Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
der Haare zitronengelblichen oder bräunlichgelben Schein. Nicht sehr selten sind sie etwas rötlich, ja zuweilen so rot wie die der Männchen, so daß man erst durch die Besichtigung des getöteten Tieres sich von seinem Geschlechte überzeugen kann. Sieht man einen Trupp hoch oben auf dem Wipfel eines Baumes sitzen, so erscheinen im allgemeinen die Männchen rot, die Weibchen schwarz; die Jungen beiderlei Geschlechtes haben die Farbe der erwachsenen Weibchen. Leicht möglich ist es, daß bei den klimatischen Verschiedenheiten innerhalb des Verbreitungskreises des Brüllaffen auch mancherlei Veränderungen in der Farbe desselben auftreten werden; ja schon in einem verhältnismäßig kleinen Raume scheinen sich Farbenunterschiede bemerkbar zu machen. So glaube ich beobachtet zu haben, daß in den feuchten Wäldern, an den Flußufern der Tiefwälder unterhalb des Urwaldgürtels, die roten Weibchen viel häufiger waren als in den Bergen, und daß bei diesem Geschlechte die Spitzen der Haare, namentlich der Oberseite, um so mehr eine bräunlichgelbe Färbung annehmen, in je höherem und kälterem Klima die Tiere leben. Es wäre durchaus nicht auffallend, wenn die rote Farbe beider Geschlechter in den feuchten Urwäldern Nordbrasiliens dunkler würde und schließlich ins Schwarze überginge.“ An einer anderen Stelle bemerkt derselbe Naturforscher, daß ihn die Vergleichung der Schädel doch von der Verschiedenheit und Selbständigkeit mehrerer Arten überzeugt habe.
Der Aluate oder rote Brüllaffe (Mycetes seniculus, Simia, Cebus, Stentor seniculus) hat rötlichbraunen, auf der Rückenmitte goldgelben Pelz; die Haare sind kurz, etwas steif und am Grunde einfarbig; Unterhaare fehlen. Die Länge beträgt etwa 1,35 m, wovon freilich 70 em auf den Schwanz kommen. Das Weibchen ist kleiner und dunkelfarbiger.
Beim Caraya oder schwarzen Brüllaffen (Mycetes niger und caraya, Simia caraya, Stentor niger) ist das Haar bedeutend länger und einfarbig schwarz, nur an den Seiten etwas rötlich, beim Weibchen auch auf der Unterseite gelblich, und beträgt die Länge etwa 153 m, wovon die Hälfte auf den Schwanz kommt. Ersterer bewohnt fast den ganzen Osten Südamerikas, letzterer Paraguay.
Der Brüllaffe ist eines derjenigen amerikanischen Tiere, welches schon seit der ältesten geschichtlichen Zeit den Reisenden, immer aber nur unvollständig, bekannt wurde und deshalb zu vielen Fabeln Veranlassung gab. Solche haben heutigestages noch unter den nicht selbst beobachtenden Weißen und Indianern Geltung. Wir lassen sie gänzlich beiseite und halten uns dafür an unsere Gewährsmänner. „Nach meiner Ankunft“, sagt der trefflich beobachtende Schomburgk, „hatte ich bei Auf- und Untergang der Sonne aus dem Urwalde das schauerliche Geheul zahlreicher Brüllaffen herübertönen hören, ohne daß es mir bei meinen Streifereien gelungen wäre, die Tiere selbst aufzufinden. Als ich eines Morgens nach dem Frühstücke, mit meinem Jagdzeuge versehen, dem Urwalde zuschritt, schallte mir aus der Tiefe desselben abermals jenes wüste Geheul entgegen und setzte meinen Jagdeifer in volle Flammen. Ich eilte also durch Dick und Dünn dem Gebrülle entgegen und erreichte auch nach vieler Anstrengung und langem Suchen, ohne bemerkt zu werden, die Gesellschaft. Vor mir auf einem hohen Baume saßen sie und führten ein so schauerliches Konzert auf, daß man wähnen konnte, alle wilden Tiere des Waldes seien in tödlichem Kampfe gegeneinander entbrannt, obschon sich nicht leugnen ließ, daß doch eine Art von Übereinstimmung in ihm herrschte. Denn bald schwieg nach einem Taktzeichen die über den ganzen Baum verteilte Gesellschaft, bald ließ ebenso unerwartet einer der Sänger seine unharmonische Stimme wieder erschallen, und das Geheul begann von neuem. Die Knochentrommel am Zungenbeine, welche durch ihren Widerhall der Stimme eben jene mächtige Stärke verleiht, konnte man während des Geschreies auf
und nieder sich bewegen sehen. Augenblicke lang glichen die Töne dem Grunzen des Schweines, im nächsten Augenblicke aber dem Brüllen des Jaguars, wenn er sich auf seine Beute stürzt, um bald wieder in das tiefe und schreckliche Knurren desselben Raubtieres überzugehen, wenn es, von allen Seiten umzingelt, die ihm drohende Gefahr erkennt. Diese schauerliche Gesellschaft hatte jedoch auch ihre lächerlichen Seiten, und selbst auf dem Gesichte des düstersten Menschenfeindes würden für Augenblicke Spuren eines Lächelns sich gezeigt haben, wenn er gesehen, wie sich diese langbärtigen Konzertgeber starr und ernst einander anblickten. Man
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Brüllaffe (Mycetes niger). ½ natürl. Größe.
hatte mir gesagt, daß jede Herde ihren eigenen Vorsänger besäße, welcher sich nicht allein durch seine feine schrillende Stimme von allen tiefen Bassisten unterscheide, sondern auch durch eine viel schmächtigere und feinere Gestalt auszeichne. Ich fand die erstere Angabe bei dieser Herde vollkommen bestätigt; nach der feineren und schmächtigen Gestalt sah ich mich freilich vergeblich um, bemerkte dafür aber auf dem nächsten Baume zwei schweigsame Affen, welche ich für ausgestellte Wachen hielt: — waren sie es, so hatten sie ihre Dienste schlecht genug versehen; denn unbemerkt stand ich in ihrer Nähe.“
Diese anmutige Schilderung beweist uns hinlänglich, daß wir es bei den Brüllaffen mit höchst eigentümlichen Geschöpfen zu thun haben. Man kann, ohne einer Übertreibung
sich schuldig zu machen, behaupten, daß ihr ganzes Leben und Treiben eine Vereinigung von allerhand Absonderlichkeiten ist und deshalb der Beobachtung ein ergiebiges Feld bietet, während man andererseits anerkennen muß, daß die Indianer zu entschuldigen sind, wenn sie die Brüllaffen ihres trübseligen Außeren und ihres langweiligen Betragens halber mißachten und hassen. Selbst die Verleumdungen, welche man sich zu schulden kommen ließ, sind erklärlich, wenn man bedenkt, daß unsere Tiere weder im Freileben noch in der Gefangenschaft irgend welche Anmut, ja selbst irgend welche Abwechselung in ihrer Lebensweise zeigen. „Der Brüllaffe“, sagt Hensel, „lebt in dem Urwalde von Rio Grande do Sul in großer Menge; er ist dasjenige wilde Tier, welches man am leichtesten finden und jagen kann, ja das man zu vermeiden sogar Mühe hat. Er lebt in kleinen Trupps von 5—10 Stücken, welche ein bestimmtes, ziemlich kleines Gebiet haben, das sie nicht zu verlassen pflegen. In jedem Trupp findet sich wenigstens ein altes Männchen, welches gewissermaßen die Aufsicht zu führen scheint; in den meisten Fällen jedoch enthält der Trupp, wenn er nicht zu schwach ist, mehrere erwachsene Männchen, unter denen wahrscheinlich eines, das stärkste oder älteste, den Vorrang behauptet. Dabei geht es ohne Zweifel nicht immer ganz friedfertig zu, wie die Narben beweisen, welche man oft in den Gesichtern der Männchen, zuweilen auch in denen der Weibchen erblickt. Doch sind die Tiere im ganzen sehr harmlos und im Vergleiche zu anderen Affen ruhig und gleichgültig.“ Diese Angaben stimmen mit früheren Beobachtungen vollkommen überein. Doch mag noch erwähnt sein, daß unsere Affen in manchen Waldungen so häufig auftreten, daß Humboldt ihrer vierzig zu einer Bande vereinigt sah und schätzen durfte, es möchten auf einer Geviertmeile des Waldes wohl gegen 2000 (?) von ihnen leben. Während des Tages bilden die höchsten Bäume des Waldes den Lieblingsaufenthalt der Brüllaffen; bei anbrechender Dämmerung ziehen sie sich in das dichte, von Schlingpflanzen durchflochtene Laub der niedrigen Bäume zurück und überlassen sich hier dem Schlafe. Langsam, fast kriechend klettern sie von einem Aste zu dem anderen, Blätter und Knospen auswählend, langsam mit der Hand abpflückend und langsam sie zum Munde bringend. Sind sie gesättigt, so setzen sie sich inzusammengekauerter Stellung auf einem Aste nieder und verharren hier regungslos, wie uralte schlafende Männchen erscheinend; oder sie legen sich der Länge nach über den Ast hin, lassen die vier Glieder zu beiden Seiten steif herabhängen und halten sich eben nur mit dem Wickelschwanze fest. Was der eine thut, wird von den anderen langsam und gedankenlos nachgemacht. Verläßt eines der erwachsenen Männchen den Baum, auf welchem die Familie sich gerade aufhält, so folgen ihm alle übrigen Glieder der Gesellschaft rücksichtslos nach. „Wahrhaft erstaunlich“, jagt Humboldt, „ist die Einförmigkeit in den Bewegungen dieses Affen. So oft die Zweige benachbarter Bäume nicht zusammenreichen, hängt sich das Männchen an der Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Teile des Schwanzes auf, läßt den Körper frei schweben und schwingt ihn hin und her, bis es den nächsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht an derselben Stelle genau dieselbe Bewegung.“
Für die Brüllaffen ist der Schwanz unzweifelhaft das wichtigste aller Bewegungswerkzeuge; sie brauchen ihn, um sich zu versichern — und das thun sie in jeder Stellung — sie benutzen ihn, um etwas mit ihm zu erfassen und an sich zu ziehen. Immer und immer dient er hauptsächlich dazu, jeder ihrer langsamen Bewegungen die ihnen unerläßlich dünkende Sicherheit zu verleihen. Man kann nicht behaupten, daß sie schlecht klettern: sie sind im Gegenteile sehr geschickt; aber niemals machen sie wie andere Affen weite, niemals gewagte Sprünge. Beim Dahinschreiten halten sie sich fest an dem Aste, bis der hin- und hertastende Schwanz einen sicheren Halt gefunden und denselben mit einer oder zwei Windungen
in
umschlungenhat; beim Herabklettern versichern sie sich so lange an dem Aste, welchen sie verlassen wollen, bis fie mit den Händen einen neuen Halt gefunden, beim Aufwärtssteigen an dem unteren Aste, bis sie mit Händen und Füßen den oberen sicher gepackt haben. Die Kraft des Schwanzes ist größer als die der Hände, denn die Beugemuskeln an seiner Spitze sind so stark, daß sie, einer Uhrfeder vergleichbar, das Schwanzende immer zusammenrollen. Der Brüllaffe kann sich mit der Spitze seines Schwanzes, auch wenn er dieselbe nur mit einer halben Windung um den Ast schlingt, wie an einem Haken aufhängen, kann alles einem solchen Werkzeuge Mögliche ausführen und ist verloren, dem Verderben preisgegeben, wenn er seines Schwanzes beraubt wurde. Noch im Tode trägt der Schwanz längere Zeit die Last des Körpers, und nicht immer strecken sich unter dieser Last die eingerollten Muskeln: Azara erzählt, daß man zuweilen schon halb verfaulte Carayas noch fest an ihrem Aste hängen sieht. Wenig andere Tiere sind so ausschließlich an die Bäume gebunden wie die Brüllaffen. Sie kommen höchst selten auf die Erde hernieder, wahrscheinlich bloß dann, wenn es ihnen unmöglich ist, von den niederen Asten und Schlingpflanzen herab zu trinken. Humboldt sagt, daß sie nicht im stande wären, Wanderungen oder auch nur Wandelungen auf ebenem Boden zu unternehmen, und Rengger erklärt die Behauptung der Indianer, nach welcher die Brüllaffen manchmal über breite Ströme setzen sollen, für ein Märchen, welches den Fremden aufgebürdet wird. „Sie fürchten sich“, sagt er, „so sehr vor dem Wasser, daß, wenn sie durch das schnelle Anschwellen des Stromes auf einem Baume abgeschieden werden, sie eher verhungern, als durch Schwimmen einen anderen Baum zu gewinnen suchen. So traf ich einst eine solche Affenherde auf einem von Wasser rings umgebenen Baume an, welche, ganz abgemagert, sich vor Schwäche kaum mehr bewegen konnte. Sie hatte nicht nur alle Blätter und zarten Zweige, sondern sogar einen Teil der Rinde des Baumes verzehrt. Um den nahen Wald zu erreichen, hätte sie nur eine Strecke von 60 Fuß zu durchschwimmen gehabt.“ Derselbe Naturforscher versichert, niemals einen Brüllaffen auf freiem Felde gesehen oder seine Fährte irgendwo auf dem Boden angetroffen zu haben.
Wenn der Brüllaffe keine Nachstellung erfährt, hält er sich in einem bestimmten Gebiete auf, welches höchstens eine Meile Umfang haben mag. Oft verweilt eine Familie während des ganzen Tages auf einem und demselben Baume. Höchst selten sieht man einzelne. Die Familie hält sehr treu zusammen. „Sie scheinen sich“, sagt Hensel, „ihrer unschädlichen Stellung gleichsam bewußt zu sein; denn da, wo sie nicht durch Geschosse noch durch das Bellen der Hunde furchtsam gemacht werden, scheuen sie den Menschen durchaus nicht. Es kommt hier wohl vor, daß man sich unter einem Baume befindet, auf dem man bei zufälligem Hinaufblicken einen ganzen Trupp Brüllaffen erblickt, welche schon lange den Eindringling ernst beobachteten und erst dann die Flucht ergreifen, wenn sie sehen, daß sie die Aufmerksamkeit desselben erregt haben. Auch fliehen sie in einem solchen Falle nicht in übereilter Hast und ebensowenig weit, suchen sich vielmehr bald in den Wipfeln benachbarter hoher Bäume zu verbergen. Da, wo sie oft beunruhigt werden, sind sie viel scheuer und verschwinden schon bei dem ersten Laute des Hundes. Wenn sie sich verbergen, wissen sie alle Vorteile so geschickt zu benutzen, daß man zuweilen lange nach ihnen vergeblich sucht, obgleich man genau weiß, daß fie den Baum noch nicht verlaffen haben können. Namentlich schlüpfen sie gern in die dichten Büsche von Schmarotzerpflanzen und verharren hier regungslos. Mit Hilfe eines Glases erkennt man dann zuweilen das schwarze Gesicht inmitten eines Orchideenbusches, wie es unverwandt den Jäger anstiert, um sich keine seiner Bewegungen entgehen zu lassen; doch wird der Pelz der alten Männchen gewöhnlich zum Verräter, da er, wenn er aus dem Verstecke hervorleuchtet, nicht leicht eine Mißdeutung zuläßt.