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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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„Wenn im Sommer die Strahlen der Morgensonne die Kühle der Nacht und die Nebel der Thäler an den Berglehnen vertrieben haben, dann löst die kleine Gesellschaft der Brüllaffen den Klumpen auf, zu welchem geballt sie auf den Asten eines stark belaubten Baumes die Nacht zugebracht hatte. Der Trupp sucht zunächst das Nahrungsbedürfnis zu befriedigen, und ist dies geschehen, so bleibt ihm bis zum Eintritte der drückenden Tageshitze noch immer so viele Zeit übrig, um sich auch dem geselligen Vergnügen widmen zu können, das bei einem so ernsthaften Tiere selbstverständlich frei ist von aller Unziemlichkeit, welche seine Gattungsgenossen kennzeichnet. Die Gesellschaft hat sich jetzt eine riesige Wildfeigenart ausgesucht, deren dichtes Blätterdach gegen die Sonnenstrahlen schützt, während die gewaltigen wagerechten Aste vortrefflich zu Spaziergängen geeignet sind. Einen dieser Aste, in dessen Nähe sich die Mitglieder der Gesellschaft nach Belieben gruppiert haben, wählt sich das Familienhaupt und schreitet darauf ernst würdig mit erhobenem Schwanze hin und her. Bald beginnt es, anfangs etwas leise, einzelne abgebrochene Brülltöne auszustoßen, wie es der Löwe zu thun pflegt, wenn er sich zu einer Kraftleistung seiner Lunge vorbereitet. Diese Laute, welche aus einer Ein- und aus einer Ausatmung sich gebildet zu haben scheinen, werden immer heftiger und in schnellerer Reihenfolge ausgestoßen; man hört, wie die Erregung des Sängers wächst. Endlich hat fie ihren höchsten Grad erreicht; die Zwischenpausen werden ver: schwindend klein, und die einzelnen Laute verwandeln sich in ein fortdauernd heulendes Gebrüll. In diesem Augenblicke scheint eine unendliche Begeisterung die übrigen, bis dahin stummen Mitglieder der Familie, männliche wie weibliche, zu ergreifen: sie alle vereinigen ihre Stimme mit der des Vorsängers, und wohl 10 Sekunden lang tönt der schauerliche Chorus durch den stillen Wald. Den Beschluß machen wieder einzelne Laute, wie sie den Hauptgesang eingeleitet haben. Doch hören sie eher auf als diese. „Die in der ganzen Klasse der Säugetiere einzig dastehende Stimme überrascht nicht durch ihre unbedingte Stärke: denn hierin kann sie sich mit dem Gebrülle des Löwen oder des brünstigen Edelhirsches nicht messen, sondern durch das Verhältnis derselben zu einem so kleinen Körper, welcher nicht schwerer zu sein pflegt als der eines starken Fuchses. Man hat oft versucht, die Stimme des Brüllaffen zu beschreiben; wer sie jedoch nicht selbst gehört hat, wird sich davon keine genügende Vorstellung machen können.“ |

Am häufigsten und lebhaftesten schreien die Brüllaffen, laut Rengger, in der war: men Jahreszeit, zumal des Morgens und Abends. Bei kaltem oder regnerischem Wetter hört man fie selten, in der Nachtzeit niemals. (2) Zuweilen brüllen fie stundenlang mit fur: zen Unterbrechungen fort. Humboldt erprobte, daß man das Heulen bis auf 155 km Entfernung höre, und der Prinz von Wied glaubt, daß es noch weiter vernehmbar sei; doch stützt sich Humboldts Angabe auf genaue Beobachtung und nicht auf Schätzung. Man hat beobachtet, daß die fliehenden Affen, wohl aus Angst, beständig ihren breiigen Kot fallen lassen: die Sage, welche erzählt, daß die verfolgten Tiere ihre Feinde mit Kot bewerfen, ist somit erklärt.

Kappler sagt vom roten BrüllaffeninGuayana: „Er lebt in kleinen Trupps von selten mehr als 10 Individuen, worunter aber immer ein altes ausgewachsenes Männchen sich befindet, das auf den Bäumen einen höheren Sitz als die anderen einnimmt und das schauerliche Konzert leitet. Jedesmal, wenn ich die Schreier aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, saß ein altes Männchen oben im Baume, hielt sich mit den Vorderfüßen und hatte den langen Greifschwanz um einen Ast geschlungen, während andere Männchen, Weibchen und Junge in verschiedenen Stellungen etwas niederer saßen. Plötzlich hob der Alte ein entsetzlich röchelndes Rochu, Rochu“ an, das, nachdem es sich fünf- bis sechsmal wiederholt hatte, in ein Gebrüll überging, in das alle übrigen einstimmten und zwar so stark, daß man befürchten mußte, das Gehör zu verlieren. Es ist von einer solchen

Stärke, daß man es in stillen Nächten wohl 2 Stunden weit hören kann (?). Das Gebrüll der Tiger, das Pichegru und seine Genossen auf ihrer Flucht von Cayenne nach Surinam so sehr entsetzte, war offenbar nichts als das Geschrei der Brüllaffen, das wohl jeden, der es zum erstenmal hört und nicht weiß, daß es von diesen harmlosen Affen herkommt, mit Furcht erfüllen muß. Was dem Tiere Anlaß zu diesem Geschrei gibt, weiß ich nicht. In der Kolonie glaubt man, es schreie nur, wenn die Meeresflut anfängt; das ist aber irrig, denn diese Affen schreien zu jeder Tageszeit. Es mögen wohl eigene atmosphärische Eindrücke sein, die sie zum Schreien bestimmen; geschlechtliche Triebe können es nicht sein, denn sonst würden nicht Alte und Junge miteinander schreien. Der Brüllaffe ist träge und melancholisch; er springt bloß, wenn er verfolgt wird, sonst klettert er bedächtig, sich stets mit dem Schwanze haltend, auf den Bäumen umher. Jung gefangen wird er sehr zahm und zutraulich, spielt auch mit Katzen und Hunden, ist aber meist traurig. Entfernt sich die Person, die er liebhat, so ist sein immerwährendes Röcheln und Geschrei höchst unangenehm. Sie haben einen eigentümlich widerlichen Geruch, so daß man die Nähe von Brüllaffen im Walde leicht riecht. Sie bringen nur ein Junges zur Welt. Ihr Hauptfeind ist der Haubenadler.“ N

Alles, was der Brüllaffe bedarf, bietet ihm sein luftiger Aufenthalt in Fülle. Die Mannigfaltigkeit und der Reichtum der verschiedenen Früchte lassen ihn niemals Mangel leiden. Neben den Früchten frißt er Körner, Blätter, Knospen und Blumen der verschiedensten Art, wahrscheinlich auch Kerbtiere, Eier und junge, unbehilfliche Vögel. Den Pflanzungen wird er niemals schädlich, wenn er sich auch tagelang am Saume derselben aufhält: er zieht Baumblätter dem Mais und den Melonen vor.

Zuweilen sieht man ihn, nach Hensel, mit der Spitze des Wickelschwanzes an einem Zweige hängen und die Blätter eines unter ihm befindlichen Astes pflücken, um sie noch im Herabhängen in den Mund zu stopfen und zu verzehren. Daß die Nahrung vorzugsweise in Blättern besteht, beweisen nicht nur die stets schwarzen Zähne, sondern auch der Magen der Erlegten, welcher immer einen grünlichen Speisebrei wie von zerkauten Blättern enthält.

In Südamerika wirft das Weibchen im Juni oder Juli, manchmal auch schon zu Ende Mai oder erst Anfang August ein einziges Junges. Hensel versichert, daß die Fortpflanzung der Brüllaffen an keine bestimmte Jahreszeit gebunden ist; denn man findet neugeborene Junge das ganze Jahr hindurch und kann also auch an einem und demselben Tage Keimlinge und Junge der verschiedensten Entwickelungs- und Altersstufen sammeln. Niemals scheinen sie mehr als ein Junges zu haben. Während der ersten Woche nach der Geburt hängt sich der Säugling wie bei den altweltlichen Affen mit Armen und Beinen an den Unterleib der Mutter an; später trägt diese ihn auf dem Rücken. Sie legt ihre Gefühle nicht durch Liebkosungen an den Tag, wie andere Affen es thun, verläßt aber doch das Pfand ihrer Liebe wenigstens in der ersten Zeit niemals, während sie später das schon bewegungsfähiger gewordene Kind bei ängstlicher Flucht manchmal von sich abschüttelt oder gewaltsam auf einen Ast setzt, um ihren eigenen Weg sich zu erleichtern. Indianer, welche letzteres sahen, haben behauptet, daß die Brüllaffenmutter überhaupt lieblos und gleichgültig gegen ihre Jungen wäre; der Prinz von Wied sagt aber ausdrücklich: „Gefahr erhöht die Sorge der Mutter, und selbst tödlich angeschossen, verläßt sie ihr Junges nicht.“ Dieses ist ebenso langweilig wie die Alte und, zumal wegen des großen Kehlkopfes, womöglich noch häßlicher. „Die Feinde der Brüllaffen“, sagt Hensel, „sind außer dem Menschen natürlich nur solche Raubtiere, welche die Bäume besteigen, namentlich der Puma, der Ozelot und vor allem die Hirare, nächst dem Vielfraß der N unter den Mardern. Ich habe den es eines

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.

solchen Tieres heimgebracht, welches bei Tage von einem Jäger in dem Augenblicke erlegt wurde, als es mit einem starken, schon halb erwürgten männlichen Brüllaffen vom Baume herabkam. Das furchtbare Geschrei der ganzen Affengesellschaft hatte den Jäger herbeigelockt, welcher eben noch zur rechten Zeit kam, um den Räuber zu strafen. Vielleicht die gefährlichsten Feinde besitzt der Brüllaffe unter den Vögeln. Ein großer weißer Raubvogel, welcher aber sehr selten sein und nur im Dunkel der Wälder fliegen soll, wahrscheinlich eine Harpyie, raubt die jungen Affen. Wie der Sperber über das Gebüsch ftreicht, jo jagt er dicht über den Baumwipfeln einher, fährt unter den arglosen Affentrupp und reißt den Müttern die Jungen vom Rücken. Der Schrecken der so unvermutet überfallenen Tiere ist so groß, daß sie die Verteidigung, selbst die Flucht vergessen und nur mit jämmerlichem Geschrei die Hände zur Abwehr über die Köpfe halten.“

In den von Hensel bereisten Teilen Südamerikas jagt man den Brüllaffen mit Hunden. Letztere besitzen eine große Vorliebe für diesen Affen, welcher ihnen das angenehmste Futter unter allem Wilde ist, während sie den Kapuzineraffen selbst im größten Hunger nicht anrühren. Dabei ist der Geruch, welchen der Brüllaffe verbreitet, ein sehr starker und den Menschen unangenehmer. Namentlich gilt das vom Harn und Kot. Die Hunde jedoch sind anderer Meinung, und da sie bereits den kleinsten Tropfen Harn, welcher von den Bäumen auf den Boden oder die Blätter der Sträucher gefallen ist, auffinden und dann stundenlang unter solch einem Baume bellen, darf man sie nur in den Wald lassen, um in kurzer Zeit eine Gesellschaft der Brüllaffen zu ermitteln. Schießt man einige Male diese Tiere, so gewöhnen sich die Hunde bald so an die Affenjagd, daß sie nichts anderes jagen wollen und bloß nach Affen suchen. Daher werden diese von den Jägern stets ge— Ihont, und nur hier und da findet sich ein Brasilianer, welcher sie ihres Fleisches wegen schießt. Für die Affenhunde ist schon der erste Ton des Gebrülles der Affen das Zeichen zur Jagd, und ihr Bellen unter dem bald gefundenen Baume unterbricht sogleich den Gesang der letzteren, welche sich verbergen oder flüchten. In einsamer Gegend jedoch oder da, wo sie nicht beunruhigt werden, steigt das alte Männchen auf einen der unteren Aste und beginnt von hier aus ein Gezänk mit den Hunden, welches diese zur höchsten Wut entflammt. Schießt man jetzt das Tier herunter, so fürchten die Hunde nicht mehr den schweren Fall desselben, sondern ergreifen es schon in der Luft. Bei einem solchen Streite mit den Hunden nimmt die Stimme des Brüllaffenmännchens einen etwas veränderten Ton an und gleicht genau der eines bösartigen Schweines, welches, wenn ein Unbekannter in den Stall tritt, für die Sicherheit seiner Nachkommenschaft fürchtet.

Wenn man auf Brüllaffen schießt, rennen sie so schnell als möglich davon; und selbst unverwundete Tiere verlieren zuweilen dabei Harn und Kot, obwohl dies gewöhnlich nur Schwerverwundeten, welche sich nicht mehr retten können und nun in die höchste Angst geraten, begegnet, namentlich, wenn fie von einem Baume auf den anderen wollen. Einen höchst er: heiternden Anblick gewährt es, laut Hensel, wenn im ersten Schrecken eines der fast halb erwachsenen Jungen einem der alten Männchen auf den Rücken springt, um so schneller davonzukommen, aber durch eine kräftige Ohrfeige von dem Erzürnten belehrt wird, daß der verlangte Liebesdienst nicht mit den Pflichten des Familienvaters verbunden ist. „Der Brüllaffe“, fährt Hensel fort, „besitzt eine große Lebensfähigkeit und flüchtet noch nach Verwundungen, unter denen andere Tiere unfehlbar von den Bäumen herabstürzen müßten. Aber selbst dann, wenn der Brüllaffe tödlich verwundet wird und stirbt, entgeht er nicht selten noch dem Jäger, besonders nach Schrotschüssen. Verliert nämlich das geschossene Tier das Bewußtsein plötzlich, so stürzt es vom Baume; in anderen Fällen hat es aber noch Zeit, sich mit der Spitze seines Wickelschwanzes an irgend einem dünnen Aste festzuhängen, und bleibt auch nach dem Tode noch tagelang in dieser Lage, bis die Befestigung

Brüllaffen: Jagdweisen. Nutzen. Zähmbarkeit. St

allmählich von einem starken Winde gelockert und endlich aufgelöft wird. Man sieht hier: aus, daß das Aufhängen selbst zwar willkürlich geschieht, das Hängenbleiben aber mechanisch ist. Alle eigentlichen Wickelschwänze zeigen an der Unterseite der flachen Spitze des Schwanzes eine lange kahle Fläche, welche dieselbe samtartige Rauhigkeit, überhaupt denselben Bau wie der Handteller hat. Will sich der Affe festhängen, so erreicht er dies mit zwei Windungen, deren zweite über die erstere weggeht, wobei die Rauhigkeit der Greiffläche das Abgleiten verhindert. Man kann auf diese Weise sehr leicht einen toten Affen an einem Stocke ebenso fest aufhängen, wie der Lebende hängt, und erst wenn durch das Hin⸗ und Herschwanken die zweite Windung von der ersten abgleitet, fällt das Tier herab.“

Unsere besten Gewehre können übrigens mit der furchtbaren und doch so einfachen Waffe der Indianer, dem Blasrohre, sich nicht messen. Deshalb fällt es den Rothäuten viel leichter als uns, Brüllaffen zu erlegen. Trotz der unübertrefflichen Geschicklichkeit, mit welcher sie ihre Waffe zu führen wissen, besteigen sie noch gern einen der benachbarten Bäume und senden von dessen Wipfel aus das tödliche Geschoß nach der harmlosen Herde.

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