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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Die Breitnasen unterscheiden sich regelmäßig durch ihren Körper- und Gliederbau sowie durch ihre Zahnbildung von ihren Vettern im Osten. Ihr Leib ist gewöhnlich schmächtig und schlankgliederig; der Schwanz fehlt nie und verkümmert auch nie gänzlich, wird vielmehr häufig zur fünften Hand, indem er sich an seiner Spitze durch kräftige Muskeln zusammenrollen und deshalb als Greifwerkzeug gebrauchen läßt. Der Daumen der Vorderhände kann den übrigen Fingern nicht in demselben Grade gegenübergestellt werden, wie dies an den Füßen der Fall ist. Die Nägel sind platt. Anstatt 32 Zähnen bilden 36 das Gebiß; es finden sich auf jeder Seite 6 Backenzähne. Backentaschen und Gesäßschwielen sind nie vorhanden. Die Nasenscheidewand ist breit. Kein einziges Mitglied der ganzen Familie erreicht eine bedeutende Affengröße, und keines hat eine vorspringende Schnauze. Ihre Färbung ist zwar mannigfaltig, aber niemals so bunt wie die vieler Affen Asiens und Afrikas.

Der Heimatskreis der Breitnasen beschränkt sich auf das südamerikanische Reich. Die Nordgrenze desselben bildet etwa der 29. Nordbreitengrad. Nach Westen hin begrenzt die Andenkette, nach Osten hin das Atlantische Meer, nach Süden hin der 25. Breitengrad ihr Gebiet. Alle Breitnasen sind ausschließlich Baumtiere und deshalb vorzugsweise in den Urwäldern zu Hause. Wasserreiche oder sumpfige Gegenden lieben sie mehr als trockene. Auf die Erde kommen sie bloß im äußersten Notfalle herab; auch zur Tränke gehen sie nicht so wie andere Tiere, sondern klettern an Schlingpflanzen, überhängenden Asten und dergleichen bis auf das Wasser herab und trinken, ohne die Zweige zu verlassen. Es ist wohl möglich, daß einzelne dieser Affen Hunderte von Meilen zurücklegen, ohne auf ihrem Wege jemals

die Erde zu berühren. Die Bäume bieten ihnen alles, was sie bedürfen; denn ihre Nahrung besteht nur aus Pflanzenteilen aller Art sowie aus Kerbtieren, Spinnen, Vogeleiern oder jungen Nestvögeln und Honig, und nur wenige plündern zuweilen in einer Pflanzung.

Die meisten Arten find am Tage rege, einige wenige aber Dämmerungs- und wirt: liche Nachttiere. Die einen wie die anderen sind zu ihrer Zeit lebhaft und gewandt; jedoch gibt es unter ihnen mehrere äußerst träge Arten, gewissermaßen die Orang-Utans der Neuen Welt. Das Klettern verstehen alle vortrefflich und wissen dabei, wie ich schon oben andeutete, ihren ausgezeichneten Schwanz vorzüglich zu gebrauchen. Dieser Schwanz ist geradezu alles in allem für viele der sonst sehr tölpischen Tiere; sie könnten ohne ihn gar nicht leben. Ihre Ungeschicklichkeit macht eine beständige Versicherung des Leibes nötig, und eine solche gewährt der Wickelschwanz unter allen Umständen. Fast bei jeder Stellung, auch während der tiefsten Ruhe schlingt der Affe seinen Schwanz um irgend etwas und sei es selbst um eines seiner eigenen Glieder. Die Muskelstärke des Schwanzes, welche die aller übrigen Gliedmaßen weit übertrifft, und das feine Gefühl in dem Schwanzende ermöglicht ihnen den umfassendsten Gebrauch des merkwürdigen Geschenkes der Natur für ihr stilles Leben und ersetzt vielfach die ihnen fehlende geistige wie leibliche Behendigkeit ihrer überseeischen Vettern. Trotz alledem sind ihnen die echten Baumaffen der Alten Welt im Springen und Klettern entschieden überlegen. Der Gang der Neuweltsaffen geschieht fast immer auf allen vieren und ist stets mehr oder weniger unbeholfen, unsicher und schwankend.

In ihrer geistigen Begabung stehen sie weit hinter ihren östlichen Verwandten zurück. Sie erscheinen im ganzen zwar als sanfte, gutmütige und zutrauliche, aber auch dumme, ungeschickte, ungelehrige und schwerfällige Geschöpfe. Einzelne zeigen sich neugierig, mutwillig und neckisch, andere dagegen grämlich, eigensinnig, boshaft, tückisch und bissig. Lüstern, genäschig, diebisch und habsüchtig sind sie auch, besitzen also ebenfalls schlechte Eigenschaften genug — und die guten Seiten der altweltlichen Affen gehen ihnen dafür ab. Wenn man zwischen alt- und neuweltlichen Affen zu wählen hat, wird man wohl niemals lange in Zweifel bleiben, welche uns besser gefallen. In der Freiheit sind diese regelmäßig scheu und furchtsam und nicht im stande, wirkliche Gefahr von eingebildeter zu unterscheiden. Deshalb fliehen sie bei jeder ungewöhnlichen Erscheinung und suchen sich so rasch als möglich in dichtem Gezweige zu verbergen. Angeschossene beißen tüchtig nach dem, welcher sie fassen will; Gesunde verteidigen sich wohl bloß gegen schwache Raubtiere. Sie sind kraftlose, feige Tiere. In der Gefangenschaft benehmen sie sich bald artig und zutraulich, werden im Alter aber doch auch böse und bissig, wenngleich nicht immer. Ihre geistige und leibliche Trägheit, ihr schwermütiges Aussehen, die kläglichen Töne, welche sie und oft mit merkwürdiger Ausdauer ausstoßen, ihre Unreinlichkeit, Weichlichkeit und Hinfälligkeit: alle diese Eigenschaften und Sitten empfehlen sie nicht als Hausgenossen und Zeitvertreiber des Menschen. Einige wenige Arten machen freilich eine rühmliche Ausnahme und werden deshalb auch häufig zahm gehalten und mit großer Liebe gepflegt. Manche besitzen einen hohen Grad von Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, drücken ihre Gefühlsbewegungen durch Schmunzeln oder Klagen aus und werden aus diesem Grunde namentlich weichherzigen Frauen besonders teuer. Ihre Mutterliebe ist ebenso erhaben wie die der altweltlichen Affen. Sie gebären ein oder zwei Junge auf einmal und lieben, hätscheln, pflegen und beschützen dieselben mit einer Sorgfalt und Herzlichkeit, welche ihnen immer Bewunderung und Anerkennung erwerben muß.

Dem Menschen werden die Neuweltsaffen nicht oder kaum schädlich. Der weite, große, reiche Wald ist ihre Heimat, ihr Ernährer und Versorger; sie bedürfen des Herrn der Erde und seiner Anstalten nicht. Nur wenige Arten fallen zuweilen in waldnahe Felder ein und

erheben sich dort einen geringen Zoll, der gar nicht im Verhältnis steht zu den Erpressungen, welche die Altweltsaffen sich erlauben. Der Mensch jagt sie ihres Fleisches und ihres Pelzes wegen. Mancher Reisende hat längere Zeit die Affen als schätzbares Wildbret betrachten und aus ihrem Fleische Suppen und Braten sich bereiten müssen, und manche schöne Frau birgt und wärmt ihre zarten Hände in einer Hülle, welche früher den Leib eines Affen bekleidete. Für die Eingeborenen Amerikas ist der Affe ein außerordentlich wichtiges Tier; denn sein Fleisch bildet einen guten Teil ihrer Nahrung. Sie jagen ihm eifrig nach. Gewöhnlich bedienen sie sich des Bogens, nicht selten wenden sie aber auch das Blasrohr und kleine, jedoch mit dem fürchterlichsten Gifte getränkte Pfeile an. Zwar versuchen es alle Affen, den kleinen Pfeil so schnell als möglich aus der Wunde zu ziehen; allein der schlaue Mensch hat das Geschoß halb durchschnitten, und deshalb bricht fast regelmäßig die Giftspitze ab und bleibt in der Wunde stecken — furchtbar genug, um auch einem ganz anderen Tiere die Lebenskraft zu rauben.

Mit derselben Waffe erbeuten die Indianer auch diejenigen Affen, welche sie für die Gefangenschaft wünschen. „Wollen die Arekunas“, sagt Schomburgk, „einen alten, störrischen Affen zähmen, so bestreichen sie das Pfeilchen mit geschwächtem Urarigifte. Stürzt er betäubt herab, so wird die Wunde gleich ausgesogen; alsdann begraben sie ihn bis an den Hals in die Erde und flößen ihm eine starke Auflösung salpeterhaltiger Erde oder Zuckerrohrsaft ein. Ist der Leidende etwas zu sich gekommen, so wird er herausgenommen und wie ein Wickelkind umschlungen. In dieser Zwangsjacke bekommt er einige Tage lang nur Zuckersaft zum Getränke und in Salpeterwasser gekochte, stark mit spanischem Pfeffer gewürzte Speisen zur Nahrung. Schlägt diese Gewaltkur nicht an, so wird der Unbändige eine Zeitlang im Rauche aufgehangen. Bald legt sich nun die Wut, das heimtückische Auge wird mild und fleht um Verzeihung. Dann werden die Banden gelöst, und selbst der bissigste Affe scheint nun vollkommen vergessen zu haben, daß er jemals frei im Walde gelebt.“

In unsere Käfige gelangen verhältnismäßig wenige Mitglieder dieser Familie und auch diese nicht regelmäßig. Am häufigsten sieht man die Rollaffen auf unserem Tiermarkte, viel seltener einen Klammeraffen, höchst selten einen Spring-, Schweif- und Nachtaffen. Lebende Brüllaffen sind, soviel mir bekannt, bloß in wenigen Stücken nach Europa gekommen.

Man teilt die Breitnasen ein in zwei Unterfamilien, unter denen wir die Greifschwänze (Cebidae) voranstellen. Ihr Greifschwanz unterscheidet fie von den Mitgliedern der übrigen Hauptgruppe, den Schlaffschwänzen (Pithecidae)

Unter den Greifschwänzen wollen wir der Gattung der Brüllaffen (Mycetes) den ersten Rang einräumen. Ihr Körper ist gedrungen, ihr Kopf hoch, pyramidenförmig, die Schnauze vorstehend; der Vorderdaumen ist dünn. Die dichte Behaarung ist am Kinne bartartig verlängert. Als eigentümliches Merkmal der Brüllaffen muß vor allem das blasenartig aufgetriebene Zungenbein angesehen werden. Alexander von Humboldt war der erste Naturforscher, welcher dieses Werkzeug zergliederte. „Während die kleinen amerikanischen Affen“, sagt er, „die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches dünnes Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen auf einer ausgedehnten Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs Taschen, in denen sich die Stimme fängt, und wovon zwei tauben-nestförmige große Ahnlichkeit mit dem unteren Kehlkopfe der Vögel haben. Der dem Brüllaffen eigene klägliche Ton entsteht, wenn die Luft gewaltsam in die Knochentrommel einströmt. Wenn man bedenkt, wie groß die Knochenschachtel ist, wundert man sich nicht mehr über die Stärke und den Umfang der Stimme dieser Tiere, welche ihren Namen mit vollem

Rechte tragen.“ Der Schwanz der Brüllaffen ist sehr lang, mit an der Unterseite nacktem Ende, kahl, nerven- und gefäßreich und sehr muskelkräftig, daher zu einem Greifwerkzeuge gestaltet.

Weitverbreitet, bewohnen die Brüllaffen fast alle Länder und Gegenden Südamerikas. Dichte, hochstämmige und feuchte Wälder bilden ihren bevorzugten Aufenthalt; in den Steppen finden sie sich nur da, wo die einzelnen Baumgruppen zu kleinen Wäldern sich vergrößert haben und Wasser in der Nähe ist. Trockene Gegenden meiden sie gänzlich, nicht aber auch kühlere Landstriche. So gibt es in den südlicheren Ländern Amerikas Gegenden, in denen der schon merkliche Unterschied zwischen Sommer und Winter noch gesteigert wird durch die Verschiedenheit in der Hebung über den Meeresspiegel. Hier stellen sich, laut Hensel, im Winter heftige Nachtfröste ein, und am Morgen ist der Wald weiß bereift; die Pfützen frieren so fest zu, daß das Eis die schweren Bisamenten der Ansiedler trägt und man selbst mit faustgroßen Steinen auf dasselbe werfen kann, ohne es zu zerbrechen. „Freilich hält eine solche Kälte nicht lange an, und die warme Mittagssonne zerstört wieder die Wirkungen der Nacht. Empfindlicher als diese Fröste sind die kalten Winterregen, welche nahe am Gefrierpunkte oft mehrere Tage, ausnahmsweise auch Wochen, anhalten und von einem durchdringend kalten Südwinde begleitet werden. Während das zahme Vieh, wenn es nicht gut genährt ist, diesen Witterungseinflüssen leicht unterliegt, befindet sich die wilde Tierwelt ganz wohl dabei; und sobald an heiteren Tagen die Sonne zur Herrschaft gelangt, ertönt auch wieder die Stimme des Brüllaffen als Zeichen seines ungestörten Wohlbefindens. Wenn man an solchen Tagen des Morgens, sobald die Wärme der Sonnenstrahlen anfängt sich bemerkbar zu machen, einen erhöhten Standpunkt gewinnt, so daß man das ganze Blättermeer eines Gebirgsthales vor sich ausgebreitet sieht, entdeckt man auf demselben auch mit unbewaffnetem Auge hier und da rotleuchtende Punkte: die alten Männchen der Brüllaffen, welche die trockenen Wipfel der höchsten Bäume erstiegen haben und hier, behaglich in einer Gabel oder auf dichtem Zweige ausgestreckt, ihren Pelz den wärmenden Strahlen der Sonne darbieten. Das Außerste erreicht die Winterkälte von Rio Grande do Sul auf der Hochebene der Sierra, wo keine Orange mehr gedeiht und die Wirkungen der Winterstürme, welche aus den Pampas und von Patagonien her wehen, besonders hart empfunden werden. Hier fällt nicht selten Schnee in dichten Lagen und bleibt mehrere Tage liegen; niemals aber hat man bemerkt, daß die Kälte den Brüllaffen Abbruch gethan hätte.“

Unserer Lebensschilderung liegen die Beobachtungen zu Grunde, welche Alexander von Humboldt, Prinz Max von Neuwied, Rengger, Schomburgk, Hensel und Kappler über die Brüllaffen gesammelt haben. Nach Ansicht der Erstgenannten beziehen sich ihre Beschreibungen auf zwei verschiedene Arten: den Aluaten und den Caraya. „Die Brüllaffen von Rio Grande do Sul“, sagt Hensel, „haben einen außerordentlich dicken Pelz, namentlich auf der Oberseite des Kopfes und Körpers, während die Bauchseite und die Innenseite der Schenkel nur sparsam behaart sind; das Haarkleid schien im Sommer und Winter gleich stark zu sein, wenigstens ist mir hier, auch bei anderen Tieren, kein Unterschied zwischen Sommerund Winterbälgen aufgefallen. Doch muß ich bemerken, daß ich im Nationalmuseum zu Rio de Janeiro mehrere ausgestopfte Brüllaffen von Paraguay, schwarze sowohl wie rote, gesehen habe, welche sich durch ein kurzes, dünnes und glatt anliegendes Haarkleid auszeichnen, während andere aus der Provinz Santa Catharina denen von Rio Grande do Sul glichen. Die Farbe der Tiere ist eigentümlich und bei beiden Geschlechtern verschieden: die Männchen sind rot und gleichen in der Farbe genau unserem Eichhörnchen; gewöhnlich ist die Oberseite, namentlich der Oberkopf, und das Kreuz heller, zuweilen gelbrot, in seltenen Fällen ist sogar das ganze Tier mehr gelb als rot; manche Stücke sind rotbraun bis schwarzbraun. Die immer viel kleineren Weibchen sind schwarzbraun; doch zeigen auf der Oberseite die Spitzen

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