Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Von den bisher genannten Makaken unterscheidet sich der Schweinsaffe oder Lapunder (Macacus nemestrinus, Simia nemestrina) vornehmlich durch seinen kurzen, dünnen Schwanz und die hohen Beine. Seinen Namen erhielt er eben wegen seines Schwanzes,
welcher mit dem eines Schweines insofern Ahnlichkeit hat, als ihn der Affe in einer ganz eigentümlichen gekrümmten Weise trägt. Die Behaarung auf der Oberseite des Körpers ist lang und reichlich, auf der Unterseite ziemlich spärlich, ihre Färbung oben dunkelolivenbraun, jedes einzelne Haar abwechselnd olivenfarben, grünlich, gelblich und schwarz geringelt, auf dem Oberarme mehr fahlgelb und auf der Unterseite des Leibes gelblich oder bräunlichweiß, auf der Unterseite des Schwanzes hellrostbräunlich. Gesicht, Ohren, Hände und Gesäßschwielen sind schmutzig fleischfarben, die oberen Augenlider weißlich, die Augen braun. Auf dem Scheitel gehen die Haare strahlenförmig auseinander. Die Höhe dieses Affen beträgt bis 50 em, die Länge des Körpers 60 em und die des Schwanzes 15 —20 cm.
Schweinsaffe (Macacus nemestrinus). ½ natürl. Größe
Der Schweinsaffe lebt in den Wildnissen von Sumatra, Borneo (?) und dem südlichen Barma, der Malayischen Halbinsel bis nach Tenasserim, wo er jedoch schon selten wird, auch wahrscheinlich weniger auf Bäumen als auf dem Erdboden oder auf Felsen und im Dschangel an deren Fuße. Wenigstens berichtet Phayre, daß er Affen dieser Art in einer gebirgigen Gegend fand. Ausführliche Berichte über sein Freileben liegen nicht vor, sind mir zum mindesten nicht bekannt; jedenfalls aber steht so viel fest, daß der Schweinsaffe in seiner Heimat häufig sein muß, weil er auf unseren Tiermärkten durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört, bei den Händlern im Gegenteile ziemlich häufig gefunden wird. Man erzählt, daß er von den Malayen, welche ihn Bruh nennen, gezähmt und zu allerlei Dienstleistungen abgerichtet werde. Namentlich soll man ihn zum Pflücken der Kokosnüsse verwenden und er dabei sich nicht allein geschickt, sondern sogar sehr verständig zeigen, beispielsweise die reifen Nüsse von den unreifen unterscheiden und jene herabwerfen.
„Eines Tages“, erzählt C. Bock von seinem Aufenthalt auf Sumatra, „begegnete mir ein Malaye, der einen großen Affen an einem wenigstens 50 Fuß langen Stricke mit sich führte. Auf meine Frage, ob der Affe zu Schaustücken abgerichtet sei, und mein Versprechen, einige Cents dafür zu zahlen, sagte der Mann einige malayische Worte zu dem Tiere, worauf es sogleich auf einen nebenstehenden hohen Kokosbaum kletterte. Etwa bis zum dritten Teile der Höhe gelangt, machte es Halt und blickte zu seinem Herrn hinab; als dieser ihm durch einen Ruck am Seile ein Zeichen gab, klomm es einige Fuß höher, hielt dann wieder an und machte einige Gaukeleien, bis es endlich die Baumkrone erreichte. Hier befühlte es einige Nüsse nacheinander, bis es an eine reife gelangte, die es abpflückte und herunterwarf. Auf diese Weise untersuchte es mehrere und warf die reifen geschäftsmäßig herab, bis ihm ein Wink von seinem Herrn andeutete, daß es genug sei, worauf es ruhig herunterkam. Man erzählte mir, der Malaye ginge von Dorf zu Dorf und gewönne seinen Lebensunterhalt, indem er die Geschicklichkeit des Affen, Kokosnüsse zu sammeln, als ein Geschäft betriebe. Späterhin fand ich, daß solche abgerichtete Affen keineswegs selten seien.“
Im Verhältnis zu seiner Größe ist er ebenso kräftig als beweglich, obgleich er selbstverständlich den Schlankaffen, Meerkatzen und kleineren Sippschaftsverwandten nachsteht. Sein Wesen ist gutmütig, und er behält diese Eigenschaft vielleicht auch im höheren Alter bei. Allerdings habe ich mehrere erwachsene Schweinsaffen kennen gelernt, mit denen ebenfalls nicht zu spaßen war: alte grämliche Männchen, welche im vollen Bewußtsein ihrer Würde sich weder von ihren Pflegern noch von anderen Affen das Geringste gefallen ließen. Blanford nimmt an, daß die gute Meinung, die man laut Raffles auf Sumatra von ihm habe, nur Weibchen und junge Tiere betreffen könne; denn alte Männchen seien sehr bösartig und wegen ihrer Größe und Stärke gefährliche Gegner. Nach ihm ähnelt in Stimme und Gebaren der Schweinsaffe in Freiheit dem Bunder; wenn aufgeregt, hält er den Schwanz S⸗förmig gekrümmt. Die Trächtigkeitsdauer wurde zu 7 Monaten 20 Tagen bestimmt. Auch er pflanzt sich leicht in Gefangenschaft fort und paart sich zuweilen erfolgreich mit Verwandten. So lebte im Berliner Tiergarten im Jahre 1872 ein weiblicher Schweinsaffe mit seinem Kinde, dessen Vater ein gewöhnlicher Makak war, und das Kleine gedieh auch recht gut, verlor aber leider im ersten Winter sein Leben.
In gewisser Hinsicht der wichtigste aller Makaken ist der Magot, der einzige in Europa freilebend vorkommende Affe, seiner Schwanzlosigkeit halber neuerlich als Vertreter einer besonderen Gattung angesehen, sonst auch unter dem Namen türkischer, berberischer und gemeiner Affe bekannt (Inuus ecaudatus, Simia, Macacus und Pithecus inuus 2c.). Ihn kennzeichnet außerdem der schmächtige Leibesbau und die Schlankheit seiner hohen Glieder, ein ziemlich reicher, auf der Unterseite des Leibes spärlicherer Pelz und der dichte Backenbart. Das runzelige Gesicht, Ohren, Hände und Füße sehen fleischfarbig, die Schwielen blaßrot aus; der Pelz ist rötlich olivenfarbig, da die Haare am Grunde schwärzlich, an der Spitze aber rötlich sind. Bei sehr alten Stücken zeigen die Haare übrigens auch schwarze Spitzen, und der gesamte Pelz erhält dann einen dunkleren Schein. Die Unterseite und die Innenseite der Gliedmaßen hat lichtere, mehr graugelbliche oder weißliche Färbung. Bei etwa 75 cm Leibeslänge erreicht der Magot eine Schulterhöhe von 45—50 cm.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Affe bereits den alten Griechen unter dem damen Pithecus bekannt und der erste war, welcher in Europa vorgeführt wurde. Plinius sagt von ihm, daß er alles nachahme, das Brettspiel lerne, ein mit Wachs gemaltes Bild zu unterscheiden verstehe, es gern habe, wenn man sich mit ihm beschäftige, in den Häusern Junge hervorbringe ꝛc. Unter den späteren Schriftstellern berichtet namentlich Leo Africanus über ihn, daß er in den mauritanischen Wäldern, besonders in den
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Bergen von Bugir und Konstantine lebe, nicht nur an Händen und Füßen, sondern auch im Gesichte menschenähnlich sei und von der Natur mit wunderbarem Verstande und Klugheit ausgestattet. Er nähre sich, so schildert unser Gewährsmann, von Kräutern und Körnern, ziehe herdenweise in die Kornfelder, stelle am Rande Wachen auf, welche bei eintretender Gefahr durch einen Schrei die anderen warnten, worauf der ganze Trupp durch die Flucht sich zu retten suche und in großen Sprüngen sich auf die Bäume begäbe. Auch die Weibchen sprängen mit und trügen dabei ihre Jungen an der Brust. Diese Affen
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Magot (Inuus ecaudatus). ½ natürl. Größe.
würden abgerichtet und brächten es sehr weit: einzelne wären wahre Künstler; doch hätte man von ihrem Zorne und ihrer Bissigkeit mancherlei zu leiden. Von den alten Griechen und Römern an genoß der Magot bis in die neuere Zeit dieselbe Beachtung. Er war der beständige Begleiter der Bären- und Kamelführer, welche in unserem gebildeten Zeitalter leider nicht mehr die liebe Jugend in derselben Weise belustigen wie früher. Unter den herumziehenden Künstlern stand oder steht er im höchsten Ansehen, und zwar nicht allein seiner Klugheit halber, sondern mehr noch wegen feines Leibesbaues. Für den Besitzer eines Affen-theaters ist es nämlich, wie ich neuerdings belehrt worden bin, besonders wichtig, daß der zu verwendende Affe einen möglichst kurzen biegsamen Schwanz oder besser gar keinen habe, weil
gedachtes Anhängsel, wenn das Tier bekleidet werden soll, stets erhebliche Schwierigkeiten verursacht. Aus diesem Grunde wird der Mandrill anderen Pavianen, der Bunder anderen Makaken und der Magot allen Gliedern seiner Sippe vorgezogen. „Seine schöne schlanke Gestalt“, so versicherte mir Broekmann, „erleichtert das Bekleiden sehr; jeder Anzug paßt ihm vorzüglich; vom Schwanze bemerkt man gar nichts, wenn er auf die Bühne kommt, und da er nun außerdem noch leicht lernt und das Gelernte vorzüglich gut behält, verdient er, allen übrigen Affen seines Geschlechtes bei weitem vorangestellt zu werden. Bei guter Behandlung und verständiger Abrichtung bleibt er auch im hohen Alter sanft und gutartig, während er, wenn er einmal ‚verjchlagen‘ wurde, einer der tückischsten aller Affen ist.“
Reichenbach nennt den Magot einen Spieler für das allgemeine Rollenfach: „Sein Gesichtsausdruck“, meint er, „macht den Eindruck eines pfiffigen, dabei überlegten, entschiedenen Charakters. Der breite Querdurchmesser des Gesichts deutet entschiedene Beharrlichkeit an und ebenso die breite Kopfmitte auf Gutmütigkeit hin. Die kleinen Augen zeigen zwar den pfiffigen, die minder hohe Stirn aber den beschränkten Denker. Seine Rollen beschränken sich deshalb auch nur auf die gewöhnlichen Späße, auf das An- und Auskleiden, Hutabnehmen, Grüßen, Reiten auf anderen Tieren, Schaukeln und Seiltanzen, Auffangen zugeworfener Nüsse, auf das Trinken und Essen aus Gefäßen und Geschirren ꝛc.“ Hiermit stimmt Broekmann, welchem wir in dieser Hinsicht wohl die erste Stimme zusprechen dürfen, keineswegs überein. Seiner Versicherung nach gibt es gerade unter den Magots ganz ausgezeichnete „Künstler“, welche in jeder Hinsicht Anerkennenswertes leisten.
Die Heimat des Magot ist das nordwestliche Afrika, Marokko, Algerien und Tunis. Nach Rüppell soll er noch in den westlich von Agypten liegenden Oasen häufig vorkommen und von dort aus in Menge nach Alexandrien und Kairo ausgeführt werden — eine Angabe, welche ich nicht zu bestätigen vermag, da ich unseren Affen in Agypten stets in weit geringerer Anzahl gesehen habe als die aus Mittelafrika stammenden Arten. Soviel wir wissen, lebt er in seinem Vaterlande in großen Gesellschaften unter Leitung alter, erfahrener Männchen. Er ist sehr klug, listig und verschlagen, gewandt, behende und kräftig und weiß sich im Notfalle mit seinem vortrefflichen Gebiß ausgezeichnet zu verteidigen. Bei jeder leidenschaftlichen Erregung verzerrt er das Gesicht in einem Grade wie kein anderer Affe, bewegt dabei die Lippen schnell nach allen Richtungen hin und klappert auch wohl mit den Zähnen. Nur wenn er sich fürchtet, stößt er ein heftiges, kurzes Geschrei aus. Verlangen sowie Freude, Abscheu, Unwillen und Zorn gibt er durch Fratzen und Zähneklappern zu erkennen. Wenn er zornig ist, bewegt er seine in Falten gelegte Stirn heftig auf und ab, streckt die Schnauze vor und zwängt die Lippen so zusammen, daß der Mund eine kleine zirkelrunde Offnung bildet. In der Freiheit lebt er in Gebirgsgegenden, auf felsigen Wänden, ist aber auch auf Bäumen zu Hause. Man sagt, daß er, wie die Paviane, viele Kerbtiere und Würmer fresse, deshalb beständig die Steine umwälze und sie gelegentlich die Berge herabrolle. An steilen Gehängen soll er hierdurch nicht selten gefährlich werden. Skorpione sind, wie behauptet wird, seine Lieblingsnahrung; er weiß ihren giftigen Stachel geschickt auszurupfen und verspeist sie dann mit großer Gier. Aber auch mit kleinen Kerbtieren und Würmern begnügt er sich, und je kleiner seine Beute sein mag, um so eifriger zeigt er sich in der Jagd, um so begieriger verzehrt er den gemachten Fang. Das erhaschte Kerbtier wird sorgfältig aufgenommen, vor die Augen gehalten, mit einer beifälligen Fratze begrüßt und nun sofort gefressen.
Auffallender- und eigentlich unerklärlicherweise gehört der Magot gegenwärtig auf dem europäischen Tiermarkte zu den Seltenheiten, und nur sehr ausnahmsweise gelangen einmal wenige Exemplare in die Hände des Händlers. Aus diesem Grunde sieht man ihn auch nur vereinzelt in den Tiergärten und zum Kummer aller herumziehenden Künstler im 11*
Affentheater. Die Gefangenen werden uns in der Regel von Mogador in Marokko gebracht; doch scheint es, als ob man sich gegenwärtig weit weniger als früher damit befasse, solche Affen zu fangen, zu zähmen und zu verhandeln. Ich selbst erhielt vor längeren Jahren vier Stück von ihnen und hatte somit Gelegenheit, sie geraume Zeit zu beobachten. Alle vier zeichneten sich durch ein ernstes Wesen aus, ohne jedoch mürrisch zu sein. Der Grundzug ihres Charakters war entschiedene Gutmütigkeit; doch fand ich die bereits von den Alten erwähnte leichte Erregbarkeit auch bei ihnen bestätigt, weswegen es ratsam ist, sie mit gebührender Vorsicht zu behandeln. Sie sind gute Fußgänger, aber mangelhafte Kletterer, obwohl sie immerhin mit größerer Leichtigkeit als Paviane Bäume besteigen und mit ziemlichem Geschick Sätze von einem Baume zum anderen ausführen können. Mit ihrem Wärter hatten sich die in Rede stehenden Stücke binnen kurzem innig befreundet, obgleich sie die ihnen innewohnende Tücke niemals ganz lassen konnten. Kleine Hunde, Katzen und andere Säugetiere warteten sie mit besonderer Vorliebe, und stundenlang konnten sie sich beschäftigen, ihnen das Fell nach schmarotzenden Gästen abzusuchen, erkannten es auch dankbar an, wenn der Wärter ihnen scheinbar dieselbe Gefälligkeit erwies, d. h. ihnen die Haare des Felles auseinander legte und that, als ob er reiche Jagd mache. Alle vier starben in kurzer Zeit dahin, ohne daß es uns möglich war, eine Ursache dafür aufzufinden.