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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Über die geistigen Fähigkeiten der Langarmaffen sind die Meinungen der Beobachter geteilt. Duvaucel stellt dem Siamang ein sehr schlechtes Zeugnis aus. „Seine Langsamkeit, sein Mangel an Anstand und seine Dummheit“, drückt er sich aus, „bleiben dieselben. Zwar wird er, unter Menschen gebracht, bald jo sanft, wie er wild war, und jo vertraulich, wie er vorher scheu war, bleibt aber immer furchtsamer als die anderen Arten, deren Anhänglichkeit er niemals erlangt, und seine Unterwürfigkeit ist mehr Folge seiner unbeschreiblichen Gleichgültigkeit als des gewonnenen Zutrauens. Er bleibt derselbe bei guter und schlechter Behandlung; Dankbarkeit oder Haß scheinen fremdartige Gefühle für ihn zu sein. Seine Sinne sind stumpf. Besieht er etwas, so geschieht dies ohne Empfindung; berührt er etwas, so thut er es ohne Willen. So ist er ein Wesen ohne alle Fähigkeiten, und wollte man das Tierreich nach der Entwickelung seines Verstandes ordnen, so würde er eine der niedrigsten Stufen einnehmen müssen. Meistens sitzt er zusammengekauert, von seinen eigenen langen Armen umschlungen, den Kopf zwischen den Schenkeln verborgen, und ruht und schläft. Nur von Zeit zu Zeit unterbricht er diese Ruhe und fein langes Schweigen durch ein unangenehmes Geschrei, welches weder Empfindung noch Bedürfnisse ausdrückt, also ganz ohne Bedeutung ist. Selbst der Hunger scheint ihn aus seiner natürlichen Schlaftrunkenheit nicht zu erwecken. In der Gefangenschaft nimmt er seine Nahrung mit Gleichgültigkeit hin, führt sie ohne Begierde zum Munde und läßt sie auch ohne Unwillen sich entreißen. Seine Weise, zu trinken, stimmt ganz überein mit seinen übrigen Sitten. Er taucht seine Finger ins Wasser und saugt dann die Tropfen von ihnen ab.“ Auch C. Bock nennt ihn in der Gefangenschaft träge und dumm; er zeige nicht die unterhaltende Lebhaftigkeit anderer Affen und scheine an Verstandeskräften zu verlieren. Derartige Erfahrungen an einzelnen Tieren dürfen aber nicht ganz allgemein aufgefaßt werden, zumal die übrigen Beobachter, wenn auch nicht das gerade Gegenteil sagen, so doch weit günstiger über unseren Affen berichten. H. O. Forbes erhielt einen jungen Siamang, der mit seiner geschossenen Mutter vom Baume gestürzt war: „In sehr kurzer Zeit ließ er sich zähmen und wurde ein sehr angenehmer Gesellschafter. Der Ausdruck seines Gesichtes war sehr intelligent und bisweilen fast menschlich, aber in der Gefangenschaft zeigte er ein trauriges und gedrücktes Wesen, welches jedoch in der Aufregung gänzlich verschwand. Mit welcher Eleganz und Artigkeit nahm er das, was man ihm bot, mit seinen zarten, spitzen Fingern. Um zu trinken, legte er nicht die Lippen an das Gefäß, sondern hob das Wasser zum Munde, indem er seine halbgeschlossene Hand eintauchte und die Tropfen linkisch von den Fingern ableckte. Die artige, liebkosende Weise, wie er seine langen Arme um meinen Hals und seinen Kopf an meine Bruft legte, wobei er ein zufriedenes Brummen hören ließ, war sehr liebenswürdig. Jeden Abend pflegte ermit mir einen Gang um den Dorfplatz zu machen, mit seiner Hand auf meinem Arme, und genoß den Spaziergang offenbar ebensosehr wie ich selbst. Es war ein merkwürdiger und lächerlicher Anblick, wie er aufrecht auf seinen etwas krummen Beinen in größter Hast dahintrippelte, als wollte er seinen Kopf verhindern, den Füßen vorauszueilen, wobei er auf die seltsamste Weise mit dem freien langen Arme über dem Kopfe hin- und her-schlenkerte, um sich im Gleichgewichte zu halten.“

Bennett brachte einen Siamang fast bis nach Europa herüber, und dieser gewann sich in sehr kurzer Zeit die Zuneigung aller seiner menschlichen Reisegefährten. Er war sehr freundlich gegen die Matrosen und wurde bald zahm, war auch keineswegs langsam, sondern zeigte große Beweglichkeit und Gewandtheit, stieg gern im Takelwerke umher und gefiel sich in allerlei harmlosen Scherzen. Mit einem kleinen Papuamädchen schloß er zärtliche Freundschaft und saß oft, die Arme um ihren Nacken geschlungen, neben ihr, Schiffsbrot mit ihr kauend. Wie es schien, hätte er mit den übrigen Affen, welche sich am Bord

befanden, auch gern Kameradschaft gehalten; doch diese zogen sich scheu vor ihm zurück und erwiesen sich ihm gegenüber als sehr ungesellig: dafür rächte er sich aber. Sobald er nur immer konnte, fing er einen seiner mitgefangenen Affen und trieb mit dessen Schwanze wahren Unfug. Er zog den armen Gesellen an den ihm selbst fehlenden Anhängsel oft auf dem ganzen Schiffe hin und her oder trug ihn nach einer Rahe empor und ließ ihn von dort herunterfallen, kurz machte mit ihm, was er wollte, ohne daß das so gepeinigte Tier jemals im stande gewesen wäre, sich von ihm zu befreien. Er war sehr neugierig, besah sich alles und stieg auch oft an dem Maste in die Höhe, um sich umzuschauen. Ein vorüberziehendes Schiff fesselte ihn immer so lange auf seinem erhabenen Sitze, bis es aus dem Gesichtskreise entschwunden war. Seine Gefühle wechselten sehr rasch. Er konnte leicht erzürnt werden und gebärdete sich dann wie ein unartiges Kind, wälzte sich, mit Verrenkung der Glieder und Verzerrung des Gesichts, auf dem Verdecke herum, stieß alles von sich, was ihm in den Weg kam, und schrie ohne Unterlaß „ra! ra! ra!“ — denn mit diesen Lauten drückt er stets seinen Arger aus. Er war lächerlich empfindlich und fühlte sich durch die geringste Handlung gegen seinen Willen sogleich im Tiefinnersten verletzt: seine Brust hob sich, sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und jene Laute folgten bei großer Erregung rasch aufeinander, wie es schien, um den Beleidiger einzuschüchtern. Zum Bedauern der Mannschaft starb er, noch ehe er England erreichte.

Auch Wallace stellt den Siamang in günstigerem Lichte dar. „Ich kaufte“, sagt er, „einen kleinen Langarmaffen dieser Art, welchen Eingeborene gefangen und so fest gebunden hatten, daß er dadurch verletzt worden war. Zuerst zeigte er sich ziemlich wild und wollte beißen; als wir ihn aber losgebunden, ihm zwei Stangen unter dem Vorbau unseres Hauses zum Turnen gegeben und ihn vermittelst eines kurzen Taues mit lose über den Stangen liegendem Ringe befestigt hatten, so daß er sich leicht bewegen konnte, beruhigte er sich bald, wurde zufrieden und sprang mit großer Behendigkeit umher. Zuerst bekundete er gegen mich eine Abneigung, welche ich dadurch zu beseitigen suchte, daß ich ihn immer selbst fütterte. Eines Tages aber biß er mich beim Füttern so stark, daß ich die Geduld verlor und ihm einen tüchtigen Schlag versetzte. Dies mußte ich bereuen, da er von nun an mich noch weniger leiden konnte. Meinem malayischen Knaben erlaubte er, mit ihm zu spielen, und gewährte uns dadurch und durch seine eigene Beschäftigung, durch die Leichtigkeit und Gewandtheit, mit der er sich hin und her schwang, eine stete Quelle der Unterhaltung. Als ich nach Singapur zurückkam, zog er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er aß fast alle Arten Früchte und Reis, und ich hatte gehofft, ihn mit nach England bringen zu können; allein er starb, gerade ehe ich abreiste.“ Dies lautet ganz anders als der Bericht von Duvaucel und steht auch mit dem, was wir von andern Langarmaffen wissen, vollkommen im Einklange. Ein Hulock, welchen Harlan fünf Monate lebendig besaß, wurde in weniger als einem Monate so zahm, daß er sich an der Hand seines Gebieters festhielt und mit ihm umherging, wobei er sich mit der anderen Hand auf den Boden stützte. „Auf meinen Ruf“, erzählt Harlan, „kam er herbei, setzte sich auf einen Stuhl zu mir, um mit mir das Frühstück einzunehmen, und langte sich ein Ei oder einen Hühnerflügel vom Teller, ohne das Gedeck zu verunreinigen. Er trank auch Kaffee, Schokolade, Milch, Thee ꝛc., und obgleich er gewöhnlich beim Trinken nur die Hand in die Flüssigkeit tauchte, so nahm er doch darauf, wenn er durstig war, das Gefäß in beide Hände und trank nach menschlicher Weise daraus. Die liebsten Speisen waren ihm gekochter Reis, eingeweichtes Milchbrot, Bananen, Orangen, Zucker und dergleichen. Die Bananen liebte er sehr, fraß aber auch gerne Kerbtiere, suchte im Hause nach Spinnen und fing die Fliegen, welche in seine Nähe kamen, geschickt mit der rechten Hand. Wie die Inder, welche des Glaubens halber Fleischwaren verweigern, so schien auch dieser Gibbon gegen die letzteren Widerwillen zu haben.

„Mein Gefangener war ein außerordentlich friedfertiges Geschöpf und gab seine Neigung zu mir und seine Anhänglichkeit an mich in jeder Weise zu erkennen. Wenn ich ihn früh besuchte, begrüßte er mich mit fröhlichem, lautschallendem ‚Wau! Wau! Waul‘, welches er wohl 5— 10 Minuten lang wiederholte und nur unterbrach, um Atem zu holen. Erschöpft legte er sich nieder, ließ sich kämmen und bürsten und bekundete deutlich, wie angenehm ihm das war, indem er sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte, bald diesen, bald jenen Arm hinhielt und, wenn ich mich stellte, als ob ich fortgehen wollte, mich am Arme oder Rocke festhielt und mich wieder an sich zog. Rief ich ihn aus einiger Entfernung, und erkannte er mich an meiner Stimme, so begann er sogleich sein gewöhnliches Geschrei, bisweilen in klagender Weise, aber sobald er mich sah, sogleich in gewöhnlicher Stärke und Heiterkeit. Obwohl männlichen Geschlechtes, zeigte er doch keine Spur von jener Geil: heit der Paviane. Leider ging er bald zu Grunde und zwar infolge eines Schlages in die Lendengegend, welchen er unversehens von einem meiner Diener in Kalkutta erlitten hatte. Ein junges Weibchen derselben Art, welches ich ebenfalls pflegte, starb auf dem Wege nach Kalkutta an einem Lungenleiden. Während der Krankheit litt es augenscheinlich große Schmerzen. Ein warmes Bad schien ihm Erleichterung zu verschaffen und that ihm so wohl, daß es, herausgenommen, sich von selbst wieder in das Wasser legte. Sein Benehmen war ungemein sanft, etwas schüchtern, Fremden gegenüber sogar scheu. An mich aber hatte es sich bereits nach einigen Tagen derartig gewöhnt, daß es schnell zu mir zurückgelaufen kam, wenn ich es an einen freien Platz gesetzt hatte, in meine Arme sprang und mich umhalste. Niemals zeigte es sich boshaft, niemals biß es, ja selbst gereizt verteidigte es sich nicht, sondern verkroch sich lieber in einen Winkel.“

Auch das vorhin erwähnte Weibchen des Wauwau war liebenswürdig in feinem Betragen und höchst freundlich gegen alle, denen es seine Zuneigung einmal geschenkt hatte. Es unterschied mit richtigem Gefühle zwischen Frauen und Männern. Zu ersteren kam es freiwillig herab, reichte ihnen die Hand und ließ sich streicheln; gegen letztere bewies es sich mißtrauisch, wohl infolge früherer Mißhandlungen, welche es von einzelnen Männern erlitten haben mochte. Vorher beobachtete es aber jedermann prüfend, oft längere Zeit, und faßte dann auch zu Männern Vertrauen, wenn diese ihm dessen würdig zu sein schienen.

Man sieht übrigens die Gibbons selten in der Gefangenschaft, auch in ihrem Vaterlande. Sie können den Verlust ihrer Freiheit nicht ertragen; sie sehnen sich immer zurück nach ihren Wäldern, nach ihren Spielen und werden immer stiller und trauriger, bis sie endlich erliegen.

In der zweiten Unterfamilie der Schmalnasen vereinigen wir die Hundsaffen (Cynopithecini). Sie kennzeichnet das stärkere Vortreten der Schnauze, welches sich namentlich bei den tiefer stehenden Sippen bemerklich macht, die geringere Länge der Arme, das häufige Vorhandensein eines Schwanzes und der Backentaschen und das regelmäßige Vorkommen von Gesäßschwielen. Übrigens sind sie sehr verschieden gebaut; denn von der gestreckten Gestalt der Schlankaffen bis zu der massigen der Hundskopfaffen oder Paviane finden sich fast alle Zwischenstufen vertreten. Sie verbreiten sich über die heißen Länder der Alten Welt, insbesondere über Indien vom Himalaja an, Hinterindien, Kotschinschina, den Malayischen Archipel, Südarabien und ganz Afrika, mit Ausnahme der östlichen Teile der Sahara, ge: hören zu den lebendigsten und beweglichsten Mitgliedern ihrer Ordnung, sind klug, großenteils aber boshaft und unanständig, fast überall, wo sie auftreten, mehr oder weniger schädlich, indem sie in der unverschämtesten Weise Pflanzungen und Gärten plündern, werden hier und da auch ihrer bösartigen Gelüste halber gefürchtet und haben sich bei einzelnen

Völkerschaften die größte Verachtung erworben, während sie bei anderen teilweise wenigstens im Geruche der Heiligkeit stehen.

Von den Gattungen der Hundsaffen wollen wir zunächst die Schlankaffen kennen lernen.

Die Schlankaffen (Semnopithecus) find, wie ihr Name andeutet, schlanke und leichtgebaute Affen mit langen, feinen Gliedmaßen und sehr langem Schwanze, kleinem hohen Kopfe, nacktem Gesichte und verkürzter Schnauze, mit kleinen Backentaschen. Ihre Gesäßschwielen sind sehr klein. Sie besitzen am hintersten unteren Backenzahne fünf Höcker; ihr Knochenbau erinnert wegen feiner schlanken Formen an das Gerippe der Gibbons. Die Hände haben lange Finger; aber der Daumen der Vorderhände ist bereits verkürzt oder verkümmert und zum Greifen unbrauchbar geworden. Die Behaarung ist wundervoll fein, ihre Färbung stets ansprechend, bei einer Art höchst eigentümlich; die Haare verlängern sich am Kopfe oft bedeutend. Höchst merkwürdig ist der Bau des Magens, weil er wegen seiner Einschnürungen und der hierdurch entstandenen Abteilungen entfernt an den Magen der Wiederkäuer und näher an den der Känguruhs erinnert. Nach Owens und anderer Untersuchungen wird er durch zwei Einschnürungen in drei Teile geteilt, deren mittlerer wiederum Unterabteilungen in doppelter Reihe zeigt. Der Magen erhält hierdurch die größte Ahnlichkeit mit einem Grimmdarme, zumal er wie ein solcher mit deutlich hervortretenden Muskelbändern versehen ist. Ein Kehlsack von verschiedener Größe ist bei sämtlichen Arten vorhanden.

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