Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß fie mehr oder weniger ausgedehnte Wanderungen unternehmen, in der Absicht, ein von ihnen ausgeplündertes Gebiet mit einem noch Nahrung versprechenden zu vertauschen; wenigstens versicherten mir die dortigen Eingeborenen, daß man sie keineswegs das ganze Jahr über an einer und derselben Stelle bemerke, sie vielmehr kämen und gingen, wie es ihnen eben beliebe. Wie alle Affen werden
die Mantelpaviane durch ihr Fortpflanzungsgeschäft wenig in Anspruch genommen, mindestens nicht aufgehalten. Ich glaube nicht einmal, daß die meisten Geburten in eine bestimmte Jahreszeit fallen, schließe vielmehr aus Beobachtungen an Gefangenen, insbesondere über den Blutfluß der Weibchen, daß ihre Fortpflanzung und beziehentlich die Geburt ihrer Jungen in jedem Monate des Jahres erfolgen kann. Mein Aufenthalt in den von Hamadryaden bewohnten Gebieten war zu kurz, als daß ich mir hierüber hätte Aufklärung ver: schaffen können, und ich vermag deshalb nur einige Beobachtungen über die Fortpflanzung gefangener Hamadryaden hier mitzuteilen.
Von den vielen Weibchen, welche ich gepflegt habe, gebar eines zu meiner Überraschung Anfang Oktober ein vollkommen ausgetragenes Junge. Der letzte Blutfluß hatte 4½ Monate früher stattgefunden; als Trächtigkeitsdauer ist dieser Zeitraum jedoch wohl kaum anzunehmen. Das Junge kam mit geschlossenen Augen zur Welt, hatte vollkommen ausgebildete Nägel und sehr feines Haar, von oben schwärzlicher, seitlich gräulicher Färbung, während die Unter- und Innenseite nackt oder wenigstens fast nackt war, so daß man die einzelnen Haare kaum bemerken konnte. Die Hautfarbe dieser Stellen war hochziegelrot. Die Gesamtlänge des Tierchens betrug 38 cm, die Schwanzlänge allein 17 cm, die Fußlänge 5,5 em, die Handlänge 4,5 em.
Das Junge wurde in den Vormittagsstunden an einem sehr kalten Morgen geboren, während sich die Mutter in einem großen Raume mit vielen anderen Affen zusammen be: fand. Sofort nach der Geburt oder richtiger, nachdem diese in Erfahrung gebracht worden war, trennten wir das Weibchen und sein Junges von der übrigen Gesellschaft ab und. brachten es in einem passenden Raume unter. Die Mutter zeigte sich außerordentlich zärtlich gegen ihren Sprossen, aber auch im höchsten Grade besorgt um ihn. Sie hielt das an ihre Brust gedrückte Kind mit beiden Armen fest und leckte es fortwährend an allen Teilen des Leibes. Näherte sich jemand, so schrie sie entsetzt auf, den gewöhnlichen Ausdruck der Angst „eck, eck, eck“ ausstoßend, drehte sich auch gewöhnlich ab und kehrte dem Beobachter den Rücken zu. Die Nabelschnur, welche anfangs noch ziemlich weit herabhing, hatte sie bereits 2 Stunden nach der Geburt und zwar hart am Nabel abgebissen, ohne daß deshalb eine Blutung erfolgt wäre. Das Junge schien sehr schwach zu sein, regte sich wenig und gab nur leise, mehr tönende als schreiende Laute von sich. Bereits in den Nachmittagsstunden schien die Mutter zu merken, daß ihr Kind sterben werde; denn sie hatte es auf dem Boden des Käfigs abgelegt, ging auf und ab, oft an dem Kleinen vorüber und betrachtete es dabei mit anscheinend gleichgültigem Blicke; doch duldete sie nicht, daß jemand von uns es aufnahm, ergriff es vielmehr sofort, wenn einer Miene machte, es zu berühren, und legte es wieder an ihre Brust. Gegen Abend war das Junge bereits regungslos; am nächsten Morgen lag es verendet auf dem Boden des Käfigs.
Ob infolge der Geburt, ob aus anderen Gründen, bleibe dahingestellt: jedenfalls zeigte das Weibchen in der nächsten Zeit ein durchaus verändertes Wesen, litt entschieden, bekundete wenig Freßlust, saß viel auf einer und derselben Stelle, versteckte sich halb im Stroh, zitterte, als ob Frost es schüttele, legte sich oft nieder und sah überhaupt höchst kläglich aus. Um andere Affen bekümmerte es sich nicht mehr, und auch als ich ihm in zwei weiblichen, sanftmütigen Makaken Gesellschaft geben ließ, verhielt es sich abwehrend. Dies änderte sich jedoch plötzlich, als Mitte November ein Makake geboren hatte. Wenige Minuten später nämlich bemerkten die Wärter das Junge in den Armen des Hamadryasweibchens, so daß sie zu der thörichten Ansicht verleitet wurden, letzteres habe ein zweites nachgeborenes Junge zur Welt gebracht. Diese Meinung wurde nun freilich sehr bald durch das Tier selbst zerstört, da es sich wenig mütterlich betrug, das Junge oft aufs Stroh legte und sich zeitweilig kaum um dasselbe kümmerte. Deshalb erhielt denn auch die wahre
Mutter endlich ihr Kind zurück, leider aber doch zu spät, da es am anderen Morgen ebenfalls verendete. So unmütterlich das Betragen des Hamadryasweibchens erscheinen muß, so läßt sich kaum daran zweifeln, daß seine vorhergehende Krankheit hauptsächlich eine Folge der Gemütsbewegung über den Verlust des Jungen war und es vielleicht nur in der Absicht, sich schadlos zu halten, der Makakenmutter ihr Kind raubte. Es steht dies wenigstens vollständig im Einklange mit den Beobachtungen, welche ich an anderen Affen gemacht habe, im Einklange auch mit dem Benehmen der frei lebenden Mantelpaviane gegen ihre Kinder oder kleine unselbständige Affen ihres Geschlechtes überhaupt. Ja, nicht einmal bloß die Mütter oder die Weibchen insgemein, sondern auch die Männchen beweisen jungen Affen ihrer Art die größte Zärtlichkeit und treten unter Umständen mannhaft für sie in die Schranken. Wenn die Mantelpaviane still sitzen, schweigt die ganze Gesellschaft, solange sich nichts Auffälliges zeigt. Ein etwa herankommender Menschenzug oder eine Viehherde entlockt einem oder dem anderen ganz sonderbare Laute, welche am besten mit dem Gebelle mancher Hunde verglichen werden können und wahrscheinlich nichts anderes bezwecken, als die Aufmerksamkeit der Gesamtheit zu erregen. Bei gefahrdrohender Annäherung eines Menschen oder eines Raubtieres aber werden die allerverschiedensten Töne laut. Am treffendsten kann man das Stimmengewirr einer erregten Hamadryadenherde mit dem Grunzen und Quieken eines zahlreichen Rudels von Schweinen vergleichen. Dazwischen vernimmt man Laute, welche bald an das Grollen des Leoparden, bald an das dumpfe Brummen eines Herdenstieres erinnern. Die ganze Gesellschaft brüllt, brummt, bellt, schreit, grunzt und quiekt durcheinander. Alle kampffähigen Männchen rücken auf der Felskante vor und schauen aufmerksam in das Thal hinab, um die Gefahr abzuschätzen; die Jungen suchen Schutz bei den älteren; die Kleinen hängen sich an die Brust der Mütter oder klettern auch wohl auf deren Rücken, und nunmehr setzt sich der ganze Zug in Bewegung und eilt auf allen vieren laufend und hüpfend dahin. Vor dem Eingeborenen fürchtet sich der Hamadryas so gut wie nicht. Er zieht, unbekümmert um die braunen Leute, dicht vor ihnen hin und trinkt aus demselben Bache mit ihnen. Ein Weißer erregt jedoch mancherlei Bedenken, obwohl man nicht gerade behaupten kann, daß die Affen vor ihm scheu entfliehen. Mehr noch als andere Familienverwandte zeigen unsere Paviane jene bedächtige Ruhe, welche niemals um einen Ausweg verlegen ist, die Gefahr mag noch so nahe sein. Anders verhält sich die Sache, wenn die Herde Hunde oder gar Leoparden gewahrt. Dann erheben die alten Männchen ein furchtbares Gebrüll und Gebrumm, schlagen erzürnt mit der einen Hand auf den Felsen, fletschen die Zähne und schauen funkelnden Auges auf jene Störenfriede hinab, augenscheinlich bereit, gemeinsam über sie herzufallen.
Die erste Gesellschaft, welcher ich begegnete, ruhte eben von ihrer Frühwanderung aus. Sie saß auf der Kante eines nach beiden Seiten hin ziemlich steil abfallenden Grates. Ich hatte schon von weitem die hohen Gestalten der Männchen gesehen, dieselben aber für auf dem Kamme liegende Felsblöcke gehalten; denn mit solchen haben die Affen, solange sie ruhig sind, die größte Ahnlichkeit. Erst ein wiederholtes einlautiges Bellen, ungefähr dem hoch ausgestoßenen Laute „Kuck“ vergleichbar, belehrte mich. Aller Köpfe richteten sich nach uns hernieder; nur die Jungen spielten noch unbesorgt weiter, und einige Weibchen gaben ihr Lieblingsgeschäft nicht auf, sondern durchsuchten noch eifrig den Pelz eines alten Herrn nach Ungeziefer. Wahrscheinlich würde die ganze Gesellschaft in beobachtender Haltung geblieben sein, hätten wir nicht zwei muntere und thatenlustige Hunde mit uns geführt, schöne, schlanke Windspiele, gewohnt, die Hyäne von den Wohnungen abzutreiben, erprobt selbst im Kampfe gegen den Wolf jener Länder. Sie antworteten mit Gebell auf besagte Laute,
und sofort entstand ein allgemeiner Aufstand unter der Herde. Es mochte den Affen daran zu liegen scheinen, einen noch sichereren Aufenthaltsort zu suchen. Sie zogen deshalb bis auf die letzten Posten längs des Kammes dahin und verschwanden unseren Blicken. Doch sahen wir zu unserer Überraschung bei der nächsten Biegung des Thales die ganze Herde, diesmal an einer senkrecht erscheinenden, sehr hohen Felsenwand, wo sie in langer Reihe in einer heute noch mir unbegreiflichen Weise gleichsam an den Felsen klebten. Diese Reihe erschien uns zu lockend, als daß wir sie hätten ungestört in ihrer Ruhe lassen können. Die Jagdlust wurde allzu mächtig. Von dem Bedauern, welches jeder Jäger verspürt, wenn er kleine Affen jagt oder jagen will, fühlten wir jetzt keine Regung in uns aufsteigen; denn die Hamadryaden erschienen uns durchaus nicht als Abbild des Menschen, sondern als wütende, grimmige Raubtiere, keiner Schonung wert und zur Jagd durchaus geeignet. Leider war die Wand so hoch, daß an ein sicheres Schießen nicht zu denken war. Wir gedachten also die Gesellschaft wenigstens aufzustören. Der Knall des ersten Schusses brachte eine unbeschreibliche Wirkung hervor. Ein rasendes Brüllen, Heulen, Brummen, Bellen und Kreischen antwortete; dann setzte sich die ganze Kette inBewegung und wogte an der Felswand dahin mit einer Sicherheit, als ob die Gesellschaft auf ebenem Boden sich fortbewege, obgleich wir nicht absehen konnten, wie es nur möglich war, festen Fuß zu fassen. Ein schmales Gesims schien von den Affen als höchst bequemer Weg betrachtet zu werden. Nur an zwei Stellen, wo fie einmal gegen 3 m in die Tiefe und beinahe ebenso wieder auf: steigen mußten, bewegte sich der Zug langsamer und vorsichtiger. Wir feuerten etwa sechs Schüsse ab; aber es war uns unmöglich, sicher zu zielen, auch schon weil der Anblick so viel Überraschendes hatte, daß uns alle Ruhe verloren ging. Immerhin aber waren unsere Kugeln noch gut genug gerichtet, um die Aufregung der Affen bis zum Entsetzen zu steigern. Überaus komisch sah es aus, wie die ganze Herde nach einem Schusse urplötzlich sich an einem Felsen anklammerte, als fürchte sie, durch die bloße Erschütterung zur Tiefe herabgestürzt zu werden. Wie es schien, entkamen alle unversehrt unseren Geschossen. Allein der Schreck mochte ihnen doch wohl einen Streich gespielt haben; denn es wollte uns dünken, als hätten sie die ihnen sonst eigene Berechnung diesmal ganz außer acht gelassen. Beim Umbiegen um die nächste Wendung des Thales trafen wir die Gesellschaft nicht mehr in der Höhe, sondern in der Tiefe an, eben im Begriffe, das Thal zu überschreiten, um auf den gegenüberliegenden Höhen Schutz zu suchen. Ein guter Teil der Herde war bereits am jenseitigen Ufer angekommen, die Hauptmasse jedoch noch zurück. Unsere Hunde stutzten einen Augenblick, als sie das wogende Gewimmel erblickten; dann stürzten sie sich mit jauchzendem Bellen unter die Bande. Jetzt zeigte sich uns ein Schauspiel, wie man es nur selten zu schauen bekommt. Sobald die Hunde herbeieilten, warfen sich von allen Felsen die alten Männchen herab in das Thal, jenen entgegen, bildeten sofort einen Kreis um die Rüden, brüllten furchtbar, rissen die zähnestarrenden Mäuler weit auf, schlugen mit den Händen grimmig auf den Boden und sahen ihre Gegner mit so boshaften, wütend funkelnden Blicken an, daß die sonst so mutigen, kampflustigen Tiere entsetzt zurückprallten und ängstlich bei uns Schutz suchen wollten. Selbstverständlich hetzten wir sie von neuem zum Kampfe, und es gelang uns, ihren Eifer wieder anzufachen. Das Schauspiel hatte sich jedoch inzwischen verändert: die sich siegreich wähnenden Affen waren unterdes den anderen nachgefolgt.
Als die Hunde von frischem anstürmten, befanden sich nur wenige in der Tiefe des Thales, unter ihnen ein halbjähriges Junges. Es kreischte laut auf, als es die Hunde erblickte, flüchtete eilends auf einen Felsblock und wurde hier kunstgerecht von unseren vortrefflichen Tieren gestellt. Wir schmeichelten uns schon, diesen Affen erbeuten zu können: allein es kam anders. Stolz und würdevoll, ohne sich im geringsten zu beeilen und ohne auf uns zu achten, erschien vom anderen Ufer herüber eines der stärksten Männchen, ging
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Achtung hielten, stieg langsam auf den Felsblock zu dem Jungen, schmeichelte diesem und trat mit ihm den Rückweg an, dicht an den Hunden vorüber, welche so verblüfft waren, daß fie ihn mit feinem Schützlinge ruhig ziehen ließen. Die mutige That des Stammvaters der Herde erfüllte uns ebenfalls mit Ehrfurcht, und keiner von uns dachte daran, ihn in seinem Wege zu stören, obgleich er sich uns nahe genug zur Zielscheibe bot. In dem Gebüsche, welches die bereits übergesetzte Herde noch zu durchschreiten hatte, wurden währenddem alle nur denkbaren Töne laut, und einigemal vermeinten wir so deutlich das Gebrumm des Leoparden zu vernehmen, daß ich mich schließlich verleiten ließ, diesem Raubtiere nachzuspüren, glaubend, es möchte durch die Affen aufgestört worden und vielleicht mit ihnen im Kampfe begriffen sein; doch waren es nur die Paviane gewesen, welche die merkwürdigen Töne ausgestoßen hatten. Amfolgenden Tage sollte ich übrigens Gelegenheit erhalten, Affen und Leoparden zusammen zu sehen; ich verspare mir aber die Erzählung dieses Auftrittes bis zur Beschreibung des Räubers selbst, weil dieser es war, welcher dabei die hervorragendste Rolle spielte.