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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Früchte, Kerbtiere ꝛc. Im Gegensatze zu anderen Affen wird er von allen Eingeborenen als ein durchaus harmloses Geschöpf betrachtet, hauptsächlich wohl deshalb, weil er die Pflanzungen verschont oder wenigstens in ihnen niemals größere Verwüstungen anrichtet. Möglicherweise trägt sein Aufenthalt in der Nähe der Kirchen auch dazu bei, eine gute Meinung von ihm zu erwecken. N

Die Jagd des Guereza hat ihre großen Schwierigkeiten. Auf den hohen Wipfeln seiner Lieblingsbäume ist er vor der Tücke des Menschen ziemlich sicher. Mit der Schrotflinte

E

Teufelsaffe (Colobus satanas).

8 natürl. Größe.

verwundet man wohl das starke, lebenszähe Tier, bekommt es aber nur selten in seine Gewalt. Der Jäger muß, wenn seine Jagd Erfolg haben soll, zur Büchse greifen: diese Waffe aber war von jeher und ist noch heute dem Eingeborenen ein Ding, mit welchem er nichts anzufangen weiß. Gut, daß dem so ist; mit der Büchse in geübter Hand hätte der Abessinier den schönen Affen vielleicht schon ausgerottet. In früheren Zeiten wurde ihm eifrig nachgestellt. Es galt als besondere Auszeichnung, einen Schild zu besitzen, welcher durch ein Fell dieses Affen seinen schönsten Schmuck erhalten hatte. Die Schilde der Abessinier und anderer ostafrikanischen Völkerschaften sind länglichrund und bestehen aus Antilopen- oder wohl auch Nilpferdhaut: diese bekleidete man nun mit dem Rücken⸗ und Seitenfelle des Guereza, so daß der ganze Mähnengürtel jetzt zum Schmucke des Schildes wurde.

Teufelsaffe (Colobus satanas).

Man bezahlte in Gondar, der abessinischen Hauptstadt, ein solches Fell mit einem Speziesthaler, einer Summe, für welche man 5—6 fette Schafe einhandeln kann. Gegenwärtig ist jener Zierat bedeutend im Werte gesunken: die beschriebenen Schilde sind glücklicherweise nicht mehr gebräuchlich; — glücklicherweise, sage ich, weil ich hoffe, daß deshalb ein so anziehendes Geschöpf vorderhand noch der abscheulichen Vernichtungswut entgeht, mit welcher der Mensch überall „seinen erstgeborenen Brüdern“ entgegentritt. Heuglin besaß ein lebendes Junges, war aber nicht im stande, dasselbe zu erhalten, trotzdem er ihm die beste Pflege zu teil werden ließ. Auch in den Hütten der Landeseingeborenen sieht man gezähmte Guerezas nicht; es scheint also schwierig zu sein, ihnen die rechte Pflege angedeihen zu lassen. Nach Europa ist, soviel mir bekannt, nur ein einziger Guereza lebend gebracht worden; er starb kurz nach seiner Ankunft.

Auf eine Anfrage find von Hans Meyer über den südlichere Gebiete bewohnenden Guereza, var. caudatus, folgende Mitteilungen eingegangen: „In dem hochstämmigen Galeriewalde von Kahe habe ich Guerezas mehrfach in kleinen Banden angetroffen und zwar immer nur auf der riesenhaften Juniperus procera, die dort häufig ist. In die Pflanzungen oder Felder kommt nach Angabe der Eingeborenen der Affe nie. Von weitem ist die Anwesenheit einer Guerezabande erkennbar an einem eintönigen singenden Summen, das in wechselndem Anwachsen und Abnehmen von den zusammensitzenden Familiengliedern ausgeht. Näher kommend, kann man die prachtvollen Gesellen in Banden von 4—8, alte und junge, in den hohen Wipfeln teils ruhig verdauend und summend, teils von den jungen Trieben und Beeren des Wacholderbaumes naschend, in Muße beobachten. Wird der Beobachter entdeckt, so schweigt die Gesellschaft plötzlich; leise ducken sie sich hinter dichtbelaubte Zweige oder Stammteile und blicken unverwandt herab, ohne aber zu fliehen. Das führende Männchen kommt jedoch behutsam näher, wendet sich unruhig nach der verdächtigen Erscheinung und stößt in kurzen Pausen einen Warnruf aus, der wie das Balzen eines Puters, gefolgt von einem mehr oder minder langen ‚Da‘, klingt. Auf einen Schuß erfolgt allgemeiner rascher Rückzug, keine eigentliche Flucht, und prächtig sieht es aus, wenn bei den langen Sprüngen die weißen Mäntel und Schwänze wallen. Der Affe scheint dann wirklich zu fliegen. 5 | „Der Geschossene muß schwer getroffen fein, um zu fallen. Deshalb jagen ihn die Eingeborenen selten, obwohl von den Massai das Fell für ihre Mäntel sehr gesucht ist.“

Zwei auf nebenstehender Seite dargestellte Mitglieder der Gattung sind der Bärenstummelaffe (Colobus ursinus) und der Teufelsaffe (Colobus satanas).

Ersterer unterscheidet sich vom Guereza durch den Mangel des weißen Mähnengürtels, welcher durch das lange und flatternde, grobe, schmutzig fahlgelbe und schwarz gemischte Haar eben nur angedeutet wird, die längere Körperbehaarung und den fast fahnenlosen Schwanz. In der Größe und ebenso in der Lebensweise stimmt er so ziemlich mit dem Guereza überein; seine Heimat aber ist der Westen Afrikas: er findet sich inden Wäldern Oberguineas und auf Fernando Po. Pechuel-Loesche erhielt ihn dort mehrmals zum Kaufe angeboten, stand aber davon ab, die Tiere nach Europa überzuführen, weil fie sämtlich stets schon kränklich und recht schwach waren.

Der Teufelsaffe, welcher einfarbig schwarz ist und hauptsächlich auf Fernando Po lebt, wird von einzelnen Forschern, aber wohl mit Unrecht, als bloße Spielart des Bärenstummelaffen angesehen. x

Afrika beherbergt nicht nur die größten, die klügsten und die häßlichsten Affen der Alten Welt, sondern auch die schönsten, nettesten und gemütlichsten. Zu diesen gehört unzweifelhaft

die zahlreiche Gattung, welche uns unter dem Namen „Meerkatzen“ (Cercopithecus) bekannt ist. Wir sehen dieses oder jenes Mitglied der betreffenden Gattung häufig genug in jedem Tiergarten oder in jeder Tierschaubude und finden es auch öfters als lustigen Gesellschafter irgend eines Tierfreundes.

Die Bezeichnung „Meerkatze“, welche schon im 16. Jahrhundert vorkommt, ist durch fo-genannte Volksetymologie aus dem indischen Worte markata entstanden, das noch heute in Gebrauch ist für den Bunder. Natürlich hat unser Affe weder mit dem Meer noch mit einer Katze irgend etwas zu schaffen. Seinen Wohnort bilden die Wendekreisländer Afrikas, er findet sich aber nur auf dem Festlande, nicht auf den Inseln. Wo sich Urwälder finden, zeigen sich auch die Meerkatzen in großer Anzahl. Manche Arten erhalten wir ebensowohl aus dem Osten wie aus dem Westen und aus der Mitte des Erdteiles; die meisten aber kommen aus Westafrika, ziemlich viele auch aus Abessinien und den oberen Nilländern.

Sie zeichnen sich durch leichte und zierliche Formen, schlanke Gliedmaßen, feine, kurze Hände mit langen Daumen, auch durch einen langen Schwanz ohne Endquaste aus und besitzen weite Backentaschen und große Gesäßschwielen. Ihre Farben sind meistens ziemlich lebhaft, bei einzelnen Arten oft recht angenehm bunt. Man kennt ungefähr 20 Arten. In den Nilländern findet man zuerst unter dem 16. Grade nördlicher Breite Meerkatzen; im Westen und Osten reichen sie bis hart an die Meeresküste. Feuchte oder wenigstens von Flüssen durchschnittene Waldungen werden von ihnen trockenen Berggegenden stets vorgezogen; in der Nähe von Feldern siedeln sie sich außerordentlich gern an. Man darf mit Sicherheit darauf rechnen, daß man in Afrika da, wo man Papageien findet, auch unseren Meerkatzen begegnen wird oder umgekehrt Papageien zu vermuten hat, wo sich Meerkatzen aufhalten. Die Meerkatzen gehören zu den geselligsten, beweglichsten, lustigsten und, wie bemerkt, gemütlichsten aller Affen. Man findet sie fast stets in ziemlichen Banden; Familien kommen kaum vor. Es ist eine wahre Lust, wenn man einer Herde dieser Tiere im Walde begegnet. Da kann man ein Leben, ein Schreien und Kämpfen, ein sich Zürnen und Versöhnen, ein Klettern und Laufen, Rauben und Plündern, Gesichterschneiden und Gliederverrenken bemerken! Sie bilden einen eigenen Staat und erkennen keinen Herrn über sich an als den Stärkeren ihresgleichen; sie beachten kein Recht als das, welches durch spitze Zähne und kräftige Hände von dem alten Affenstammvater geübt wird; sie halten keine Gefahr für möglich, aus welcher es nicht auch einen Ausweg gebe; sie machen sich jede Lage behaglich, fürchten niemals Mangel und Not und verbringen so ihr Leben in beständiger Regsamkeit und Fröhlichkeit. Ein grenzenloser Leichtsinn und ein höchst spaßhafter Ernst im Vereine ist ihnen eigen; mit beiden beginnen und vollbringen sie alle ihre Geschäfte. Kein Ziel ist zu weit gesteckt, kein Wipfel zu hoch, kein Schatz sicher genug, kein Eigentum achtbar. So darf es uns nicht wundernehmen, daß die Eingeborenen Ostsudans nur mit grenzenloser Verachtung und mit Zorn von ihnen sprechen; ebensowenig aber wird man es dem unbeteiligten Beobachter verdenken, wenn er sie als höchst ergötzliche Wesen betrachtet.

Man kann eine Meerkatzenbande im Urwalde nicht übersehen. Wenn man auch den wechselvollen Ausruf des Leitaffen nicht vernimmt, hört man wenigstens bald das Geräusch, welches die laufende und springende Gesellschaft auf den Bäumen verursacht, und wenn man dieses nicht hört, sieht man die Tiere laufen, spielen, ruhig dasitzen, sich sonnen, gewisser Schmarotzer halber sich Liebesdienste erzeigen: niemals fällt es ihnen ein, vor irgend jemand sich zu verbergen. Auf dem Boden trifft man sie bloß da, wo es etwas zu fressen gibt; sonst leben sie inden Wipfeln der Bäume und nehmen ihren Weg von einem Aste zum anderen. Und dabei ist es ihnen völlig gleichgültig, ob fie die dichtesten Dornengebüsche durchlaufen oder nicht.

„Im wesentlichen“, schreibt Pechuel-Loesche, „ähnelt das individuelle Gebaren der Affen in der Wildnis so sehr demjenigen, welches uns in zoologischen Gärten ergötzt, daß es hier keiner ausführlichen Schilderung bedarf; dagegen wird manche Einzelheit, mancher lediglich in ihrem Freileben zur Geltung kommende Zug der Mitteilung wert sein. Am häufigsten und eingehendsten kann man in Westafrika gewisse Arten von Meerkatzen beobachten, die sich ganz übereinstimmend benehmen. „Das Rauschen belaubter Zweige und das Brechen dürrer Aste, auchTöne des Wohlbehagens, oft unterbrochen von Gezänk, verraten dem Eingeweihten die Annäherung einer Affenschar und die Richtung, in welcher sie zieht. Ist sie auf der Wanderschaft begriffen, strebt sie bestimmten Zielen zu, so ordnet sie sich in langer Reihe; jedes folgende Tier nimmt den Weg des vorangehenden, schwingt sich mittels der nämlichen Zweige von Baum zu Baum. Da sie nun das schwanke Geäst nicht eher belaufen, als bis es nach dem Sprunge des Vorgängers zur Ruhe gekommen ist, entstehen in dem Zuge nicht unerhebliche Lücken. Hierdurch wird dem Beobachter das Anschleichen wesentlich erleichtert. „Jede Bande, die doch wohl nur aus einer weitverzweigten Familie besteht, hält sich, mit Ausnahme seltener Fälle, gesondert und steht unter der Führung eines alten, erfahrenen Männchens — wenigstens habe ich nie ein Weibchen an der Spitze gesehen. Der Leitaffe ist sehr besorgt um das Wohl der Seinen: er zieht voran, nimmt beim Ruhen in der Regel den höchsten Sitz auf dem Baume ein und hält Umschau, steigt zuerst zum Wasser hinab und ruft, warnt und lockt die übrigen durch verschiedene Töne, die man bald genau unterscheiden lernt, aber kaum beschreiben kann. Am auffälligiten ist ein, wie es scheint, nur von ihm hervorgebrachter weitschallender Laut — den ich nie von gefangenen Affen hörte — der die Mitte hält zwischen einem Schmatzen und einem Bellen, manchmal auch an das Springen eines Champagnerpfropfens erinnert. Dieser Laut ist wohl ein Ausdruck der vollkommenen Zufriedenheit, denn er wird fast ausschließlich gegen Abend, bisweilen auch noch in der Dunkelheit vernommen, nachdem die gesättigte und ermüdete Gesellschaft einen Rastbaum für die Nacht erwählt hat. Dann sieht man öfters die lustigen Springer, ehe sie zum Schlafen zusammenrücken, auf den äußersten, womöglich dürren Zweigen eines Waldriesen von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet, sich mit einer auf Gegenseitigkeit beruhenden Reinigung des Felles beschäftigen oder von ihrem erhabenen Sitze mit beneidenswerter Beschaulichkeit auf die schöne Welt unter sich hinabblicken. Zum Schlafen scheinen sie sich stets auf Gabelästen hart an den Stamm und aneinander zu drücken, so daß sie einen formlosen Klumpen bilden und sich gegenseitig wärmen. An kühlen Morgen können sie sich gar nicht voneinander trennen. So habe ich in der Frühe solche Schlafgesellschaften gesehen, die um der geliebten Wärme willen so innig aneinander gehudelt waren, daß nur die herabhängenden Schwänze eine Schätzung der Zahl ermöglichten. Will man sich, nicht aber den Schläfern, eine Freude bereiten, so braucht man sie nur anzurufen oder zu husten — dann explodiert der Klumpen förmlich. „Schießt man von einer Bande das Leittier hinweg, so bemächtigt sich der übrigen vollkommene Ratlosigkeit, und sie zerstreuen sich, kopflos flüchtend, zunächst nach allen Seiten. Nie sind sie aber so bestürzt, daß sie weitere Schüsse abwarten, ehe sie sich in Sicherheit bringen. Im besten Falle kann man einen Doppelschuß machen, aber auch dazu gehört schon ein rascher Schütze. Doch kommt es vor, daß von den Fliehenden ein Unerfahrener trotz alles Schreckens noch einmal possierlich zurückschaut und ein Opfer seiner Neugier wird. Unbeschreiblich drollig berührt eine solche Flucht unter erschwerenden Umständen: wenn etwa ein großer Affenschwarm, welcher sich zu irgend einem dem Menschen unverständlichen Zwecke auf einem hohen, in der Regel frei aus dem Unterholze aufragenden und blätterlosen Baume versammelt hat, plötzlich einen Hauptkrakeeler aus 1 9 5 durch

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