Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
gebrochen, wird mit Behagen entblättert und Blatt und Blüte, Knospe und Zweigspitze anscheinend mit demselben Vergnügen verzehrt. Milch trinkt der Makak, solange er jung ist, leidenschaftlich gern; Milchbrot genießt er noch im Alter mit Vorliebe. An Fleischkost läßt er sich gewöhnen, überhaupt bald dahin bringen, die Gerichte der menschlichen Tafel zu teilen. Auch geistigen Getränken ist er keineswegs abhold, und einmal an dieselben gewöhnt, zieht er sie allen anderen vor. Je reicher man ihm seine Tafel beschickt, um so wählerischer zeigt er sich. Trotzdem kann man ihn kaum verwöhnen, weil er im Notfalle sich wiederum mit dem einfachsten Futter begnügt und dasselbe scheinbar mit demselben Behagen verspeist wie die beste Leckerei.
Gefangene Makaken pflanzen sich ziemlich regelmäßig im Käfig fort, paaren sich zuweilen auch mit Verwandten und erzeugen dann lebenskräftige Blendlinge. Die Dauer ihrer Trächtigkeit beträgt ungefähr 7 Monate; genauer kann die Zeit nicht bestimmt werden, weil man nicht im stande ist, ein Pärchen nach der befruchtenden Begattung zu trennen. Ich selbst habe von den Makaken, welche ich pflegte, wiederholt Junge erhalten. Einmal wurde einer in einem Käfig geboren, in welchem sich außer der betreffenden Mutter noch ein anderer Makak und das Weibchen eines Mantelpavians befanden. Letzteres hatte geraume Zeit vorher ebenfalls geboren, das Junge aber bald eingebüßt. Wenige Minuten nach der Geburt des Makaken bemerkten die Wärter das Junge in den Armen des gedachten Hamadryasweibchens und schlossen daraus, daß dieses ein nachgeborenes Junge zur Welt gebracht habe. Aus diesem Grunde ließen sie auch der anscheinenden Mutter das Junge. Erst in den Nachmittagsstunden fiel ihnen auf, daß sich die Pflegemutter wenig mütterlich betrage, das Junge oft auf das Stroh lege und sich zeitweilig kaum um dasselbe kümmere. Nunmehr erst sahen sie, daß der alte Makak, die wirkliche Mutter, sehr abgefallen war, fingen dieselbe, untersuchten sie und fanden ihre Brüste strotzend von Milch. Jetzt erhielt die Alte ihr Kind; letzteres saugte auch, war aber doch schon zu lange ohne Pflege und Nahrung gewesen; denn am anderen Morgen fand man es tot.
Wie innig Makaken an ihren Kindern hängen, mag aus einer anderen Beobachtung von mir hervorgehen. Gelegentlich der Wintereinrichtungen sollten einige Affen aus ihrem Käfig entfernt werden, und es wurde deshalb Jagd auf sie gemacht. Unter der Gesellschaft jenes Käfigs befand sich auch das Junge eines Makakenweibchens, welches von der Mutter bereits seit Monaten getrennt worden war. Letztere bewohnte einen anderen Käfig, von welchem aus sie jenen übersehen konnte, und war von ihrem Kinde getrennt worden, weil sie eine bessere Pflege erhalten sollte. Als die Jagd auf die Affen begann, folgte die Alte mit ängstlichen Blicken jeder Bewegung des Wärters und schrie laut auf, so oft dieser ihrem Kinde sich näherte. Das fiel auf, und sie erhielt infolge ihrer Teilnahme das Kind zurück. Augenblicklich ergriff sie es, nahm es in die Arme und liebkoste es auf das zärtlichste. Sie hatte also das Junge niemals aus den Augen verloren, und dieses, wie es schien, auch die Mutter im Gedächtnis behalten.
In unseren Affentheatern spielt der Makak eine bestimmte, nicht allzu eng begrenzte Rolle, gewöhnlich als Aufwärter oder Diener, seltener als Reiter. Einzelne bringen es zu einer bemerkenswerten Künstlerschaft. Ihre Abrichtung erfordert, nach mündlicher Versicherung Sachkundiger, größere Mühe als die Abrichtung der Paviane, aber weniger Mühe als die Einschulung des Magot. Doch behält letzterer das einmal Erlernte besser als unser Makak, dessen reger Geist verschiedenartige Beschäftigung verlangt.
Minder häufig als der Makak gelangt uns der Hutaffe, Bandar, Makadu, Manga der Inder (Macacus sinicus, Cynomolgus sinicus, Simia sinica), zu Gesichte. In der Größe steht dieser Affe seinen Verwandten um etwas nach. Seine Leibeslänge beträgt selten
mehr als 45 em, sein Schwanz ist etwas länger. Der Leib ist ziemlich schmächtig, die zusammengedrückte Schnauze weiter vorgezogen als bei jenem, das Kopfhaar vom Scheitelpunkte aus strahlig ausgebreitet, die Stirn fast nackt, der Pelz ziemlich kurz, die Färbung der Oberseite ein fahles Grünlichgrau, welches durch den Gesamteindruck der grauen, schwarz und gelb geringelten Haare hervorgerufen wird, die der Unterseite weißlich; Hände und Ohren sind schwärzlich gefärbt.
Hutaffe (Macacus sinicus). ½ natürl. Größe.
Der Hutaffe bewohnt nach Blanford den Süden Vorderindiens, an der Westküste bis in die Nähe von Bombay, an der Ostseite kaum bis zum Godawari. Die Eingeborenen betrachten ihn als ein heiliges Wesen und erlauben ihm nicht bloß, in ihren Gärten nach Lust und Willkür zu schalten, sondern errichten ihm noch besonders Tempel und bauen Fruchtgärten für ihn an, um dem sauberen Heiligen ihre Ehrfurcht zu beweisen. Ob auch ihm ähnliche Heldenthaten zugeschrieben werden wie dem Hulman, ist mir unbekannt. In seinem Wesen ist der Hutaffe ein echter Makak, d. h. wetterwendisch wie irgend ein anderer seiner Ordnung. Seine Launen wechseln ohne Ursache in jedem Augenblicke, und daher kommt es, daß man eigentlich niemals recht weiß, wie man mit ihm daran ist.
Sein Mutwille, die Munterkeit seines Wesens, seine Nachahmungssucht und feine Gelehrigkeit machen ihn jedoch zu einem gern gesehenen Gesellschafter und lassen seine Unarten und sein garstiges Gesicht vergessen.
Im allgemeinen darf man sagen, daß er sich in seinen Sitten und Gewohnheiten, in der Art und Weise seiner Bewegung, seines Gebarens, überhaupt des gesamten Auftretens wenig oder nicht von dem gemeinen Makaken unterscheidet. Entsprechend seinem absonderlichen Gesichte, welchem der auf die Stirn hereinfallende Haarschopf einen ganz eigentümlichen Ausdruck verleiht, schneidet er vielleicht noch mehr als jener Grimassen und Fratzen; dies aber ist auch alles, was ich zum Unterschiede anzugeben wüßte. Auf Ceylon steht ein nur dort heimischer Verwandter (M. pileatus), welcher jedoch nach Blanford schwerlich als eine besondere Art von ihm zu trennen ist, bei jedermann in großer Gunst und ist der allgemeine Liebling der Eingeborenen wie der Europäer. Die Schlangenbeschwörer und andere Herumstreicher lehren ihn den Tanz und ähnliche Künste, kleiden ihn, wie die Affenführer früherer Jahrzehnte bei uns es zu thun pflegten, in auffallende Tracht, ziehen mit ihm von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und lassen durch ihn sich ernähren, so gut und schlecht es eben gehen will. Tennent, welcher die obigen Mitteilungen macht, fügt noch hinzu, daß er sich leicht an Tabaksrauch gewöhnen läßt, wozu ich zu bemerken habe, daß mir das in keiner Weise auffällig erscheint. Viele Affen lieben den Tabaksrauch mit einer gewissen Leidenschaft. Einige amerikanische Arten geraten in förmliches Entzücken, wenn man ihnen solchen zubläst, andere öffnen das Maul so weit als möglich, wenn man sie anraucht, und blasen dann den eingezogenen Rauch mit wirklichem Behagen von sich.
Als Beweis des Verstandes unseres Hutaffen und seines Vermögens, zu urteilen und Schlüsse zu ziehen, mag nachstehende, mir von Schomburgk mitgeteilte Erzählung dienen. „In der tierkundlichen Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfig gehalten. Eines Tages griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern auch eine Schlag: ader schwer verletzte und dem Manne ein längeres Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war, verurteilte ich den Schuldigen zum Tode, und früh am folgenden Morgen nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht werden, um Katzen, Ratten ꝛc. zu vertilgen; die Affen haben sich daran so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfig sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter Eile in den Schlaf: käfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter wurde gebracht: er sah, was er früher nie gethan hatte, ruhig zu, daß die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte, und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfig zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte, kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort zu verzehren. Nachdem er zum zweiten Male herausgekommen war, um sich ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Thür seines Zufluchtsortes rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Thür des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang, stürmte er
durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu entwischen und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend, am ganzen Leibe zitternd auf den Boden nieder und ergab sich in das Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach. „Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden.“
Ein anderer Makak, der Bunder, Bandar und Markat der Inder, soll nach manchen Gewährsmännern ebenfalls heilig gehalten werden. Blanford gibt indessen neuerdings an, daß dem nicht so sei, daß aber der Bunder allerdings in keinerlei Weise belästigt werde und darum an manchen Orten sich ebenso unverschämt wie der Hulman betrage. Übrigens bleibt es bei vielen von Reisenden mitgeteilten Geschichten auch recht zweifelhaft, welche Affenart darin eine Rolle spielt. „In der Nähe von Bindrabun, zu Deutsch Affenwald“, erzählt Kapitän Johnson, „gibt es mehr als hundert wohlbestellte Gärten, in welchen alle Arten von Früchten gezogen werden, einzig und allein zum Besten der Bunder, deren Unterhaltung den Reichen des Landes als großes Glaubenswerk erscheint. Als ich durch eine der Straßen in Bindrabun ging, folgte ein alter Affe mir von Baum zu Baume, kam plötzlich herunter, nahm mir meinen Turban weg und entfernte sich damit in kurzer Zeit, ohne wieder gesehen zu werden. Ich wohnte einst einen Monat in dieser Stadt und zwar in einem großen Hause an den Ufern des Flusses, welches einem reichen Eingeborenen gehörte. Das Haus hatte keine Thüren; die Affen kamen daher oft in das Innere des Zimmers, in welchem ich mich aufhielt, und nahmen Brot und andere Dinge vor unseren Augen von dem Tische weg. Wenn wir in einer Ecke des Raumes schliefen, brandschatzten sie uns auch in anderer Hinsicht. Ich habe oft mich schlafend gestellt, um sie in ihrem Treiben zu beobachten, und dabei mich weidlich gefreut über ihre Pfiffigkeit und Geschwindigkeit. Sätze von 4— 5 m von einem Hause zum anderen, mit einem, ja zwei Jungen unter ihrem Bauche und noch dazu beladen mit Brot, Zucker und anderen Gegenständen, schienen für sie nur Spaß zu sein. „Gelegentlich eines Ausfluges nach Jeckarry wurden unsere Zelte in einem großen Mangogarten aufgeschlagen und die Pferde in geringer Entfernung davon angepflöckt. Als wir bei Tisch waren, kam der Reitknecht und erzählte, daß eines von den Pferden sich losgebrochen habe, weil es die Affen auf den Bäumen durch ihr Gezänk und das Herabwerfen von dürren Zweigen erschreckt hatten, und daß wahrscheinlich die übrigen Pferde dem Beispiele des einen folgen würden, wenn wir nicht Hilfe schafften. Sobald als das Essen vorüber war, ging ich mit meinem Gewehre hinaus, um sie wegzutreiben. Ich schoß auf einen mit schwachem Schusse, und er entfloh eilig zwischen die dichtesten Zweige des Baumes, blieb aber dann entkräftet sitzen und versuchte, das aus der Wunde rinnende Blut durch Auflegen seiner Hände zum Stocken zu bringen. Dies erschütterte mich so, daß ich an keine Jagd mehr dachte und zurückkehrte. Noch ehe ich den Vorfall meinen Freunden beschreiben konnte, kam ein Reitknecht zu uns und erzählte, daß der Affe zwar tot gewesen sei, aber von den anderen augenblicklich aufgenommen und fortgetragen worden wäre, niemand wisse, wohin. „Ein glaubwürdiger Mann erzählte mir, daß die Ehrfurcht der Eingeborenen gegen den Bunder fast ebenso groß sei wie die gegen den Hulman. Die Eingeborenen von Baka lassen den Erntezehnten auf dem Acker für diese Affen zurück, welche alsbald von ihren Bergen herabsteigen, um sich die Steuern zu holen.“