Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
in dieselbe Nachtherberge. Kafferadler, wohl auch Lämmergeier und Leopard sind ihre Hauptfeinde.“
Nicht ohne Grund trennte man die scheußlichsten aller Paviane, welche uns bis jetzt bekannt geworden find, von den übrigen; denn sie unterscheiden sich von diesen sehr wesentlich. Aber der Leib als solcher zeigt den Bau der Verwandten; der Kopf, insbesondere der
Mr
{ = EN ) N N Rz St.
u
NN, Mr DE „ N \ w
AL, De N I,
Mandrill (Cynocephalus mormon). ½ů natürl. Größe.
Schädel, ist unverhältnismäßig groß; die sehr kleinen Augen stehen eng zusammen; der Augenhöhlenrand erhebt sich leistenartig; auf der Nase verläuft beiderseitig eine anschwellbare gefurchte Längswulst. Die Glieder sind sehr kräftig; der Schwanz ist ein kurz angesetzter aufrecht stehender Stummel; die Schwielen breiten sich über den ganzen Hintern aus. Auch die Bekleidung hat ihr Absonderliches: der Pelz verlängert sich am Hinterkopfe und Nacken etwas; außerdem findet sich wenigstens bei der einen Art ein sehr lebhaft gefärbter, spitz zulaufender Kinnbart. Beide hier folgenden Paviane bewohnen das westliche Afrika und werden schon seit 300 Jahren nicht selten lebend zu uns gebracht.
Mit demselben Rechte, mit welchem wir den Guereza den schönsten aller Affen nennen können, dürfen wir den Mandrill (Cynocephalus mormon, Mormon und Simia
maimon, Simia hircina 2c.) als den häßlichsten bezeichnen. Alt ist er ein wahrhaft scheußliches Vieh in jeder Beziehung, und sein geistiges Wesen gleicht seinen leiblichen Eigenschaften vollständig. Der Leib ist sehr kräftig, beinahe etwas plump, der Kopf abscheulich, das Gebiß wahrhaft furchtbar, die Behaarung eigentümlich rauh und struppig, die Färbung der nackten Teile im höchsten Grade grell und abstoßend. Jedes einzelne Haar ist schwarz und olivengrün geringelt, wodurch der Pelz der oberen Seite eine dunkelbraune, olivengrün überflogene Färbung erhält; an der Brust sehen die Haare gelblich, am Bauche weißlich, an
/
ID
Drill (Cynocephalus leucophaeus). ½0 natürl. Größe.
den Seiten hellbräunlich aus; der Kinnbart ist lebhaft zitronengelb; hinter dem Ohre befindet sich ein graulichweißer Flecken. Hände und Ohren sind schwarz, die Nase und ihre Umgebung zinnoberrot, die Wangenwülste kornblumenblau, die Furchen in ihnen schwarz, Hodensack und After hochrot, die Schwielen rot und blau. Alte Männchen erreichen eine Länge von Im und darüber bei etwa 60 em Schulterhöhe, der Schwanzstummel dagegen mißt kaum mehr als 3 em.
Der verwandte Drill (Cynocephalus leucophaeus, Simia und Inuus leucophaeus, Inuus brachyurus 2c.) ist etwas kleiner, fein Pelz oben olivenbraun, unten und an der Innenseite weißlich, der Backenbart fahlweißlich, das Gesicht schwarz; Hände und Füße sehen kupferbräunlich, die Schwielen und der Hodensack lebhaft rot aus. Die Länge
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 13
des Erwachsenen beträgt etwa 85—90 cm, die Schulterhöhe 55 60, die Länge des Schwan: zes 8 — 9 cm. Es ist auffallend genug, daß wir über das Freileben dieser beiden seit so vielen Jahren als Gefangene bekannten Affen nichts Sicheres wissen. Beide Arten stammen von der Guineaküste und werden namentlich von der Goldküste zu uns gebracht. Beide sollen truppweise in gebirgigen Wäldern, teils auf Felsen, teils auf Bäumen leben, ihren Aufenthalt aber nicht selten verlassen, um die naheliegenden Ansiedelungen zu besuchen und dort nach Herzenslust zu plündern. Man sagt auch, daß Rotten dieser Tiere in die Dörfer einfallen und in Abwesenheit der Männer Frauen und Kinder mißhandeln. Die Eingeborenen sollen den Mandrill mehr fürchten als den Löwen, sich niemals in einen Kampf mit ihm einlassen, ja nicht einmal die Waldungen betreten, in welchen der Affe sich aufhält, es sei denn, daß die Männer in großer Anzahl und mit guten Waffen versehen einen förmlichen Kreuzzug gegen ihre Feinde ausführen. Wieviel an diesen Gerüchten Wahres ist, läßt sich nicht entscheiden; jedenfalls dürfen wir sie für sehr übertrieben halten, und es wird gut sein, sie mit Vorbehalt aufzunehmen, denn es ist doch auffallend, daß die Neger so viele von Er gefürchteten Tieren einfangen und an die Schiffer vertauschen.
In früherer Zeit gelangten Mandrill und Drill öfter auf unseren Tiermarkt als gegenwärtig. Den Alten waren beide unbekannt. „Dieses Thier“, sagt der alte Gesner, „wird in den grossen Indianischen Einöden, jedoch gar selten gefunden, und bißweilen von den Landfahrern, und also genandten Quacksalbern auff die Messen und Jahr-Märckte gebracht: Selbiges hat an seinen Füssen Finger als wie ein Mensch: Und wann man ihm mit einem Finger dräuet, oder deutet, so kehret es den Hindern dar. — Dieses Thier ißt Aepffel, Birn und allerley andre Früchte, auch Brod, und trinckt insonderheit gern Wein. Wann es hungerig ist, so steigt es auff die Bäume, und schüttelt die Früchte herab. Ist von Natur freundlich, vornemlich gegen die Weibes-Bilder, gegen welche er seine Freundlichkeit auff vielerley Weise bezeiget.“ — Die Abbildung stellt den Mandrill in der bezeichneten Stellung, „wann man ihm deutet“, so gut dar, daß man nicht im Zweifel sein kann, welche Art man vor sich hat.
Ein junger Mandrill ist ein allerliebstes Geschöpf, unter einer reichhaltigen Gesellschaft unserer Herren Vettern im Affenhause der ausgeprägteste Komiker, zu lustigen und tollen Streichen jeder Art aufgelegt, mit unverwüstlicher guter Laune begabt und ungeachtet seiner durch nichts zu erschütternden Unverschämtheit in keiner Weise widerwärtig. Die Eigentümlichkeit, welche Gesner mit der Derbheit unserer Vorfahren kennzeichnet, zeigt aller: dings auch schon der junge Mandrill: sein Hinterteil dient ihm gleichsam zum Dolmetsch seiner Gefühle; doch geschehen hierauf bezügliche Bewegungen noch mit einer so ausgeprägten Harmlosigkeit, daß man über der Komik das Unanständige vergißt. Dies aber ändert sich nur zu bald; weit früher als bei anderen Pavianen, und schon nach wenig Jahren zeigt sich der Mandrill in seiner ganzen Scheußlichkeit. Der Zorn anderer Affen ist, wie ein englischer Schriftsteller sich ausdrückt, „ein leises Fächeln des Windes, verglichen mit der Wut des Mandrill, welche einem jener entsetzlichen, alles vor sich niederwerfenden Stürme der Wendekreisländer gleicht“, und ebenso groß wie sein Jähzorn ist seine Unanständigkeit. Zur Schilderung der letzteren fehlen die Worte. „Sein Geschrei, sein Blick und seine Stimme“, sagt Cuvier, „kündigen eine vollkommen viehische Unverschämtheit an. Die schmutzigsten Gelüste befriedigt er auf die schamloseste Weise. Es scheint, als ob die Natur in ihm ein Bild des Lasters mit all seiner Häßlichkeit habe aufstellen wollen.“ Alles Widerwärtige, welches uns der Hamadryas und andere Paviane zeigen, erscheint dem Gebaren des Mandrills gegenüber maßvoll. Seine Leidenschaftlichkeit kennt keine Grenzen. Erzürnt, gerät er in eine entsetzliche Aufregung, vergißt alles und stürzt sich gleichsam kopflos auf seinen Feind zu. Ein wahrhaft dämonischer Glanz strahlt aus den Augen der Bestie, welche
mit dämonischer Kraft und Böswilligkeit begabt zu sein scheint. Jetzt hat er nur den einen Gedanken: den Gegner zu zerreißen, und jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen. Weder die Peitsche noch die blanke Waffe wird von ihm im geringsten beachtet. Sein Angriff bekundet nicht mehr Kühnheit, sondern geradezu Verrücktheit. Kein Tier haben die Wärter mehr zu fürchten als einen wütenden Mandrill. Löwe und Tiger sind ihm gegenüber wahrhafte Lämmer, weil sie wenigstens verständig sich in die Umstände fügen, die Hamadryaden und andere Paviane, mit ihm verglichen, Anfänger oder Stümper. Vollkommen im Einklange mit dieser Erregbarkeit stehen die geschlechtlichen Ausschreitungen, welche sich der Mandrill erlaubt. Der alte Gesner hat ganz recht, wenn er zu verstehen gibt, daß sich die Gefühle desselben nicht allein auf Weibchen seiner Art richten. An gefangenen Mandrillen beobachtet man nicht allein Zuneigung zu Frauen, sondern auch Eifersucht gegen deren rechtmäßige Liebhaber. Sie werden rasend, wenn ein Mann solche Freundinnen von ihnen liebkost oder zu liebkosen vorgibt, und tragen ihm ein so großes Verbrechen sicherlich lange Zeit nach. Im Pflanzengarten zu Paris wurde diese Eifersucht einmal sehr geschickt benutzt, um einen Mandrill, welcher aus seinem Käfig ausgebrochen war und viel Unheil anrichtete, wieder in das Gefängnis zu bringen. Er hatte alle gütlichen Versuche scheitern gemacht und bereits einige von seinen Wärtern verwundet, als der schlaueste derselben auf den Gedanken kam, den Affen durch seine eigene Leidenschaft in den Kerker zurückzulocken. An der Rückseite des Käfigs befand sich eine kleine Thür: hinter diese mußte sich die Tochter eines der Wärter stellen und zwar so, daß sie der Affe sehen konnte. Nun trat einer der Wärter zu dem Mädchen, umarmte es und stellte sich dann an, als ob er es küssen wollte. Dies war zu viel für den verliebten Mandrill. Er stürzte wie rasend auf den Mann los, gewiß in der besten Absicht, ihn zu zerreißen, mußte aber, um zu seinem Zwecke zu gelangen, notwendig in den Käfig hineingehen. Alle Klugheit war vergessen; der eifersüchtige Affe ging ohne Besinnen durch die offene Thür und sah sich eine Minute später hinter den eisernen Gittern. Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß viele Mandrille äußerst schwierig zu behandeln sind und an ihrer Erregbarkeit und Leidenschaftlichkeit inGefangenschaft vorzeitig zu Grunde gehen. Doch gibt es Ausnahmen.
Schon Jardine berichtet von einem Mandrill, welcher erwachsen und sehr zahm war, gegen seinen Wärter sich folgsam zeigte, aber, wie alle übrigen, durch Fremde leicht in Wut gebracht werden konnte. „Dieser Mandrill“, sagt unser Gewährsmann, „lernte unter anderem Branntwein trinken und Tabak rauchen. Ersteres that er sehr gern, zu dem letzteren aber mußte er erst durch das Versprechen gebracht werden, Branntwein und Wasser zu erhalten. In seinem Käfig stand ein kleiner Armstuhl, auf den er sich, wenn es ihm befohlen wurde, würdig setzte und fernere Befehle erwartete. Alle seine Bewegungen wurden langsam und bedächtig gemacht. Hatte der Wärter die Tabakspfeife angezündet und sie ihm gereicht, so betrachtete er sie genau und befühlte sie wohl auch, bevor er sie in das Maul steckte, um sich zu überzeugen, daß sie auch wirklich brenne. Er steckte sie dann ins Maul, faßte bis an den Kopf und hielt sie einige Minuten daran, ohne daß man Rauch sah. Denn während dieser Zeit füllte er seine Backentaschen und sein geräumiges Maul; dann aber blies er den Rauch in Massen aus Mund und Nase. Gewöhnlich schloß er dies Kunststück mit einem Trunk Branntwein und Wasser, welcher ihm in einem Becher gereicht wurde. Diesen nahm er ohne Umstände sogleich in die Hand.“ Einer der berühmtesten Mandrille lebte in England unter sehr günstigen Verhältnissen. Er war wohlbekannt unter dem Namen „Hans im Glücke“ und ziert noch heute nach seinem Tode das britische Museum. Das Tier hatte mehrmals die Ehre, infolge besonderer Einladungen ein Gast 13*
der königlichen Familie zu sein: kurz, es genoß, wie mein englischer Gewährsmann sagt, ein so glückliches Leben, als es nur immer einem Pavian zu teil werden kann.
Ein hochberühmter Mandrill war der große Künstler vom Affentheater des Herrn Broekmann. Er befand sich über 16 Jahre im Besitze feines Herrn, gezähmt und abgerichtet, wie nur ein Affe es sein kann. Gegen Fremde zeigte er sich selbstverständlich ebenfalls erregbar und jähzornig; mit seinem Herrn aber stand er auf dem vertrautesten Fuße, und selbst wenn er, um seinem Jähzorne geeigneten Ausdruck zu verleihen, nach Pavianart die Stäbe seines Käfigs schüttelte, als wollte er sie zerbrechen, durfte Broekmann ohne Bedenken ihn am Halsbande packen und aus seinem Käfig herausnehmen, auch sofort zur „Arbeit“ verwenden. „Bei der allgemeinen Erfahrung der Tierzüchter“, sagt Reichenbach, welcher diesen Mandrill ebenfalls kannte, „daß diese Affenart nur in ihrer freien Natur sich zu erhalten vermag, in der Gefangenschaft aber bald untergeht, weil sie in Einsamkeit und Müßiggang ihren rohen Lüsten erliegt, drängt sich uns die Frage auf, aus welchem Grunde wurde es denn möglich, daß Broekmann zwei Mandrille so glücklich aufzuziehen und gesund und kräftig zu erhalten vermochte. Wir glauben die richtige Antwort auf diese Frage in demselben Verhältnis zu finden, welches im Menschengeschlechte unter ähnlichen Umständen gleiche Ergebnisse herbeiführt. Auch die zahlreichen Schoßhunde der Vorzeit treten in ihrer Faulheit und beständigen Überreizung als die elendesten Zerrbilder des Hundecharakters auf, während im Gegenteile diejenigen, welche man beschäftigte und zur Arbeit anhielt, das Hundegeschlecht würdig vertreten. Denselben Fall haben wir noch hier bei einem der wildesten und rohesten Affen. Auch seine niederen, rein tierischen Triebe und die sein eigenes Sein untergrabenden Gelüste fingen an zu schweigen oder wurden gar nicht erregt, als die besseren Fähigkeiten erweckt und bethätigt wurden, als der Mensch ihn emporzog aus jener Sphäre, die das Tier zu seinem Untergange geführt haben würde, durch Lehre und Liebe zu Leistungen, welche den ersten Funken einer Geistesthätigkeit in ihm erweckten und das Geschöpf wahrscheinlich in einer ungewohnten Spannung nach einer neuen Richtung hin fortwährend unterhielten. Das sicherste Mittel also, um die niederen Triebe im lebendigen Organismus zu zügeln und vor dem Verderben durch sie selbst ihn zu schützen, ist die Weckung und Bethätigung einer höheren Geistesthätigkeit; denn dieses Mittel entspricht der wahren Bedeutung und der eigentlichen Würde des organischen Lebens, welche nur auf einer unablässigen Veredelung beruht.“ Ich stimme diesen Worten vollständig bei.