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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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In einem große Teile von Paraguay bilden die Brüllaffen einen Gegenstand eifriger Jagd. Ihr Fell ist gesucht und das Fleisch bei den Indianern beliebt. Aus dem Pelze des schwarzen Brüllaffen ließ Dr. Francia einmal über hundert Grenadiermützen verfertigen. Außerdem verwendet man es zu Beuteln, Satteldecken ꝛc. Von dem Fleische lebten Reisende, so z. B. der Prinz von Wied, oft lange Zeit fast ausschließlich. Sie versichern, daß es wohlschmeckend sei und eine sehr kräftige Brühe gebe. Die Nahrung hat aber unter allen Umständen ihr Abschreckendes, zumal wenn die Indianer dem Affen das Haar abgesengt oder ihn abgebrüht in den Topf gesteckt oder ihn zum Braten an einen spitzen Stab befestigt haben. In vielen Gegenden Südamerikas wird das Affenfleisch von den Europäern nicht berührt und gilt als die verächtlichste Speise; die Indianer dagegen sind eifrige Liebhaber solcher Kost.

Man gibt sich nur selten mit der Zähmung der Brüllaffen ab; auch hat deren Erziehung ihre großen Schwierigkeiten. Rengger sah nur zwei, welche beide über 1 Jahr alt waren. Sie wurden mit verschiedenen Baumblättern gefüttert und zogen diese jeder anderen Nahrung vor. Nach Aussage der Wärter erkrankten sie, wenn man ihnen Mais, Maniok oder Fleisch gab. Sie tranken weder viel noch oft und nur Wasser oder Milch. Ihr Benehmen hatte etwas Trauriges und Langweiliges. Sie waren sehr sanft und zutraulich; aber niemals sah man eine Spur von Fröhlichkeit an ihnen. Gewöhnlich kauerten sie mit stark nach vorn gebogenem und auf die Brust gesenktem Kopfe in einem Winkel, legten die Vorderhände auf den Schoß oder stützten sie neben die Hinterhände auf den Boden und schlangen den Schwanz um die Beine, so daß er auf die Hände zu liegen kam. In dieser Stellung konnten sie stundenlang verweilen, bis der Hunger sie vermochte, Nahrung zu suchen. Alsdann gingen sie auf den vier Pfoten schrittweise vorwärts; nur selten sah man sie traben oder Sprünge machen. In aufrechter Stellung konnten sie kaum einen Augenblick sich erhalten. Ihre Sinne schienen scharf zu sein; sie wählten ihre Nahrung mit Sorgfalt aus, hörten und sahen gut und bewiesen, daß ihr Tastsinn sehr entwickelt war. Von Verstand war wenig zu bemerken: sie erzeigten ihrem Wärter kaum mehr Aufmerksamkeit als fremden Leuten und ließen sich zu nichts abrichten. — Von anderen gezähmten Brüllaffen erzählt Wied, daß sie ihrem Herrn außerordentlich zugethan waren und kläglich zu schreien begannen, wenn derselbe auch nur einen Augenblick von ihnen sich entfernte. Die Trägheit, Traurigkeit und Grämlichkeit sowie die knarrende, röchelnde Stimme, welche die Jungen manchmal hören ließen, machte sie aber allen, selbst ihrem Herrn, unangenehm und widerlich. Dasselbe sagt Kappler, dem es nie glückte, einen Brüllaffen aufzuziehen. 14*

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Nach Europa gelangen diese Tiere sehr selten. In den Affenhäusern des Londoner Tiergartens lebte vor einigen Jahren ein Brüllaffe anscheinend in gutem Wohlsein; seine Stimme ließ er jedoch nicht hören und unterschied sich dadurch sehr zu seinem Nachteile von dem Langarmaffen, dessen klangvolle Laute ich S. 109 geschildert habe. Ein anderes Stück gelangte neuerdings lebend in die Hände eines unserer ersten Händler und gab Mützel Gelegenheit, seine treffliche Abbildung, die erste richtige, welche ich kenne, mit dem lebenden Tiere zu vergleichen.

Ein äußerst schmächtiger Leib mit langen klapperdürren Gliedern kennzeichnet die Spinnen- oder Klammeraffen (Ateles). Der Naturforscher, welcher sie zuerst Spinnenaffen nannte, hat sie am besten bezeichnet: — selbst der Laie kommt unwillkürlich zu solchem Vergleiche. Um die Tiere schärfer zu bestimmen, will ich noch erwähnen, daß ihr Kopf sehr klein, ihr Gesicht bartlos und der Daumen ihrer Vorderhand, falls überhaupt vorhanden, stummelhaft ist.

Südamerika bis zum 25. Grade der südlichen Breite ist die Heimat der Spinnenaffen, die Krone der höchsten Bäume ihr Aufenthalt.

Ihr Leben scheint außerordentlich einförmig zu verlaufen und das der verschiedenen Arten im wesentlichen gleichartig zu sein. „Sie leben“, sagt Tschudi, übereinstimmend mit anderen Forschern, „in Scharen von 10 oder 12 Stücken; zuweilen trifft man fie auch paarweise, nicht selten sogar einzeln an. Während mehrerer Monate bemerkten wir einen einzelnen Affen dieses Geschlechtes immer im nämlichen Gebiete; als er erlegt wurde, zeigte sich, daß er ein Männchen von nicht sehr vorgerücktem Alter war. Die Gesellschaften verraten sich durch fortwährendes Knittern der Baumzweige, welche sie sehr behend umbiegen, um geräuschlos vorwärts zu klettern. Angeschossen erheben fie ein lautes, gellendes Geschrei und suchen zu entfliehen. Die ganz jungen verlassen ihre Mutter nicht; auch wenn diese getötet worden, umklammern sie dieselbe fest und liebkosen sie noch lange, wenn sie bereits ganz starr an einem Baumaste hängt; es ist daher ein Leichtes, die Jungen einzufangen. Sie lassen sich mühelos zähmen, sind gutmütig, zutraulich und zärtlich, halten aber in der Gefangenschaft nicht lange aus. Leicht werden sie von Ausschlägen und Durchfällen befallen, wobei sie sich ganz jämmerlich gebärden.“

Die Arten unterscheiden sich wenig voneinander; gleichwohl ist es notwendig, mehrere von ihnen bildlich vorzuführen, wenn die mannigfachen Stellungen anschaulich gemacht werden sollen.

Von den in Guayana lebenden Klammeraffen sind zwei besonders häufig: der Koata (Ateles paniscus, Simia paniscus, S. 218) und der Marimonda oder Aru (Ateles beelzebuth, Simia beelzebuth). Ersterer ist einer der größeren seiner Gattung. Seine Leibeslänge beträgt etwa 1,35 w, wovon auf den Schwanz mehr als die Hälfte kommt, die Schulterhöhe ungefähr 40 em. Der Pelz ist grob, an den Schultern verlängert, auf dem Rücken überhaupt dichter als unten, auf der Stirn kammartig erhöht, tief schwarz von Farbe, nur im Gesichte rötlich, die Haut dunkel, auf den Handsohlen ganz schwarz. Dem gutmütigen Gesichte verleihen ein Paar lebhafte braune Augen einen einnehmenden Ausdruck.

In Quito, auf der Landenge von Panama und in Peru vertritt der Tschamek (Ateles pentadactylus, Simia, Ateles chamek) die Genannten. Er wird ungefähr 153 m lang, wovon der Schwanz freilich mehr als die Hälfte wegnimmt, trägt einen langen, tiefschwarzen Pelz und besitzt einen Daumenstummel.

Der Miriki (Ateles hypoxanthus oder oriodes, Brachyteles hypoxanthus), den uns namentlich Prinz Max von Wied kennen lehrte, bewohnt das Innere Brasiliens. Er

ist etwa 1,a m lang, starkleibig, kleinköpfig, kurzhalsig, langgliederig und dicht, fast wollig behaart. Gewöhnlich ist der Pelz fahlgelb, zuweilen aber auch weißlich graugelb gefärbt; die Innenseite der Glieder pflegt lichter zu sein. Das nackte Gesicht ist in der Jugend schwarzbraun, im Alter dunkelgrau, in der Mitte aber fleischrot. Der Daumen der Vorderhand ist ein kurzer Stummel ohne Nagel.

Wohl der schönste aller Klammeraffen ist der erst in neuerer Zeit von dem jüngeren Bartlett im östlichen Peru aufgefundene und zu Ehren seines Entdeckers benannte Gold—

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Tschamek (Ateles pentadactylus). ½ natürl. Größe.

stirnaffe (Ateles bartlettii). Der reiche, lange und weichhaarige Pelz hat auf der ganzen Ober- und Außenseite tiefschwarze Färbung; ein Stirnband ist goldgelb, der Backenbart weiß, die Unterseite des Leibes und Schwanzes, die Innenseite der Glieder nebst der Außenseite der hinteren Unterschenkel bräunlichgelb, etwas lichter als das Stirnband, hier und da durch einzelne schwarze Haare gesprenkelt. Alle nackten Teile des Gesichtes und der Hände sehen braunschwarz aus. Hinsichtlich der Größe scheint das prachtvolle Geschöpf den verwandten Arten der Gattung zu gleichen, weil weder Gray noch Bartlett, die Namengeber der Art, hierüber Mitteilungen machen.

Tſchamek (Ateles pentadactylus). ½ natürl. Größe.

Bartlett erhielt den Goldstirnaffen in den Gebirgen der Missionsgebiete des oberen Amazonenstromes unweit Xeberos von Indianern, welche das Tier außerordentlich schätzten, und erstand später in einer kleinen indianischen „Stadt“ ein jüngeres, von dem Alten kaum zu unterscheidendes Stück, welches dort lebend und ebenfalls sehr hoch gehalten wurde. Auf diese beiden Stücke begründet sich die Art.

Über das Freileben der Klammeraffen haben uns Humboldt, Prinz Max von Wied und Schomburgk belehrt. In Guayana finden sie sich nur in den tieferen Wäldern, höchstens bis zu einem Höhengürtel von 500 m über dem Meere; den kahlen Wald der Höhe

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Miriki (Ateles hypoxanthus). Vs natürl. Größe.

meiden sie gänzlich. In der Regel bemerkt man sie in Banden von ungefähr sechs Stücken, seltener einzeln oder paarweise und noch seltener in größeren Gesellschaften. Jede dieser Banden zieht, ihrer Nahrung nachgehend, still und ruhig ihres Weges, ohne sich um andere ungefährliche Geschöpfe zu bekümmern. Ihre Bewegungen find im Vergleiche zu dem traurigen Gehumpel der Brüllaffen schnell zu nennen. Die bedeutende Länge der Glieder fördert das Laufen und Klettern. Mit den langen Armen greifen sie weit aus und eilen deshalb, auch wenn sie nur wenig sich anstrengen, immerhin so schnell vorwärts, daß der Jäger durchaus keine Zeit zu verlieren hat, wenn er ihnen folgen will. In ihren Baumwipfeln benehmen sie sich geschickt genug. Sie klettern sicher und führen zuweilen kleine Sprünge aus; doch werfen oder schleudern sie ihre Glieder bei allen Bewegungen sonderbar hin

Miriki (Ateles hypoxanthus). Vs natürl. Größe.

und her. Der Schwanz wird gewöhnlich vorausgeschickt, einen Anhalt zu suchen, ehe der Affe sich entschließt, den Ast, auf welchem er sitzt, zu verlassen. Zuweilen findet man ganze Gesellschaften, welche sich anden Schwänzen aufgehängt haben und die auffallendsten Gruppen bilden. Nicht selten sitzt oder liegt auch die Familie in träger Ruhe auf Asten und Zweigen, behaglich sich sonnend, den Kopf oft nach hinten gebogen, die Arme auf dem

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Goldstirnaffe (Ateles bartlettii). ½ natürl. Größe.

Rücken verschränkt, die Augen gen Himmel gehoben. Auf ebenem Boden humpeln fie mühselig fort; man möchte selbst ängstlich werden, wenn man sie gehen sieht. Der Gang ist schwankend und unsicher im allerhöchsten Grade, und der lange Schwanz, welcher in der Absicht, das Gleichgewicht herzustellen, aus Verzweiflung hin und her bewegt wird, erhöht nur noch das Ungelenke der Bewegung. Übrigens haben europäische Beobachter die Klammeraffen niemals auf dem Boden gesehen, und Prinz Max von Wied behauptet, daß sie, solange sie gesund sind, nur dann auf die Erde herabkommen, wenn es ihnen unmöglich wird, von tiefen Zweigen aus zu trinken, wie sie sonst thun.

Die Fortpflanzung scheint an keine bestimmte Zeit des Jahres gebunden zu sein; wenigstens bemerkt Schomburgk, daß unter jeder Gesellschaft, welcher er begegnete, auch fast

Goldſtirnaffe (Ateles bartlettii). ½ natürl. Größe.

immer einige Junge sich befanden, welche von ihren Müttern häufiger unter den Armen als auf dem Rücken getragen wurden. Über die treue Anhänglichkeit der letzteren brauche ich nach dem vorher Gesagten kein Wort mehr beizufügen.

In den reichen Urwäldern können die wenig begehrenden Klammeraffen, welche sich mit Blättern und Früchten begnügen, niemand Schaden thun. Gleichwohl werden sie eifrig verfolgt. Die Portugiesen benutzen ihr Fell, die Wilden essen ihr Fleisch; manche Indianerstämme ziehen es allem übrigen Wildbret vor. Sie unternehmen in starken Gesellschaften Jagdzüge, auf denen Hunderte erlegt werden. Bei der Jagd werden die Baumwipfel sorgsam durchspäht und etwaige Zeichen beachtet. Die im Vergleiche mit dem Gebrülle der Heulaffen unbedeutende, aber doch immer noch laute Stimme verrät unsere Tiere schon aus ziemlicher Ferne. Sobald die harmlosen Waldkinder ihren furchtbarsten Feind gewahren, flüchten fie schnell dahin, die langen Glieder, zumal den Schwanz, in ängstlicher Haft vorwärts schleudernd, befestigen sich mit letzterem und ziehen rasch den unbeholfenen Leib nach sich. Zuweilen versuchen die Vertrauensseligen wohl auch, den Menschen durch Fratzenschneiden und lautes Geschrei abzuschrecken; zuweilen sollen sie, selbst wenn schon mehrere von ihnen dem Geschosse erlagen, wie besinnungslos das Walten des Schicksals über sich ergehen lassen, ohne zu flüchten. Die Angeschossenen harnen und lassen ihren breiigen Kot fallen. Schwerverwundete bleiben oft noch lange an Asten hängen, bis endlich der Tod die Muskeln löst und der Leib sausend zur Erde herabfällt. „Der Koata“, jagt Kappler, „ist nicht Jo träge wie der Brüllaffe; er kommt nicht an der Küste, sondern nur im höheren Lande vor. Das beinahe nackte, schmale rötliche Gesicht hat viel Ahnlichkeit mit dem einer alten Indianerin. Der bis 80 em lange Schwanz ist auf der Unterseite, wie beim Brüllaffen, auf etwa 25 em Länge ganz nackt, und er hat das feinste Gefühl in dieser Schwanzspitze, mit der er Sachen an sich zieht, und deren er sich oft wie einer Hand bedient. Wo er geht oder klettert, dient ihm die Schwanzspitze zur Stütze und zum Anklammern. Sind diese Affen im Klettern begriffen, soweiß man oft nicht, was Schwanz oder Fuß ist, und sie tragen den Namen Spinnenaffen mit Recht, weil sie, wenn sie in den Zweigen hängen, wie eine ungeheuere Spinne aussehen. Sie werden sehr zahm, sind aber weniger lebhaft und possierlich als der Kapuzineraffe. Sie leben bloß von Pflanzen und fressen sehr gern Baumknospen, aber nie Insekten. Von Läusen wird der Koata sehr geplagt, auch von Sandflöhen, wenn er in Gefangenschaft lebt und deshalb auf dem Boden umherläuft. Weil er stets seinen Schwanz um einen Ast geschlungen hat, so bleibt er, wenn er geschossen wird, manchmal an demselben hängen und fällt erst herab, wenn er in Verwesung übergeht. Die Indianer des Inneren schießen ihn deshalb mit Pfeilen, die mit dem Urarigifte bestrichen sind; die Muskeln erschlaffen davon, und das Tier fällt sogleich nach seiner Verwundung herab.“ „Einer unser Indianer“, erzählt Schomburgk, „brachte einen getöteten Koata mit, welchen er aus einer Herde erlegt hatte. Es ist dies unstreitig einer der häßlichsten Affen, und als die Jäger ihn unmittelbar nach ihrer Ankunft absengten, um ihn als Abendbrot zu verzehren, kam mir seine Ahnlichkeit mit einem Negerkinde (?) so überraschend vor, daß ich mich von dem Mahle abwenden mußte, um nicht alle meine kaum niedergekämpfte Abneigung wieder in mir erwachen zu lassen. Die Behauptung der Indianer, daß diese Affen bei ihrer Verfolgung trockene Zweige und Früchte abbrechen und sie nach ihren Verfolgern schleudern, wurde durch Goodall bestätigt, welcher an der Jagd teil genommen hatte.“

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