Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Mit unglaublicher Raschheit und Sicherheit erklettert der Wauwau, laut Duvaucel, einen Bambusrohrstengel, einen Baumwipfel oder einen Zweig, schwingt sich auf ihm einigemal auf und nieder oder hin und her und schnellt sich nun, durch den zurückprallenden Ast unterstützt, mit solcher Leichtigkeit über Zwischenräume von 12— 13 m hinüber, drei- viermal nacheinander, daß es aussieht, als flöge er wie ein Pfeil oder ein schief abwärts stoßender Vogel. Man vermeint es ihm anzusehen, daß das Bewußtsein seiner unerreichbaren Fertig keit ihm großes Vergnügen gewährt. Er springt ohne Not über Zwischenräume, welche er durch kleine Umwege leicht vermeiden könnte, ändert im Sprunge die Richtung und hängt sich an den ersten besten Zweig, schaukelt und wiegt sich an ihm, ersteigt ihn rasch, federt ihn auf und nieder und wirft sich wieder hinaus in die Luft, mit unfehlbarer Sicherheit einem neuen Ziele zustrebend. Es scheint, als ob er Zauberkräfte besäße und ohne Flügel gleichwohl fliegen könnte: er lebt mehr in der Luft als in dem Gezweige. Was bedarf solch begabtes Wesen noch der Erde? Sie bleibt ihm fremd, wie er ihr; fie bietet ihm höchstens die Labung des Trunkes, sonst stößt sie ihn zurück in sein luftiges Reich. Hier findet er seine Heimat; hier genießt er Ruhe, Frieden, Sicherheit; hier wird es ihm möglich, jedem Feinde zu trotzen oder zu entrinnen; hier darf er leben, erglühen in der Lust seiner Bewegung.
Diese Lust zeigte sich recht deutlich an einem weiblichen Wauwau, welchen man lebend nach London brachte. Man wollte an ihm die Bewegungsfähigkeit seiner Sippschaft prüfen und richtete ihm deshalb einen großen Raum besonders her. Hier und da, in verschiedenen Entfernungen, setzte man Bäume ein für das Kind der Höhe, um jeinen wundervollen Bes wegungen Spielraum zu gewähren. Die größte Weite von einem Aste zum anderen betrug
nur 6 m — wenig für einen Affen, welcher in der Freiheit das Doppelte überfliegen kann, viel, sehr viel für ein Tier, welches, seiner Freiheit beraubt, in ein ihm fremdes und feindseliges Klima gebracht und seiner ursprünglichen Nahrung entwöhnt worden war, welches eben erst eine so lange, entkräftende Seereise überstanden hatte. Doch trotz all dieser mißlichen Umstände gab der Gibbon derartige Beweise seiner Bewegungsfähigkeit zum besten, daß, wie mein Gewährsmann sagt, „alle Zuschauer vor Erstaunen und Bewunderung geradezu außer sich waren“.
Es war ihm eine Kleinigkeit, sich von einem Aste auf den andern zu schwingen, ohne die geringste Vorbereitung dazu bemerklich werden zu lassen, und er erreichte das erstrebte Ziel mit unwandelbarer Sicherheit. Er konnte seine Luftsprünge lange Zeit ununterbrochen fortsetzen, ohne dazu einen neuen ersichtlichen Ansatz zu nehmen; den zum Sprunge nötigen Abstoß gab er sich während der augenblicklichen Berührung der Aste, welche er sich zum Auffußen erwählt hatte. Ebenso sicher wie seine Bewegungen waren bei ihm Auge und Hand. Die Zuschauer belustigten sich, ihm während seiner Sprünge Früchte zuzuwerfen: er fing sie auf, während er die Luft durchschnitt, ohne es der Mühe wert zu achten, deshalb seinen Flug zu unterbrechen. Er hatte sich stets und vollkommen in seiner Gewalt. Mitten im schnellsten Sprunge konnte er die begonnene Richtung ändern; während des kräftigsten Dahinschießens erfaßte er einen Zweig mit einer seiner Vorderhände, zog mit einem Rucke die Hinterfüße zu gleicher Höhe empor, packte mit ihnen den Ast und saß im Augenblicke so ruhig da, als wäre er nie in Bewegung gewesen.
Es läßt sich denken, daß der Gibbon in der Freiheit noch ganz andere Proben seiner Beweglichkeit bieten kann, und die Erzählungen der Beobachter dürfen deshalb wohl auch allen Glauben verdienen, obgleich sie uns übertrieben zu sein scheinen. Manche Berichterstatter vergleichen die Bewegungen der freilebenden Langarmaffen mit dem Fluge der Schwalben! Um so bemerkenswerter ist eine Beobachtung von H. O. Forbes über den Siamang. Er sagt: „Daß diese Affen in so weiten Entfernungen von Baum zu Baum springen, wie man sagt, halte ich für unrichtig; denn wenn beim Fällen des Waldes nahe beim Dorfe eine Gesellschaft von Siamangs von den nächsten Bäumen nur 30 Fuß weit abgeschnitten wurde, kletterten sie bei jedem Axtstreich in höchster Angst am Baume auf und nieder und wagten nicht, den Zwischenraum zu überspringen; selbst wenn der Baum fiel, wagten sie nicht, sich durch Herabspringen zu retten, sondern ließen sich durch den Sturz desselben zerschmettern.“ Daraus dürfte indessen noch nicht zu schließen fein, daß fie einen Raum von 10 m, zumal schräg abwärts, nicht durchmessen können; es wäre doch möglich, daß sie, durch ihre ungewöhnliche und bedrohte Lage geängstigt und verwirrt, nicht daran denken, sich in der geläufigen Weise zu retten. Wallace sagt zwar ebenfalls, daß der Siamang sich viel langsamer als andere Gibbons bewege und nicht die „ungeheuren Sprünge“ liebe, gibt aber doch an, daß er sich auch „zwischen weit auseinander stehenden Bäumen hin- und herschwinge.“ Die Beobachtung der Tiere im Freileben hat übrigens ihre Schwierigkeiten, weil fast alle Arten den Menschen meiden und nur selten an die Blößen in den Waldungen herankommen. „Meist leben sie“, sagt Duvaucel von den Siamangs, „in zahlreichen Herden, welche von einem Anführer geleitet werden, nach Versicherung der Malayen von einem Unverwundbaren ihres Geschlechtes. Überrascht man fie auf dem Boden, fo kann man fie auch gefangen nehmen; denn entweder hat der Schreck sie stutzig gemacht, oder sie fühlen selbst ihre Schwäche und erkennen die Unmöglichkeit zu entfliehen. Die Herde mag so zahlreich sein, als sie will, stets verläßt sie den verwundeten Gefährten, es sei denn, daß es sich um einen ganz jungen handelt. In solchem Falle ergreift die Mutter ihr Kind, versucht zu fliehen, fällt vielleicht mit ihm nieder, stößt dann ein heftiges Schmerzensgeschrei aus und stellt sich dem
Feinde mit aufgeblasenem Kehlsacke und ausgebreiteten Armen drohend entgegen. Die Mutterliebe zeigt sich aber nicht bloß in Gefahren, sondern auch sonst bei jeder Gelegenheit. Es war ein überraschendes Schauspiel, wenn es manchmal bei äußerster Vorsicht gelang, zu sehen, wie die Mütter ihre Kleinen an den Fluß trugen, sie ungeachtet ihres Geschreies abwuschen, darauf wieder abwischten und trockneten und überhaupt eine Mühe auf ihre Reinigung verwendeten, welche man manchen Menschenkindern wünschen möchte.“ Die Malayen erzählten Diard, und dieser fand es späterhin bestätigt, daß die noch nicht bewegungsfähigen Jungen immer von demjenigen Teile ihrer Eltern getragen und geleitet werden, welcher ihrem Geschlechte entspricht, und zwar die männlichen Kleinen vom Vater, die weiblichen von der Mutter. Ebenso berichten sie, daß die Siamangs öfter den Tigern zur Beute würden und zwar durch dieselbe Veranlassung, wie kleine Vögel oder Eichhörnchen Beute der Schlangen, nämlich durch Bezauberung, was, wenn die Geschichte überhaupt wahr ist, nichts anderes sagen will, als daß die Todesangst gedachte Affen vollständig sinnlos gemacht hat.
Über die Hulocks liegen ebenfalls ziemlich ausführliche Berichte vor. Diese Affen halten sich, laut Harlan, vorzüglich auf niedrigen Bergen auf, da sie Kälte nicht ertragen können. Ihre Nahrung besteht aus Früchten, doch verzehren sie auch gewisse Gräser, zarte Baumzweige und andere Pflanzenteile, kauen dieselben aus und verschlucken den Saft, während sie die ausgekaute Masse wegwerfen. Blanford teilt jedoch mit, daß sie, wie eigentlich von allen Affen zu erwarten, auch Insekten, besonders Spinnen, sehr gern fressen, ebenso Eier und sicherlich auch junge Vögel, wenn nicht überhaupt alle Vögel, die sie erwischen können. Wird doch vom Wauwau sogar berichtet, daß er Vögel im Fluge zu fangen vermöge. Nach Owen, welcher fast zwei Jahre lang im Wohngebiete der Hulocks lebte, vereinigen sich diese in ihren Wäldern zu Gesellschaften von 50 bis über 100 Stück; alte Männchen sondern sich, laut Blanford, auch von den Banden ab und führen, wie dies bei so vielen Säugetieren vorkommt, ein einsames Dasein. Gewöhnlich bemerkt man sie in den Wipfeln der Lieblingsbäume, auf deren Früchte sie besonders erpicht sind; manchmal aber kommen sie auf Fußpfaden aus dem dichten Walde heraus in die offenen Lichtungen. Eines Tages begegnete Owen plötzlich einer Gesellschaft von ihnen, welche sich fröhlich belustigten, bei seiner Annäherung aber sogleich Lärm schlugen und in das Dickicht der Bambus entflohen; ein andermal hingegen sah er sich, während er auf einer neu angelegten Straße einsam einherschritt, unvermutet von einer großen Gesellschaft unserer Affen umgeben, welche zwar überrascht, noch mehr jedoch erzürnt schienen über das Eindringen eines fremdartig gekleideten Wesens in den Bereich ihrer Herrschaft. Sonst pflegensie bei Annäherung des Menschen so eilig wie möglich zu fliehen, weshalb sie auch nur äußerst selten einmal gesehen werden. Sie sind, wie mir Haßkarl mitteilt, ebenso vorsichtig als neugierig und erscheinen daher nicht selten am Rande eines freien, zum Feldbau entholzten Platzes, namentlich da, wo sie noch nicht durch Jäger scheu gemacht worden sind, verschwinden aber im Augenblicke, sobald sie bemerken, daß man sie beobachtet oder sich ihnen nähert, und werden dann so leicht nicht mehr gesehen.
Um jo öfter hört man fie. Bei Sonnenauf- und - Untergang pflegen fie ihre laut-schallenden Stimmen zu einem so furchtbaren Geschreie zu vereinigen, daß man taub werden möchte, wenn man nahe, und daß man wahrhaft erschrickt, wenn man die sonderbare Musik nicht gewohnt ist. Sie sind die Brüllaffen der Alten Welt, die Wecker der malayischen Bergbewohner und zugleich der Ärger der Städter, denen fie den Aufenthalt in ihren Landhäusern verbittern. Man soll ihr Geschrei auf eine englische Meile weit hören können. Von gefangenen Langarmaffen hat man es auch oft vernommen und zwar von denen, welche Kehlsäcke besitzen, ebenso gut wie von denen, welchen diese Stimmverstärkungstrommeln fehlen. Ein guter Beobachter, Bennett, besaß einen lebenden Siamang und bemerkte, daß
dieser, wenn er irgendwie erregt war, jedesmal die Lippen trichtermäßig vorstreckte, dann Luft in die Kehlsäcke blies und nun lospolterte, fast wie ein Truthahn. Er schrie ebensowohl bei freudiger als bei zorniger Aufregung. Auch das Ungkoweibchen in London schrie zuweilen laut und zwar in höchst eigentümlicher, tonverftändiger Weise. Man konnte das Geschrei sehr gut in Noten wiedergeben. Es begann mit dem Grundtone E und stieg dann in halben Tönen eine volle Oktave hinauf, die chromatische Tonleiter durchlaufend. Der Grundton blieb stets hörbar und diente als Vorschlag für jede folgende Note. Im Aufsteigen der Tonleiter folgten sich die einzelen Töne immer langsamer, im Absteigen aber schneller und zuletzt außerordentlich rasch. Den Schluß bildete jedesmal ein gellender Schrei, welcher mit aller Kraft ausgestoßen wurde. Die Regelmäßigkeit, Schnelligkeit und Sicherheit, mit welcher das Tier die Tonleiter herschrie, erregte allgemeine Bewunderung. Es schien, als ob die Affin selbst davon im höchsten Grade aufgeregt werde; denn jede Muskel spannte sich an, und der ganze Körper geriet in zitternde Bewegung. Auch vom Lar hat Tickell das Geschrei sehr genau in Noten aufzeichnen können. Ein Hulock, welchen ich vor geraumer Zeit lebend im Londoner Tiergarten sah, ließ ebenfalls sehr gern seine Stimme erschallen und zwar zu jeder Tageszeit, sobald er von dem Wärter angesprochen oder von sonst jemand durch Nachahmung seiner Laute hierzu angereizt wurde. Ich darf behaupten, daß ich niemals die Stimme eines Säugetieres, den Menschen ausgenommen, gehört habe, welche volltönender und wohllautender mir in das Ohr geklungen hätte als die des gedachten Langarmaffen. Zuerst war ich erstaunt, später entzückt von diesen aus tiefster Brust hervorkommenden, mit vollster Kraft ausgestoßenen und durchaus nicht unangenehmen Tönen, welche sich vielleicht durch die Silben hu, hu, hu einigermaßen wiedergeben lassen. Andere Arten sollen einen viel weniger angenehmen Ruf ausstoßen. So beginnt der Wauwau, wie mir Haßkarl mitteilt, mit einigen vereinzelt ausgestoßenen Lauten: ua, ua; hierauf folgt schneller: ua, ua, ua; dann: ua, una, ua, ua, und zuletzt wird der Ruf immer kläglicher und rascher, das u kürzer, so daß es fast wie w klingt, das a länger, und nunmehr fällt die ganze Gesellschaft mit gleichen Lauten in den Vortrag des Sängers ein.
Blanford sagt, daß der Lärm der Hulocks, von fern gehört, an klagende Menschenstimmen erinnere, und H. O. Forbes, der im Bantamgebiete auf Java morgens regelmäßig von Gibbons (H. leuciscus), die er Wauwaus nennt, aus dem Schlafe geweckt wurde, meint: „Wenn man ihre Stimme zum ersten Male hört, kann man kaum glauben, daß sie nicht von einer Bande wilder, schreiender Kinder herrührt. Ihr ‚wuut, wuut, wut, wut, wut, wut-wutwut“, welches noch klagender und dumpfer bei bevorstehendem Regen klingt, ist gerade der Laut, den man nach ihrem melancholischen Aussehen von ihnen erwarten kann. Ein von einem Eingebornen gebrachtes lebendes Exemplar hielt ich einige Zeit in Gefangenschaft, und es wurde ein sehr niedliches und artiges Geschöpf; aber wenn die Stimme seiner freien Gefährten in sein Gefängnis drang, pflegte er sein Ohr dicht ans Gitter zu bringen und so eifrig und sehnsüchtig zu horchen, daß ich ihn nicht länger gefangen halten wollte, sondern am Rande seiner alten Waldesheimat aussetzen ließ. Seltsamerweise schienen seine früheren Gefährten, welche vielleicht den Gefangenschaftsgeruch an ihm wahrnahmen, seine Anständigkeit zu bezweifeln und nahmen ihn nicht wieder in ihre Gesellschaft auf. Ich hoffe, daß er in den freien Wäldern diesen Fehler bald verloren und sein altes Glück wiedergewonnen haben wird.“ | Bock beschreibt das unverkennbare „Wa-Wa“ des H. leuciscus, das er in Südost-Borneo oft gehört hat, und gibt ferner an, daß dort auch der niedliche Malaat (Hylobates concolor) häufig gezähmt gehalten werde und frei in Häusern und Pflanzungen umherlaufe, ohne an Flucht zu denken. Die Eingeborenen meinen, sie würden von ihren freien Genossen getötet, wenn sie zu ihnen zurückkehrten.