Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Leider starb dieses Affchen trotz aller ihm erwiesenen Sorgfalt schon nach wenigen Wochen. Koko war außer sich vor Schmerz. Ich habe oft tiefe Trauer bei Tieren beobachtet, niemals aber in dem Grade, wie unser Affe jetzt sie zeigte. Zuerst nahm er seinen toten Liebling in die Arme, hätschelte und liebkoste ihn, ließ die zärtlichsten Töne hören, setzte ihn dann an seinem bevorzugten Platze auf den Boden, sah ihn immer wieder zusammenbrechen, immer unbeweglich bleiben und brach nun von neuemin wahrhaft herzbrechende Klagen aus. Die Gurgeltöne gewannen einen Ausdruck, welchen ich vorher nie
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Specht
GRÜNAFFE.
vernommen hatte; sie wurden ergreifend weich, ton- und klangreich und dann wieder unendlich schmerzlich, schneidend und verzweiflungsvoll. Immer und immer wiederholteer seine Bemühungen, immer wieder sah er keinen Erfolg und begann dann wieder zu klagen und zu jammern. Sein Schmerz hatte ihn veredelt und vergeistigt; er rührte uns und bewegte uns zu dem tiefsten Mitleide. Ich ließ endlich das Affchen wegnehmen, weil schon wenige Stunden nach dessen Tode die Fäulnis begann, und die kleine Leiche über eine hohe Mauer werfen. Koko hatte aufmerksam zugesehen, gebärdete sich wie toll, zerriß in wenigen Minuten seinen Strick, sprang über die Mauer hinweg, holte sich den Leichnam und kehrte mit ihm in den Armen auf seinen alten Platz zurück. Wir banden ihn wieder fest, nahmen ihm den Toten nochmals und warfen ihn weiter weg; Koko befreite sich zum zweiten Male und that wie vorher. Endlich vergruben wir das Tier. Eine halbe Stunde später war Koko verschwunden. Am anderen Tage erfuhren wir, daß in dem Walde eines nahen Dorfes, welcher sonst nie Affen beherbergte, ein menschengewöhnter Affe gesehen worden sei.
Ungefähr einen Monat später erhielt ich eine Meerkatzenmutter mit ihrem Kinde und konnte nun mit Muße das Verhältnis zwischen beiden belauschen. Auch dieses Kleine starb, obwohl ihm nichts mangelte. Von diesem Augenblicke an hörte die Alte auf zu fressen und verendete nach wenigen Tagen. a
Ich erfuhr aber auch genug Beweise von dem Mutwillen derselben Affenart. Sie waren zuweilen sehr ergötzlich, zuweilen aber auch recht ärgerlich. Ein Freund von mir besaß eines dieser Affchen, welches im höchsten Grade zärtlich an ihm hing, aber doch nicht an Reinlichkeit zu gewöhnen war. Während es mit seinem Herrn spielte, beschmutzte es diesen oft in der schändlichsten Weise, und weder Schläge noch andere Zuchtmittel, welche man in solchen Fällen bei Tieren anwendet, schienen das Geringste zu fruchten. Dieser Affe war sehr diebisch und nahm alle glänzenden Gegenstände, welche er erwischen und forttragen konnte, augenblicklich an sich. Der Genannte wohnte in dem Geschäftshause der Ostindischen Gesellschaft. Im Untergeschosse befanden sich die Schreiber- und Kassenstube. Beide waren gegen menschliche Diebe durch starke Eisengitter vor den Fenstern wohl geschützt, nicht aber gegen solche Spitzbuben, wie jener Affe war. Eines Tages bemerkte mein Freund beide Backentaschen seines Lieblings vollgepfropft, lockte ihn deshalb an sich heran, untersuchte die Vorratskammern und fand in der einen 3 und in der anderen 2 Guineen, welche sich der Affe aus der Kasse heraufgeholt hatte. Das Geld wurde natürlich dem Eigentümer zurückgegeben, derselbe aber zugleich ersucht, in Zukunft auch die Glasfenster verschlossen zu halten, um dem kleinen Diebe das Stehlen unmöglich zu machen.
Eine Meerkatze brachte ich mit in meine Heimat. Sie gewann sich sehr bald die Zuneigung meiner Eltern und anderer Leute, ließ sich aber doch viel lose Streiche zu schulden kommen. Die Hühner meiner Mutter brachte sie geradezu in Verzweiflung, weil es ihr den größten Spaß zu machen schien, diese Tiere zu jagen und zu ängstigen. Im Hause selbst ging sie durch Küche und Keller, in alle Kammern und auf den Boden, und was ihr recht schien, wurde entweder zerbissen oder gefressen oder mitgenommen. Niemand war so geschickt, ein Hühnernest aufzufinden, wie sie; die Hühner mochten es anfangen, wie sie wollten: Hassan, so hieß der Affe, kam gewiß hinter ihre Schliche, nahm die Eier weg und trank sie aus. Einige Male bewies er jedoch gerade bei dieser Räuberei wahren Menschenverstand. Meine Mutter schalt ihn aus und züchtigte ihn, als er wieder mit dottergelbem Maule erschien. Am anderen Tage brachte er ihr zierlich ein ganzes Hühnerei, legte es vor sie hin, gurgelte beifällig und ging seiner Wege. Unter allen irdischen Genüssen schien ihn Milch und noch mehr Rahm am meisten zu entzücken. Es dauerte gar nicht lange, so wußte er in der Speisekammer prächtig Bescheid und genau, wo diese leckeren Dinge aufbewahrt wurden, ermangelte auch nicht, jede Gelegenheit zu benutzen, um seine
Naschhaftigkeit zu befriedigen. Auch hierbei wurde er erwischt und ausgescholten; deshalb verfuhr er in Zukunft listiger. Er nahm sich nämlich das Milchtöpfchen mit auf den Baum und trank es dort in aller Ruhe aus. Anfangs warf er die ausgeleerten Töpfe achtlos weg und zerbrach sie dabei natürlich fast immer: dafür wurde er bestraft, und zu dem innigen Vergnügen meiner Mutter brachte er ihr nun regelmäßig die leeren, aber unzerbrochenen Töpfchen wieder!
Sehr spaßhaft war es, wenn dieser Affe auf den Ofen kletterte, oder wenn er ein ziemlich langes Ofenrohr bestieg und wahrhaft verzweifelt von einem Beine auf das andere sprang, weil ihm die Wärme des Rohres zu arg wurde. Er führte dergestalt die allerdrolligsten Tänze aus; so gescheit war er aber nicht, daß er den heißen Boden verlassen hätte, bevor er wirklich gebrannt worden war. Er blieb sehr gleichgültig gegen alle unsere Haustiere, hielt aber mit einem weiblichen Pavian, welchen ich ebenfalls mitgebracht hatte, innige Freundschaft und ließ sich von diesem hätscheln und pflegen, als ob er ein kleiner, unverständiger Affe gewesen wäre. Des Nachts schlief er stets indes Pavians Armen, und beide hielten sich so fest umschlungen, daß es aussah, als wären sie nur ein Wesen. Pavian und Meerkatze unterhielten sich lange mit verschiedenen kurzen Gurgeltönen und verstanden sich ganz entschieden vortrefflich. Seiner Pflegerin bewies er trotz seines Alters denselben kindlichen Gehorsam wie jenes oben erwähnte junge Affchen seinem Wohlthäter. Er folgte ihr überallhin, wohin diese von uns geführt wurde, und kam sogleich in das Zimmer, in welches wir seine mütterliche Freundin brachten. Nur in deren Gesellschaft unternahm er längere Ausflüge, aber wenn er allein seinem Treiben nachging, entfernte er sich niemals weit und blieb mit ihr in beständiger Unterhaltung. Selbst entschiedene Gewaltthätigkeiten ließ er sich von ihr gefallen, ohne zu grollen. Er teilte jeden guten Bissen mit seiner Pflege: mutter; diese aber erkannte solche Herzensgüte selten und niemals dankbar an. So oft Hassan auch einmal etwas für sich behalten wollte, änderte sich das Verhältnis zwischen beiden. Denn wie ein Raubtier fiel dann der große Pavian über den armen Burschen her, brach ihm das Maul auf, holte mit den Fingern das Futter aus Hassans Backentaschen heraus, fraß es auf und puffte den armen Wehrlosen wohl auch noch tüchtig dabei.
Gegen uns war er liebenswürdig, gab aber niemals seine Selbständigkeit auf. Er kam auf den Ruf — wenn er wollte, sonst antwortete er wohl, rührte sich aber nicht. Wenn wir ihn gefangen hatten und gewaltsam festhielten, verstellte er sich nicht selten mit größter Meisterschaft und gebärdete sich zuweilen, als müsse er im nächsten Augenblicke abscheiden; sowie er aber frei wurde, rächte er sich für die erlittene Gefangenschaft durch Beißen und entfloh hierauf mit vielsagendem Gegurgel.
Der zweite kalte Winter, den er in Deutschland verlebte, endete leider sein frisches, fröhliches Leben, und das ganze Haus trauerte um ihn, als ob ein Kind gestorben wäre. Jedermann hatte seine unzähligen Unarten vergessen und gedachte nur noch seines heiteren Wesens und seiner Gemütlichkeit.
Der Grünaffe, Abulandj oder Nißnaß der Araber (Cercopithecus sabaeus, Simia sabaea), erreicht eine Durchschnittsgröße, d. h. eine Länge von 1 m, wovon die Hälfte auf den Schwanz gerechnet werden muß, und eine Schulterhöhe von 40 em. Die Haare der Oberseite sind gräulichgrün, schwarz geringelt und gespitzt, die der Arme, Beine und des Schwanzes einförmig aschgrau, die des kurzen Backenbartes weißlich, an der Wurzel schwarz geringelt, die der Unten- und Innenseite der Beine weißlich; Nase, Maul und Augenbrauen sehen schwarz aus; das Gesicht hat hellbraune Färbung.
Höchst wahrscheinlich unterscheiden sich die westafrikanischen Vertreter des Abulandj, denen man den Namen Cercopithecus griseoviridis gegeben hat, artlich nicht von den
ostafrikanischen und muß denselben somit ein weit größerer Verbreitungskreis, als man bisher angenommen, zugesprochen werden. Jedenfalls steht so viel fest, daß der Abulandj von Abessinien bis zu den westlichsten Zuflüssen des Nils an geeigneten Ortlichkeiten überall vorkommt.
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Nonnenaffe (Cercopithecus mona). Diana (Cercopithecus diana). ½ natürl. Größe.
Andere Meerkatzen zeichnen sich durch besondere Schönheit aus. Eine der bekanntesten, die Diana (Cercopithecus diana und barbatus, Simia diana), ein ziemlich kleines, schlankes Tier, ist an ihrem langen Backen- und Stutzbarte leicht kenntlich. Ihre Hauptfarbe ist schiefergrau, der Rücken und das Kreuz sind purpurbraun, die unteren Teile weiß, die Schenkel hinten gelblich. Dem Weibchen mangelt der Bart. Die Gesamtlänge beträgt etwa Im, wovon über die Hälfte auf den Schwanz kommt. Diese Meerkatze wie die folgende und außerdem die Halsband-Meerkatze (Cercopithecus [Cercocebus] aethiops) sind ganz allerliebste, zierliche Tiere.
Mit der Diana hat der Nonnenaffe (Cercopithecus mona, Simia mona) Ahnlichkeit; doch fehlt ihm der Stutzbart. Gesicht und Gliedmaßen sind schwarz, Hinterkopf, Nacken und Rücken kastanienbraun, Oberkopf und Scheitel braun und grünlichgelb gemischt, ein Bogenstreifen über dem Auge schwarz und ein zweiter darüber blaß, Backenbart gelblichweiß, Unterhals, Brust, Bauch und Innenarme weiß. Die Leibeslänge eines ausgewachsenen Männchens beträgt 55 em, die Schwanzlänge 60 em.
Beide Affen stammen aus Westafrika.
Ebendort ist auch die blaumäulige Meerkatze, Muido der Eingeborenen Loangos (Cercopithecus cephus), heimisch, die von gleicher Größe wie der Abulandj, doch lebhafter und schöner als dieser gefärbt ist. Der Rücken, die Oberseite von Hals, Kopf wie die Außenseiten der Gliedmaßen find unrein olivengrün, mit einem sehr hübschen goldigen Schimmer, die Unterseite und Innnenseiten der Gliedmaßen, welche nach den Enden zu dunkler bis schwarz werden, sind bläulichgrau gefärbt. Das schön kobaltblau angelaufene Gesicht, mit einem weißen, bogenförmigen, mit den Schenkeln nach aufwärts gekrümmten Flecke auf der Oberlippe, ist von einem leuchtend gelben Backenbart umgeben, den ein schwarzer Strich von den olivenfarbigen Kopfhaaren trennt, der Schwanz ist von der Spitze bis fast zur Wurzel rostrot gefärbt. Recht gesunde, vollkräftige Affen dieser Art, und zwar beiderlei Geschlechts, zeigen diese auffällige Farbenzusammenstellung in so vollkommener Weise, als wären sie gebeizt oder bemalt. Sie find gemein in Unterguinea und namentlich von Yumba südwärts bis zum Kongo weit zahlreicher als andere Arten vertreten. Ihren Lieblingsaufenthalt bilden die stattlichen Wasserwälder, welche die Flußufer bis zum Meere begleiten, und binnenwärts die Regenwälder der Gebirge. Auch in den Mangrovenbeständen an der Küste bemerkt man sie häufig, und es scheint fast, daß sie dort auf Kruster und sonstiges Getier Jagd machen, denn andere Nahrung können die einförmigen Manglare ihnen nicht bieten. In der offenen Landschaft, wo die Grasflächen (Kampinen) vorherrschen, werden sie äußerst selten angetroffen, obwohl dort locker verstreute Bäume, Sträucher sowie die mannigfaltig zusammengesetzten Holzungen und Hage viel leckere Früchte hervorbringen. Demnach sind die blaumäuligen Meerkatzen fast ausschließlich Bewohner ausgedehnter Waldungen, während Verwandte: die einfach dunkel gefärbten Cercopithecus erxlebeni und C. nictitans, die oben beschriebene C. mona und C. diana, die diesen ähnelnde sehr hübsche Cercopithecus (Cercocebus) aethiops und ganz besonders die dunstgraue mit pflaumenblauem Gesichte: C. pygerythrus, gar nicht selten bandenweise in der offenen Landschaft umherstreifen. Sie alle sind jedoch weniger zahlreich als die erstgenannte Art und leben auch in kleineren Banden als diese, die man bis zu 30 und 40 beisammen findet.
Die Schilderungen auf S. 47 und 129 beziehen sich vornehmlich auf das Freileben dieser blaumäuligen Meerkatze. In Faktoreien, auf Schiffen, die mit Unterguinea verkehren, ist sie der allgemeine Liebling um ihres zuthulichen, liebenswürdigen Wesens, um ihrer Klugheit und ausgelassenen Munterkeit willen. Nach Pechuel-Loesches Erfahrungen, der neben anderen auch die vorstehend angeführten Affenarten im Freileben wie in Gefangenschaft beobachtet hat, dürfte kaum eine Meerkatze ausdauernder und geeigneter sein, zahm gehalten zu werden, als diese. „Eine, ein Weibchen, mit dem einheimischen Namen Muido gerufen, die ich sehr jung am Kongo erhielt und sorgfältig aufzog, habe ich vollkommen gesund fast 5 Jahre als Haustier besessen. An diesem Affen habe ich recht deutlich erkennen lernen, wie trefflich von frühster Jugend an geübte Pflege, wohlbedachte, sorgfältige Behandlung auf das Affengemüt einwirken, wie sehr Neckereien und rohe Späße, unbedachte Quälereien es verderben. Man würde in der That weit seltener über Bosheit, Reizbarkeit und Tücke zahm gehaltener