Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Affen zu klagen haben, wenn sie, wie es doch sonst erste Regel bei jeglicher Erziehung zu sein pflegt, gegen alle schlimmen Einflüsse behütet worden wären und zwar von Kindheit auf. An alt erworbenen Affen wird man schwerlich jemals Freude erleben, denn sie haben bereits zu viel erdulden müssen. Es ist wohl nicht richtig, zu sagen, der Charakter der Affen sei überhaupt schlecht, richtiger vielmehr: die unaufhörlichen Scherze und Quälereien, welche Menschen gerade an diesen Tieren mehr als an allen anderen verüben, verderben erst den Charakter, erweckendie bösen und ersticken alle guten Anlagen. Wie sehr die letzteren durch angemessene Behandlung entwickelt werden können, hat sich an manchem Schimpansen, am ersten und zweiten Gorilla, an unseren kleineren Affen verschiedener Art gezeigt. Darum sollte nicht nach Affen geurteilt werden, die bereits zu viel erlebt haben, durch viele Hände gegangen sind, sondern nur nach solchen, die man unmittelbar aus der Wildnis erhält und verständig behandelt; jedenfalls ist jeder andere untauglich geworden zu dem Versuche, ihn zum Haustiere heranzubilden. „Unser Affe, der von seiner Kindheit an sorgfältig gegen alle schädlichen Einflüsse behütet worden war, genoß in Europa unbeschränkte Freiheit, bewegte sich ungehindert durch alle Zimmer, über Tische und Schränke, aber so geschickt und achtsam, daß er uns niemals irgend etwas zerbrochen hat. Er stieg durch die Fenster, turnte auf dem Balkon, lief auf dem Gesimse ringsum das Haus, rutschte an den Dachrinnen hinab und tummelte sich in Hof und Garten. Wie ein folgsames Hündchen unternahm er mit uns stundenweite Spaziergänge durch Wald und Flur, fing sich Spinnen, Schmetterlinge, Grashüpfer (sein Lieblingsfutter) und tollte nach Herzenslust umher, wodurch offenbar seine Gesundheit wesentlich gekräftigt, seine Natur derartig abgehärtet wurde, daß er sich später sogar mehrmals in frisch gefallenem Schnee wälzen konnte, ohne Nachteil davon zu haben. Bei solchen Gelegenheiten gab er sich mit allen Menschen ab, die uns begegneten, wenn auch mit Auswahl; er liebte es, biedere Landleute durch jähes Hervorhuschen aus einem Verstecke und manchmal durch Anspringen zu erschrecken, that aber niemand etwas zuleide. Mit kleinen Hunden spielte er gern, großen wich er aus; wenn sie ihn aber bedrohten, dann ging er ihnen furchtlos zu Leibe, sprang ihnen auf den Nacken, maulschellierte sie, zauste die Ohren, biß und kratzte mit einer Gewandtheit, daß die Überfallenen schließlich wie sinnlos davonliefen. Vor Fröschen und Eidechsen zeigte er gar keine Furcht, mißhandelte sie aber auch nicht. Hatte er sich die Hände beschmutzt, so suchte er sie eifrigst irgendwie zu reinigen; gelang es ihm nicht genügend, dann wandte er sich bittend an uns. „Daheim wurde er bloß durch eine Unart lästig, die ihm nicht abgewöhnt werden konnte: er war nicht stubenrein. Sonst folgte er dem Geheiße, ging in seinen Schlafkorb, in seinen Käfig, schloß selbst dessen Thür, ließ sich auch Unfug durch ein ‚St‘ verweisen. Als Spielzeug liebte er weiche Puppen, große und kleine Kautschukbälle, Korke, Hölzchen ꝛc.; eines davon hatte stets für einige Zeit Vorrang und wurde mit in den Schlafkorb genommen, die übrigen wurden sorgsam hinter wie unter Schränken, in Gardinenfalten 2c. unter: gebracht, versteckt und jedenfalls derart als Eigentum betrachtet, daß Berührung oder gar Wegnahme stets als unberechtigter Eingriff aufgefaßt wurde. In seinen geräumigen Backentaschen pflegte er alle möglichen Gegenstände bis zur Größe einer Walnuß, lieber jedoch kleinere, unterzubringen, die er allenthalben aufnahm. Für gewisse Gegenstände hatte er eine besondere Vorliebe; vermißte man sie, dann wußte man schon, wo sie zu finden waren. Bald pflegte meine Frau regelmäßig jeden Abend ihm die Backentaschen auszuleeren. Anfänglich sträubte er sich, später kramte er von selbst seine Schätze aus, wenn er auf den Schoß genommen wurde. Das Entleeren der Backentaschen beförderte er dadurch, daß er mit den Rücken der Hände von außen streichend oder schiebend nachhalf. Da kamen denn Steinchen, Erbsen, Münzen, Bohnen, Nägel, Korke, Fingerhüte, Glasstöpsel und andere
Dinge mehr zum Vorscheine, davon er die nicht anderweitig gebrauchten behalten durfte, denn er verlor kein einziges Stück. (Dergleichen sollten alle Affen mit Backentaschen erhalten; es fördert ihr Gedeihen.) „Ungemein gern betrachtete er Abbildungen, besonders farbige, in Büchern und folgte aufmerksam dem Umblättern. Anfangs griff er blitzschnell nach bildlichen Darstellungen von Heuschrecken und Spinnen, mochten fie farbig oder schwarz fein, bald aber hatte er ausgefunden, daß sie nicht eßbar waren. Vor abgebildeten Schlangen und Echsen bekundete er keine Furcht, erkannte sie aber, wie aus dem wechselnden Ausdrucke seines Gesichtes, seiner Stimme hervorging. „Seine Nahrung bestand in allem, das auf den Tisch kam, bloß Butterbrot und Milch verschmähte er gänzlich. Leidenschaftlich liebte er Zwiebeln sowie dick mit Senf bestrichene Brotstückchen; er schnitt zwar greuliche Gesichter dabei und machte verzweifelte Sprünge, aber fraß sie doch. Tinte schmeckte ihm auch: er hob die Goldfeder aus dem Trichter des Tintenfasses, leckte sie ab, legte sie sorgsam beiseite und tunkte nun so lange den Finger ein, bis er genug hatte. Tabaksrauch verabscheute er. Rotwein und Bier trank er sehr gern, übernahm sich jedoch nicht; am liebsten schlürfte er den Schaum vom Biere. Früchte aller Art waren ihm ebenfalls willkommen, besonders Johannis-, Erd- und Stachelbeeren, die er zierlich zu pflücken verstand, ohne dabei zu vergeuden, wie es bei frei lebenden Affen die Regel ist. Eier mochte er nicht, nahm auch niemals ein Nest aus, lebte sogar mit einem Fliegenfängerpärchen, das alljährlich an unserem Balkone nistete, auf ganz vertrautem Fuße, wie auch mit vielen anderen Vögeln, besonders Meisen und einem Buntspechte, die wir am Fenster zu füttern pflegen, und die teilweise auch ganz sorglos in das Zimmer kommen. Sein Tagewerk begann auf dem Frühstückstische. Sobald er, dem Schlafkorbe mit seinen warmen Decken entstiegen, sich im Käfig gelöst hatte, stürmte er nach dem Tische, um das Anzünden des Spiritus unter der Kaffeemaschine nicht zu versäumen und zugleich das benutzte und ihm brennend überlassene Schwefelhölzchen durch Klopfen und Rollen mit den Händen auszulöschen. Dann machte er mit erhobenen Armen Männchen vor dem Kochgeräte, wärmte sich und blickte aufmerksam in die geheimnisvolle Spiritusflamme, deren Wallen und Aufleuchten ihn stets ebenso fesselte wie das Zischen und Brodeln des Wassers. Später wurde er von seiner Herrin von Kopf bis zur Schwanzspitze hübsch durchgebürstet, und das behagte ihm so außerordentlich, daß er unaufgefordert alle die für solche Reinigung nötigen Lagen einnahm; die tägliche Gesichtswäsche liebte er schon viel weniger, und das Baden und Abseifen, das regelmäßig einmal in der Woche stattfand, war ihm verhaßt. „Für Besucher faßte er sogleich Neigung oder Abneigung und änderte nachträglich niemals sein Betragen gegen sie, kannte auch alle stets sofort wieder. Die er leiden mochte, lud er durch Zupfen am Gewande sowie allerhand Bewegungen und Laute zum Spielen ein, sprang ihnen auf den Schoß, ließ sich krauen, streicheln und war so zuthulich wie drollig, daß er sich viele Freunde gewann. Die er nicht leiden mochte, beachtete er überhaupt nicht, und wenn sie sich doch mit ihm beschäftigen wollten, wich er aus oder machte Männchen und winkte ihnen heftig ab; beharrten sie dennoch im Annäherungsversuche oder lachten sie laut, dann ‚jpielte er Baftlisf‘, d. h. er streckte sich auf allen vieren, legte die Ohren zurück, riß das Maul weit auf, züngelte, grunzte und machte bedrohliche Bewegungen. Dann war es Zeit für uns, einzuschreiten, sonst griff er ohne weiteres auch an. Von uns ließ er sich wie ein Hund auf Menschen, Federvieh ꝛc. hetzen. Beobachtungen ergaben, daß er sich sein Urteil über Personen nach einigen Außerlichkeiten bildete: freundliches Gesicht, wohlklingende Stimme, vornehme Gelassenheit der Bewegungen gewannen ihn sofort, hastige Bewegungen, hart oder kalt blickende Augen, harsche, laute Stimme stießen ihn ab. Mit Kindern aber vergnügte er sich ausnahmslos gern, war duldsam gegen allzu wilde Behandlung, tollte, balgte sich
an
mit ihnen und machte sich endlich davon, wenn es ihm zu arg wurde. Niemals hat er ein Kind bedroht, gekratzt oder gar gebissen; sie waren alle seine guten Freunde. „Rührend war seine Anhänglichkeit an meine Frau. Er betrachtete sich als ihren berufenen Beschützer, und wer sie berühren, auch bloß die Hand schütteln wollte, fand sofort das Tierchen sprungfertig an ihrer Seite, auf ihrer Schulter, auf ihrem Schoße. Als seine Herrin in eine schwere Krankheit verfiel, wurde der Affe traurig, unlustig und saß, um Einlaß bettelnd, stundenlang an der Thür zum Krankenzimmer. Als er endlich nach Wochen wieder hinein durfte, sprang er sogleich zu seiner Herrin, schmiegte sich leise klagend an sie, legte die Arme um den Hals und war nicht wieder fortzubringen. „Nun begingen wir einen großen Fehler. Bisher hatte uns Muido auf allen Reisen begleitet; als wir aber eine Reise nach Südafrika antraten, ließen wir ihn in den Händen eines liebenswürdigen Tierfreundes, mit dem er sich sehr gut Stand, zurück. Ein Mißgeschick aber fügte es, daß der Liebling 2 Monate vor unserer Heimkehr in andere Hände kam und im Übermaße die üblichen Scherze und Quälereien ertragen mußte, welchen Affen nur zu sehr ausgesetzt sind. Diese kurze Zeit hatte genügt, Muido in ein scheues, nervöses, reizbares Tier zu verwandeln; sein Fell war struppig und glanzlos geworden, einige Finger waren ihm gebrochen und steif geheilt, so daß er die eine Hand nicht mehr gebrauchen konnte. Er war nicht mehr munter und übermütig, sondern einfach wild und rücksichtslos, äußerst schreckhaft und mißtrauisch, feindlich gegen alle Menschen und bekam förmliche Wutanfälle infolge von Eindrücken, die, an sich harmlos, ihn an mancherlei Erduldetes erinnern mochten; schon der Klang mancher fremden Stimme konnte ihn hochgradig aufregen. Mit der ungetrübten Freude an unserem Lieblinge war es vorbei. Fremde durften wir nicht mehr zu ihm lassen. Fortgesetzte sorgsame Behandlung milderte zwar vieles Schlimme, konnte es aber nicht gänzlich verwischen. Noch einmal traten seine früheren guten Eigenschaften hervor, als uns ein Knabe geboren wurde. Das kleine, hilflose Menschenkind nahm all seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Obwohl anfänglich besorgt, konnten wir ihm doch bald seinen Willen lassen; er wurde nun auch wieder zuthulich, liebenswürdig und artig. Als der Junge erst durch die Zimmer kroch, begann die wahre Lust: Kind und Affe wurden die besten Spielgefährten, kobolzten miteinander auf den Teppichen, zogen an Tüchern hin und wieder und vergnügten sich königlich. Wurde der Knabe ausgefahren, dann durfte der Affe nicht fehlen, und wir konnten die seltsame Begleitung gestatten, weil wir frei vor der Stadt wohnten. Bald aber kam eine neue Wendung. In Muido regte sich die echte Affenliebe, er wurde eifersüchtig. Das war sein Kind, und er glaubte es so ziemlich von jedermann bedroht; niemand sollte es berühren, hätscheln. Hätte er nur wenigstens die Pflegedienste verrichtet, auf welche nun einmal junge Menschen angewiesen sind, so hätte es noch gehen mögen. Aber das vermochte er doch nicht, und so gab es Zusammenstöße. Er vergriff sich an der Wärterin und biß schließlich sogar die Mutter. Ich blieb zuletzt der einzige Mensch, der das Kind aufnehmen, hätscheln, forttragen durfte. Wenn der Knabe nicht im Zimmer war, namentlich abends, wenn er schlief, zeigte sich Muido allerdings wie vordem anhänglich und liebenswürdig gegen seine Herrin; war aber das Kind zugegen, dann gab es nichts anderes für ihn als seinen Schützling, der gegen jedermann behütet werden mußte. Der Affe litt förmlich an einer fixen Idee und war davon nicht abzubringen. Wir mußten uns endlich entschließen, ihn fortzuschaffen. Das fiel uns sehr schwer, denn Muido hatte fast 5 Jahre mit uns gelebt. Er fand eine gute Heimstätte im Tiergarten von Pinkert zu Leipzig. „Dieser Affe verfügte über eine sehr ausgiebige Stimme. Wir vermochten 13 einzelne Laute oder Lautgruppen zu unterscheiden: vom leisen, melodisch zu nennenden, mannigfaltig betonten Zirpen, Zwitschern und Schnurren des Behagens, der Bitte, der Vergnügtheit bis zum gellenden Quieken und Kreischen der Wut; vom kaum hörbaren ‚Tuf tuf‘, wenn er sich,
was er oft that, des Abends in einem unbeleuchteten Nebenzimmer gruseln machte, bis zum hellen, überlauten ‚Ted‘ des jähen Schreckens und dem hohen Belfern, Zetern, dem tiefen Poltern, Gurgeln, Grunzen verschiedener Stufen der Erregtheit. Am wunderbarstenwar, was wir seinen Sonnengruß nannten. Wenn morgens die Sonnenstrahlen ins Zimmer fielen, suchte er im Fenster, auf dem Tische oder Boden einen voll beleuchteten Fleck, machte Männchen, wandte sich der Sonne zu, hob die Arme leise wiegend, spitzte das Maul und ließ nun aus tiefster Brust sowie überraschend laut 5—6mal hintereinander etwa die größere Hälfte einer chromatischen Tonleiter erschallen und schloß mit einem tiefen, langgezogenen „5“ Es waren höchst sonderbare Laute, wie ich sie niemals sonst von Affen gehört habe. Von den musikalischen Neigungen dieses Affen ist bereits auf Seite 18 berichtet worden.“
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