All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 54 of 188

Während unserer Rückreise nach Agypten wurde Perro, welcher mit allem Schiffsvolke gute Freundschaft hielt, an den Bord der Barke gebunden. Er fürchtete das Wasser in hohem Grade, war aber doch gescheit genug, sich, wenn er durstete, demselben so zu nähern, daß er keine Gefahr zu besorgen brauchte. Zuerst probierte er seinen festen Strick, dann ließ er sich an diesem bis nahe über den Wasserspiegel hinab, streckte seine Füße in den Strom, näßte sie an und leckte sie ab, auf diese Weise seinen Durst stillend.

Gegen junge Tiere zeigte er warme Zuneigung. Als wir in Alexandrien einzogen, hatten wir ihn auf den Wagen gebunden, welcher unsere Kisten trug; sein Strick war aber so lang, daß er ihm die nötige Freiheit gewährte. Beim Eintreten in die Stadt erblickte Perro neben der Straße das Lager einer Hündin, welche vor kurzer Zeit geworfen hatte und vier allerliebste Junge ruhig säugte. Vom Wagen abspringen und der Alten ein säugendes Junges wegreißen, war die That weniger Augenblicke; nicht so schnell gelang es ihm, seinen Sitz wieder zu erreichen. Die Hundemutter, aufs äußerste erzürnt über die Frechheit des Affen, fuhr wütend auf diesen los, und Perro mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um dem andringenden Hunde zu widerstehen. Sein Kampf war nicht leicht; denn der Wagen bewegte sich stetig weiter, und ihm blieb keine Zeit übrig, hinaufzuklettern, weil ihn sonst die Hündin gepackt haben würde. So klammerte er nun den

jungen Hund zwischen den oberen Arm und die Brust, zog mit demselben Arme den Strick an sich, weil dieser ihn würgte, lief auf den Hinterbeinen und verteidigte sich mit der größten Tapferkeit gegen seine Angreiferin. Sein mutiger Kampf gewann ihm die Bewunderung der Araber in so hohem Grade, daß keiner derselben ihm sein geraubtes Pflegekind abnahm; sie jagten schließlich lieber die Hündin weg. Unbehelligt brachte er den jungen Hund mit sich in unsere Behausung, hätschelte, pflegte und wartete ihn sorgfältig, sprang mit dem armen Tiere, welches gar keinen Gefallen an solchen Tänzerkünsten zu haben schien, auf Mauern und Balken, ließ es dort in der gefährlichsten Lage los und erlaubte sich andere Übergriffe, welche wohl an einem jungen Affen, nicht aber an einem Hunde gerechtfertigt sein mochten. Seine Freundschaft zu dem Kleinen war groß; dies hinderte ihn jedoch nicht, alles Futter, welches wir dem jungen Hunde brachten, selbst an dessen Stelle zu fressen und das arme hungrige Pflegekind auch noch sorgfältig mit dem Arme wegzuhalten, während er, der räuberische Vormund, das unschuldige Mündel beeinträchtigte. Ich ließ ihm noch an demselben Abend das Junge abnehmen und es zu seiner rechtmäßigen Mutter zurückbringen. Der Verlust ärgerte ihn dergestalt, daß er mehrere Tage sehr mürrisch war und verschiedene lose Streiche verübte.

Während meines zweiten Aufenthaltes im Ostsudan hatte ich viele Paviane derselben Art zu gleicher Zeit in meinem Gehöfte. Sie gehörten teils mir, teils einem meiner Freunde an. Jeder Pavian kannte seinen Herrn genau und ebensogut den ihm verliehenen Namen. Es war eine Kleinigkeit, einem frischgekauften Affen beides kennen zu lehren. Wir brachten das Tier in das Innere unserer Wohnung und sorgten durch aufgestellte Wachen dafür, daß es den Raum nicht verlassen konnte. Dann nahm einer von uns die Peitsche und bedrohte den betreffenden Affen, der andere gebärdete sich in ausdrucksvollster Weise als Schutzherr des Verfolgten. Nur selten wurde es wirklich nötig, einen Pavian zu schlagen; er begriff schon die Drohung und den ihm in Aussicht gestellten Schutz und erwies sich stets sehr dankbar für die ihm in so schwerer Bedrängnis gewordene Hilfe. Ebenso leicht wurde es, einem Hundskopfaffen begreiflich zu machen, daß er mit dem oder jenem Namen getauft worden sei. Wir riefen den Namen und prügelten alle diejenigen, welche falsch antworteten. Hierin bestand das ganze Kunststück. Es war keineswegs nötig, harte Züchtigungen zu verhängen. Die Drohung, zu schlagen, bewirkte oft mehr als die Schläge selbst und versetzte jeden Pavian stets in die größte Aufregung.

Während der Regenzeit waren wir oft an unsere Behausung gebannt. Das Fieber schüttelte auch den einen oder den anderen von uns; ich war damals bettelarm, hatte schwere Verluste der schmerzlichsten Art erlitten und befand mich in einer traurigen Lage. Da waren es die Affen vor allem, welche mich erheiterten, und ich kann wohl sagen, daß sie uns geradezu unumgänglich notwendig wurden. Wir trieben tolle Streiche mit ihnen, lehrten ihnen allerhand Unsinn, machten die allersonderbarsten Versuche. Allein gerade hierdurch lernten wir die merkwürdigen Burschen genau kennen. Und jetzt, wo mich das Leben der Tiere mehr und mehr anzieht und zu immer umfassenderen Beobachtungen in dieser Richtung antreibt, sind mir jene tollen Streiche sehr wichtig geworden.

Unsere Affen erhielten Reitstunden. Ein dicker Esel, das unentbehrliche Reittier eines noch dickeren und unausstehlicheren Griechen, wurde dazu benutzt. Die Affen schauderten, als sie das erste Mal sich auf den Rücken des Esels setzen sollten; doch genügte eine einzige Lehrstunde, um ihnen den Wert der höheren Reitkunst vollkommen begreiflich zu machen, und schon nach wenig Abenden hatten wir das Vergnügen, alle Affen sattelfest, wenn auch verzweiflungsvoll, auf dem Esel sitzen zu sehen, welcher seinerseits über die ihm gemachten Zumutungenin nicht geringe Aufregung versetzt wurde. Wie vortrefflich unseren Pavianen ihre Hände und Fußhände zu statten kamen, wurde bei diesen Versuchen recht r

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.

Wir hatten ihnen gelehrt, sich wie ein Mensch auf den Rücken des geduldigen Langohrs zu setzen, und zwar ihrer drei, vier, ja fünf zu gleicher Zeit. Der erste umhalste den Esel in der zärtlichsten Weise mit seinen Vorderarmen; mit den Füßen aber krampfte er sich in dem Felle des Tieres so fest, daß er mit demselben zusammengewachsen zu sein schien. Sein hinter ihm sitzender Mitreiter klammerte sich mit seinen Händen an ihn an, mit den Füßen aber genau in derselben Weise, wie jener an den Esel, und so alle übrigen Reiter! Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß man sich unmöglich einen tolleren Anblick denken kann als vier oder fünf Affen auf dem Rücken des oft genug und mit vollem Rechte störrisch werdenden Grautieres.

Alle unsere Paviane teilten mit den Eingeborenen die Leidenschaft für die Merisa, eine Art Bier, welche die Sudanesen aus den Körnern der Durra oder des Dohhen zu bereiten wissen. Sie berauschten sich oft in diesem Getränke und bewiesen mir dadurch, daß die Sudanesen mich der Wahrheit gemäß über den Fang der Paviane unterrichtet hatten. Rotwein tranken die Affen auch, Branntwein dagegen verschmähten sie stets. Einmal gossen wir ihnen ein Gläschen davon mit Gewalt in das Maul. Die Folge zeigte sich bald, zumal unsere Tiere vorher schon hinreichend oft die Merisa gekostet hatten. Sie wurden vollständig betrunken und schnitten die allerfürchterlichsten Gesichter, wurden übermütig, leidenschaftlich, tierisch, kurz, gaben mir ein abschreckendes Zerrbild eines rohen, betrunkenen Menschen. Am anderen Morgen stellte sich der Katzenjammer mit allen seinen Schrecken ein. Die von dieser unheimlichen Plage befallenen Paviane machten jetzt Gesichter, welche wahrhaft er: barmungswürdig aussahen. Man merkte es ihnen an, daß ein heftiger Kopfschmerz sie peinige; sie hielten sich auch wohl wie Menschen unter solchen Umständen mit beiden Händen das beschwerte Haupt und ließen von Zeit zu Zeit die verständlichsten Klagen hören. Wie der Katzenjammer ihnen mitspielte, zeigten sie dadurch, daß sie nicht nur das ihnen gebrachte Futter, sondern auch die ihnen dargebrachte Merisa verschmähten und sich von Wein, den sie sonst sehr liebten, mit Abscheu wegwandten. Dagegen erquickten sie kleine saftige Zitronen außerordentlich; sie gebärdeten sich auch hierin wieder vollkommen menschlich und würden unzweifelhaft dem Heringe die gebührende Ehre angethan haben, hätten wir ihnen denselben nur reichen können.

Mit den anderen Tieren, welche ich lebendig hielt, vertrugen sie sich sehr gut. Eine zahme Löwin, von der ich weiter unten berichten werde, ängstigte zwar die Meerkatzen auf das höchste, nicht aber die mutigen Hundsköpfe. Sie flohen wohl auch, wenn sich das gefürchtete Tier nahte, hielten ihm aber tapfer stand, sowie die Löwin einen Versuch machte, einen Pavian wirklich anzugreifen. Dasselbe habe ich später stets beobachtet. Meine zahmen Paviane flohen z. B. vor Jagdhunden, welche ich auf sie hetzte, trieben dieselben jedoch augenblicklich in die Flucht, wenn einer der Hunde es wirklich gewagt hatte, sie am Felle zu packen. Der flüchtende Affe sprang dann unter furchtbarem Gebrülle blitzschnell herum, hing sich mit unglaublicher Gewandtheit an den Hund an und maulschellierte, biß und kratzte ihn derartig, daß der Gegner in höchster Verblüffung und gewöhnlich heulend das Weite suchen mußte. Um so lächerlicher war ihre jedes Maß übersteigende Furcht vor Kriechtieren und Lurchen aller Art. Eine unschuldige Eidechse, ein harmloser Frosch brachten fie ge: radezu in Verzweiflung! Sie rasten förmlich, suchten die Höhe zu gewinnen und klammerten sich krampfhaft an Balken und Mauern fest, soweit es ihr Strick zuließ. Gleichwohl war ihre Neugierde so groß, daß sie nie umhin konnten, sich die ihnen entsetzlichen Tiere in der Nähe zu betrachten. Ich brachte ihnen unter anderen mehrmals giftige Schlangen in Blechschachteln mit. Sie wußten aus Erfahrung, was für gefährliche Wesen diese Schachteln beherbergten, konnten aber doch nicht widerstehen, die geschlossenen Gefängnisse der Schlangen aufzumachen, und weideten sich dann gleichsam an ihrem eigenen Entsetzen.

Einer dieser Paviane verendete auf sehr traurige Weise. Mein Diener wollte ihn im Nile baden und warf ihn vom Bord unseres Schiffes aus in den Strom. Der Affe war an einem langen Stricke befestigt, dessen Ende August in der Hand behielt. Unglücklicherweise aber entfiel ihm dieser, der Affe versank, ohne auch nur einen Versuch im Schwimmen zu machen, und ertrank.

Ein anderes Mitglied der Gesellschaft brachte ich mit mir nach Deutschland und in meine Heimat. Es zeichnete sich durch auffallenden Verstand aus, verübte aber auch viele lose und tolle Streiche. Unser Haushund hatte sich jahrelang als Tyrann gefallen und war in seinem Alter so mürrisch geworden, daß er eigentlich mit keinem Geschöpfe in Frieden lebte und, wenn er erzürnt war oder gestraft werden sollte, sogar nach seinem eigenen Herrn biß. An Atile, so hieß mein Pavian, fand er jedoch einen ihm nicht nur ebenbürtigen, sondern sogar überlegenen Gegner. Atile machte sich ein Vergnügen daraus, den Hund auf jede Weise zu ärgern. Wenn er draußen im Hofe seinen Mittagsschlummer hielt und sich in der bequemsten Weise auf den grünen Rasen hingestreckt hatte, erschien die neckische Affin leise neben ihm, sah mit Befriedigung, daß er fest schlafe, ergriff ihn sacht am Schwanze und erweckte ihn durch einen plötzlichen Riß an diesem geachteten Anhängsel aus seinen Träumen. Wütend fuhr der Hund auf und stürzte sich bellend und knurrend auf die Affin. Diese nahm die herausforderndste Stellung an, schlug mit der einen Hand wiederholt auf den Boden und erwartete getrost ihren erbitterten Feind. Der erreichte sie zu seinem grenzenlosen Arger niemals. Sowie er nämlich nach ihr biß, sprang sie mit einem Satze über den Hund hinweg und hatte ihn ihm nächsten Augenblicke wieder beim Schwanze. Daß der Hund durch solche Beleidigung zuletzt geradezu rasend wurde und wirklich vor Wut schäumte, fand ich erklärlich. Es half ihm aber nichts: schließlich räumte er stets mit eingezogenem Schwanze das Feld.

Atile liebte Pflegekinder aller Art. Hassan, die S. 137 erwähnte Meerkatze, war ihr Liebling und genoß ihre Zuneigung in sehr hohem Grade — solange es sich nicht um das Fressen handelte. Daß der gutmütige Hassan sozusagen jeden Bissen mir ihr teilte, schien sie ganz selbstverständlich und keines Dankes würdig zu finden. Sie verlangte von ihm sklavische Unterwürfigkeit; sie brach ihm, wie schon bemerkt, augenblicklich das Maul auf und leerte die gefüllten Vorratskammern Hassans ohne Umstände aus, wenn dieser den kühnen Gedanken gehabt hatte, auch für sich etwas in Sicherheit zu bringen. Übrigens genügte ihrem großen Herzen ein Pflegekind noch nicht; ihre Liebe verlangte umfassendere Beschäftigung. Sie stahl junge Hunde und Katzen, wo sie immer konnte, und trug sie oft lange mit sich herum. Eine junge Katze, welche sie gekratzt hatte, wußte sie unschädlich zu machen, indem sie mit großer Verwunderung die Klauen des Tieres untersuchte und die ihr bedenklich erscheinenden Nägel dann ohne weiteres abbiß. Die menschliche Gesellschaft liebte sie sehr, zog aber Männer ganz entschieden Frauen vor und neckte und ärgerte letztere in jeder Weise. Auf Männer wurde sie bloß dann böse, wenn diese ihr etwas zuleide gethan hatten, oder wenn sie glaubte, daß ich sie auf die Leute hetzen wolle. In diesem Punkte war sie ganz wie ein abgerichteter Hund. Man durfte ihr bloß ein Wort sagen oder jemand zeigen: sie fuhr dann sicher wütend auf den Betreffenden los und biß ihn oft empfindlich. Empfangene Beleidigungen vergaß sie wochenlang nicht und rächte sich, sobald sich ihr Gelegenheit bot.

Continue reading
Page 54 of 188