Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
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HusarenaffeT (Cercopithecus ruber). / natürl. Größe.
Nicht alle Meerkatzen find jo liebenswürdig wie die eben beschriebenen Arten; einige scheinen sogar recht mürrisch und widerwärtig zu sein. Nach meinen Erfahrungen ist der
Husarenaffe (Cercopithecus ruber, pyrrhonotus und patas), wahrscheinlich die Cal-litriche des Plinius, die langweiligste und unliebenswürdigste Meerkatze; andere mögen wohl besser über ihn urteilen dürfen. In der Größe übertrifft dieser Affe die vorher bejchrie-benen fast um die Hälfte, mindestens um ein Drittel. Das Gesicht ist schwarz, die Nase weißlich, der Backenbart weiß, ein Fleck auf dem Kopfe dunkelrot, schwärzlich umsäumt, der übrige Pelz oben schimmernd rötelfarbig oder goldigrot, unten, an der Innenseite der Beine, an den Vorderarmen und Unterschenkeln weiß. |
Der Verbreitungskreis des Husarenaffen erstreckt sich vom Welten Afrikas bis Abessinien; das Tier scheint jedoch überall spärlicher aufzutreten als der Abulandj oder Grünaffe. Ich habe jenen, soviel ich mich erinnere, nur einige Male in den Waldungen des Blauen Flusses oberhalb Senaars gesehen; Heuglin und Hartmann dagegen trafen ihn
häufiger und zwar vorzugsweise in dünn bestandenen Steppenwaldungen oder im Hochgrase, mit welchem die Färbung seines Pelzes übereinstimmt. In seinem Wesen scheint er das gerade Gegenteil des Abulandj zu fein. Sein Gesichtsausdruck ist der eines Staatshämor: rhoidariers, ewig mürrisch und unfreundlich nämlich, und sein Handeln straft diesen Ausdruck in keiner Weise Lügen. Solange er noch jung ist, zeigt er sich wenigstens einigermaßen liebenswürdig; mit steigendem Alter aber nimmt seine Reizbarkeit in einer Weise zu, daß man wirklich kaum mehr mit ihm auszukommen vermag. An ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihm und irgend einem anderen Geschöpfe, seine Mitaffen nicht ausgeschlossen, ist kaum zu denken. Alles scheint ihm widerwärtig zu sein, ihn mindestens im höchsten Grade zu langweilen, die unschuldigste Handlung eine ihm angethane Beleidigung zu sein. Ein Blick erregt seinen Arger, Gelächter bringt ihn in förmliche Wut. Dann sperrt er, so weit er kann, das Maul auf und zeigt die verhältnismäßig überaus großen Zähne, versucht auch, falls es ihm irgend möglich, dieselben an dem verhaßten Gegner zu erproben. Freundliche Worte helfen soviel wie nichts, Schläge verschlimmern mehr, als sie bessern. Ich erinnere mich nicht, jemals einen wirklich zahmen älteren Husarenaffen gesehen zu haben, bin vielmehr nur mit wütenden und tückischen bekannt geworden. — Unsere Gefangenen erhalten wir von der Küste Guineas, ausnahmsweise auch von Agypten, wohin der Husarenaffe vom Sudan gebracht wird.
Die neueren Forscher trennen die kräftigeren Meerkatzen mit verlängerterem Schnauzenteile und leistenartig erhöhtem Brauenbogen oder Augenhöhlenrändern und unpaarem Höcker auf dem fünften unteren Backenzahne unter dem Händlernamen Mangabes (Cercocebus) von den übrigen, obwohl sie in allem Wesentlichen diesen sonst ähneln.
Einer der bekanntesten Vertreter dieser Gruppe, der Mohrenaffe oder gemeine Mangabe (Cercopithecus [Cercocebus] fuliginosus), erreicht eine ziemlich beträchtliche Größe; feine Länge beträgt bis 1,25 m, wovon auf den Schwanz 60 em kommen, die Schulterhöhe 40 em. Die Färbung der oberen Seite ist ein düsteres Schwarz, welches unten an den Innenseiten der Gliedmaßen ins Schiefergraue übergeht. Gesicht und Hände sind schwarz, die oberen Augenlider fast rein weiß. Er kommt von der Westküste Afrikas neuerdings ziemlich regelmäßig in unsere Sammlungen. In ihrem Wesen und Gebaren ähneln sie den Verwandten, doch hat es mir scheinen wollen, als ob sie sich durch größeren Ernst und mürrischeres Wesen von ihnen nicht eben zu ihrem Vorteile unterschieden.
Einen äußerlich sehr ähnlichen westafrikanischen Verwandten, den Cercopithecus albigena, schildert Pechuel⸗-Loesche: „Der Mbukumbuku, jo nennen ihn die Eingeborenen der Loangoküste, findet sich in ausgedehnten Wäldern, jedoch nirgends häufig, auch nicht in Banden, sondern zu zweien und dreien, alte Männchen auch einzeln. Er ist nicht so rastlos wie die Meerkatzen, aber doch ebenso behende im Gezweige und macht außerordentlich weite Sprünge, auch vermag er auf dem Boden recht schnell zu laufen und geschickt zu schwimmen. Das Gesicht gewinnt durch den im Zorne aufgerichteten Haarschopf und das starke Gebiß einen zur Vorsicht mahnenden Ausdruck, zumal er auch, den Gegner fixierend, gern den Rachen aufreißt und mit dem Kopfe drohende Bewegungen macht. Der kräftigste unserer pommerschen Schäferhunde wurde von einem solchen Affen einmal recht übel zugerichtet und ging späterhin einem in Tschintschotscho zahm lebenden vorsichtig aus dem Wege. „Den Namen Mbukumbuku hat er nach seinem Rufe erhalten, den aber wohl nur das Männchen so laut schallend hören läßt. Der Ruf ist ein doppelter: entweder ein schnell und beliebig oft nacheinander hervorgestoßenes volltönendes Grunzen wie ‚Hu-u hu-u huzu‘ oder ein in Pausen bedächtig wiederholtes tieferes ‚Huch‘ oder ‚Huf‘. Bei dem bald kurz, bald lang betonten ‚Hu-u‘ wird die erste Silbe durch Ausstoßen, die zweite u Einziehen
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.
der Luft erzeugt; es klingt polternd und grollend und wird unter Grimassen, Aufrichten des Schopfes, Krümmung des Rückens und oft senkrechter Stellung des langen Schwanzes vorgetragen. Da der stattliche schwarze Bursche es liebt, sich manchmal minutenlang in dieser Weise zu äußern, gewinnt man genau den Eindruck, als hielte er eine zornige Rede. In der Wildnis ist er (wie der stattliche farbenschöne Turacus cristatus, der Vogel, der mit ihm die nämlichen Wälder bewohnt und ihn an weithin hallender Stimme fast über:
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Mohrenaffe (Cercopithecus fuliginosus). ½ natürl. Größe.
trifft) unter günstigen Umständen gewiß mehrere Kilometer weit zu hören; dabei sieht man ihn häufig am Flußufer auf einem mittelhohen Zweige, den er gleichsam als seine Kanzel erwählt und wieder verläßt, wenn er geendet hat. Doch habe ich auch beobachtet, daß er im dichten Walde, und während er Früchte verspeist, gern seinen Ruf erschallen läßt. Dies ist recht vorteilhaft für den Jäger, der ihn verhören und sich danach anschleichen kann. Bei freudiger Erregung wandelt er das „Hu-u in ein oft wiederholtes einfaches „Ho“. Die Stimme ist wohlklingend, aber, wie schon erwähnt, auffallend laut. Daher belegen die Eingeborenen diejenigen ihrer Mitmenschen, welche ihre Sprachwerkzeuge allzu rücksichtslos gebrauchen, auch mit dem Spottnamen „Mbukumbuku'.
„Dieser Affe gebietet überhaupt über die ausgiebigsten Stimmmittel. Ein zahm in unserem Gehöfte lebender und ‚Mohr‘ genannter, ein schönes, starkes Männchen, verfügte noch über vier Lautgruppen, um seine Wünsche kundzugeben. Zwei davon ließ er so regelmäßig und zweckvoll hören, daß man mit Bestimmtheit sagen konnte, was Mohr wollte: ob Essen und Trinken, ob Beseitigung irgend welches Ungemaches oder Mißgeschickes, wie es in einem Affenleben wohl vorkommen mag. Drang der vom Winde gepeitschte Regen in seine auf einer Stange thronende Schlaftonne, und verlangte er die seitliche Drehung der Offnung, so rief er selbst des Nachts nach mir; ebenso, wenn seine Leine sich festgeklemmt hatte und seine Kräfte zum Ablösen nicht hinreichten. Seine Ausdrucksweise näher zu beschreiben, will mir allerdings nicht gelingen; genug, man verstand sie. Alle übrigen unserer Affen, mit Ausnahme des Gorillas, dachten nie daran, durch Ausstoßen bestimmter Laute Menschen, die sie nicht sahen, zu ihrer Hilfe herbeizurufen; denn Laute der Freude, des Schreckens, des Argers und Unbehagens überhaupt, welche sie von sich gaben, erstrebten nicht diesen einen bestimmten Zweck. „Mohr besaß jedenfalls eine hohe natürliche Begabung, und seine Geisteskräfte entwickelten sich unter unserer Obhut bedeutend. Seine Thaten, seine Eigenheiten in ihrer mannigfaltigen Beziehung und Feinheit bereiteten uns viel Vergnügen. Er war anhänglich und dankbar, liebenswürdig mit denen, die ihm Gutes erwiesen, haßte aber unwandelbar von ganzem Herzen die, welche ihn absichtlich und wiederholt gekränkt hatten. Unbändig und übermütig, kraftvoll und gewandt, war er ein guter Freund und ein schlimmer Feind, den man wie einen Hund auf unliebsame Personen hetzen konnte. Löste er sich, wie dies oft geschah, einmal unerwartet von seiner Leine, so floh die Mehrzahl unseres Gesindes in größter Eile. Denn denen, mit welchen er eine alte Rechnung auszugleichen hatte, die er unter vielen genau kannte, wußte er immer durch schnelle Angriffe beizukommen, riß ihnen die Kleider vom Leibe, zauste ihnen das Haar, kratzte, ohrfeigte sie und biß manchmal in bedenklicher Weise. Da er schwer und sehr kräftig war, vermochte er beim ersten Anspringen sogar Erwachsene zu Boden zu werfen. Den Frauen und Mädchen, die des Morgens Wirtschaftsbedarf anboten, that er jedoch nichts, untersuchte aber, dabei sehr oft vom Gorilla unterstützt, ihre Körbe und nahm, was ihm gut dünkte. Ab und zu fing er sich auch ein Huhn oder eine Taube, die wir ihm aber schleunigst wieder abnahmen; deswegen entrann er einmal mit seiner Beute in den nahen Wald, kehrte aber am nächsten Tage ganz unbefangen zurück. Er war der beste Spielgefährte unseres Gorillas, balgte sich mit ihm in tollster Weise und hielt außerdem treue Freundschaft mit dem Hammel Mfuka, der über Mensch und Tier im Gehöfte sich das Recht des Ordnungsstifters anmaßte. Diesem, der ihn oft besuchte, saß er bisweilen lange Zeit auf Hals und Kopf und trieb mit ihm allerlei nicht immer sanfte Kurzweil. Gewöhnlich lag er an einer langen, dünnen Leine, so daß er noch das allgemeine Affenhaus, darin namentlich Schimpansen und Meerkatzen lebten, erreichen und auf das Dach steigen konnte, dessen Traufe etwas höher als mein Scheitel war. So groß war die Kraft und Sicherheit dieses Affen im Springen, daß er, wenn ich mich bis gemessene 7 m weit von der Traufe aufstellte, die Hände flach aneinander gedrückt ausstreckte und komm Mohr!“ rief, er mit frohem Grunzen, die Glieder weit gespreizt, ge wissermaßen auf meine Hände flog und dort sogleich in vollkommenem Gleichgewichte haften blieb. Ging ich noch weiter ab, jo versagte er, dem Rufe zu folgen; er kannte feine Leistungsfähigkeit genau. Bevor er sprang, sah er stets erst nach seiner Leine und warf sie frei nach vorn, damit sie ihn nicht hindere. „Mohr verstand den kunstvollsten Knoten seiner Leine zu lösen, wenn dieser nicht noch besonders durch Kupferdraht gesichert war, knüpfte aber niemals den entfernteren am Stangenringe, sondern den am Leibesgürtel auf, damit der Strick nicht nachschleppe. Hatte sich 10*
seine Leine irgendwo verschlungen, so untersuchte er bedächtig ihren Verlauf, folgte diesem rückwärts und entwirrte sie. Unsere recht klugen Paviane vermochten ihm diese und ähnliche Kunststücke nicht nachzuthun: sie blieben stets auf die Hilfe des Menschen angewiesen, die sie geduldig erwarteten, aber nicht anriefen. Mohr erfand zu seiner und unserer Belustigung ganz überraschende Kunststücke. Als einmal eine leere Kiste in die Nähe seiner Stange gestellt wurde, hüpfte er stampfend darauf umher und erfreute sich am Dröhnen des Hohlraumes. Dann übersprang er unermüdlich die Kluft zwischen Kiste und Stange, verfiel aber bald auf eine schwierigere Ausführungsweise: er setzte sich auf die Kistenkante mit dem Rücken nach seiner Stange, sprang, sich rückwärts halb überschlagend, an diese, so daß er dort mit dem Kopfe nach unten anlangte, und wieder in umgekehrter Drehungsrichtung zur Kiste. Diese Sprünge führte er schließlich so schnell und oftmals hintereinander aus, daß er wie ein Kautschukball hin- und herzufliegen schien. Nicht lange, und er hatte es so weit gebracht, daß er wenigstens von der Kiste zur Stange zu springen vermochte, indem er sich anderthalbmal rückwärts in der Luft überschlug. Ferner besaß er eine bei keinem anderen Affen in so auffälliger Weise hervortretende Vorliebe für das Schaukeln, die er in mannigfacher Weise zu befriedigen wußte. An einem ihm erreichbaren Baume, an einem Hüttendache und an seiner Schlaftonne auf der Stange hatte er eine Anzahl Stellen ausgefunden, die er zweckvoll benutzte, um seine sehr lange Leine durch Einklemmen oder Umwickeln zu befestigen und sich am Ende, das seinen Leibesgürtel hielt, nach Herzenslust in weitem Bogen hin- und herzuschwingen. Dabei ging er mit bewundernswerter Bedachtsamkeit zu Werke und bemaß z. B. die Endlänge seines Strickes genau nach den Anforderungen; war sie zu kurz oder zu lang, jo stieg er nach oben und veränderte die Befestigung. Die einmal erprobte Weise wandte er sofort wieder an, auch wenn ihm erst nach Monaten dazu abermals Gelegenheit geboten wurde. „Am drolligsten nahm er sich aus, wenn irgend ein neues Problem sein erfinderisches Gehirn beschäftigte, wenn wir z. B. in Sicht von ihm mit astronomischen Instrumenten arbeiteten oder sonst welche ihm ungewohnte Verrichtungen vornahmen. Dann saß er auf der Erde, auf einem Kasten, einer Tonne in der nachdenklichen Stellung eines Menschen, die rechte oder linke Hand an das Kinn gelegt oder den Zeigefinger an die Lippen gedrückt, dabei leise grunzend oder brummend unser Thun verfolgend, bisweilen auch in seine eben beschriebene Philippika verfallend. Er war in dieser Stellung so einzig und originell, daß Falkenstein ihn photographierte. Einige andere Affen der nämlichen Art, die ich in Faktoreien beobachten konnte, zeigten sich ebenso geistig regsam wie unfer ‚Mohr‘ und waren die Lieblinge ihrer Besitzer.“ 1