemeinen nicht eben besonders warm war. Dank dieser Pflege gelang es ihm, den einen dieser Affen 3 / Jahre am Leben zu erhalten.

Auf seiner Schingufahrt hat K. von den Steinen mehrmals Koatas mit sich geführt und zunächst beobachtet, daß sie ebenso trinken, wie von verschiedenen Gibbons berichtet worden ist: indem sie Wasser mit der Hand schöpfen. Die Schilderung, die unser Gewährsmann von seinem Besuche in einer auf einer Insel befindlichen Indianeransiedelung gibt, enthält folgende Stelle: „Der Rest des Felsens ist von einer geräuschvollen Tiergesellschaft eingenommen. Der Koata, ein großer schwarzer Affe, beobachtet mit wachsender Entrüstung den nahenden Fremdling; rasch wie der Gedanke hat er sich auf den Giebel des Hauses geschwungen, steht dort oben aufrecht, den Schwanz wie ein Fragezeichen bis zur Kopfhöhe emporgerichtet, einen mächtigen Knüppel am Halse, den er mit einer Hand festhält, und protestiert mit der anderen heftig winkend unter Knurren, hastigem Zähnefletschen — keine Worte findet er, um unsere Frechheit nach Gebühr zu würdigen — ja unter drohendem Geheule und Geschnatter gegen den fremdartigen Besuch.“ Dieser Koata wird erworben, Yuruna genannt und begleitet nebst vielen anderen Tieren die Expedition auf der ferneren Flußfahrt. „Meine Yuruna“, fährt von den Steinen fort, „ist durch mäßige Einführung der Prügelstrafe etwas duldsameren Gemütes geworden. Sie steht angebunden neben mir auf dem Rande des Bootes, den langen Greifschwanz um irgend einen Halt angeklammert, weit vornüberliegend und — rudert. Ganze Viertelstunden wirbelt sie mit beiden Armen

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gleichzeitig in größter Geschäftigkeit durch die Luft, das imaginäre Ruder an die Brust anziehend und wieder entfernend; wenn ich sie störe, grinst sie mich mit dem alten weißen Gesichte verwundert an und ist mit einem Satze auf der anderen Seite, wo sie ihre Thätigkeit eifrigst von neuem aufnimmt. Zuweilen stärkt sie sich mit einem Schlucke Wasser, indem sie sich zum Flusse herabbeugt und die Flut mit den Händen schöpft. Dabei ist sie sittsam erzogen; sie weiß an dem Boote genau zwischen drinnen und draußen zu unterscheiden.“ Puruna verstand es, den Knoten ihres Strickes zu lösen, und entwischte. Statt ihrer wurde in einer Indianerniederlassung ein kaum 2 Monate alter Koata erhandelt, „ein greuliches schwarzes Teufelchen, das in seinem verrunzelten Greisenantlitz einen Majorsschnurrbart und die frechsten Affenaugen zur Schau trägt. Auch Suya, wie es genannt worden ist, trinkt Wasser aus dem Flusse mit der Hand; an der Zeltstange klettert, springt, purzelt es in ruheloser Gymnastik, abends schreit es entsetzlich, wenn ich es nicht zu mir in die Hängematte nehme.“

Ein englischer Schiffsführer, welcher einen Klammeraffen besaß, schildert ihn und sein Betragen in anmutiger Weise. Das Tier, ein Weibchen, war in Britisch-Guayana gefangen und dann zu dem Statthalter von Demerara gebracht worden; von diesem erhielt es unser Berichterstatter. Er gewann seinen Pflegling so lieb, wie man einem gutartigen Kinde geneigt wird. „Sallys lieblicher Erscheinung“, sagt er, „ist durch die Kunst der Photographie mehrfach die Unsterblichkeit gesichert worden. Drei solcher Bilder habe ich zu Gesicht bekommen. Das eine zeigt Sally, wie sie still und vergnügt in ihres Herrn Schoße ruht; ihr kleines, runzeliges Gesicht guckt über seinen Arm hinweg, und ihr Schwanz ringelt sich um seine Kniee, während ihn der eine Fuß festhält. Auf einem anderen steht sie auf einem Fußgestelle neben meinem Bootsführer, dessen Fürsorge sie anvertraut war; den linken Arm schlingt sie kosend um seinen Hals, ihr Schwanz windet sich in mehrfachen Ringen um seine Rechte, auf welcher sie lehnt. Ebenso sehen wir sie auf einem dritten Bilde neben dem Bootsführer stehen: einen Fuß auf seiner Hand, schlingt sie, und diesmal zur Abwechselung, die Schwanzspitze um seinen Hals. Auf jeder dieser Abbildungen bemerkt man aber einen Fehler, weil das bewegliche Tier sich nur schwer zureden ließ, ganze zwei Sekunden hintereinander ruhig zu sein. Die Glieder sind jedoch verhältnismäßig genau wiedergegeben, und die eigentümliche Stellung tritt deutlich vors Auge. „Sally ist ein sehr sanftes Tier. Nur zweimal hat fie gebissen, und zwar das eine Mal, um sich gegen einen Feind zu wehren. Auf der Werfte zu Antigua hatte fie sich losgerissen und war von den Leuten arg verfolgt worden; endlich ward sie in eine Ecke getrieben und würde dort leicht gefangen worden sein, hätten nicht die Arbeiter ihren Zorn gefürchtet. Ihr Herr aber fing sie, um zu zeigen, daß sie nicht zu fürchten sei, und wurde durch einen ziemlich starken Biß in den Daumen belohnt. Wäre sie nicht vor Schreck außer sich gewesen, fo hätte fie das jedenfalls sich nicht zu schulden kommen lassen. Im allgemeinen ist sie so gutartig, daß sie eine Strafe stets ruhig hinnimmt und sich beiseite macht. Bosheit scheint durchaus nicht in ihrer Natur zu liegen; denn Beleidigungen vergißt sie bald und trägt sie dem strafenden Herrn nicht nach. Ihr Gebieter erzählt, daß, wenn jemand gebissen werde, er sicher selbst daran schuld sei. Am Borde des Schiffes wird sie nicht durch Ketten oder Stricke gefesselt, sondern läuft frei nach ihrem Behagen umher. Sie tummelt sich im Tauwerke, und wenn es ihr gerade Spaß macht, tanzt sie so lustig und ausgelassen sonderbar auf dem Seile, daß die Zuschauer kaum noch Arme und Beine vom Schwanze unterscheiden können. In solchen Augenblicken ist der Name ‚Spinnenaffe‘ vollständig angemessen; denn sie sieht dann einer riesigen Tarantel in ihren Zuckungen äußerst ähnlich. Solange dieses launige Spiel dauert, hält sie von Zeit zu Zeit inne und blickt mit freundlichem Kopfschütteln auf ihre Freunde, zieht rümpfend die Nase und stößt

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