Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
kurze sanfte Töne aus. Gewöhnlich wird sie gegen Sonnenuntergang am lebendigsten. Eine besondere Liebhaberei von ihr besteht darin, daß sie im Tauwerke hinaufklettert, bis sie ein wagerechtes Seil oder eine dünne Stange erreicht. Hier hängt sie sich mit dem Schwanzende knapp, aber fest an, schwingt sich langsam hin und wieder und reibt einen Arm mit dem anderen von dem Handgelenke bis zum Ellbogen, als wollte sie das Haar gegen den Strich strählen. Sie muß schlechterdings ihren Schwanz um irgend etwas winden, und womöglich möchte sie keinen Schritt gehen, ohne sich mittels dieses langen und geschmeidigen Gliedes zu sichern. „Gegen viele ihrer Verwandten, welche unverbesserliche Diebe sind und mit den Schwanzenden ganz ruhig Dinge stehlen, auf welche ihre Aufmerksamkeit gar nicht gerichtet zu sein scheint, ist Sally sehr ehrenhaft und hat niemals etwas entwendet als höchstens gelegentlich eine Frucht oder ein Stückchen Kuchen. Ihre Mahlzeit hält sie an ihres Herrn Tische und beträgt sich dabei höchst anständig, ja sie ißt nicht einmal, bevor sie die Erlaubnis dazu erhalten, hält sich dann auch an ihren eigenen Teller, gleich einem wohlerzogenen Geschöpfe. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Pflanzenstoffen, Früchten und Weißbrot, obschon sie hin und wieder mit einem Hühnerbeine bewirtet wird. Hinsichtlich ihrer Speise ist sie ziemlich wählerisch, und wenn man ihr ein Stück gar zu trockenen Brotes gibt, so beschnuppert sie es argwöhnisch, wirft es auf den Boden und thut mit verächtlicher Miene, als ob es für sie gar nicht vorhanden wäre. Sie unterscheidet Gesundes von Schädlichem: nachdem sie schon lange keine tropische Frucht mehr gesehen hatte, ergriff sie ohne weiteres einen ihr dargebotenen Apfel und verzehrte ihn ohne Zögern. „In Belize wurde es ihr gestattet, die Stadt nach Belieben einige Tage lang zu durchstreifen. Eines Morgens, als ihr Herr die Straße entlang ging, hörte er über sich einen dumpfen Laut, der ihm, wegen der Ahnlichkeit mit der Stimme seines Affen, auffiel. Er blickte auf und sah Sally auf einem Erker sitzend, von welchem herab fie erfreut über das Wiedersehen ihres Herrn knurrte. Einmal, aber nur einmal, geriet Sally in eine traurige Lage. Ihr Herr ging in seine Kajütte und fand sie dort ganz zusammengerollt auf einer Fußdecke sitzen. Er sprach ihr zu, das Tier erhob das Köpfchen, sah ihm ins Gesicht und sank wieder in seine frühere, trübselige Stellung zurück. Komm, Sally', sagte der Gebieter; doch Sally rührte sich nicht. Der Befehl wurde noch ein- oder zweimal wiederholt, aber ohne den gewöhnlichen Gehorsam zu finden. Überrascht durch diesen auffallenden Umstand ergriff der Herr sie am Arme und machte nun die befremdende Entdeckung, daß Sally schwer berauscht und weit über eine ‚Anheiterung‘ hinaus war. Sie hatte gerade noch Bewußtsein genug, um ihren Freund zu erkennen. Sehr krank war Sally diese Nacht und sehr katzenjammerlich am nächsten Tage. „Der Grund dieses traurigen Ereignisses war folgender: Die Offiziere des Schiffes hatten ein kleines Mittagsessen veranstaltet, und da sie den Affen sehr gern sahen, ihn so reichlich mit Mandeln, Rosinen und Früchten der verschiedensten Art, mit Zwieback und eingemachten Oliven gefüttert, wie es ihm lange nicht vorgekommen war. Nun liebte er aber die Oliven ganz besonders, und da er sich reichlich an ihnen eine Güte gethan, so quälte ihn natürlicherweise bald ein unstillbarer Durst. Als nun Branntwein und Wasser herumgereicht ward, steckte Sally ihren Mund in einen der Humpen und leerte fast den ganzen Inhalt zum großen Vergnügen der Offiziere. Ihr Herr setzte letztere deshalb zur Rede; auch das arme Opfer zur Verantwortung zu ziehen, war unnötig. So gänzlich war dem guten Tiere der Branntwein zum Ekel geworden, daß es später nie wieder den Geschmack oder auch nur den Geruch desselben vertragen konnte. Selbst eingemachte Kirschen, welche sonst sein Leckerbissen gewesen waren, mochte es jetzt nicht mehr aus der Flüssigkeit nehmen.
„Kälte schien Sally ziemlich wohl zu ertragen; sie war übrigens auch hinreichend mit warmer Kleidung versehen, welche ihr an der eisigen Küste Neufundlands sehr zu statten kam. Gleichwohl drückte sie ihr Mißbehagen an solchem Wetter durch beständiges Schauern aus. Um sich gegen die kalte Witterung zu schützen, verfiel sie selbst auf einen glücklichen Gedanken. Zwei junge Neufundländer, welche an Bord sich befanden, hatten eine mit Stroh wohl versehene Hütte inne: in diese Wohnung hinein kroch sie und legte gemütlich ihre Arme den beiden Hunden um den Hals; und hatte sie nun noch ihren Schweif um sich geschlagen, so befand sie sich glücklich und wohl. Sie war allen möglichen Tieren zugethan, besonders kleinen, jungen, aber ihre vorzüglichsten Lieblinge blieben diese beiden Hunde. Ihre Zuneigung zu ihnen war so groß, daß sie sich eifersüchtig auf sie zeigte, und wenn irgend jemand näher an ihnen vorüberging, als sie für passend erachtete, sprang sie aus der Hütte heraus und streckte die Arme nach dem Eindringlinge mit einer Miene, als ob sie ihn zurechtweisen wolle. Für sie selbst war ebenfalls ein Häuschen gebaut worden, aber sie ging nie hinein. Sie ist ein sehr empfindliches Tier und kann kein Dach über sich ausstehen; deshalb verschmähte sie ihr Häuschen und rollte sich lieber in einer Hängematte zum Schlafen zusammen. Sie ist etwas schläferigen Wesens, geht gern zeitig zu Bette und schläft früh lange. g „Seit etwa drei Jahren ist sie im Besitze ihres Herrn. Ihren Zähnen nach darf man ihr ein Alter von vier Jahren zusprechen, obschon man sie nach ihrem runzeligen Gesichte für eine hundertjährige Greisin halten möchte.“
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Zu den wickelschwänzigen Affen Amerikas gehören auch die Wollaffen (Lagothrix), ausgezeichnet durch untersetzte Gestalt, großen, runden Kopf, mit milden, freundlichen Augen und sehr kleinen, wie abgestutzt erscheinenden, außen und am unteren Rande der Muschel auch innen behaarten Ohren, starken und ebenmäßigen Gliedmaßen, fünffingerigen Händen und Füßen sowie körperlangem, sehr kräftigem, an der Spitze unterseits nacktem Schwanze. Die Nägel sind ziemlich stark zusammengedrückt, die Daumennägel aber platt. Ein weiches, wolliges, auf der Brust mähnig verlängertes Haar deckt den Leib. Von den ihnen sehr nahe stehenden Klammeraffen unterscheidet sie namentlich ihr stämmiger Bau, dessen Eigentümlichkeiten im Gerippe zur Geltung kommen, die gefurchten Eckzähne und der wollige Pelz, abgesehen von anderen minder hervorstechenden Abweichungen. Sie bewohnen die Waldungen der Amazonenstrom- und Orinokoländer sowie Perus, leben gesellig auf Bäumen, sind gutmütig, ernähren sich von Früchten und lassen ein unterdrücktes dumpfes Geheul vernehmen.
Der Barrigudo oder Capparo, Caridagueres, Schieferaffe, grauer Wollaffe (Lagothrix humboldtii, Simia lagothrix, Lagotrichia caparo) steht, ausgewachsen, dem Brüllaffen an Größe kaum oder nicht nach: Bates gibt die Leibeslänge eines von ihm gemessenen Männchens, des zweitgrößten amerikanischen Affen, den er gesehen, zu 70 cm, die Schwanzlänge zu 68 cm an. Ein lebendes, etwas über halbwüchsiges Männchen, welches ich maß, war von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 51 cm, sein Schwanz 60 cm, Arm und Bein je 29 cm, Hand und Fuß je 11,5 em lang. Das weiche, wollige Haar ver: längert sich auf dem Schwanze, den Schenkeln, den Oberarmen und dem Bauche und ent: wickelt sich auf der Brust zu einer förmlichen Mähne, läßt aber Bauchmitte und Weichengegend fast unbedeckt, sieht auf dem Kopfe wie geschoren aus, obwohl es nicht viel kürzer als das des Rückens ist, und hat den Strich außen an den Vorderarmen von unten nach oben, innen von oben nach unten, auf den Schenkeln dagegen nur von oben nach unten. Gesicht, Hand- und Fußrücken, Hand- und Fußsohlen, die nackte Stelle am Schwanze und
die Zunge sind negerfarbig, also bräunlichschwarz, die Augen dunkelbraun, mit stark getrübtem Weiß; der Pelz des Oberkopfes ist mattschwarz, an der Haarwurzel grauschwarz, des Nackens etwas lichter, der Bauchmitte mattschwarz, der Oberseite dunkelgrau, jedes Haar hier licht an der Wurzel, hierauf breit dunkel geringelt und an der Spitze weißlich; auf den Vorderarmen und Unterschenkeln trübt sich diese Färbung, innen bis zum Schwarzgrau dun—
Grauer Wollaffe (Lagothrix humboldtii). ½ natürl. Größe.
kelnd; in der Spitzenhälfte des Schwanzes geht sie in Dunkelbräunlichfahl über. Alte Stücke sehen ebenso aus. Nach Tschudi bewohnt der Barrigudo truppweise die Waldungen; doch findet man ihn zuweilen auch einzeln. „Wenn sich eine Schar auf ihrer Wanderung einen Ruheplatz ausgewählt hat, ertönt plötzlich ihr einförmiges, halb unterdrücktes dumpfes Geheul, welches aber nicht so unangenehm und störend ist wie das der Brüllaffen. Ein jeder sucht sich dann auf seine Art die Zeit zu vertreiben; die meisten setzen sich bequem zwischen die Zweige und sonnen sich, andere brechen Früchte, wieder andere spielen und zanken. Wir haben überhaupt bei diesen Affen nicht das sanfte Wesen bemerkt, welches Humboldt ihnen zuschreibt, fanden sie im Gegenteile bösartiger, frecher und unverschämter als alle übrigen Arten.
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Sehr oft sind sie so dreist, daß sie lange Strecken Weges die Indianer verfolgen, welche aus den am Rande der Urwälder gelegenen Pflanzungen Früchte holen, um sie in den höher gelegenen Thälern zu verkaufen. Nicht selten geschieht es, daßsieBaumzweige und Früchte nach diesen Indianern werfen, welche sich gegen den feindseligen Angriff mit Steinen zur Wehre setzen. Wir waren mehrmals Augenzeugen davon und haben durch einen Schuß diesen drolligen Gefechten ein Ende gemacht. Sie klettern langsamer als die Roll-, langsamer sogar als die Klammeraffen; ihre Bewegungen sind schwerfällig und abgemessen. Besonders auffallend ist dies, wenn sie mit ihrem Wickelschwanze an einem Baume hangen und sich lange hin- und herschaukeln, ehe sie einen anderen Ast erreichen, um weiter zu greifen. Angeschossen fallen sie schnell auf die Erde, wahrscheinlich wegen ihrer bedeutenden Schwere; die dürren, leichteren Klammeraffen dagegen fallen selten; denn im Todeskampfe klammern sie sich krampfhaft mit dem Schwanze an einen Ast und bleiben, wenn auch tot, noch tagelang hangen. Der Wollaffe flieht auf der Erde nicht, sucht vielmehr seinen Rücken durch einen Baumstamm zu schützen und verteidigt sich mit Händen und Zähnen aufs äußerste, obschon er den übermächtigen Kräften des Jägers natürlich bald unterliegen muß. Sehr oft stößt ein so hart bedrängter Affe einen gellenden Schrei aus, welcher wahrscheinlich ein Hilferuf an seine Gefährten sein soll; denn diese schicken sogleich sich an, niederzusteigen, um ihrem bedrängten Kameraden beizustehen. Aber ein zweiter, vom ersten sehr verschiedener Schrei, kurz, kräftig und dumpfer, ein Schrei des Todeskampfes, erfolgt bald, die ganze Hilfe bringende Schar stäubt auseinander, und jeder sucht sein Heil in der schleunigsten Flucht. Das Fleisch schmeckt unangenehm und ist trocken und zäh; wir haben es jedoch unter Umständen als Leckerbissen genossen.“
Bates bemerkt, daß der Barrigudo von den Indianern lebhaft verfolgt werde, und zwar gerade wegen der ausgezeichneten Güte seines Fleisches. „Nach den Mitteilungen eines durch mich beschäftigten Sammlers“, sagt er, „welcher lange Zeit unter den Tukana⸗ Indianern in der Nähe von Tabatinga gelebt hat, darf ich annehmen, daß die etwa 200 Köpfe zählende Horde gedachter Indianer alljährlich mindestens 2000 Wollaffen erlegt und verzehrt.“ Das Tier ist aber auch sehr häufig in den Waldungen des höheren Landes und nur in der Nähe der Ortschaften selten geworden, wie sich dies durch die ihm geltende, seit langer Zeit fortgesetzte Verfolgung erklärt. „Sein Betragen in der Gefangenschaft“, fügt Bates Vorstehendem hinzu, „ist ernst, sein Wesen mild und vertrauensvoll wie das der Klammeraffen. Entsprechend diesen Eigenschaften wird der Barrigudo von Tierfreunden sehr gesucht; es fehlt ihm jedoch die Zählebigkeit der Klammeraffen, und er übersteht die Reise flußabwärts bis Para nur selten.“ Noch seltener gelangt er einmal lebend nach Europa. Um so größer war meine Freude, ihn endlich von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, einigermaßen beobachten und nach dem Leben zeichnen lassen zu können.
Ich habe niemals ein liebenswürdigeres Mitglied der ganzen Familie kennen gelernt - als ihn. Um ihnzu messen, trat ich in seinen Käfig und wurde sofort auf das allerfreundlichste empfangen. Indem er mich mit treuherzig fragendem Ausdrucke anblickte, als wolle er erkunden, wes Geistes Kind ich sei, kam er langsam und bedächtig auf mich zugeschritten, warf noch einen Blick auf mein Gesicht und kletterte sodann, unter thätiger Mithilfe des Schwanzes, an mir bis zu dem Arme empor, ließ sich, halb sitzend, halb liegend, hier nieder, schmiegte den Kopf an meine Brust und nahm nun mit ersichtlicher Freude und willenloser Hingebung meine Liebkosungen entgegen. Ich durfte ihn streicheln, sein Haar auseinander legen, Gesicht, Ohren, die Zunge, Hände und Füße untersuchen, ihn drehen und wenden: er ließ sich alles gefallen, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Alle liebenswürdigen Eigenschaften der Klammeraffen, ihre Anhänglichkeit und Hingebung kamen bei ihm zur Geltung,