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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Das tägliche Treiben und gesellige Leben der Hulmans ist das aller Hundsaffen. Sie bilden im Walde, ihrem eigentlichen Wohngebiete, zahlreiche Banden, denen ein aus hartnäckigen Kämpfen siegreich hervorgegangenes Männchen vorsteht, und streifen unter dessen Führung plündernd, raubend und mehr verwüstend als verbrauchend in ihm und in den benachbarten Feldern und Gärten umher, Gebrandschatzten zur Geißel, frommen Narren und unbeteiligten Forschern zur Augenweide. Ihre Vermehrung in günstigen, d. h. unter dem Schutze der Dummgläubigkeit stehenden, Gegenden ist eine Besorgnis erregende; dagegen sterben fie erwiesenermaßendin höher gelegenen Gegenden Oberindiens, woselbst fie eingeführt wurden und werden, bald wieder aus; denn diese Heiligen können reine Luft nicht vertragen. Blyth berichtet, daß hier und da halberwachsene oder besiegte Männchen einer Bande von dem sein Haremsrecht wahrenden Affensultan ausgetrieben und gezwungen werden, sich eigene Vereine zu bilden, erfuhr auch von den Eingeborenen, daß des Streitens und Kämpfens unter verschiedenen Männchen kein Ende wäre; Hutton beobachtete ähnliches

von dem auf dem Himalaja lebenden Verwandten des Hulman. Beide unternehmen, wie es scheint, zuweilen größere Streifzüge oder Wanderungen, jener bei Eintritt kalter Witterung in seinen Höhen, dieser, um von der blindgläubigen Bevölkerung Zoll zu erheben. Der heilige Feigenbaum Indiens soll der Lieblingsaufenthalt der Hulmans sein. Man erzählt, daß unter demselben Baume auch giftige Schlangen wohnen, mit welchen die Affen in beständiger Feindschaft leben. Hieran ist wohl nicht zu zweifeln, um so mehr aber an einem jener unschuldigen Märchen, welches von manchen frischweg für bare Münze genommen wird. Die Hulmans sollen nämlich, wenn sie eine schlafende Schlange finden, dieselbe hinten am Kopfe ergreifen, mit ihr auf den Boden herabsteigen und den Kopf des Kriechtieres so lange an Steine schlagen, bis sie ihn zermalmt haben, und dann, erfreut über die gelungene That, das sich windende und zuckende Tier ihren Jungen vorwerfen! Es wird übrigens versichert, daß diese Affen gefeit seien gegen gewisse vegetabilische Gifte; Gaben von Strychnin, die jedes andere Tier von gleicher Größe töten würden, sollen bei ihnen wirkungslos sein.

Zuweilen geraten auch zwei Banden von Hulmans aneinander und kämpfen erbittert, sei es um das von der einen bereits besetzte Wohngebiet, sei es um verlockende Frucht: gärten. Hughes schildert neuerdings einen solchen Kampf, der anscheinend um den Besitz eines Mangohaines geführt wurde. Zunächst beteiligten sich nur führende Männchen, zwei gegen eins, als aber das eine der zwei durch einen Biß in die Kehle und Aufreißen des Halses getötet war, eilten auch etliche Weibchen hinzu; diesem Angriffe erlag das beim ersten Gange Sieger gebliebene Männchen, und von seiner nun fliehenden, ohnehin schwächeren Bande schien die stärkere einige als Gefangene aufzugreifen. Von ihrer Bewegungsfähigkeit sagt Jerdon: „Sie springen überraschend behende von Zweig zu Zweig und machen im Notfall ganz erstaunliche Sprünge. Ich habe sie von Baum zu Baum, einen Zwischenraum von 20 und 30 Fuß, übersetzen sehen, wobei sie vielleicht 40 oder 50 Fuß schräg abwärts schwebten. Auch auf allen vieren laufen sie bemerkenswert schnell, indem sie mit hurtigen Sprüngen über den Boden hineilen.“ Dabei krümmen sie ihren langen Schwanz über den Rücken nach vorn, wie Blanford mitteilt. Diesem Gewährsmann zufolge findet man sie niemals weit ab vom Wasser. „Ihre Stimme“, bemerkt er an anderer Stelle, „ist laut und wird oft, besonders morgens und abends, gehört. Die zwei gewöhnlichsten Laute, die sie ausstoßen, sind ein hallender freudiger, fast wohlklingender Ruf, eine Art Jauchzer, wenn sie sich durch das Gezweig schwingen, und ein rauher Kehllaut, wenn sie beunruhigt oder ärgerlich sind. Dieser letztere ist dem Tigerjäger, zu dessen besten Freunden der Hanuman (Hulman) gehört, vertraut. Sicher geborgen in luftiger Höhe oder von Baum zu Baum folgend, wenn der Tiger davonschleicht, zeigt der Affe mit Gebärden und Stimme, wo sich sein Todfeind unten in Busch und Gras verbirgt. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie diese Affen, selbst in den entlegensten Wildnissen, die Menschen als ihre Freunde, wenigstens als Verbündete gegen den Tiger zu betrachten scheinen. Doch ist es ein Irrtum der Jäger, anzunehmen, daß der rauhe Kehllaut stets das Vorhandensein eines Tigers oder Leoparden verkünde, denn ebenso oft lassen sie ihn hören, wenn sie irgendwie und von irgendwas überrascht sind; ich habe ihn vernommen, auch wenn die Affen bloß einen Hirsch flüchten sahen, und ich glaube, daß sie einen plötzlich erscheinenden Menschen nicht anders begrüßen würden.“ Im übrigen sagt Blanford, daß der Hulman ruhiger, weniger neugierig und übermütig sowie weniger zänkisch sei als die Makaken. In Gefangenschaft werden alte nicht selten griesgrämig und bösartig.

Auch der Hulman zeigt große Anhänglichkeit an feine Jungen. Duvaucel erzählt, daß er ein Weibchen dieses Affen erlegt habe, dann aber Zeuge eines wirklich rührenden Zuges geworden sei. Das arme Tier, welches ein Junges mit sich trug, wurde in der Nähe des Herzens verwundet. Es raffte alle seine Kräfte zusammen, nahm sein Junges,

hing es an einen Ast und fiel hierauf tot herunter. „Dieser Zug“, setzt unser Gewährsmann hinzu, „hat mehr Eindruck auf mich gemacht als alle Reden der Brahminen, und diesmal ist das Vergnügen, ein so schönes Tier erlegt zu haben, nicht Meister geworden über die Empfindung der Reue, ein Wesen getötet zu haben, welches noch im Tode das achtungswürdigste Ge— NV VNfühl bethätigte.“ W N N Unsere Gattung hat noch an— CsN dere merkwürdige Mitglieder. Ein sehr schöner Affe ist der Budeng der

Javaner (Semnopithecus maurus, Presbytis maurus). Er ist im Alter glänzend schwarz, im Gesichte und an den Händen wie Samt, auf dem Rücken wie Seide. Der Unterleib, welcher spärlicher behaart ist als der Oberleib, zeigt einen bräunlichen Anflug. Der Kopf wird von einer eigentümlichen Haarmütze bedeckt, welche über die Stirn hereinfällt und zu beiden Seiten der Wangen vortritt. Neugeborene Junge sehen goldgelb aus, und nur die Haarspitzen des Unterrückens, der Oberseite des Schwanzes und der Schwanzquaste find dunkler. Bald aber verbreitet sich das Schwarz weiter, und nach wenigen Monaten sind die Hände, die Oberseite des Kopfes EA und die Schwanzquaste schwarz, und von nun an geht das Kleid mehr 8 und mehr in das des alten Tieres ee. ANY L über. Die Gesamtlänge dieses schb; e.e EN nen Affen beträgt nahezu 1,5 m, „

wovon mehr als die Hälfte auf ben Budeng (Semnopithecus maurus). Yıo natürl. Größe.

Schwanz kommt. „„der Budeng“, jagt Horsfield, „lebt in großer Menge in den aus gedehnten Wäldern Javas. Man findet ihn in zahlreichen Gesellschaften auf den Wipfeln der Bäume, nicht selten in Trupps von mehr als 50 Stücken zusammen. Es ist wohlgethan, solche Scharen aus einiger Entfernung zu beobachten. Sie erheben bei Ankunft des Menschen ein lautes Geschrei und springen unter entsetzlichem Lärme so wütend in den Zweigen umher, daß sie oft starke Aste von den absterbenden Bäumen brechen und diese herab auf ihre Verfolger schleudern. (?) „Mehr als der Budeng ist der Lutung, ein jenem nahe verwandter, aber roter Affe, vielleicht bloß eine Abart, ein Liebling der Eingeborenen. Wenn die Javaner diesen einfangen, geben sie sich die größte Mühe, ihn zu zähmen, und behandeln ihn mit vieler Liebe und Aufmerksamkeit. Der Budeng dagegen wird vernachlässigt und verachtet. Er verlangt

Budeng (Semnopithecus maurus). Yıo natürl. Größe.

viel Geduld in jeder Hinsicht, ehe er das mürrische Wesen ablegt, welches ihm eigentümlich ist. In der Gefangenschaft bleibt er während vieler Monate ernst und murrköpfig, und weil er nun nichts zum Vergnügen der Eingeborenen beiträgt, findet man ihn selten in den Ortschaften. Dies geschieht nicht etwa aus Abneigung von seiten der Javaner gegen die Affen überhaupt; denn die gemeinste Art der Ordnung, welche auf der Insel vorkommt, wird sehr häufig gezähmt und nach der beliebten Sitte der Eingeborenen mit Pferden zusammen gehalten. In jedem Stalle, vom prinzlichen an bis zu dem eines niederen Beamten, findet man einen jener Affen: der Budeng aber gelangt niemals zu solcher Ehre.“

Hier und da auf Java leben Budengs auch im halbwilden Zustande, gehegt und gepflegt von den Eingeborenen. „Ich besuchte“, erzählt Jagor, „die Quelle des Progo, welcher die Provinz Kadu, den Garten von Java, bewässert und in das indische Weltmeer fließt. Die schöne Quelle, welche klar und sehr wasserreich aus einer mit Farnen dicht bewachsenen Lava hell hervorbricht, genießt bei den Javanern hohe Verehrung. Kaum waren wir angekommen, als von den umliegenden Bäumen eine Anzahl Affen und zwar Budengs herabstiegen und zutraulich-dreist uns umringten. Wir fütterten fie mit Mais. Diese Ansiedelung halbzahmer Affen besteht, nach der später noch mehrfach bestätigten Aussage des mich begleitenden Häuptlings, schon seit alter Zeit und überschreitet nie die Anzahl von 15. Heute waren ihrer zwar eigentlich 16, da eine alte Affin ein Junges trug, welches unter dem Bauche der Mutter hing und den Kopf ängstlich hervorstreckte. Ist aber das Junge herangewachsen, so wird es gezwungen, die Gesellschaft zu verlassen, wenn es selbst nicht ein anderes, schwächeres Stück derselben zum Austritte zwingen kann. Niemals werden mehr als ihrer 15 geduldet; so wenigstens erzählte man mir allgemein.“ Ich brauche wohl kaum hervorzuheben, daß die Angabe der Eingeborenen eine irrtümliche ist. Wie bei den meisten anderen Affen werden einzelne Männchen von den übrigen weggebissen, schwerlich aber dürfte dies immer zur Folge haben, daß die Anzahl der Herde mathematisch genau dieselbe bleibt; dem widerspricht auch schon die vorstehende Mitteilung des sorgfältig beobachtenden Horsfield. „Ungeachtet der Verehrung, welche der Budeng im allgemeinen seitens der Eingeborenen genießt, wird er von diesen gejagt, weil sie sein Fell benutzen. Bei diesen Jagden, welche gewöhnlich von den Häuptlingen angeordnet und befehligt werden, greift man die Tiere mit Schleuder und Stein an und vernichtet sie oft in großer Anzahl. Die Eingeborenen wissen die Felle auf einfache Weise, aber sehr gut zuzubereiten und verwenden sie dann, wie auch die Europäer thun, zu Satteldecken und allerlei Heerschmuck, namentlich werden jene geschätzt, welche ganz schwarz von Farbe sind und schöne, lange Seidenhaare besitzen. „In der Jugend verzehrt der Budeng zarte Blätter von allerlei Pflanzen, im Alter wilde Früchte aller Art, welche in so großer Menge in seinen unbewohnten Wäldern sich finden.“ Tierische Stoffe wird er wohl auch nicht verschmähen.

Als ich den Budeng im Tiergarten zu Amsterdam zum ersten Male lebend sah, er: kannte ich ihn nicht. Horsfield hat leider nur ein trauriges Zerrbild des Affen gegeben; andere haben es ihm nachgedruckt; die ausgestopften, welche ich in Museen fand, waren ebenfalls nur Schatten des lebenden Tieres: kurz, ich konnte, trotz aller Berichtigungen, welche ich den Mißgestalten in Büchern und Museen hatte angedeihen lassen, unmöglich ein so schönes Tier vermuten, als ich jetzt vor mir sah. Dieser Affe erregte die allgemeine Aufmerksamkeit aller Beschauer, obwohl er nicht das Geringste that, um die Blicke der Leute auf sich zu ziehen. Ich möchte sein stilles Wesen nicht so verdammen, wie Horsfield es gethan hat; denn ich glaube nicht, daß man ihn eigentlich „mürrisch“ nennen kann. Er ist still und ruhig, aber nicht übellaunisch und ungemütlich. Das Paar, welches in Amsterdam lebte, hielt stets treu zusammen. Gewöhnlich saßen beide dicht aneinander gedrängt

in sehr zusammengekauerter Stellung, die Hände über der Brust gekreuzt, auf einer hohen Querstange ihres Käfigs und ließen die langen, schönen Schwänze schlaff herabhängen. Ihr ernsthaftes Aussehen wurde vermehrt durch die eigentümliche Haarmütze, welche ihnen weit in das Gesicht hereinfällt. Wenn man ihnen Nahrung vorhielt, kamen sie langsam und vorsichtig herunter, um sie wegzunehmen, blieben dabei aber ruhig und bedächtig, wie immer. Der Gesichtsausdruck deutete entschieden auf große Klugheit hin; doch fehlte das Leben in den Augen. Sehr eigentümlich benahmen sich die Budengs zwei Mohrenpavianen (Cynocephalus niger) gegenüber. Diese, wie alle ihre Verwandten, höchst übermütige Gesellen, machten sich ein wahres Vergnügen daraus, die armen Budengs zu foppen und zu quälen. Bei Tage wurden die ungezogenen Schwarzen gewöhnlich in das große Affenhaus gesteckt: dann hatten die harmlosen Javaner Ruhe und konnten sich ihres Lebens freuen; sobald aber ihre Nachtgenossen zu ihnen kamen, ging der Lärm und die Unruhe an. Beide Budengs krochen jetzt dicht zusammen und umklammerten sich gegenseitig mit ihren Händen. Die Paviane sprangen auf sie, ritten auf ihnen, maulschellierten sie, gaben ihnen Rippenstöße, zogen sie an dem Schwanze und machten sich ein besonderes Vergnügen daraus, ihre innige Ver: einigung zu stören. Zu diesem Ende kletterten sie auf den armen Tieren herum, als wenn diese Baumzweige wären, hielten sie am Haare fest und drängten sich endlich, den Hintern voran, zwischen die ruhig Sitzenden, bis diese schreckensvoll auseinander fuhren und in einer anderen Ecke Schutz suchten. Geschah dies, so eilten die Quälgeister augenblicklich hinter ihnen drein und begannen die Marter von neuem. Man sah es den Budengs an, wie außerordentlich unangenehm ihnen die zudringlichen Gesellen waren, wie sehr sie sich vor ihnen fürchteten. Sobald die schwarzen Teufel nur in den Käfig kamen, blickten jene angstvoll nach ihnen hinab, wie es die südamerikanischen Affen zu thun pflegen, wenn sie in große Furcht geraten. Während sie unter den Fäusten ihrer Peiniger litten, schrien sie oft jammervoll auf; aber das vermehrte nur die Wut der Paviane: sie wurden um so frecher und grausamer, je leidender sich jene verhielten.

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