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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Das Festland Südasiens, Ceylon und die Eilande des indischen Inselmeeres bilden die Heimat der Schlankaffen. Hier leben sie in mehr oder minder zahlreichen Trupps in den Waldungen, am liebsten in der Nähe von Flußufern, nicht minder gern aber auch in der Nachbarschaft der Dörfer und Pflanzungen und führen, weil fie fast überall geschont werden, ein ungemein behagliches Leben. Um mit kurzen Worten ein allgemeines Bild ihres Freilebens zu geben, will ich der Einzelschilderung hervorragender Arten einige Bemerkungen vorausschicken und mich dabei auf die Mitteilungen von Tennent und Wallace stützen.

Wenn man den Schlankaffen in ihren heimischen Waldungen begegnet, sieht man sie in der Regel in Gesellschaft von zwanzig oder dreißig ihrer Art, in den meisten Fällen eifrig beschäftigt, sich Ahren und Knospen zu suchen. Außerst selten bemerkt man fie auf dem Boden, es sei denn, daß sie herabgefallene Früchte ihrer Lieblingsbäume dort unten aufsuchen wollten. Vor den Eingeborenen fürchten sie sich nicht im geringsten, legen vielmehr die größte Sorglosigkeit an den Tag; der fremdartig gekleidete Europäer dagegen wird mehrere Minuten lang angestarrt und hierauf sobald wie möglich verlassen. In ähnlicher Weise erregt die Gegenwart eines Hundes ihre Neugier; anstatt aber dessen Bewegungen zu beobachten, pflegen fie stets durch Geschrei ꝛc. sich hervorzuthun und zu verraten. In Furcht gesetzt, verbergen fie sich oft im Gezweige der Bäume und wissen dies in einer Art und Weise zu bewerkstelligen, daß sich eine Gesellschaft, welche sich vielleicht auf irgend einer Palme gütlich that, in der kürzesten Zeit unsichtbar macht. Trauen sie dem Frieden nicht, so flüchten sie und zwar mit einer Schnelligkeit, Gewandtheit und Sprungfertigkeit, welche innerhalb ihrer Familie kaum erreicht, geschweige denn überboten wird. Sie springen ungeheuer weit von den Asten eines Baumes auf die etwas tieferen eines anderen, regelmäßig so, daß der Zweig, auf welchem sie fußten, durch ihr Aufspringen tief hinabgebogen wird und sie beim Zurückschnellen wieder in die Höhe schleudert; sie sind aber auch im stande, im Sprunge noch die Richtung zu ändern, um nötigen Falls einen anderen passenderen Zweig zu ergreifen und sich weiter fortzuhelfen. Es ist, wie Wallace bemerkt, sehr unterhaltend, zu sehen, wie dem Führer, welcher einen kühnen Sprung wagte, die anderen mit größerer oder geringerer Hast folgen; und nicht selten kommt es dann vor,

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 8

daß einer oder zwei der letzten gar nicht zum Sprunge sich entschließen können, bis die anderen außer Sicht sind. Dann werfen sie sich förmlich verzweifelt und aus Furcht, allein gelassen zu werden, in die Luft, durchbrechen die schwachen Zweige und stürzen oft zu Boden. Da, wo sie ungestört ihr Wesen treiben dürfen, werden sie zudringlich, erscheinen unmittelbar auf oder vor den Häusern und richten mancherlei Schaden an; ja es kommt sogar vor, daß sie Kindern gefährlich werden. So wurde, wie Tennent erzählt, das Kind eines europäischen Geistlichen, welches die leichtsinnige Amme vor das Haus hingesetzt hatte, von Schlankaffen überfallen und derartig gequält und gebissen, daß es den erlittenen Mißhandlungen erlag. Die Nahrung besteht aus den verschiedensten Pflanzenteilen, Früchten aller Art, soweit sie solche öffnen können, Knospen, Blättern und Blüten. Insbesondere nähren sie sich, laut Tennent, von Bananen. Doch scheinen sie gewisse Blumen und Blüten, beispielsweise die des roten Hibiscus, solchen Früchten noch vorzuziehen und vertilgen außerordentliche Mengen davon — ein Wink für diejenigen, welche derartige Affen in Gefangenschaft halten wollen.

Die Singhalesen haben die Meinung, daß die Überbleibjel eines Affen niemals im Walde gefunden würden. „Wer eine weiße Krähe, das Nest eines Reisvogels, eine gerade Kokosnußpalme oder einen toten Affen gesehen hat“, sagen sie, „ist sicher, ewig zu leben.“ Dieser Volksglaube stammt unzweifelhaft von Indien her, weil dort einer der hervorragendsten Schlankaffen göttliche Ehre genießt und man allgemein der Überzeugung ist, daß jemand, welcher auf dem Grabe eines solchen Affen oder auch nur auf seinem Todesplatze ruhen oder rasten wollte, sterben müßte, ja daß selbst noch die vergrabenen Knochen Unheil stiften könnten. Aus diesem Grunde läuft jeder, welcher ein Haus bauen will, zu den Zauberern seines Volkes und versichert sich durch ihre „Kunst“, daß auf dem für das Haus gewählten Platze niemals ein derartiges Unglück geschehen sei.

Unter den Schlankaffen verdient zunächst berücksichtigt zuwerden der Hulman, der Langur oder Hanuman, wie die Hindu ihn nennen, der Wanar der Marathen — der heilige Affe der Inder (Semnopithecus entellus, Simia entellus). Er ist der gemeinste und in den meisten Gegenden Vorderindiens vorkommende Affe und verbreitet sich immer mehr, weil man ihn nicht allein schützt und hätschelt, sondern in gewissen Gegenden auch einführt. Die Gesamtlänge des ausgewachsenen Männchens beträgt nach Elliot 1,57 m, nach Jerdon manchmal bis 1,72 m, wovon freilich 97 em auf den verhältnismäßig ungemein langen, gequasteten Schwanz kommen, das Gewicht 9—11 kg. Die Färbung des Pelzes ist gelblichweiß, die der nackten Teile dunkelviolett. Gesicht, Hände und Füße, soweit sie behaart sind, und ein steifer Haarkamm, welcher über die Augen verläuft, sind schwarz; der kurze Bart dagegen ist gelblich. Die Verbreitung dieses in nördlichen Teilen Vorderindiens so wohlbekannten Affen ist, seltsam genug, auch heute noch nicht genau abgegrenzt. Nach Blanford findet er sich nicht im Pandschab und in Sind, sondern erst östlich davon im südlichen Radschputana, in Gudscherat, Bombay, in den Mittelprovinzen, im südwestlichen Bengalen und Orissa, vielleicht auch noch sdwärts vom Godawari. Hutton behauptet, daß er östlich vom Hugli und nördlich vom Ganges nicht heimisch und, wo er doch gesehen werde, eingeführt worden sei. Blanford dagegen versichert bestimmt, daß er auch in Audh vorkomme und im allgemeinen wohl auch am Fuße des Himalaja. Im Gebirge selbst wird er ersetzt durch 8. schistaceus, mit dem er leicht verwechselt wird, der aber, heimisch von Kaschmir bis Bhutan, nirgends unter 2000 m Höhe herabsteigen soll.

Der Hulman nimmt nicht den letzten Platz unter den unzähligen Gottheiten der Hindu ein und erfreut sich dieser Ehre schon seit undenklichen Zeiten. Der Riese Ravan, so berichtet die altindische Sage, raubte Sita, die Gemahlin des Schri-Rama, und brachte sie nach seiner Wohnung auf der Insel Ceylon; der Affe aber befreite die Dame aus ihrer

Gefangenschaft und führte sie zu ihrem Gemahle zurück. Seitdem gilt er als Held. Viel wird berichtet von der Stärke seines Geistes und von seiner Schnelligkeit. Eine der geschätztesten Früchte, die Mango, verdankt man ihm ebenfalls, er stahl sie aus dem Garten des Riesen. Zur Strafe für seinen Diebstahl wurde er zum Feuertode verurteilt — von wem, wird nicht gesagt —, löschte aber das Feuer aus und verbrannte sich dabei Gesicht und Hände.

Hulman (Semnopithecus entellus). ½0 natürl. Größe.

welche seitdem schwarz blieben. Dies sind die Gründe, welche die Brahminen bestimmten, ihn zu vergöttern. ö Schon seit vielen Jahren hat man diesen Affen in seinem Vaterlande beobachtet; allein gerade deshalb sind wir am spätesten mit ihm bekannt geworden. Viele Reisende, selbst

Naturforscher der neueren Zeit, verwechselten den Hulman mit seinem den Himalaja bewohnenden Verwandten (Semnopithecus schistaceus) und riefen dadurch Verwirrung hervor. Zudem war man der Meinung, daß ein so gemeines Tier auch oft nach Europa gebracht worden sein müsse, und verschmähte es daher, unseren Hulman auszustopfen und den Balg nach Europa zu senden. Hierzu kommt noch, daß es Schwierigkeiten oder vielmehr Gefahren hat, das heilige Tier zu töten; denn bloß die Marathen erweisen ihm 8*

Hulman (Semnopithecus entellus). Yıo natürl. Größe.

keine Achtung, während fast alle übrigen Inder ihn hegen und pflegen, schützen und verteidigen, wo sie nur können. Ein Europäer, welcher es wagt, das unverletzliche Tier anzugreifen, setzt sein Leben aufs Spiel, wenn er der einzige Weiße unter der leicht erregbaren enge ist. Der Affe gilt eben als heilig. Eine regierende Familie behauptet, von ihm abzustammen, und ihre Mitglieder führen den Titel: „geschwänzte Rana“, weil sie vorgeben, daß ihr Ahnherr mit dem uns unnötig erscheinenden Anhängsel begabt gewesen sei. Ein portugiesischer Vizekönig von Indien, Constantino de Braganza, erbeutete einen Affenzahn aus dem Schatze eines Fürsten von Ceylon und erhielt bald darauf eine besondere Gesandtschaft des Königs von Pegu, welche ihm 300,000 Cruzaden anbieten ließ, wenn er ihr das kostbare Kleinod überlassen wolle. Solch eine hohe Summe dürfte wohl niemals für einen Zahn geboten worden sein; um so mehr aber muß es verwundern, daß jenes Gebot von den Europäern nicht angenommen wurde. Der Vizekönig versammelte seine Räte, und die weltlichen suchten ihn selbstverständlich zu überreden, diese bedeutende Summe anzunehmen; ein Priester aber war dagegen und zwar aus dem Grunde, weil er behauptete, daß man durch solchen Handel dem heidnischen Zauber- und anderen Aberglauben nur Vorschub leisten würde, und es gelang dem Eiferer, seiner Einwendung Gehör zu verschaffen. Im Grunde könnte uns dies zwar gleichgültig sein, wäre nicht dadurch ein Überbleibsel zerstört worden, welches für die Geschichte der indischen Götterlehre und auch für die Naturwissenschaft von Wichtigkeit gewesen fein würde. Man hätte nach diesem einzigen Zahne recht gut bestimmen können, welcher Affe der Träger des kostbaren Kleinodes gewesen sei. | Heutzutage noch ift die Achtung gegen das heilige Tier dieselbe wie früher. Die Inder lassen sich von dem unverschämten Gesellen ruhig ihre Gärten plündern und ihre Häuser ausstehlen, ohne irgend etwas gegen ihn zu thun, und betrachten jeden mit scheelen Augen, welcher es wagt, den Affen zu beleidigen. Tavernier erzählt, daß ein junger Holländer, welcher erst kurz vorher aus Europa gekommen war, vom Fenster aus einen jener Affen erlegte; darüber entstand aber ein so großer Lärm unter den Eingeborenen, daß sie kaum beschwichtigt werden konnten. Sie kündigten dem Holländer sogleich ihre Dienste auf, weil sie der festen Meinung waren, daß der Fremdling und auch wohl sie mit ihm zu Grunde gehen müßten. Duvaucel berichtet, daß es im Anfange ihm unmöglich war, einen dieser Affen zu töten, weil die Einwohner ihn stets daran verhinderten. So oft sie den Naturforscher mit seinem Gewehre sahen, jagten sie immer die Affen weg, und ein frommer Brahmine ließ es sich nicht verdrießen, einen ganzen Monat lang im Garten des Europäers Wacht zu halten, um die lieben Tiere augenblicklich zu verscheuchen, wenn der Fremde Miene machte, auf sie zu jagen. Forbes versichert, daß in Duboy ebensoviel Affen als Menschen anzutreffen find. Die Affen bewohnen das oberste Stockwerk der Häuser und werden dem Fremden unerträglich. Wenn ein Einwohner der Stadt an seinem Nachbar sich rächen will, streut er Reis und anderes Getreide auf das Dach des Feindes und zwar kurz vor Anfang der Regenzeit, vor welcher jeder Hausbesitzer die Bedachung in Ordnung bringen lassen muß. Wenn nun die Affen das ausgestreute Futter wahrnehmen, fressen sie nicht nur das erreichbare, sondern reißen auch die Ziegel ab, um zu denjenigen Körnern zu gelangen, welche in die Spalten gefallen sind. Um diese Zeit ist aber wegen übergroßer Beschäftigung kein Dachdecker zu erhalten, und so kommt es, daß das Innere des Hauses den Regengüssen offen steht und dadurch verdorben wird.

Man trägt übrigens nicht nur für die gesunden, sondern auch für die kranken Affen Sorge. Tavernier fand in Ahmadabad ein Krankenhaus, worin Affen, Ochsen, Kühe ꝛc. verpflegt wurden. Alle Söller werden zeitweilig für die Affen mit Reis, Hirse, Datteln, Früchten und Zuckerrohr bestreut. Die Affen sind so dreist, daß sie nicht nur die Gärten

Schlankaffen: Hulman. Vertrautheit. Lebensweise. a7

plündern, sondern um die Essenszeit auch in das Innere der Häuser dringen und den Leuten die Speise aus der Hand nehmen. Der Missionar John versichert, daß er bloß durch angestrengte Wachsamkeit feine Kleider und andere Sachen vor diesen Dieben habe schützen können. Einmal rief ein Fakir vor dem Zelte Hügels die Affen zusammen, gab ihnen aber nichts zu fressen. Da fielen drei der ältesten ihn so boshaft an, daß er sie kaum mit dem Stocke abwehren konnte. Die Bevölkerung stand jedoch nicht auf seiner, sondern auf der Affen Seite und schimpfte ihn tüchtig aus, weil er die heiligen Tiere erst getäuscht habe und noch prügele. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Heilighaltung der Affen mit dem Glauben an die Seelenwanderung zusammenhängt. Die Inder meinen nämlich, daß ihre und ihres Königs Seele nach dem Tode den Leib solcher Affen sich zur Wohnung wählen. Als man im Jahre 1867 infolge einer Bittschrift einer großen Anzahl hindostanischer Fortschrittsmänner Befehl gab, 500 von den unverschämten Feld- und Gartendieben, welche die Umgegend Kischnagurs brandschatzten, mit Feuer und Schwert zu vertilgen, schrie eine nicht minder beträchtliche Menge über Vergewaltigung und Verfolgung der allerheiligsten Kirche und bat, die Verfügung zurückzunehmen, da man doch unmöglich ihre Vorfahren töten dürfe. Zum großen Schmerz der frommen Gläubigen achtete man diese Vor: stellung ebensowenig als bei uns zu Lande ähnliche Notschreie, und die 500 heiligen Spitzbuben verloren ihr Leben. Beklagenswerte Heilige — auch euer goldenes Zeitalter nähert sich dem Ende! Abgesehen von ihrer Unverschämtheit find diese Affen schmucke und anziehende Geschöpfe. John sagt ausdrücklich, daß er niemals schönere Affen gesehen habe als die Hulmans. Ihr freundschaftlicher Umgang untereinander und ihre ungeheueren Sprünge fesseln jeden Beobachter. Mit ganz unglaublicher Behendigkeit steigen sie von der Erde auf die Gipfel der Bäume, stürzen von da sich wieder auf die Erde herab, brechen, wie zum Scherze, starke Zweige herunter, springen auf die Wipfel weit entfernter Bäume und gelangen in weniger als einer Minute von einem Ende des Gartens bis zum anderen, ohne die Erde zu berühren. Sie sind oft in wenigen Minuten in unglaublicher Menge versammelt, plötzlich verschwunden und ein paar Minuten später alle wieder da. In der Jugend haben sie einen ziemlich runden Kopf und sind sehr klug; sie wissen wohl zu unterscheiden, was ihnen schädlich oder nützlich ist, lassen sich auch sehr leicht zähmen, zeigen aber einen unwiderstehlichen Trieb zum Stehlen. Mit zunehmendem Alter verändern sich die geistigen Eigenschaften, wie sich ihr Kopf verändert. Dieser wird platter, der Affe also tierischer, und damit tritt Stumpfheit an die Stelle der Klugheit; der Hang zur Einsamkeit verscheucht die Zutraulichkeit, plumpe Kraft verdrängt die Geschicklichkeit, so daß die alten Affen mit den jungen kaum noch etwas gemein haben.

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