Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
sollen oft noch eine gute Menge Früchte wegnehmen und auf die höchsten Gipfel der Berge schleppen, um dort für ungünstigere Zeiten Vorräte anzusammeln. Daß sie Schildwachen ausstellen, ist sicher; als übertrieben aber müssen Erzählungen gehalten werden, wie die von Gesner herstammenden, in denen uns gesagt wird, daß die Affen in gerader Linie hintereinander anrücken und sich in einer Reihe aufstellen, damit einer dem anderen das abgerissene Obst zuwerfen könne. Käme dann jemand, welcher die Gaudiebe an ihrer Arbeit verhindern wolle, so rissen sie alle Kürbisse, Gurken, Melonen, Granatäpfel und dergleichen ab und brächten sie so schleunig wie möglich in Sicherheit, indem sie die Früchte eine gute Strecke vom Garten entfernt auf einen Haufen würfen und diesen dann in derselben Weise weiter und weiter beförderten, bis sie ihre Schätze endlich auf einen Berggipfel gebracht hätten. Die Schildwache (welche bei den Raubzügen wirklich ausgestellt wird) solle die plündernden Schelme jedesmal durch einen Schrei von der Ankunft des Menschen in Kenntnis setzen; und ihre Wachsamkeit sei schon aus dem Grunde sehr groß, weil sie von den anderen zu Tode geprügelt werde, wenn sie ihre Pflicht versäumt habe! So viel ist jedenfalls richtig, daß Hundsköpfe in besiedelten dürftigen Gegenden als eine wahre Landplage betrachtet werden müssen, weil sie dort den Landleuten außerordentlichen Schaden zufügen.
Mehr als alle übrigen Affen zeigen die Paviane durch ihre Haltung, daß sie hauptsächlich Erdtiere sind. Ihre ganze Gestaltung bindet sie an den Boden. Sie ähneln in ihrem Gange plumpen Hunden; auch wenn sie sich aufrichten, stützen sie ihren Leib gern auf eine ihrer Hände. Solange sie sich ruhig verhalten und Zeit haben, sind ihre Schritte langsam und schwerfällig; sobald sie sich verfolgt sehen, fallen sie in einen merkwürdigen Galopp, welcher die allersonderbarsten Bewegungen mit sich bringt. Ihr Gang zeichnet sich durch eine gewisse leichtfertige Unverschämtheit aus; man muß ihn aber gesehen haben, wenn man ihn sich vorstellen will. Das ist ein Wackeln der ganzen Gestalt, namentlich des Hinterteiles, wie man es kaum bei einem anderen Tiere sieht; und dabei tragen die Tiere den Schwanz so herausfordernd gebogen und schauen so unverschämt aus ihren kleinen, glänzenden Augen heraus, daß schon ihre Erscheinung ihrer Anmaßung Ausdruck gibt.
Ihre geistigen Eigenschaften widersprechen ihrer äußeren Erscheinung nicht im geringsten. Ich will, um sie zu beschreiben, mit Scheitlins Worten beginnen: „Die Paviane sind alle mehr oder minder schlechte Kerle, immer wild, zornig, unverschämt, geil, tückisch; ihre Schnauze ist ins gröbste Hundeartige ausgearbeitet, ihr Gesicht entstellt, ihr After das Unverschämteste. Schlau ist der Blick, boshaft die Seele. Dafür sind sie gelehriger als die kleineren Affen und zeigen noch mehr Verstand, jedoch immer mit List. Erst an diesen kommt die zweite Affeneigenschaft, d. h. die Nachahmungssucht, vor, wodurch sie ganz menschlich werden zu können scheinen, es aber nicht werden. Ihre Unanständigkeit geht über alle Begriffe; Kinder und Frauen darf man nicht in ihre Nähe bringen. Aber Fallstricke und Gefahren merken sie leicht, und gegen die Feinde verteidigen sie sich mit Mut und Eigensinn. Wie schlimm jedoch ihre Natur ist, so kann man sie doch in der Jugend ändern, zähmen, gehorsam machen; nur bricht ihre schlimme Natur im Alter, wenn ihr Sinn und Gefühl stumpf werden, in den alten Adam zurück. Der Gehor— ö sam hört wieder auf, sie grinsen, kratzen und beißen wieder. Die Erziehung griff nicht tief Ib genug ein. Man sagt, daß sie im Freien geistreicher und geistig entwickelter seien, in der 0 Gefangenschaft hingegen milder und gelehrter werden. Ihr Familienname ist auch Hunds— N kopf. Hätten sie zum Hundskopfe nur auch die Hundeseele!“
Ich kann Scheitlin nicht widersprechen: das Bild, welches er zeichnet, ist richtig. t Der Geist der Paviane ist gleichsam der Affengeist in seiner Vollendung, aber mehr im schlechten als im guten Sinne. Einige vortreffliche Eigenschaften können wir ihnen nicht absprechen. Sie haben eine außerordentliche Liebe zu einander und gegen ihre Kinder; sie
lieben auch den Menschen, welcher sie pflegt und auferzogen hat, werden ihm selbst nützlich auf mancherlei Weise. Aber all diese guten Seiten können nicht in Betracht kommen ihren Unsitten und Leidenschaften gegenüber. List und Tücke sind Gemeingut aller Hundsköpfe, und namentlich zeichnet eine furchtbare Wut sie aus. Ihr Zorn gleicht einem ausbrechenden Strohfeuer, so rasch lodert er auf; aber er hält aus und ist nicht so leicht wieder zu verbannen. Ein einziges Wort, spottendes Gelächter, ja ein schiefer Blick kann einen Pavian rasend machen, und in der Wut vergißt er alles, selbst den, welchen er früher liebkoste. Deshalb bleiben diese Tiere unter allen Umständen gefährlich, und ihr roher Sinn bricht durch, auch wenn sie ihn lange Zeit gar nicht zeigten. Ihren Feinden gegenüber machen sie sich wahrhaft furchtbar.
Die Paviane fliehen zwar vor dem Menschen, lassen sich aber doch, wenn es not thut, mit ihm wie mit Raubtieren in Kampf ein, und dieser wird oft recht gefährlich. Der Leopard scheint der Hauptfeind zu sein; doch stellt er mehr den Jungen nach als den Alten, weil er alle Ursache hat, sich zu bedenken, ob seine Fangzähne und Klauen dem Gebisse und den Händen der Paviane gewachsen sind. Hunde werden vom Pavian gar nicht selten überwältigt, und gleichwohl kennen jene edlen Tiere keine größere Lust als die Jagd solcher Affen. Außer dem Hunde, dem Leoparden und dem Löwen haben die Paviane kaum ihnen besonders gefährliche Feinde; dagegen ist wohl anzunehmen, daß die Affen hinsichtlich des furchtbaren Giftzahnes der Schlangen böse Erfahrungen gemacht haben. Kein Pavian hebt einen Stein auf oder durchsucht einen Busch, ohne sich vorher zu vergewissern, daß unter und in ihm keine Schlange verborgen ist. Skorpione fürchten die klugen Tiere nicht, wissen dieselben vielmehr mit großer Gewandtheit zu fangen und sie ihrer Giftstacheln zu berauben, ohne sich zu verletzen. Dann verspeisen sie den Skorpion mit demselben Vergnügen wie andere Spinnen oder ein Kerbtier.
Die Brunst zeigt sich bei keinem anderen Tiere in so abschreckender Weise wie bei ihnen. Daß sie Männer und Frauen sofort unterscheiden, habe ich hundertfach beobachtet, und ebenso, daß sie den Frauen durch ihre Zudringlichkeit und Unverschämtheit im höchsten Grade lästig werden können. Die Männchen sind beständig brünstig, die Weibchen nur zu gewissen Zeiten, alle 30— 35 Tage etwa. Nach meinen Beobachtungen währt die Brunstzeit der Paviane, soweit äußerlich ersichtlich, 14— 20 Tage. Sie beginnt mit einem merklichen Anschwellen der Geschlechtsteile, welches sich im Verlaufe der Zeit fast über das ganze Gesäß erstreckt und die Schwielen blasig auftreibt. Diese röten sich gleichzeitig, als ob sie entzündet wären, und das ganze Gesäß erhält dadurch ein wahrhaft abschreckendes Aussehen. Nach etwa acht Tagen verkleinern sich die Blasen, schrumpfen mehr und mehr zusammen und verschwinden gegen Ende der angegebenen Zeit vollständig. Im Anfange der Brunst sind die Weibchen ebenso erpicht auf die Männchen wie diese während der ganzen Jahres: zeit auf jene. Obgleich sich die Hundsköpfe in der Gefangenschaft fortpflanzen, weiß man doch noch nicht bestimmt, wie lange ihre Tragzeit dauert.
Der Nutzen der Paviane ist gering. Ihrer Gelehrsamkeit wegen werden sie zu allerlei Kunststücken abgerichtet. In Südafrika sollen sie noch zum Aufsuchen des Wassers in der Wüste dienen. Man hält sie deshalb häufig gezähmt und nimmt sie mit in jene wasserarmen Striche, in denen selbst die Buschmänner das wichtigste Element nur tropfenweise zu gewinnen wissen. Wenn der Wasservorrat zu Ende geht, bekommt der Pavian etwas Salziges zu fressen. Nach einigen Stunden nimmt man ihn dann an eine Leine und läßt ihn laufen. Das vom Durste gequälte Tier wendet sich bald rechts, bald links, bald vor-bald rückwärts, schnüffelt in der Luft, reißt Pflanzen aus, um sie zu prüfen, und zeigt endlich durch Graben das verborgene oder durch ein entschiedenes Vorwärtseilen das zu Tage getretene Wasser an.
In den Sagen und Erzählungen der Araber spielen die Paviane eine hervorragende Rolle. Sie sind es, welche die Geschichtschreiber am besten kennen, weil sie in Jemen vorkommen, sie auch, welche am häufigsten lebend nach Agypten und Syrien gebracht werden; und auf sie insbesondere bezieht sich die Behauptung des Propheten und seiner Freunde, daß Allah sie in seinem Zorne aus Menschen zu Affen verwandelt habe. Schech Kemal Edin Demiri, welcher um das Jahr 1405 unserer Zeitrechnung starb und ein großes Werk unter dem Namen Heiat el Heiwan (zu deutsch „Leben der Tiere“) geschrieben hat, „nicht weil dasselbe von irgend einem hohen Gönner bestellt worden wäre, sondern nur wegen der großen Unwissenheit des Menschen über alles, was die Tiere angeht“, erzählt als gläubiger Sohn seines Volkes die Geschichte, ohne daß er wagt, daran zu mäkeln. Die Stadt hieß Aila und lag am Roten Meere, und ihre Bewohner waren Juden. Ursache der Verwandlung war eine große Ungebührlichkeit, welche sich die betreffenden Juden zu schulden kommen ließen, indem sie nämlich an einem Sonnabende mit dem Fischfange sich beschäftigten, also den Sabbat entheiligten. Einige weise und fromme Bewohner Ailas suchten den Frevel zu stören und verließen endlich, als man ihrer Warnungen nicht achtete, verhüllten Antlitzes die gottlose Stadt. Nach drei Tagen kehrten sie wieder, fanden die Thore verschlossen, kletterten über die Mauer und sahen sich umringt von Pavianen, von denen einzelne traurigen Blickes zu ihnen herankamen, sich an sie schmiegten und bittend zu ihnen emporsahen. Da kam einem der Gedanke, daß die Affen wohl ihre Verwandten sein möchten, und auf die hingeworfene Frage: „Sage mir, Pavian, bist du vielleicht mein Bruderssohn Ibrahim oder Achmed oder Musa?“ antworteten die Tiere mit traurigem Kopf-nicken. So ward denn allen offenbar, daß hier ein entsetzliches Strafgericht vollzogen worden war. Schech Demiri, welcher im übrigen so vernünftig ist, wie ein Buchstabengläubiger es sein kann, meint, daß man diese Erzählung hinnehmen müsse, obwohl es sich doch vielleicht beweisen ließe, daß es Paviane früher als Juden gegeben habe. Nach dieser Einleitung kommt er auf die Tiere selbst zu sprechen und kennzeichnet sie in einer Weise, welche wenig zu wünschen übrigläßt. „Diese Tiere“, sagt er, „sind den Menschen in ihrem Wesen und Gebaren sehr ähnlich; denn sie lachen, freuen sich, setzen sich auf das Gesäß, kratzen sich mit den Nägeln, reichen etwas mit ihrer Hand hin, haben bis zu den Spitzen gegliederte Finger und Nägel wie die Menschen, sind fähig, nachzuahmen und zu lernen, und schließen sich den Menschen in freundlicher Weise an. Ihr gewöhnlicher Gang ist auf allen vieren; doch können sie auch, wenigstens eine Zeitlang, auf den Hinterfüßen laufen. Ihr unteres Augenlid hat Wimpern; diese aber findet man sonst nur bei den Menschen. Wenn sie in das Wasser fallen, ertrinken sie wie ein Mensch, welcher das Schwimmen nicht versteht. Sie leben in geschlossener Ehe und sind eifersüchtig auf ihre Weibchen, und diese beiden Dinge gelten doch als entschiedener Vorzug des Menschen. Auch tragen die Weibchen ihre Kinder an der Brust wie Menschenmütter. Unzweifelhaft ist es, daß diese Tiere einen freien Willen haben; denn sonst wäre es nicht möglich, daß man ihnen Dinge lehren könnte, welche ihnen von Natur nicht eigen sind.“
Der erste Gegenstand unserer Betrachtung mag ein Affe sein, welcher von vielen Naturforschern unter die Paviane, von anderen dagegen unter die Makaken gezählt wird. Ich meine den übermütigen Schwarzen, dessen ich, als Peinigers des Budengs, bereits auf Seite 123 gedacht habe. Wie wir dort sahen, ähnelt er in feinem Wesen den eigentlichen Pavianen vollständig, hinsichtlich seiner Gestalt aber unterscheidet er sich nicht unbeträchtlich von den wahren Hundsköpfen, und ebendaher rührt die verschiedene Meinung der Forscher. Ich vertrete, seitdem ich ihn lebend gesehen habe, die Ansicht Cuviers, welcher unseren Schwarzen zuerst unter die Hundsköpfe aufnahm. Verkennen läßt sich allerdings nicht, daß
Hundskopfaffen: Mohren- oder Schopfpavian. rl
er in feinem Auftreten auch in vieler Hinsicht an die Makaken erinnert; doch scheint mir das Wesen des Hundskopfes in ihm zu überwiegen. Man muß ihn als eines jener Übergangsglieder betrachten, welche die Merkmale zweier Sippen an sich tragen und diese zu vermitteln scheinen. Wer ihnzu den Makaken zählen will, darf kaum des Irrtumes geziehen werden; wer ihn zu den Hundsköpfen rechnet, hat ebenfalls recht.
Der Mohren- oder Schopfpavian (OCynopithecus niger, Cynocephalus, Macacus und Inuus niger, Simia nigra, Cynopithecus malayanus) unterscheidet sich von anderen Hundsköpfen durch seinen Stummelschwanz und die Bildung der Schnauze, welche
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Mohren- oder Schopfpavian (Cynopithecus niger). ½ natürl. Größe.
breit, flach, kurz und besonders noch dadurch ausgezeichnet ist, daß die Nase nicht wie bei den Pavianen die Oberlippe überragt, sondern ziemlich weit hinten auf der Oberschnauze endigt. Unser Affe gilt deshalb als Vertreter einer besonderen Gattung, der Hundsaffen im engeren Sinne, Cynopithecus. Gesicht und Gesäß sind nackt, alle übrigen Teile von einem langen und wolligen Pelze bedeckt, welcher sich auf den Gliedmaßen verkürzt, auf dem Kopfe aber zu einem ziemlich langen Schopfe verlängert. Die Färbung des Pelzes ist ein gleichmäßiges Dunkelschwarz, welches auch auf die samtartige nackte Gesichtshaut übergeht. Das Gesäß sieht rot aus. In der Größe steht der Schopfpavian hinter allen Verwandten zurück. Seine Leibeslänge beträgt 65 em, die Länge des Schwanzstummels kaum 3 em.