Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Mit dem Namen Makak oder Makako (Macacus) bezeichnet man in Westafrika sehr verschiedenartige Affen, im wissenschaftlichen Sinne aber eine nicht besonders zahlreiche Gattung, deren Mitglieder bis auf eines im südöstlichen Asien leben. Im allgemeinen kennzeichnen sich die Makaken durch folgende Merkmale: Der Bau ist untersetzt; die mäßig langen Gliedmaßen sind kräftig; die Schnauze tritt ungefähr ebensoweit wie bei den Meerkatzen vor; der Gesichtswinkel beträgt 40 —50 Grad; der Kinnladenteil ist dick, die Nase besonders vorstehend; die Nasenlöcher sind kurz und engständig; der kurze Daumen und die beträchtlich längere Daumenzehe tragen platte, die übrigen Finger und Zehen hohlziegelförmige Nägel. An den nackten Hinterbacken machen sich die großen Schwielen sehr bemerf-lich. Der Schwanz spielt in verschiedener Länge und Stärke, erreicht bei einzelnen beinahe Leibeslänge und ist bei anderen fast gänzlich verkümmert. Backentaschen und Gesäßschwielen sind groß. Als fernere Eigentümlichkeit dieser Tiere mag noch erwähnt sein, daß das Kopfhaar bei einigen in der Mitte gescheitelt ist, bei anderen perückenartig von dem sonst
MAKAK
fast kahlen Scheitel herabfällt, und daß der einzelnen fehlende Backenbart bei anderen eine geradezu beispiellose Wucherung zeigt.
In der Vorzeit waren die Makaken über einen großen Teil Europas verbreitet, und auch gegenwärtig noch gehen sie am weitesten nach Norden hinauf. Die stummelschwänzigen Arten bewohnen Nordafrika, China und Japan, die langschwänzigen das Festland und die Inseln Ostindiens. Sie vertreten gleichsam die Meerkatzen, ähneln aber den Pavianen in vieler Hinsicht und leben bald wie jene in Wäldern, bald wie diese mehr auf Felsen. Beider Unverschämtheit scheint in ihrem Wesen vereinigt zu sein; in der Jugend sind sie gemütlich lustig wie die Meerkatzen, im Alter boshaft und frech wie die Paviane. Sie eignen sich vor: trefflich für die Gefangenschaft, halten am längsten in ihr aus und pflanzen sich am leichtesten in ihr fort. Daher weiß man auch, daß sie 7 Monate trächtig gehen. Während der Brunstzeit schwellen die Geschlechtsteile ihrer Weibchen stark an wie bei den weiblichen Pavianen.
Wohl die bekannteste Art der Gattung ist der Makak oder Javaneraffe, Monjet der Javaner (Macacus cynomolgus, Cynomolgus cynocephalus). Er erreicht eine Länge von höchstens 1,15 m, wovon der Schwanz 50— 58 em wegnimmt, und eine Schulterhöhe von etwa 45 cm. Der Backenbart ist sehr kurz, das Kopfhaar beim Männchen flach niedergedrückt, beim Weibchen kammartig in der Mitte aufgekrempelt; der übrige Pelz hat auf der Oberseite olivenbräunlichgrüne, mit Schwarz untermischte, auf der dünner behaarten Unterseite weißlichgraue, die Innenseite der Gliedmaßen graue, Hände, Füße und Schwanz schwärzliche Färbung; das Gesicht sieht bleigrau, zwischen den Augen weißlich aus; die Ohren sind schwärzlich; die Iris ist braun. Nach Blanford können außerdem noch zwei Spielarten unterschieden werden: eine mit dunklerer Behaarung und schwärzlichem Gesichte (M. carbonarius) und eine gelblich rotbraune (M. aureus).
Der Verbreitungskreis des gemeinen Makaken erstreckt sich über Ostasien; namentlich die Großen Sunda⸗Inseln beherbergen ihn in Menge. Blanford, der ihn den krabbenfressenden Affen nennt, führt an, daß er in Barma und Arakan besonders küstenwärts im Bereiche der Gezeiten vorkomme und Menschen nicht scheue, sogar vom Boote aus zugeworfenes Futter aufnehme; ferner, daß er im oberen Barma nicht sicher nachgewiesen und vermutlich auch kein Bewohner von Hügel- oder Berggegenden sei. In Siam und auf der Malayischen Halbinsel ist ergemein. Außerdem soll er auf den Nikobaren und dann sicherlich eingeführt, nicht aber auf den Andamanen gefunden werden. Nach Rosenberg kommt er in den nördlichen Gebieten von Celebes nirgends vor, ist dagegen in den südlichen gemein. Forbes fand ihn häufig auch auf der Insel Timor, wo er sich am weitesten ostwärts verbreitet. Er dürfte indessen ein verhältnismäßig neuer, vielleicht erst durch den Menschen eingeführter Ankömmling auf diesen Inseln sein. Aus den Berichten der Reisenden geht hervor, daß er überall, wo er vorkommt, häufig ist. Gleichwohl besitzen wir, soviel mir bekannt, eine eingehende Schilderung seines Freilebens noch nicht. Der eine oder andere erwähnt beiläufig, daß der Makak und andere Affen in größeren Gesellschaften sich in der Nähe von Flußufern aufhalten, läßt es hierbei aber auch bewenden, und es will fast scheinen, als ob jeder glaube, daß die Lebensweise eines so bekannten Tieres längst ausführlich geschildert sein müsse, es sich daher auch gar nicht lohne, über dasselbe noch etwas zu sagen. Wie häufig der Makak in seiner Heimat sein muß, geht am besten daraus hervor, daß unsere Tierhändler selten mehr als 25 Mark für ihn fordern, auch fast jederzeit im stande sind, ihn in beliebiger Menge zu liefern, weil beinahe jedes von Indien ankommende Schiff eine größere oder geringere Anzahl dieser Affen an Bord hat. Wie mir Schiffer erzählten, bieten die Eingeborenen ihnen in jedem Hafen des Festlandes und der Inseln gezähmte Javaneraffen zum Kaufe an und verlangen für dieselben in der Regel recht niedrige Preise.
Die ausführlichsten mir bekannten Bemerkungen über den Monjet verdanken wir Junghuhn. Nachdem er die Tierarmut der Urwaldungen Javas hervorgehoben und erwähnt hat, daß unser Affe den anderen Tierarten gegenüber eine Ausnahme mache, fährt er fort: „Der Monjet ißt gern Früchte von allerlei Bäumen und kommt daher in den Urwäldern bis zu einer Höhe von 1600 m ebenjo häufig vor wie in den Rhizophorenwaldungen des Seestrandes, wo man ihn oft genug umherspazieren sieht, um die Krabben und Muscheln aufzulesen und zu verzehren, welche die Flut auf dem Gestade zurückließ. Er ist ein guter Gesellschafter, liebt die Einsamkeit nicht, sondern hält sich stets in Banden von 10 bis 50 Stücken zusammen. Oft kann man sich an den Kapriolen dieses fröhlichen, auch in der Wildnis durchaus nicht scheuen Affen belustigen, wenn man die Weibchen mit ihren Jungen, welche sich fest an die Brust der Mutter angeklammert haben, dort in den Bäus men umherspringen sieht, oder wenn man andere erblickt, welche, unbekümmert um den zuschauenden Reisenden, sich auf den weit über den Spiegel eines Baches herüberhängenden Zweigen schaukeln.“ Wahrscheinlich bezieht sich auch folgende Bemerkung Junghuhns auf unseren Affen: „Wir kamen durch ein Dorf (auf Java), dem sich ein kleiner, rings von angebauten Gegenden umgebener Wald anschließt. Es scheint ein übriggebliebenes, absichtlich geschontes Stückchen eines größeren Waldes zu sein, den der Feldbau vernichtete. Besonders Feigenbäume find es, welche sich hoch emporwölben, und deren Zweige mit Rotang-Arten durch-schlungen sind. Man führte uns auf ein kleines rundes Plätzchen im Walde, wo man einige Stühle für uns niedergesetzt hatte. Hier wurde auf ein großes Stück Bambusrohr geschlagen, was einen hohlen Ton hervorbrachte. Die Javaner sagten uns, das sei die Trommel für die Affen. Kaum war die Trommel geschlagen, als es auf einmal im Walde an fing zu rauschen und von allen Seiten her mehr als hundert graue Affen herbeisprangen. Groß und klein, alte bärtige Väter, flinke Junge und Mütterchen mit dem an ihrem Leibe angeklammerten Säuglinge — alle kamen aus dem Baumdickicht herab auf das Plätzchen, wo sie sich an unsere Gegenwart wenig kehrten, sondern wie alte Bekannte um uns herumsprangen. Sie waren so wenig scheu, daß sie Reis und Pisang, Geschenke, welche wir für fie mitgebracht hatten, aus unseren Händen nahmen. Zwei sehr schöne und große männliche Stücke zeichneten sich durch ihr dreistes Betragen besonders aus. Sie öffneten ohne weitere Umstände die Körbe, welche sich inden Händen der Javaner befanden, und nahmen dasjenige heraus, was ihnen am besten gefiel. Wie Kavaliere stolzierten sie zwischen den anderen Affen umher, welche einen hohen Grad von Achtung vor ihnen zu erkennen gaben. Freilich war ihre Art, sich in Achtung zu setzen, etwas handgreiflich. Wurde ihnen das Gedränge um sie herum zu groß, so packten sie einige ihrer Kameraden mit den Händen, andere mit den Zähnen, weshalb die übrigen unter Angstgeschrei und mit solcher Bestürzung zur Seite flohen, daß sie erst von den Zweigen der Bäume aus zurückzusehen wagten und sich dem Reise erst dann wieder näherten, wenn die großen Herren gesättigt sich zurüd-gezogen hatten. Sich selbst jedoch wichen diese beiden Despoten, welche ihre Unterthanen durch Furcht in Respekt zu halten schienen, sehr sorgfältig aus. Als wir uns entfernten, zerstreuten sich die Affen wieder im Walde. Die Javaner tragen ihnen öfters, um sich an ihren Sprüngen zu ergötzen, Futter zu; doch würde das vielleicht nicht geschehen, wenn bei den Javanern nicht alle alten Gebräuche, deren Ursprung sie öfters selbst nicht mehr anzugeben wissen, geheiligt wären.“
Diese Schilderung paßt vollkommen auf das Wesen unseres Affen; denn genau so benehmen sie sich auch im Käfig: der Stärkste behält unter allen Umständen recht. Durch Martens erfahren wir, daß die Europäer in Java oft Affen und Papageien halten, und daß der Affe, welchen man am häufigsten zu sehen bekommt, eben unser Makak ist. „Auch
im wilden Zustande ist er einer der gemeinsten im Indischen Archipel. Ich sah ihn als solchen, außer auf Java, in Banka und auf den Philippinen; wenigstens vermag ich vor: läufig nicht, die neuerdings wegen etwas hellerer oder dunklerer Färbung davon getrennten Arten zu unterscheiden. Man hält ihn oft in Pferdeställen, wie bei uns Böcke und Kaninchen, wohl aus ähnlichen Gründen. Die Javaner sagen, die Pferde langweilen sich dann nicht so sehr und gedeihen dadurch besser.“ Blanford teilt mit, daß er vortrefflich schwimme und tauche, und erzählt, auf Tickell sich stützend, daß ein gefangener nicht nur aus dem Boote sprang, sondern auch tauchte, einmal an 50 m weit, um sich seinen Verfolgern zu entziehen.
In unseren Tiergärten und Tierschaubuden bildet der Makak einen wesentlichen Teil der Bewohnerschaft, und hier wie dort erwirbt er sich Freunde. Wie in seiner Gestalt, ähnelt er auch in seinem Wesen den Meerkatzen. Ich habe im Verlaufe der Zeit sicherlich gegen hundert dieser Affen gepflegt und vielleicht die zehnfache Anzahl gesehen und beobachtet, fühle mich aber außer stande, etwas Wesentliches anzugeben, wodurch der Makak von den Meerkatzen sich unterscheidet. Seine Bewegungen sind entschieden plumper als die der letztgenannten Affen, immer aber noch behende genug. In Gebaren, Eigenheiten und Charakter dagegen stimmen beide Gruppen vollständig überein. Auch er ist ein ununterbrochen munterer, gutmütiger Affe, verträgt sich ausgezeichnet mit seinesgleichen und den ihm verwandten Arten, weiß ebenso mit größeren Affen trefflich auszukommen und sich sogar in die Laune der Paviane zu fügen oder ihren Grobheiten zu begegnen, wenn er in die Lage kommt, mit ihnen sich abgeben zu müssen. Daß er seinerseits Hilflose nach Kräften bemuttert, kleinere aber ebenso schlecht behandelt, als er von größeren sich behandeln läßt, eine zuweilen widerwärtige Selbstsucht und zuweilen wiederum eine hingebende Aufopferung an den Tag legt, unterscheidet ihn nicht von den Meerkatzen, da diese ja ebenfalls genau in derselben Weise verfahren. Überhaupt bekundet er dieselbe Wetterwendischkeit des Wesens wie die eben genannten Affen. Eben noch äußerst gemütlich und gutmütig, ist er im nächsten Augenblicke einer Kleinigkeit halber höchst entrüstet, erzürnt und boshaft; eben noch überfließend vor lauter Zärtlichkeit gegen einen Mitaffen oder seinen Wärter, maulschelliert er in der nächsten Minute jenen und versucht, diesen zu beißen. Doch muß ich zu seinem Ruhme sagen, daß auch er für gute Behandlung in hohem Grade empfänglich sich zeigt. Es verursacht deshalb seine Zähmung kaum nennenswerte Mühe. Derjenige, welcher ihn einige Male fütterte oder ihm einen Leckerbissen zusteckte, erringt bald seine vollste Freundschaft und zuletzt eine wirklich dauernde Anhänglichkeit. Denn wenn auch kleine Zerwürfnisse zwischen ihm und dem Pfleger an der Tagesordnung sind, stellt sich das alte Verhältnis doch sofort wieder her, sobald irgend eine andere Einwirkung von außen sich geltend macht und unseren Affen in einige Verlegenheit setzt. Neugierig in vollem Maße, der Langenweile entschieden abhold und für jede Anderung der Lage äußerst empfänglich, läßt der Makak leichter noch als die in dieser Hinsicht gleichgearteten Paviane durch Erregung seiner Aufmerksamkeit nach Belieben sich leiten und lenken und selbst im höchsten Zorne sofort versöhnen, so daß seine Behandlung auch in dieser Hinsicht sehr leicht ist.
Im Freileben wird sich der Makak wie seine Verwandten von Pflanzenstoffen und Sn: sekten ernähren; außerdem frißt er Krabben. In der Gefangenschaft nimmt er mit dem einfachsten Futter vorlieb, wie er sich beim Fressen überhaupt als ein höchst anspruchsloser Geselle zeigt, obgleich seine Ansprüche vielleicht nichts weniger als bescheiden sind. Ein Stück Brot, im rechten Augenblicke ihm dargebracht, erscheint als ein ausgezeichneter Leder: bissen, während es, wenn er sich gesättigt hat, achtlos fortgeworfen wird; eine Handvoll Körner, vor ihn auf den Boden gestreut, erregt ihn zum eifrigsten Aufsuchen derselben und zum schleunigsten Anfüllen der Backentaschen, selbst wenn er den Futternapf eben verlassen hat; ein Zweig mit grünen Blättern, Knospen oder Blüten, vom ersten besten Baume