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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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In Antwerpen lebte ein Budeng unter kleinen Meerkatzen und Makaken. Alle Mitbewohner seines Käfigs waren kaum halb so groß als er, und trotzdem war auch hier wiederum er der Gequälte und Gefoppte. Eine kaum 1 Jahr alte Meerkatze spielte zur Zeit, in welcher ich den Garten besuchte, hier die Rolle des Mohrenpavians, und auch gegen diesen frechen Afrikaner verhielt sich der Javaner leidend und unterthänig. Es sah sehr komisch aus, wenn das kleine Geschöpf den großen Affen sozusagen nach seiner Pfeife tanzen ließ; es meisterte ihn vollständig und maßregelte ihn durch Püffe, Ohrfeigen, durch Kneipen und Raufen in wahrhaft jämmerlicher Weise. Man konnte nicht in Zweifel bleiben, daß Gutmütigkeit der Hauptzug des Budenggeistes ist; man vermißte in ihm förmlich jene Affenniederträchtigkeit, welche andere seines Geschlechtes jo sehr auszeichnet. — Auch der Budeng scheint von unserem nordischen Klima viel zu leiden. Ob dieses die alleinige Ursache seiner grenzenlosen Gutmütigkeit ist, wage ich nicht zu entscheiden. Aber man sieht es ihm an, wie wohl ihm jeder Sonnenblick thut, wie glücklich er ist, wenn er nur einen Strahl des belebenden Gestirnes auffangen kann, dessen Glut seiner schönen Heimat alle Pracht und Herrlichkeit der Wendekreisländer verlieh.

Von den eigentlichen Schlankaffen trennt man gegenwärtig eine Art, welche sich im hohen Grade auszeichnet und zwar durch ihre Nase: den Nasenaffen oder Kahau (Nasalis larvatus, Semnopithecus nasicus, Simia nasalis, Simia rostrata). Im allgemeinen hat dieses absonderliche Geschöpf noch ganz den Bau der Schlankaffen; die vor: springende verzerrte Menschennase aber, welche wie ein Rüssel beweglich ist und vorgeschoben

oder zurückgezogen werden kann, verleiht ihm etwas im hohen Grade Eigentümliches. Der Leib ist schlank, der Schwanz sehr lang, die Gliedmaßen sind fast von gleicher Länge, die Backentaschen fehlen. Die Nase hängt hakenförmig über die Oberlippe herab, ist in der Mitte ziemlich breit, an ihrem äußeren Ende zugespitzt und längs ihres Rückens mit einer leichten Furche versehen; die Nasenlöcher find sehr groß und können noch bedeutend ausgedehnt werden. Bei jungen Tieren ist das hier so merkwürdig gebildete Sinnwerkzeug noch klein und stumpf, und erst bei alten erreicht es seine bedeutende Größe. Laut C. Bock ist es jedoch nur alten Männchen, nicht auch Weibchen eigentümlich. Die Behaarung ist ., %%,

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Kahau oder Nasenaffe (Nasalis larvatus). Yıo natürl. Größe.

reichlich und weich; am Scheitel find die Haare kurz und dicht, an den Seiten des Gesichtes und am Hinterhaupte länger, um den Hals bilden sie eine Art von Kragen. An dem Scheitel, dem Hinterkopfe und in der Schultergegend sind sie lebhaft braunrot, auf dem Rücken und der oberen Hälfte der Seiten fahlgelb, dunkelbraun gewellt, an der Brust und dem Oberteile des Bauches licht rötlichgelb gefärbt; in der Kreuzgegend findet sich ein scharf abgegrenzter Fleck von graulichweißer Farbe, dessen Spitze nach der Schwanzwurzel zu gerichtet ist; die Gliedmaßen sehen in der oberen Hälfte gelblichrot, in der unteren, ebenso wie der Schwanz, aschgrau, die nackten Innenflächen der Hände und die Gesäßschwielen graulichschwarz aus. So zeigt auch dieser Affe eine sehr lebhafte Gesamtfärbung. Erwachsene Männchen des Kahau erreichen eine Größe von etwa 1,50 m; ihr Leib ist 0,7 m und der Schwanz etwas darüber lang. Die Weibchen bleiben kleiner, sollen jedoch schon vor ihrem vollendeten Wachstume fortpflanzungsfähig sein.

Kahau oder Naſenaffe (Nasalis larvatus). Yıo natürl. Größe.

Der Kahau lebt gesellig auf Borneo. Über sein Freileben wissen wir wenig. Wallace, welcher Gelegenheit hatte, unseren Affen in seinen heimischen Wäldern zu beobachten, erwähnt seiner nur nebenbei: „An den Ufern des Flusses Simunjon hielten sich sehr viele Affen auf, unter anderen der merkwürdige Nasenaffe, welcher jo groß ist wie ein dreijäh-riges Kind, einen sehr langen Schwanz und eine fleischige Nase, länger als die des dicknasigsten Menschen, hat.“ Wurmb bemerkt ungefähr folgendes. Des Morgens und Abends sammeln sich zahlreiche Scharen auf den Bäumen und an den Flußufern und erheben dann oft ein Geheul, welches dem Worte Kahau sehr ähnlich klingt und ihnen den eigentümlichen Namen verschafft hat. Sie sind schnell und gewandt und besitzen eine ungeheuere Fertigkeit im Springen und Klettern. Ihre geistigen Eigenschaften sind wenig bekannt, doch behauptet man, daß die Tiere sehr boshaft, wild und tückisch seien und sich nicht wohl zur Zähmung eigneten. Man sagt, daß sie, wenn sie überrascht werden, sich auf den Bäumen verbergen, aber mit großem Mute sich verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Wirklich spaßhaft ist die Behauptung der Eingeborenen, daß die Kahaus beim Springen immer ihre Nase mit den Händen bedecken sollen, um sie vor unangenehmen Zusammenstößen mit dem Gezweige zu schützen. Ihre Nahrung kennt man nicht, darf aber vermuten, daß sie auch keine andere als die der Schlankaffen ist. Die Dajaken sollen fleißig Jagd auf die Nasenaffen machen, um ihr Fleisch zu erhalten, welches sie als wohlschmeckend schildern. Sie nennen die Tiere übrigens nicht Kahau, sondern Bakara, die Malayen aber Bakantan. „Die Nasenaffen“, schreibt mir Haßkarl, „welche in den Jahren 1841 und 1842 im Pflanzengarten zu Buitenzorg auf Java anlangten und dort gepflegt wurden, starben sehr bald, hatten aber freilich auch nicht genügenden Raum zu ausgiebiger Bewegung.“ Ob dies die einzige Ursache ihres Todes war, steht dahin; jedenfalls ist durch Haßkarls Angabe bewiesen, daß Kahaus geraume Zeit im Käfige sich halten lassen.

Dies bestätigt auch C. Bock in seinen Mitteilungen über sie: „Dieser Affe bewohnt die dichten Wälder an den Flußufern, aber niemals in großen Scharen, sondern stets zu zweien und dreien, und wählt sich die Wipfel der höchsten Bäume aus. Sie sind langsam in ihren Bewegungen und lassen sich nicht leicht stören. Ich erinnere mich, daß mir bei einer Gelegenheit die Dajaken drei langnasige Affen wiesen, die, außer Schußweite, sich auf einem sehr hohen Baume sonnten. Die Wilden machten Lärm, aber die Affen beachteten es nicht, bis ich einen Schuß auf fie abfeuerte, worauf sie mit zwei weiten Sprüngen in dem dichten Laubwerke verschwanden.“ Er sagt, daß sie gewöhnlich ruhig fliehen, indem sie mit einigen wohl abgemessenen, wenigstens 20 Fuß weiten Sätzen von Ast zu Ast springen. „Sie nähren sich von wilden Früchten und Blättern und erreichen eine bedeutende, oft eine gleiche Größe wie der Orang-Utan. (?) Von allen Affen, den Orang-Utan vielleicht ausgenommen, sind sie am schwersten in der Gefangenschaft zu erhalten. Zunächst ist es schwierig, sie anReisnahrung zu gewöhnen, und außerdem scheinen sie in der Gefangenschaft zu verkümmern, wenngleich sie von Natur nicht sehr rührig sind. Sie erscheinen überaus trübselig, und ich sah sie lange Zeit in einer Stellung verharren, ohne daß sie die leiseste Bewegung machten oder, selbst wenn sie geneckt wurden, irgend eine Grimasse oder ein Zeichen von Arger zu erkennen gaben. In Buitenzorg zeigte mir Herr Teysmann drei, die er über 2 Jahre erhalten hatte; lange Zeit hatte er ihnen frische Blätter aus dem Walde zu essen gegeben, sie aber allmählich an Reis gewöhnt.“

Auch die afrikanischen Verwandten der schlanken Asiaten, die Stummelaffen (Colobus), sind sehr auffallende, durch eigentümliche Färbung, sonderbare, aber schöne Mähnen und andere Haarwucherungen ausgezeichnete Tiere. Wie Indien lebendiger und reicher ist

als das trockene Afrika, so sind auch die Schlankaffen heller und lebhafter gefärbt als die Stummelaffen, obwohl ich nicht behaupten will, daß diese weniger schön oder minder angenehm für unser Auge wären als jene. Im ganzen sind die Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Gruppen nur sehr geringfügig. Die Stummelaffen zeichnen sich hauptsächlich dadurch vor den Schlankaffen aus, daß sie an den Vorderhänden außer den vier Fingern nur das stummelförmige Überbleibsel eines Daumens besitzen. Der Leib der Stummelaffen ist noch immer schlank und zierlich, die Schnauze kurz, der Schwanz sehr lang, die unter sich fast gleichlangen Gliedmaßen sind schmächtig, Backentaschen fehlen.

Unter diesen Tieren dürfen wir ohne Zweifel den Guereza oder Guerieze und Fonges der Abessinier (Colobus guereza) obenanstellen. Meiner Ansicht nach ist er der schönste aller Affen. Seine Färbung ist eine außerordentlich angenehme, und seine Behaarung eine so eigentümliche und zugleich so zierliche wie kaum noch bei einem anderen Tiere. Das Verdienst der Entdeckung des wunderschönen Geschöpfes gebührt unserem ausgezeichneten Lands manne Rüppell, welcher es während seiner Reise in Abessinien in der Provinz Godscham auffand und den im Lande gebräuchlichen Namen zum wissenschaftlichen machte. Übrigens war der Affe schon früher bekannt; bereits Hiob Ludolf erwähnte seiner in einem sehr schätzbaren Werke über Athiopien, gab aber zu der sehr mangelhaften Beschreibung eine noch mangelhaftere, ja falsche Abbildung, und machte es dadurch den Kundigen unmöglich, das Tier als besondere Art anzuerkennen und aufzuzeichnen. Auch ein anderer Reisender, Salt, gedenkt des Guereza, gibt aber ebenfalls eine fehlerhafte Beschreibung und eine Abbildung, zu welcher er die Ludolfsche Zeichnung und die Bruchstücke einer Haut, in deren Besitz er zufällig gekommen war, benutzte. Rüppell sah den Guereza lebend und konnte jo am besten aus eigener Anschauung über ihn berichten. Später haben auch andere Natur: forscher ihn beobachtet. Ich selbst fand in den Händen eines Hassanie am unteren Weißen Nil ein Fell desselben, welches der Mann als Tabaksbeutel benutzte, und erfuhr von dem Eigner, daß der Affe weiter südlich keineswegs zu den Seltenheiten gehöre. Auch Heuglin beobachtete ihn öfters in Abessinien und auf dem Weißen Flusse und erhielt sichere Nachrichten über sein Vorkommen in ganz anderen Gegenden Mittelafrikas, woraus hervorgeht, daß der Verbreitungskreis des Tieres viel größer sein muß, als wir gewöhnlich angenommen haben. In der That fand ihn später Thomson im Massailande, in der Landschaft Kikuju, und nach Johnston auch Hans Meyer nicht nur am Kilima Noͤ scharo in etwa 1000 m Höhe, sondern auch weiter südlich ziemlich häufig in der Landschaft Kahe, westlich vom Dschibesee, jenseit der Uguenoberge. Meyer entscheidet sich dafür, daß die von ihm beobachteten und erlegten Guerezas, deren Schwanz fast bis zur Wurzel mit einer langen weißen Fahne geschmückt ist, von den abessinischen, an welchen, wie die Abbildung zeigt, der weiße Schwanzbehang nur in Gestalt einer großen Quaste auftritt, wenigstens als Spielart, var. caudatus, unterschieden werden können.

Der Guereza ist ein wirklich herrliches Tier. Von dem schön samtschwarzen Leibe heben sich Stirnbinde, Schläfegegend, die Halsseiten, Kinn, Kehle und ein Gürtel oder eine Mähne sowie eine Einfassung um die nackten Gesäßschwielen und die Schwanzspitze, welche Teile weiß gefärbt sind, prachtvoll ab. Jedes weiße Haar ist aber auch vielfach braun geringelt, und hierdurch entsteht das silbergraue Aussehen der Behaarung. Die Mähne, wie ich den Seitengürtel vielleicht nennen kann, hängt wie ein reicher Beduinenmantel zu beiden Seiten des Körpers herab und ziert ihn unbeschreiblich. Ihre Haare sind von größter Weichheit und Feinheit und dabei von bedeutender Länge. Der schwarze Pelz des unteren Körpers schimmert hier und da zwischen dem kostbaren Behange hindurch; das Dunkelschwarz sticht lebendig ab von dem blendenden Weiß, und die dunklen Hände und

das dunkle Gesicht stehen hiermit jo vollkommen im Einklange, daß unser Affe wohl den Preis der Schönheit verdienen dürfte. So viel Willkür, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, in der Bekleidung sich ausspricht, so zierlich und anmutig ist dieselbe. Die Leibeslänge beträgt 0,70 m, die Schwanzlänge ohne Quaste 0,75 m.

Der Guereza findet sich, wie mir Schimper mitteilte, vom 13. Grade nördlicher Breite an überall in Abessinien, am häufigsten in einem Höhengürtel von 2000 —3000 m über dem Meeresspiegel. Hier lebt er in kleinen Gesellschaften von 10— 15 Stücken auf hochstämmigen Bäumen, gern in der Nähe klarer fließender Gebirgsgewässer und häufig auch unmittelbar neben den einsam im Schatten geheiligter Bäume stehenden Kirchen. Eine

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/ Guereza (Colobus guereza). Yıo natürl. Größe.

Wacholderart (Juniperus procera), welche, im Gegensatze zu der bei uns wachsenden, jo riesenhafte Verhältnisse zeigt, daß selbst unsere Tannen und Fichten neben ihr zu Zwergen herabsinken, scheint ihm ganz besonders zuzusagen: jedenfalls ihrer auch unserem Gaumen behagenden Beeren halber. Er ist, wie mein Berichterstatter mit besonderem Ausdrucke sagte, „ein im allerhöchsten Grade behendes Tier“, welches sich mit geradezu wunderbarer Kühnheit und Sicherheit bewegt. Wo der Guereza keine Nachstellungen erleidet, ist er, laut Heuglin, nicht scheu und bellt und kreischt mit katzenartig gebogenem Rücken den, welcher ihn aus seiner Ruhe stört, gemütlich an. Verfolgt zeigt er sich in seiner ganzen Schönheit. Mit ebenso großer Anmut als Leichtigkeit, mit ebensoviel Kühnheit als Berechnung springt der jo wundersam geschmückte Gesell von Zweig zu Zweige oder aus Höhen von 15 m in die Tiefe hinab, und der weiße Mantel fliegt dabei um ihn herum, wie der Burnus eines auf einem arabischen Pferde dahinjagenden Beduinen um Roß und Reiter weht. Übrigens kommt er nur dann auf den Boden herab, wenn die Verfolger ihm sehr nahe auf den Leib rücken; als vollendetes Baumtier findet er in seiner luftigen Höhe alles, was er bedarf. Seine Nahrung ist die gewöhnliche der Baumaffen: Knospen, Blätter, Blüten, Beeren,

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