Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
In Ostsudan jagt man die Meerkatzen nicht, wohl aber fängt man sie und zwar gewöhnlich!in Netzen, unter denen man leckere Speisen aufstellt. Die Affen, welche den Köder wegnehmen wollen, werden von den Netzen bedeckt und verwickeln sich dergestalt in diese, daß sie nicht im stande sind, sich frei zu machen, so wütend sie auch sich gebärden. Wir Europäer erlegten die Tiere mit dem Feuergewehre ohne alle Schwierigkeit, weil sie dort erst dann fliehen, wenn einige aus ihrer Mitte ihr Leben gelassen haben. Sie fürchten sich wenig oder nicht vor dem Menschen. Oft habe ich beobachtet, daß sie Fußgänger oder Reiter, Maultiere und Kamele unter sich wegziehen ließen, ohne zu mucksen, während sie dagegen beim Anblicke eines Hundes sosort ihr Angstgeschrei ausstießen.
Bei der Affenjagd ging es mir wie so vielen anderen vor mir: sie wurde mir einmal gründlich verleidet. Ich schoß nach einer Meerkatze, welche mir gerade das Gesicht zudrehte; sie war getroffen und stürzte von dem Baume herab, blieb ruhig sitzen und wischte sich, ohne einen Laut von sich zu geben, das aus den vielen Wunden ihres Antlitzes hervorrieselnde Blut mit der einen Hand so menschlich, so erhaben ruhig ab, daß ich, aufs äußerste erregt, hinzueilte und, weil beide Läufe meines Gewehres abgeschossen waren, dem Tiere mein Jagdmesser mehrere Male durch die Brust stieß, um es von seinen Leiden zu befreien. Aber ich habe von diesem Tage an nie wieder auf kleine Affen geschossen und rate jedem davon ab, welcher nicht seiner wissenschaftlichen Arbeiten wegen auf die Affenjagd gehen muß. Mir war es immer, als habe ich einen Menschen gemordet, und das Bild des sterbenden Affen hat mich förmlich verfolgt. |
Nur einmal haben mir die Meerkatzen eine Jagdfreude 1 Ich beobachtete, daß allabendlich Schlangenhalsvögel, Ibisse und Reiher auf einer einzelnen Mimoseam Stromufer des Azrak zum Schlafen bäumten, und beschloß, dort anzustehen. Zufällig nächtigte eine Affenherde auf demselben Baume. Bedenken ausdrückende Töne wurden laut, als ich im nahen Maisfelde mich unter einem flugs zusammengestellten Schirme verborgen
hatte: die Gesellschaft oben im Wipfel ahnte offenbar nichts Gutes. Nach länger währendem Gegurgel und Gezeter schien man übereingekommen zu sein, die belagerte Stelle zu verlassen. Vorsichtig stieg der Leitaffe vom Wipfel hernieder nach den unteren Asten. Er untersuchte und prüfte. Sein Vorsatz schien nicht verändert zu werden; denn nach einigem Besinnen stieg er langsam noch weiter am Stamme herab, unzweifelhaft in der Absicht, dem nahen Walde zuzufliehen. Andere folgten; nur die säugenden Mütter waren noch oben im Wipfel. In diesem Augenblicke bäumte ein Schlangenhalsvogel auf, ein Feuerstrahl aus meinem Gewehre blitzte durch die Dämmerung. Unbeschreiblicher Wirrwarr im Wipfel war die erste Wirkung des Schusses. Der Leitaffe kehrte sofort wieder um, alle übrigen flüchteten mit ihm nach den höchsten und dichtesten Asten. Jeder suchte ein sicheres Versteck. Welch Gezeter, Schreien, Gurgeln, Hin- und Herspringen folgte nun! Jeder neue Schuß vermehrte das Entsetzliche der Lage. Das ganze Volk fühlte sich in höchsten Angsten. Wohl mochten hundert Pläne zur Flucht das ewig rege und erfindungstüchtige Affengehirn beschäftigen — kein einziger schien ausführbar. Das fürchterliche Feuergewehr verursachte schließlich ein geradezu unsinniges Handeln. Einzelne Affen sprangen von den Asten auf den Boden herab und kletterten dann wieder angsterfüllt am Stamme desselben Baumes empor, welcher ihnen eine Viertelminute vorher zu unsicher erschienen war. Endlich regte sich nichts mehr da oben. Jeder Affe saß ergebungsvoll auf dem Baume, so dicht an den Stamm gedrückt wie möglich. Mein Anstand währte sehr lange, weil die wiederholt aufgeschreckten Vögel immer und immer wieder zu dem geliebten Schlafplatze zurückkehrten; nach den letzten Schüssen vernahm ich aber nur noch ein ängstliches Stöhnen der fast dem Entsetzen erliegenden Affenbande. Erst als ich schon längst nach meinem Schiffe zurückgekehrt war, hörte ich wieder Gurgeltöne, mit welchen der Stammvater zu beruhigen versuchte.
Von Raubtieren haben die frei lebenden Meerkatzen nicht viel zu leiden. Den Raubsäugetieren gegenüber sind sie viel zu behende; höchstens der Leopard dürfte dann und wann ein noch unvorsichtiges Affchen sich erlisten. Den Raubvögeln widerstehen sie durch vereinigte Kraft. Einer der kühnsten Stößer ihrer Heimat ist unstreitig der gehäubte Habichtsadler (Spizaötos oceipitalis). Er nimmt die bissigen Erdeichhörnchen ohne weiteres vom Boden weg und kümmert sich nicht im geringsten um ihre scharfen Zähne und um ihr Fauchen; an die Affen aber wagt er sich nur selten und wohl niemals ein zweites Mal. Davon habe ich mich selbst überzeugen können. Als ich eines Tages in den Urwäldern jagte, hörte ich plötzlich das Rauschen eines jener Räuber über mir und einen Augenblick später ein fürchterliches Affengeschrei: der Vogel hatte sich auf einen noch sehr jungen, aber doch schon selbständigen Affen geworfen und wollte diesen aufheben und an einen entlegenen Ort tragen, um ihn dort ruhig zu verspeisen. Allein der Raub gelang ihm nicht. Der von dem Vogel erfaßte Affe klammerte sich mit Händen und Füßen so fest an den Zweig, daß ihn jener nicht wegziehen konnte, und schrie dabei Zeter. Augenblicklich entstand ein wahrer Aufruhr unter der Herde, und im Nu war der Adler von vielleicht zehn starken Affen um⸗— ringt. Diese fuhren unter entsetzlichem Gesichterschneiden und gellendem Schreien auf ihn los und hatten ihn sofort auch von allen Seiten gepackt. Jetzt dachte der Gaudieb schwerlich noch daran, die Beute zu nehmen, sondern gewiß bloß an sein eigenes Fortkommen. Doch dieses wurde ihm nicht so leicht. Die Affen hielten ihn fest und hätten ihn wahr: scheinlich erwürgt, wenn er sich nicht mit großer Mühe frei gemacht und schleunigst die Flucht ergriffen hätte. Von seinen Schwanz und Rückenfedern aber flogen verschiedene in der Luft umher und bewiesen, daß er seine Freiheit nicht ohne Verlust erkauft hatte. Daß dieser Adler nicht zum zweiten Male auf einen Affen stoßen würde, stand wohl fest.
Vor derartigen Raubtieren fürchten sich die Meerkatzen also ebensowenig wie vor dem Menschen. Um so größeres Entsetzen bereiten ihnen Kriechtiere und Lurche, namentlich
Schlangen. Ich habe zu erwähnen vergessen, daß unsere Affen Vogelnester jederzeit unbarmherzig ausnehmen und nicht bloß die Eier, sondern auch die jungen Vögel leidenschaftlich gern fressen. Wenn sie aber das Nest eines Höhlenbrüters ausplündern wollen, verfahren sie stets mit der größten Sorgfalt, eben aus dieser Furcht vor den Schlangen, welche oft in solchen Nestern ihrer Ruhe pflegen. Mehr als einmal habe ich gesehen, daß, wenn sie eine Baumhöhlung entdeckt hatten, sie stets sorgfältig untersuchten, ob nicht etwa eine Schlange darin wäre. Zuerst wurde hineingeschaut, soweit dies möglich war, hierauf nahmen sie das Ohr zur Hilfe, und wenn auch dieses ihnen nichts Ungewöhnliches mitteilte, streckten sie zögernd den einen Arm in die Höhle. Niemals tauchte ein Affe mit einem einzigen kühnen Griffe in die Tiefe, sondern stets in Absätzen, immer ein Stückchen tiefer, und immer horchte und schaute er dazwischen wieder in das Loch hinein, ob sich darin das gefürchtete Kriechtier verrate.
Die Fortpflanzungszeit der frei lebenden Meerkatzen scheint an keine bestimmte Jahreszeit gebunden zu sein. Man sieht bei jeder Herde Säuglinge, Kinder und Halberwachsene, der mütterlichen Zucht nicht mehr Bedürftige. In den Gärten und Tierschaubuden Europas pflanzen sich die meisten Arten bei guter Pflege ebenfalls fort, wenn auch seltener als Makaken und Paviane.
Während meines langjährigen Aufenthaltes in Afrika habe ich stets viele Affen, und darunter auch regelmäßig Meerkatzen, in der Gefangenschaft gehalten und berichte nach eigener Erfahrung über das geistige Wesen der Tiere, welches man fast nur an Gefangenen beobachten kann. Ich darf versichern, daß jedes dieser merkwürdigen Tiere sein eigenes Wesen hatte und mir beständig Gelegenheit zu ebenso anziehenden als unterhaltenden Beobachtungen gab. Der eine Affe war zänkisch und bissig, der andere friedfertig und zahm, der dritte mürrisch, der vierte immer heiter, dieser ruhig und einfach, jener pfiffig, schlau und ununterbrochen auf dumme, boshafte Streiche bedacht; alle aber kamen darin überein, daß sie größeren Tieren gern einen Schabernack anthaten, kleinere dagegen beschützten, hegten und pflegten. Sich selbst wußten sie jede Lage erträglich zu machen. Dabei lieferten sie täglich Beweise eines scharfen Verstandes, wahrhaft berechnender Schlauheit und wirklich vernünftiger Überlegung, zugleich aber auch der größten Gemütlichkeit und zärtlichsten Liebe und Aufopferung anderen Tieren gegenüber, und ich habe wegen aller dieser Eigenschaften einzelne herzlich liebgewonnen.
Als ich auf dem Blauen Flusse reiste, brachten mir die Einwohner eines Uferdorfes einmal fünf frischgefangene Meerkatzen zum Verkaufe. Der Preis war sehr niedrig; denn man verlangte bloß 1 Mark unseres Geldes für eine jede. Ich kaufte sie in der Hoffnung, eine lustige Reisegesellschaft an ihnen zu bekommen, und band fie der Reihe nach am Schiffsbord fest. Meine Hoffnung schien jedoch nicht in Erfüllung gehen zu sollen; denn die Tiere saßen traurig und stumm nebeneinander, bedeckten sich das Gesicht mit beiden Händen wie tiefbetrübte Menschenkinder, fraßen nicht und ließen von Zeit zu Zeit traurige Gurgeltöne vernehmen, welche offenbar Klagen über das ihnen gewordene Geschick ausdrücken sollten. Es ist auch möglich, daß sie sich über die geeigneten Mittel berieten, aus der Gefangenschaft wieder loszukommen; wenigstens schien mir ein Vorfall, welcher sich in der Nacht begab, Ergebnis ihrer Gurgelei zu sein. Am anderen Morgen nämlich saß bloß noch ein einziger Affe an seinem Platze, die übrigen waren entflohen. Kein einziger der Stricke, mit denen ich sie gefesselt hatte, war zerbissen oder zerrissen; die schlauen Tiere hatten vielmehr die Knoten gegenseitig sorgfältig gelöst, an ihren Gefährten aber, welcher etwas weiter von ihnen saß, nicht gedacht und so ihn in der Gefangenschaft sitzen lassen.
Dieser übriggebliebene war ein Männchen und erhielt den Namen Koko. Er trug sein Geschick mit Würde und Fassung. Die erste Untersuchung hatte ihn belehrt, daß seine
Fesseln sür ihn unlösbar seien, und ich meinesteils sah darauf, ihm diese Überzeugung noch mehr einzuprägen. Als Weltweiser schien sich Koko nun gelassen in das Unvermeidliche zu fügen und fraß schon gegen Mittag des folgenden Tages Durrakörner und anderes Futter, welches wir ihm vorwarfen. Gegen uns war er heftig und biß jeden, der sich ihm nahte; doch schien sein Herz nach einem Gefährten sich zu sehnen. Er sah sich unter den anderen Tieren um und wählte sich unbedingt den sonderbarsten Kauz, welchen er sich hätte aussuchen können: einen Nashornvogel nämlich, welchen wir aus seinem heimatlichen Walde mitgebracht hatten. Wahrscheinlich hatte ihn die Gutmütigkeit des Vogels bestochen. Die Verbindung beider wurde bald eine sehr innige. Koko behandelte seinen Pflegling mit unverschämter Anmaßung; dieser aber ließ sich alles gefallen. Er war frei und konnte hingehen, wohin er wollte; gleichwohl näherte er sich oft aus freien Stücken dem Affen und ließ nun über sich ergehen, was diesem gerade in den Sinn kam. Daß der Vogel Federn anstatt der Haare hatte, kümmerte Koko sehr wenig: sie wurden ebensogut nach Läusen durchsucht wie das Fell der Säugetiere, und der Vogel schien wirklich bald so daran sich zu gewöhnen, daß er später gleich von selbst die Federn sträubte, wenn der Affe sein Lieblingswerk begann. Daß ihn dieser während des Reinigens hin- und herzog, ihn beim Schnabel, an einem Beine, an dem Halse, an den Flügeln und an dem Schwanze herumriß, brachte das gutmütige Geschöpf ebensowenig auf. Er hielt sich zuletzt regelmäßig in der Nähe des Affen auf, fraß das vor diesem liegende Brot weg, putzte sich und schien seinen Freund fast herausfordern zu wollen, mit ihm sich zu beschäftigen. Die beiden Tiere lebten mehrere Monate in engster Gemeinschaft zusammen, auch später noch, als wir nach Chartum zurückgekehrt waren und der Vogel im Hofe frei umherlaufen konnte. Erst der Tod des letzteren löste das schöne Verhältnis. Koko war wieder allein und langweilte sich. Zwar versuchte er, mit gelegentlich vorüberschleichenden Katzen sich abzugeben, bekam aber von diesen gewöhnlich Ohrfeigen anstatt Freundschaftsbezeigungen und wurde einmal auch mit einem bissigen Kater in einen ernsthaften Kampf verwickelt, welcher unter entsetzlichem Fauchen, Miauen, Gurgeln und Schreien ausgefochten wurde, aber unentschieden blieb, obschon er mit dem Rückzuge des jedenfalls unversehens gepackten Mäusejägers endete.
Ein junger, mutterloser Affe gewährte Kokos Herzen endlich die nötige Beschäftigung. Gleich als er das kleine Tierchen erblickte, war er außer sich vor Freude und streckte verlangend die Hände nach ihm aus; wir ließen den Kleinen los und sahen, daß er selbst sofort zu Koko hinlief. Dieser erstickte den angenommenen Pflegesohn fast mit Freundschaftsbezeigungen, drückte ihn an sich, gurgelte vergnügt und begann sodann vor allen Dingen die allersorgfältigste Reinigung seines vernachlässigten Felles. Jedes Stäubchen, jeder Stachel, jeder Splitter, welche in jenen kletten-, distel- und dornenreichen Ländern immer im Felle der Säugetiere hängen bleiben, wurden herausgelesen und weggekratzt. Dann folgte wieder neue Umarmung und andere Beweise der größten Zärtlichkeit. Wenn einer von uns Koko das Pflegekind entreißen wollte, wurde er wütend, und wenn wir den Kleinen ihm wirklich abgenommen hatten, traurig und unruhig. Er benahm sich ganz, als ob er ein Weibchen, ja als ob er die Mutter des kleinen Waisenkindes wäre. Dieses hing mit großer Hingabe an seinem Wohlthäter und gehorchte ihm auf das Wort.